Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1923)
- Date
- 1923-03-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Vsttr 3 Skr \% »-r '■ 32 MStz IW. Wochenmndschau. Szeneavechsel ta Serlin. Ter Preußische Laiidtag hat zur peinlichen Ueberraschung des Berliner Gemeindevorstandes den von der Regierung ausgearb-eiteten, höchst unschuldig anssehenden Gesetzentwurf zur Abänderung der §§ 39 u. 40 des Judengesetzes von 4847 (Vennchrung der Zahl der Vorsteher und Repräsentanten) nicht Angenommen, sondern vielmehr den Berfassungsauss chu ß mit der Prüftlng der Vorfrage beauftragt, ob dem Staate nach Artikel 137 der R e i chs v e rfassu n g üb e rhaup t noch das Recht zustehe, sich im Sinne des Gesetzes von 1847 in die innerer: Verhältnisse der Religionsgesellschaften einzumengen. Der Berfassungsausschuß hat sich nun geneigt gezeigt, die Frage zu verneinen und aus diesem Grunde die Beratung der Vorlage abgebrochen. Die Regierung wird nunmehr wohl nicht allein den vorliegenden Gesetzentwurf zurückziehen, sondern auch alle anderen zur Zeit schwebender: gemeinde rechtlich er: Fragen wie z. B. die Reform des kurhessischen Besteuerungswesens, die Anerkennung der beiden Gemeindeverbände wohl kaum erledigen können, ohne gleichzeitig die gesetzgeberischen Konsequenzen aus der Auffassung des Landtags zu ziehen. Man wird aber fordern müssen, daß dies schleunigst geschehe, denn die indischen Gemeinden, die in den Grundlagen ihrer materiellen Existenz erschüttert sind, müssen zum mindesten in finanzieller, d. h. steuerlicher Hinsicht wissen, woran sie sind. Sonst müßte ein wahres Eha-os eintreten, dessen Folgen garnicht äbzuseher: sind. 1 Irr: Angesichte dieser Lebensfragen scheint es müßig, «auf das in der Berliner Repräsentantenversammlung sehr breit behandelte Problem einzugehen, wer m: dem peinlichen Ergebnis „schuld ist". Herr Dr. Jsmar Freund klagt in dein ihm eigenen Pathos den zionistischsoz:aldemokratischen Ministerialrat Dr. Badt an, der, wie es scheint, in der Tat de:: Anstoß dazu gegeben hat, daß die verfassungsrechtliche Frage der Gültigkeit des Iude:: gesetzes von 1847 anfgerollt würde. Aber das wäre, wenn nicht jetzt, so doch in kurzer Zeit ohnedies geschehen, da der Widerspruch zwischen Artikel 137 der Reichsverfassung und den bisher weiter gchandhabten' Polizeigesetzen für die jüdischen Gemeinden in Altpreußen und Kurhessen schließlich allzukraß ist, um lange verborge:: bleiben zu können. So gut wie in Bayer:: wird es auch in Preußen möglich sein, ein religionsgesellschaftliches Steuergesetz zu schaffen, wobei die bayrische Vorlage, soferi: man die historisch gegebene, nach Preußen nicht übertragbare So:tderentwicklung der bayrischen Verhältnisse gebüHre:ü> im Auge behält, gute Dienste wird leisten können. Jedenfalls tut Eile not! Zeichen »er Zeit. Die Krisis des jüdischen Gemeindelebens in Deutschland wird scharf durch den bwtschrei beleuchtet, den wir au der Spitze der heutigen Nummer veröffentlichen. Das Mißverhältnis zwischen dem durch die staatlichen Besoldungssätze angezeigte:: Lebensbedarf einer Beamtenfamilie und dem, was die jüdischen Gemeinden in ihrer großen Mehrzahl derzeit an Gehältern zähle::, wird in der Tat von Monat zu Mönat erschreckender, und es ist nicht zu verwundern, daß die Führer des Lchrerstarches bereits beginnen, zur Mas.ßenflucht aus dem Dienste der jüdischen Gemeinden zu ermahnen. „Flieht den Beruf, der Euch nicht ernährt! Unsre Vorsteher wollen es nicht anders!" — ruft Herr Steinhardt in seinen Blättern den Junglehrern zu. Nun geht es mit einer solchen Mahnung wie mit den meisten kategorischen Jinperativen menschlichen Ursprungs: es haftet ihnen ein gut Teil Einseitigkeit, und Uebertreibung an. Gewiß: die Mehrzahl der Religionslehrer lebt heute unter ganz unmöglichen Existenzbedingungen und eine Anzahl der hierfür verantwortlichen Ge:nei:ck)evorst,ände verdient ob ihrer Energielosigkeit, Gleichgültigkeit oder Herzensverhärtung die schärfste Brandmarkung/ Aber mit diesen sumnrarischen Feststellungen ist der Tatbestand nicht erschöpft und dem Ganzen nur wenig genützt. Die Lehrer und Becmrten sollten nicht vergessen, daß auch die Gemeinden, ja die Großgemeinden — und diese erst recht — um ihre Existenz ringen. Was nützt es, daß die Gesamtsumme des Vermögens und des Einkommens der Gemeindemitglieder bei schärfster Anziehung der Steuerschraube die tarifarische Besoldung der Beamten rechnerisch gestatten würde, w e n n d i e Steuern nicht ein gehen, weil entweder unter tausend gesetzlichen Ausreden zu niedrig deklariert wird oder der technische Apparat der Finanzämter versagt! Wobei. stehen wir erst jetzt vor der eigentlichen Höhe der Schwierigkeiten, da eine Periode gleichbleibender Inlandspreise mit dem Devisenrückgang und der dadurch bedingten Geschäftslosigkeit zusammenfällt, die Beamten also mit ebenso teurer Lebenshaltung, die Gemeinden mit geringeren Steuereinnahmen zu rechnen haben! Wir meinen also, daß mindestens dort, wo nicht 'grobe böser Wille oder äußerste soziale RückstäMgkeit die Gemeindestube beherrschen, Beamte und Gemeindevorftände sich zu verständigen suchen sollten. Die Beamten müssen immerhin bedenken, daß ein gesichertes, festes Einkommen mit Pensionsanspruch grade in den vor uns liegenden Zeitläuften einen überaus wertvollen Vorzug vor dem aufs Ungefähr des Gelingens und Mißlingens angewiesenen Kaufmann bedeutet, und daß daher das int« bedingte Entweder—Oder: staatliche Besoldung auf Heller und Pfennig oder Amtsniederlegung nicht immer im Interesse des Beamten, noch viel weniger in dem des Judentums liegt. Freilich gilt das Gesagte nur für Gemeinden, die mindestens ein Existenz Minimum zahlen — wie z. B. München, das 75% der staatlichen Gehälter auszahlt —; nute rhalb dieser Grenze beginnt die Ausbeutung, -auf der keine Gemeinde ihr religiöses Leben mifbauen zu können glauben darf. Retten könnte uns nur das Wiederaufleben jener grenzenlosen, freien Opferfreudigkeit in den Gemeinden, von der uns das Gotteswort in den Wo chenvon .Wir: bis ',T>ra erzählt, die kein Finanzamt und kein Steuerexekutor hervorzuzaubern vernrag und die überhaupt nur am Baume der altjüdischen, von: Mizwageiste geweckten Pflichterfüllung reift. Wo dieser Geist lebendig ist, wird sich das alte Wort bewähren, daß ’JJ? "N22 l'X- Was lesen unsere Kinder? Bon Dr. M. Glias in Leipzig. III. Poetische Ueb ertragungen unserer Aga da. Vor mir liegt der Born Judas, Band 1, 2 u:ü> 3. I bin Gorion wollte mit ihnen kein Buch für Müder, geschweige denn für Kinder religiöser Juden schreiben. Es ist darum unbegreiflich, wie mm: diese Bücher einen: Bar- Mizwa, :wch unbegreiflicher, wie man sie in eine Schülerbibliothek stellen kann. ML, W/'jf- Gottes und des Menschen Anteil. (Zu den laufenden Wochenabschnitten.) Bon Dr. B. Cohen in Berlin. (Schluß). 2. Doch auch Gefahren birgt die Verwirklichung dieser Lehre in sich. Denn sie erfüllt den Menschen mit einem gewissen Stolze auf das Können seiner Seele. Er weiß, daß der Wert seines TunS abhängt von seinem Zutun, vor allem seinem WtllenSentschlutz. Wie leicht kann da der Ueberstolz sich Raum schaffen! Der Mensch will nicht nur die Kraft des EntfchluffeS, sondern auch die Lehre des Guen und Bösen aus eigenem Wesen entfalten, einer „autonomen Ethik", einer selbstgeschaffenen Sittenlehre folgen. Und übersetzen wir diesen Gedanken in die Sprache der Tempelsymbole, so würde es Nadabs und Abihus idealistische Sünde bedeuten, daß sie nicht nur die „Hölzer", sondern auch das „Feuer" des Altars aus Irdischem bringen wollten. Damit war das von Gott stammende Feuer deS Gesetzesinhalts, als unnötig bezeichnet und der menschlichen sittlichen Erkenntnis eine Selbständigkeit eingeräumt, die nicht ihr, sondern nur dem Willen des Menschen zukommt. Auch den Irrtum der Korahiden erklären ja unsere Weisen als ein ähnliches Ausarten des Selbstbewußtseins, weil diese sprachen: „Ein Tallith aus Techeleih braucht keine Zizith, Gottes ganzes, aus sich selber heiliges Volk kein Gottesgesetz." Eine wirkliche Tragödie erblicken unsere Weisen in jenem pi ntwj ’J&s roSn nn, jenem willensmacht, trunkenen Erkenntnisanmaßen, jenem idealistischen Fehltritte der Söhne AharonS. Sie sagen daher: „Wer ihren Tod am Jomkippur beweint, dem sind alle Sünden vergeben". Weshalb gerade an diesem Tage und nicht beim Barlesen der Parscho?]— Weil sie den Typ des irregehenden Baaltheschuba repräsentieren, jenes Menschen, der, stolz auf die Macht, mit welcher sein reiner Wille alle irdischen Feffeln irdischer Leidenschaften abgeftreift hat, nun auch seiner sittlichen ErkenntniS nicht mehr den Befehl GotteS überorduen will, und weil Willensstolz und Erkenntnisdemut, wie sie im Bau und in der traurigen Einweihung des TempelzelteS symbolisiert sind, nur vereint die wahre Theschuba bilden, — darum ist die Trauer über den Tod der AharonSföhne der schönste Weg zur Versöhnung mit Gott. Das Holz sollen wir selber auf den Altar tragen: das Feuer aber soll von Gott stammen. De» Willen bringen wir auf; die Lehre gibt Gott. Frei sei und stolz der Wille,- demütig und von Gott geleitet die Erkenntnis deS Guten. Kleines WAeton. Sine interessante prvfelhtengefchichle. Der Kischinewer Korrespondent deS „Vorwärts* erzählt folgende verbürgte Geschichte: Kostj a Kosak, früher ukrainischer Pogrom Held heißt jetzt Abraham, Sohn Abrahams und leb als frommer Jude. Die Geschichte seiner Bekehrung ist hoch interessant. Noch im Jahre 1930 gehörte er wie sein Bruder Wasstl zu den ersten Anführern der ^Judenpogrome. Die unter ihrer Leitung stehende Bande war eine der gefürchtetsten in den ukrainischen jüdischen Städten. Eines Tages übernachtete Wasstl mit seiner Wanderbande in einem Dorse unweit deS jüdischen Städtchens Wackifke. Müde von der „Arbeit", ritt er zu feiner Zerstreuung hinter das Dorf hinaus. Als er am zweiten Tage wtederkehrte, war er wie umgewandelt und erklärte seinen Genoffen, daß er von heute ab nicht mehr mttmachen könne, da er schleunigst nach Beßarabien aufs Grab seines Vaters müffe. Sein Vater sei ihm im Traume erschienen und habe ihn dahin beordert. In Beßarabien machte er sich im Städtchen D.-tz, wo keiner seine Vergangenheit kannte, ansässig und nahm dort seine frühere Berufstätigkeit — er war Schuster vom Fach — auf. Hier berichtete er eines Tages seinem Bruder Kostja und sagte ihm, er habe Tag und Nacht keine Ruhe, die erschlagenen Menschen schreckten ihn in den Träumen auf, und er gab seinen Beschluß kund, zum Judentums überzutxete»