Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1923)
- Date
- 1923-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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lö MaG EL klopfte mir : auf die Schütter: „So> so, das Habe ich lieb; nur die Wahrcheit . . . mich kann man nicht zum besten haben!" ... Er zerriß das gedruckte Plakat, das vor ihm lag, und diktierte mir ein neues. Er begann: „Im Stalle find jetzt Komödianten; sie wollen Komödie zeigen, das Puolikum wird ersucht, zu kommen und zuzuschauen . . ." Solche Plakate sollten nach seinem Wunsche in der Stadt angeklebt iverden. Ich dankte herzlich und ging, zufrieden mit dem Erfolg meiner „diplomatischen Mission". In der Stadt wurde das Ergebnis meiner Unterhandlungen mit dem Stadtgewaltigen bald bekannt und erweckte gute Stinrnrnng. Der Kartenverkauf ging -über Erwarten gut und als oie Stunde der Vorstellung kam, war das „Haus" ausberkauft. Gute Stimmung hinter der Szene. Man kalkuliert/wie viel die heutige Vorstellung bringen wird und wie viel Vorstellungen man angesichts des guten Anfanges in Snamenka noch geben kann. Alles war bereits geschminkt und kostümiert, in wenigen 'Minuten sollte die Vorstellung beginnen; das „Haus" war zum Bersten voll. Plötzlich Stimmen im Zujchauerraum; deutlich höre ich den Baß des Natschelnik heratls. Vor Schreck vergesse lch, daß ich geschminkt bin und laufe in den Zuschauerraum. Dort steht der Natschelmk, in der Hand einen Theaterzettel, schneidet ein wütendes Gesicht und ist rot wie eine Mibe, sieben ihm steht links sein „Personalsekretär" und rechts der Hund, der noch wilder aussieht, als sein Herr. Ich begreife sofort, daß da etwas geschehen sein nmß und — rollt schnell auf die Bühne zurück. Aber zu spät — Hochwohlgeboren hat mich bereits bemerkt, faßt inich am Arm und laugt an zu schimpfen: „Gauner, Lump, Bande, die ihr seid!" Dabei hält er mir den Theaterzettel dicht vor das Gesicht mrd brültt: „Die Väise von Zallcl Rappaport, Sißel, Marke, Elkune und'Schmil- Lpse!*) — wo sind die'? Warunr hast du mir sie nicht gebracht? So ein Lump — will die Behörde beschwrndeln! Zur Zwangsarbeit! Nach Sibirien!" Und weder Weinen noch Bitten half, doch wenigstens die eine Vorstellung zu gestatten; es halfen auch nicht -unsere Versicherungen, nur wirrden am nächsten Tag die Pässe von Zallel Rappaport und „Konsorten" nachbringen. Der Narschelnit hetzte seinen Hund aus das Publikum — und rasch war der Saal leer. Und wir mußten, geschminkt und kostümiert — in den Arrest. (Im Fudenstaat ver (Lhasaren.) Der Budapester P.-Berichrerstatter der „I. P. Z." ichreibt: Unter allen Behörden Horthy-Ungarns r;t heute der Budapester Atagistrat die weitaus antisemitischeste. Er gibt sich nicht damit zufrieden, längst alle jüdischen Lehrer und Beamte grundlos entlassen und die ineijten brotlos gemacht zu haben, er kanit fichs auch nicht versagen, sein Mütchen an den Juden überdies in kleinen Bosheiten und Sticheleien zu kühlen. So tanfte er jüngst die vorwiegend von kleinen jüdischen Kleiderhändlern bewohnte Petösigasse in „C h a s a r e ngasse" um — denn „Cyasare" ist neuerdings ein beliebter Schimpfname für die „rassefremden" Juden. ^Allein dank der beispiellosen Ignoranz uno Unbilonng der heutigen Stadtväter Budapests, wandelte sich der beabsichtigte Schimpf in fein Gegenteil: Tue neue Gasse erinnert nun offiziell an oie tausendjährige Blutverwandtschaft der Ungarn mit den Juden. Denn der tapfere, kriegserprobte Mongolenstamm der Chasnren trat — wie allen Gefchicytskundigen und nur dem Budapester Magistrat nicht bekannt ist -- schon im achten Jahrhundert zum Judentum über und erst im neunten Jahrhundert fuchle und fand das kleine, aus der asiatischen Urheimat nach Osteuropa vordringende Volk der Magyaren an oen Chasarcufürsten inächtlge und treue Verbündete. Es ist ei,re geschichtlich erwiesene Tatsache, daß die sieben magyarischen Stämme, von denen die heutigen „Rasienmagharen" abzustammen behaupten, das Land zwischen Donau und Theiß gemeinsam mit den 'Chasareu eroberten, mit denen sie -überdies bald darauf in engste Blutsgemeinschaft traten: Denn nichr nur der Stammessürst Elöd heiratete eine chafarische, also jüdische Frau, sondern auch der S o h n d e s Für st e n A r p a d Z s o l t, vermählte sich mit einer solchen, und zwar mit der Tochter des Chasarenfürstcn M e n Marot. Dies alles sind geschichtliche Tatsachen, aus denen unbezweiselbar hervorgeht, daß die heute „landftemd"- gescholtenen Juden in Ungarn zu beit Eroberern und ersten Bewohnern dieses Landes zählen und daß just die ahnenstolzesten Magnaten, die ihre Herkunft auf die sieben Stämme zurückführen, chasarisches, also jüdisches Blut in den Adern haben. Hätte auch nur einer der Budapester Stadtväter etwas Geschichte gelernt — sie hätten sich schwer gehütet, nn sülche für sie peinliche und leider nicht wegzuleugnende Dinge zu erinnern. /(Wir empfehlen den weisen Stadtvätern Budapests Schachnowitz: „Im Judenstaat der Chaiaren" zur Lektüre und sind im Interesse der guten Sache bereit, ihnen den nötigen Rabatt zu gewähren doch fürchten wir, daß ihnen die Schlagworte des Judenhasses immer noch billiger erscheinen werden. D. Red.). *) Sämtliche Personen des Gordin-DramaS „Die Gchichite". Der ISraem. Hagadä schel Pessach. In neuer hebr. Schrift von Franziska B a r u ch mit Holzschnitten von Jacob Steinhardt, Berlin 5683. Verlag von Ferdinand O st e r t a g. Die vorliegende neue Aiwgabe des uralten jüdischen Freiheitsbuches ist eine Freude für jedes künstlerisch geschulte Auge. Es ruht auf seiner äußeren Form ein Abglanz des wurzelechten Inhalts. Die Buch st a b e n schon künden in ihrer charaktervollen, zitternden Altertümlichkeit, daß hier die Jahrtausende zum Sohne der jüngsten Gegenwart sprechen, und selbst gewisse Unebenheiten der Linienführung bei der rabbinischen Schrift erhöhen diesen Eindruck. Tie Holzschnitte Steinhardts sind durchaus im Stile frühmittelalterlicher Illustration gehalten, in ihrer Naivität und Kühnheit bewunderungswürdig. Dennoch müssen wir bekennen, daß uns eine kleine Konzession an. den modernen Geschmack hier lieber - gewesen wäre. Wir fürchten, daß die zum Teil grimassenhaften Gesichter, die hier den Heroen der Mischnazeit angedichtet werden sowohl in relig löse r wie in ä sthetis ch e r Hinsicht bei unbefangenen, von kunsthistorischen Kenntnissen unbeschwerten Beschauern starken Anstoß erregen und dadurch manchem den Genus; an einem Buche verleiden werden, das doch offenbar mit Liebe hergestellt und im übrigen eine prächtige Festgabe für das jüdische Hans ist. ' Da!' Buch Samuel, übersetzt und erläutert von Dr. D. Wolf.Nadb. in Cöln a. Rh. I. Band 'K 7ttwS», Frankfurt a. M. 5683/3923. Sänger u. Frtedberg. VII u. 228 S. Das vorliegende Buch bietet uns neben heb, äischem Text deS ersten Buchs Samuel Uebersetzung und Kommentar und gibt somit eine Anregung für das Studium des *]"J, was aufrichtig zu begrüßen ist. Denn durch die Abkehr von der Methodik unserer Weisen, die Y':n als Fundament des jüdischen Wissens betrachten, hat das Thorastudium sehr gelitten, aber blieben das Aschenbrödel, und doch sollten diese charakterbildenden und die wahre Erkenntnis der Geschichte deS jüdischen Volkes zur Zeit seines nationalen Bestandes fördernden Schriften emsig studiert werden, und namentlich von der Jugend, der diese Bücher zum Teil ganz fremd sind. Daß aus ihnen viel für Wissen und Leben zu schöpfen ist, beweist die vorliegende Arbeit. Der Kommentar geht neben der Uebersetzung her, damit meine ich Kommentar und Uebersetzung durchdringen sich nicht; nur wenn der Uebersetzer dem Sinne nach von der geläufigen Uebersetzung ab weicht, wenn es sich also nicht nur um eine Nuance des Ausdrucks handelt, da gibt er tm Kommentar darüber Rechenschaft. Der Kommentar verfolgt den Zweck, die geschichtlichen Vorgänge in ihr kausales Verhältnis zu einander zu bringen, und somit die Vorgänge aus ihren Motiven zu erklären. Es entsteht dadurch ein lebendiges Bild der Vorgänge und Menschen jener Zeit und legen damit Parallelen für die Vorgänge der Gegenwart un« nahe. Auch bemüht sich der Verfasser aus dem K'ri und K'ihib besondere exegetische Schlüsse zu ziehen, von denen viele auf Beifall rechnen können. Besonders sucht der Verfasser den Midrasch im Kommentar zu verwerten, und daran tut er gut, denn der Midrasch liefert das Mittel tiefer zu schürfen und läßt manches Schätzenswerte zu Tage fördern. Dte Uebersetzung darf aber nicht von dem Drusch beeinflußt werden, sobald er grammatisch und logisch gegen den Peschat verstößt. Der Verfasser hat eS verstanden, die richtigen Grenzen innezuhalten, nur einmal hat er sich nicht zurückhalten können, und hat JTttD die offensichtliche Nachbildung von ijm (4. B. M) mit „Furcht" übersetzt. Es ist einmal ganz unlogisch, denn wenn von Furcht die Rede hätte fein sollen, so müßte es 27 7k heißen und dann ist es orthographisch unzulässig, und dies könnte , nur die Leser irreiühren. Schon Nascht, der diese Drusch-Erklärung mit den Worten P37 BHiB' no 2H7 abiut, hätte vor dieser Uebersetzung warnen sollen. Daß R. Jose in Mischna Nasir (IX, 5) dieser Uebersetzung sich geneigt zu zeigen scheint, fällt nicht ins Gewicht. Er will nur sagen, daß man auf jenen-Vers hin ein 7x28» nvi'W nicht feststellen und einen, der daraufhin ein Gelübde geleistet, nicht wegen der bedenklichen Konsequenzen (uvin — mw>3 p7in) als Nasir ansprechen darf. S 153 ist Arm. zu V. 30 der Vermerk zur Uebersetzung unrichtig angegeben. Ist eS kein Druckfehler (im Verzeichnis findet er sich nicht) so liegt hier eine sehr weitgehende Differenz zwischen Text und Kommentar vor. Ich würde „Treulosigkeit" vorzlehen, das würde Saul von dem Makel entlasten, den der Berfasier an ihm haften glaubt. Eine treffliche Erkkärung für nvnörr nw (3 findet sich in R. Salomo Geiger rbnp »*cn S. 390. In der TranSkribierung der Eigennamen sollte zwischen Text und Kommentar Einheit Herrschen; eS ist nicht etnzusehen, warum der königliche Sänger in der oberen Partie Dovid und im Parterre David heißt. Die kleinen Beanstandungen sollen jedoch den Wert deS schön ausgestatteten Buches nicht herabmindern. ES ist ihm dte größte Verbreitung zu wünschen. Sulzbach. * D'löSn^ W N'2- Eine zweiwöchentliche Zeitschrift für Halacha und Agava. HerauSgegeben von Veite r Nr. 11 Joseph Schimott Pollak, unter Mitwirknnfl des DberrabbinerS G rünrv a l d in Satu - More Rumänien. ■' ' ES ist eine anregende Schrift, die in jeder Nummer viel Gutes und Schönes aus dem Born des jüdischen Geistes brinat. nrym ann »m> tun mhd vp .riDS^W b*3Jp rtSP rirw n»7. W i e N—B e r l i n. 5083. Menorah-Berlag. Diese neue Hagada-AuSgabe zeichnet sich durch eine längere gründliche litterar-histortsche Einleitung des Herausgebers aus, in der der Aufbau der Hogada von der tanattischen Zeit an dargestellt wird, Dte Dtniüi sind in leichtfaßlicher Art fortlaufend hinzugefügt und erläutert. Auch begleitet ein knapper hebräischer Kommentar, der sich an den Pschqt hält, den ganzen Text. Die Ausstattung ist einfach und gediegen. ... rrPtPri “irOD* Anthologie der hebräischen Poesie. Bon der talmudischen Zeit bis zur Bertreibung aus Spanien. Hrsg, von H. Brody und M. Wiener. (Libliotiieca Mimdi). Leipzig Der vom Jnsel-Berlag tm Rahmen seiner Weltbibltoihek herausgegebene, von Drugultn mustergültig hergestellte Band hebräischer Dichtungen läßt das Herz des Kenners höher schlagen. Perle an Perle reiht sich, von der kundigen Hand der Herausgeber gefügt, zu einem glitzernden Geschmeide, auS dem der ganze Reichtum jüdischen Seelenlebens und dabei seine wunderbare einheitliche Geschloffenheit herausstrahlt. Liebe Bekannte aus dem gottesdienstlichen Leben, auS Alltag und Feierstunden grüßen uns neben der Fülle deS in weiteren Kreisen ganz Unbekannten und doch deS liebevollen SichversenkenS nicht minder Werten. Salomo tbn Gabtrol, Mose tbn Esra, Jehuda Halevi, bilden den beherrichenden Mittelpunkt deS Ganzen, aber Ramban, Rabbenu Saadia fehlen nicht und ihnen reihen sich beinahe achtzig verschiedene Dichter an, die des jüdischen Volkes ewige Ltebe zu seinem Schöpfer und König, sein Tränengeschtck und seine unstillbare Sehnsucht m den süßesten Tönen besungen haben. Schön hat Dr. Brody in der Einleitung den Mangel an Individualismus, dte wie Schablone aussehende Einbettung der jüdisch-religiösen Lyrik in dte Gestaltungsformen der Vergangenheit zu charakterisieren und zu erklären versuch». Und er hat — gerade ein Blick auf dte große Mehrheit dieser Dichtungen beweist es — vollkommen recht, wenn er behauptet, daß es nicht Mangel an schöpferischer «estaliungökraft, sondern bewußte Demut, dte Scheu vor dem Hervortreten deS eigenen Jchs ist, was unsere großen Dichter zu dieser Anlehnung an das Sprach- und Gedankengut der Propheten und biblischen Sänger, der Spruchdichter und Talmudwetsen veranlaßt hat. Große Mühe haben die Herausgeber an die Herstellung textlicher Genauigkeit gesetzt, und man sähe es dem 354 Setten starken Buche kaum an, welch eine Unsumme von Arbeit für dte Herausgeber darin steckt, legte nicht das angefügte Verzeichnis der Lesarten und Quellen Zeugnis davon ab, mit welcher Akribie hier jede einzelne Zeile geprüft und von Schreibfehlern gereinigt worden ist. Das Buch stellt eine überaus wertvolle Bereicherung jeder jüdischen Hausbibtiothek dar. « wne di> rwn roöö nw&- Verlag Louis Lamm, iv23. Der durch seine religionSphylosophischen Neudrucke rühmltchst bekannte Verlag eröffnet mit dieser Neuausgabe deS Traktats Rauschhafchnoh einen neuen Zweig seiner rührigen Verlagtzlätigkeit. Alle interessierten Schulkreise, die in ihrer UnterrichtSpraxis durch die Schwierigkeit in der Beschaffung jüdischer Lehrbücher großen Htndernisien gegenüberstehen, werden dem Verleger für das saubere Bändchen in vorzüglicher Ausstattung Dank wissen und ihn zur NeuauSgabe weiterer Mischnahtraktate ermuntern. * Franzi oder eine Liebe zweiten RangeS. Tin Roman von Max Brod. München. Kurt Wolfs.Verlag. Wenn die Kunst Selbstzweck, die Freude am absichtslosen Gestalten des bunten Seins ein legitimes Handwerk ist, dann wird man diesen Roman des Künstlers Max Brod mit derselben ästhetischen Andacht hinnchmen muffen wie sein ernstes Buch des Bekennenö über „Heidentum, Christentum und Judentum". Aber dann hätte eS nicht des etwas gezwungenen philosophtsien Apparates bedurft, den der Dichter seinen die Grenzen des Erträglichen oft überschreitenden ero tischen Spaziergängen angehängt hat. Die Fragen an die Gottheit, warum ste aus menschlichen Niedrigkeiten und Bosheiten so oft Segen hervorsprietzen läßt, nimmt sich entweiht und entheiligt aus in der unmittelbaren Nachbarschaft all der Äblen Düfte, die in den Spalten dieses Kunstwerkes wehen.. Und -ec Denker und Talmudforscher Max Brod hät-e besser daran getan, im Geiste des VN-7 "pnö 'vn der Halacha zu gedenken, die ans dem ganzen Umkreis einer Stätte, an der Sein heiliger Name genannt werden s.-u, jeden Hauch der Sinnlichkeit, der miy verbannt. a ch dem „BekenntniSbuch" ist dieses Werk ein Avpieg und eine schrille Dissonanz.