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Der Israelit · 1923-03-15 · Heft 11 (15.3.1923) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 11 (15.3.1923)
Date
1923-03-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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FeMeloa-Zeilaae WÄr. ll des „ZMW". Frankfurt—Stuttgart. Eine Vortragsr eise. (SMuß). Am Sonntag früh gönne ich mir noch einmal von einer der schneebedeckten Höhen einen Wbschiedsblick auf die sonntäglich im Talkessel ruhende Stadt. Schön ist das von blauweißen, waldbekränzteir Bergen und Rebhngeln umringte Häusermeer. Ein Bild aus den Psalmen, das das Äergumgebene Jerusalem als Symbol für das vom Gottesauge behütete Israel besingt, steigt unwillkürlich auf. Unten am Fuße des Berges kleben die Baracken, die neu und rasch aus! leichtem Material errichteten Kriegseinfamilienheime wie vom Winde in die Höhe gewehte Kartenhänschen. Und unvermittelt daneben am Straßenrande die prachtvollen barocken verandareichen Borkriegsvillen mit den schweren Türen und reichen Borhängen an den großen, bemalten Fenstern. Nur scheint es mir, als würden auch - die aus den Billen tretenden geputzten Menschen nicht' eitel Glück und -Freude in den Runen des Gesichtes tragen. Ter 'Dollar steigt und fällt, die Preise steigen immer . . . Und in den Villen wohnen viel Rentner, Pensionäre des früheren Staates, ab gedankte Militärs ... Noch ein Gang durch den S ch l o ß g a r t e n, zwischen den prächtigen Baumgruppen, an Teichen und Marmorbildwerken vorbei bis zu den in mildem Winterblau, leuchtenden Bergeshalden. Hier haben sich göttliche Natur und menschliche Kunst die Hand gereicht, der Menscher: Sirrne zu erfreuen, ihren Geist zu erheben, ihr Tun zu beschwingen, ihnen Auge und Herz für das Wunder des Ml zu erschließerl. Warum scheu und hören es die Menschen nicht? -- Ich hätte mich mcht so sehr beeilen müssen, zur Bahn zu gelangen. Der M! ü n ch e n e r Z u g wird mit halbstündiger Verspätung einlaufen, da sich unterwegs ein W!agen warmgelaufen hatte. Dieser Bericht an der ans'gehängten Scheibe hat für mich fast symbolische Bedeutung . . . Kommen die den Wagen füllenden Leute nicht aus der Stadt .mit den stärksten Eindrücken, mit den bestrickenden Schönheiten, mit den lebendigsten Denkmälern deutscher Kraft und Größe; hat sich ihre Seele nicht sattgetrunken am Erzstandbilde des Telldichters, an der Bronzefigur der „Eintracht", an den Standarten, wo Ludwig Uhl and seine Freiheitsreden gehalten und seine Freiheils lieber gesungen? Kommen die Menschen nicht von all dem! Schönen und Großen her, daß ausihrer Rede so viel Kälte und Haß und Bitterkeit in die warme, dicke Luft des Abteils strömen? . . . Es ist ein einfacher Schnellzug mit kleinen, nur halb voneinmrder getrennten Abteilen, die alle bis auf den letzten Stehplatz angefüllt sind. Im angrenzenden Raum, der nur durch die Banklehne in halber Höhe von uns geschieden ist, sodaß mir leider kein Atom der Unterhaltung entgeht, reden und schreien und ereifern sich die Reisegenossen über „die Lage"", die Politik, die Besetzung des Ruhrgebiets und über den Eisenbahnerstreik. Die acht oder zehn zusammengewürfelten Menschen bringen acht oder zehn verschiedene Meinungen zum Ausdruck. Eine resolute jüngere Frau vom Volke, derer: Korb liebliche Handkäsgerüche ausströmt, behauptet, sechs Jahre Samariter- und andere Dienste an der Front geleistet zu haben und überschreit in unwahrscheinlich hohe:: Fisteltönen alle anderen um ein bedeutendes. „Das will ich Ihne sagen, lieber Mann/" das ist ihre stereotype Anrede und Einleitung für jeden Satz, mit dem sie jeder andern geäußerten Meinung widerspricht. Sie will den Krieg und die Revanche um jeden Preis. Sie sei bereit . . . Ein jüngerer Pfarrherr (ich kann -Mit meinen kurzsichtigen Augen im Halbdunkel nicht nach der Länge des Rockes bemessen, ob katholisch oder evangelisch) greift vermittelnd ein. „Man sollte sichnicht hassen."" Er spricht ftie^nd und gut; unverkennbar Teile ans seiner hermgen Morgenpredigt. Aber die Frau nnter-! bricht andauernd: „Das will ich Ihne sagen, lieber Mann! . . ."' Da wirft ein Mitreisender, ein Wort in die Unterhaltung, eine Parole, und alle, von der Frau bis zum Herrn Pfarrer, vom Kommunisten bis Arm „ganz Rechten"", scheinen auf einmal einig und versöhnt. „Die Inden! . . ." „Ein Krieg muß und wird wieder kommen"". „Ich Hab die Nase voll. Wenn Krieg kommt, da müsse die Judde zuerscht voran!"" „Ja, die Judde! Die Judde! . . „Ja, das will ich Ihne sagen, lieber Mann, die Judde"", Welt die Jungfrau von Orleans mit dem Handkäskorbe in Ekstase. Und dann der Herr Pfarrer: „Wie sagt unser Herr: Ich komme nicht zu hassen, sondern zu lieben, nicht zu trennen, sondern zu einen. Aber es muß zugegeben werden, die Juden . . ."" Und auch mir fällt ein Vers ein, der nicht von dem Herrn stammt, sondern von dem großen Spötter Heinrich Heine: „Selten habt ihr. mich verstanden, Selten auch verstand ich Euch; Nur wenn wir im Kote uns fanden, So verstanden wir uns' gleich."" Mit halbstündiger Verspätung fahren wir bei herandunkelnder Nacht in den Frankfurter Hauptbähnhof ein. „Halbstündige Verspätung, denn die Räder hatten sich warmgelaufen! . . ."" erzählt auch hier die Scheibe. Die Menschheit fährt andauernd mit Verspätung'. — Weil sich die Räder immer und immer wieder kalt laufen ... S—tz. Hettekes vom alten jüdischen Theater. Der Patz für. Zattel Rappaport. *) Es ist bekannt, daß die zaristische Regierung noch in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts das jüdische Theater verbot und daß. es seither in Rußland lange Zeit nur „illegal" als deutschejüdisches Theater existieren durfte. Diese Zeit des jüdischen Theaters in Rußland war für diejenigen, welche ihm' dienten, die Schauspieler und „Direktoren", mit viel Not und Elend verbunden; aber sie entbehrte auch nicht gar mancher heiteren Momente. Aus dieser Zeit bringt ein alter jüdischer Schauspieler S. Katz im New-Aorker „Vorwärts" in seinen Erinnerungen einige ergötzliche Episoden, von denen eine hier wiedergegeben sei: Es war, erzählt Katz, im Jahre 1908 im Gouvernement Cherson. Wir kamen von Alexandrija nach Snamenka. Selbstverständlich hatten wir keine Spielerlaubnis vom Gouverneur und auch keine Zensurerlaubnis von Petersburg für unser Repertoire. Aber wir waren fest entschlossen, in Snamenka Theater zu spielen; denn wir bauten auf die Zauberkraft eines „Dreiers" — den mußten wir freilich erst irgendwo borgen; mit dessen Hilfe, so hofften wir, würde uns die Behörde gestatten, zu spielen. Wir waren ausgehungert und müde vom langen *) Zolle! Rappaport ist eine Hauptfigur in Gordins Drama „Die Schichite". Umherwandern, aber wir wollten unser Elend — das man uns freilich aus Meilen ansah — nicht merken lassen und zogen, den Chor aus „Sulamith" singend, fröhlich in Snamenka ein. Man muß aber erkannt haben, wes „Stammes und Charakters" wir seien; denn überall, wo wir Quartter nehmen wollten, schlug man uns die Türe vor der Nase zu. Mit Müh und Not bekamen wir bei einer Witwe, die an den Markttagen ukrainische Bauern beherbergte, ein Zimmer für uns alle; es war ungefähr st. groß wie ein Handteller. Aber wir ließen den Samowar aufstellen, aßen und ttanken Tee, und bald herrschte die heiterste Stimmung. Die flaute fteilich bald ab, als wir uns nach dem Natschelnik erkundigten und hätten, er sei erst seit ein paar Tage» im Orte, führe ein sehr scharfes Regiment und von „Dreiern" und dergleichen sei bei dem keine Rede. Nach langer Beratung beschlossen wir, einen aus unserer Mitte als „Deputation" zum Natschelnik zu entsenden und da ich der einzige war, der russisch sprach und verstand, fiel mir die Rolle der „Deputation" zu. Im Amtshaus des Natschelnik erfuhr ich von einem alten Weibe, „Hochwohlgeboren" mache jetzt einen Spaziergang im Walde. Kurz entschlossen ging ich in den Wald. Der erste Mensch, welcher mir dort begegnete, war ein riesiger ukrainischer Bauer, mit einem dicken Stock in der Hand und einem Hund zur Seite, so groß, wie ein Natschelnik. Ehe ich ihn noch fragen konnte, wo ich den Herrn Natschelnik finden könne, hielt er mich an und fiagte, wer ich sei und was ich im Walde zu suchen habe. Ich antwortete, ich sei eine „Deputation" der „deutschjüdischen Theatertruppe" und suche den Herrn Natschelnik. Der Ukrainer sah mich mit einem Blick an, der besagen sollte: „Du bist wohl blind!" und antwortete: „Ich bin der Herr Natschelnik". Als er von mir gehört hatte, weshalb ich gekommen war, befahl er in strengem Tone, ich möge ihm stfott die Pässe aller Komödianten ins Amt bttngen. Das Wott „Paß" fiel mir schwer auf die Seele. Damals besaß ein Schauspieler fast nie einen Paß und hatte er schon einen, st war es sicher nicht fein eigener. Ich setzte aber meine bereitwilligste Miene auf und versprach^ dem Befehl nachzukommen. Als ich in die Herberge kam und über den Erfolg meiner Mission bettchtete, erhob sich allgemeines Wehklagen. Ich tröstete meine Kollegen damit, daß dies nur eine Formalität sei, nahm die paar Pässe, die sich mit vieler Mühe fanden, und ging ins Amt. Dort ttaf ich meinen Bekannten vom Walde und bei ihm noch einen Ukrainer, der sich später als sein „Personalsekretär" entpuppte. Dem übergab der Natschelnik die Pässe; er selbst befaßte sich mit dem Plakat, welches ich ihm an Stelle einer Zensurerlaubnis überreichte, damit er sehe, daß das Stück bereits gespielt worden war. Der Natschelnik sah das Plakat langsam' und ruhig durch, wie er aber zum Titel des Stückes — es handelte sich um Gordins „Die Schichite" — kam; welcher ins Russische mit „Der Mord" übersetzt war, sprang er aus, als hätte ihn jemand mit heißem Wasser begossen, und schrie: „Wen willst du da umbttngen?" Ich beruhigte ihn bald, daß wir niemanden umgebracht hätten, auch nicht umzubringen' gedächten, sondern daß dies bloß der Name des Stückes sei. Damit gab er sich zufrieden und las weiter: „Verfaßt von Jakob Gorvin". Er hielt ein und fiagte seinen Sekretär: „Ist der Paß von dem Gordin hier?" „Nein," war die Antwort. Da legte er das Plakat weg, erhob sich in seiner ganzen gewichtigen Größe und erklärte in strengem Tone: „Solange du mir nicht Jakob Gordins Paß bringst, lese ich nicht weiter und gebe auch keine Spielerlaubnis." Meine Aufklärung, Jakob Gordin sei der Verfasser des Stückes, seit langem amerikanischer Bürger und habe keinen Paß, ließ ihn kalt und er antwortete: „In Amettka mag er ohne Paß. wohnen, bei mir muß er einen Paß haben, . sonst schicke ich ihn in 24 Stunden zum Teufel!" Ich sah: mit der Wahrheit war nichts auszuttchten. Daher beschloß ich, einen riskanten Versuch zu machen und begann: „Euer Hochwohlgeboren! Ich sehe, daß Sie sehr gescheit sind und daß man Sie nicht täuschen kann. Daher bitte ich Sie, mir zu verzeihen, daß ich es versucht habe, Sie zu belügen. Dazu hat mich der Hunger gebracht; aber es soll nicht mehr Vorkommen. Und nun will ich die Wahrheit gestehen und jede Strafe, die Sie mir auferlegen, will ich als gerecht hinneymen. Die Sache verhält sich st: Jakob Gordin hat keinen Paß, er hat ihn auf der Reise von Mexandttja nach Snamenka leider verloren; daher bitte ich Sie im Namen der deutsch-jüdischen Trupep, als deren „Deputation" ich hier vor Ihnen stehe, eine Ausnahme zu machen und ihm einen Jnterimspaß auszustellen." Diese Rede würzte ich mit allerhand Komplimenten, so, daß der Kaiser garnicht wisse, welch einen fähigen Beamten er hier sitzen habe und dergleichen. Bor Aufregung brachte ich all das mit so viel Feuer heraus, daß meine Worte den gewünschten Eindruck nicht verfehlten. Zusehends erhellten sich die Mienen Seiner Hochwohlgeboren; er wurde geradezu kameradschaftlich,

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