Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1923)
- Date
- 1923-03-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450238-2450247--70390-2527636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 2× ep/1004827
OCR text
Feuilleton-Vellage za Ar. 10 des „ CbrC>. Frankfurt—Stuttgatt. Eine Bortragsreis e. III. Abends bin ich in der Synagoge der Religionsgesellschaft, der „frommen.Synagoge",, wie man hier sagt. Durch „diese hohle Gasse", die Altmit Neu-Stuttgart eng verbindet, geht es über der: malerischen Marktplatz und durch eine Seitengasse in einen breiten Hof, wo hinter kahlen Mauern Waren friedlich lagern und im Verborgener besseren Konjunkturen entgegenschlummern, Betriebe rauschen. Aus den Fenstern im Mittelbau blinken Lichter: Sabbatlichter. .Hier ist die Synagoge. Ein einfacher, schmuckloser, länglicher Raum mit primitivem Gestühl. Am Plasoird, wo die eine Längehälfte sich tiefer herabsenkt als die andere, hängen Lampen und Glühbirnen. Tie Almemorfrage (ob vorne oder in der Mitte) ist hier glatt auf die Weise gelöst, daß „vor;ne" zugleich auch „Mitte" ist ... Ter Almemor ist also durch 'keine Reform verrückt tvorden, und ist dennoch „ganz verrückt". 'Tenn er schiebt sich so hart an die rechte Wand, daß ein Rund gang auch für einen auf Korpulenz heute gewiß nicht Anspruch habenden Lehrer einer bayrischen Kleingemeinde eine technische Unmöglichkeit sein dürfte . . . Tie Thora wird daher beim Ausheben vom Kantor getragen und von Rabbiner und Vorsteher begleitet bis zur Türe und von da zurück zur Heiligen Lade, was sich übrigens ganz gut ausnimmt und das „Haschiwenu" sehr stimmungsvoll markiert . . ’. Diese kleinen Tücken des Objektes tun der Airdacht und Weihe des Gottes di enfteg keinen Abbruch. Es wird einem heimelig und warm um die Seele in diesem kleinen Gotteshause, das am Freitag abend gut besucht, am Sabbatmorgen sogar voll gefüllt ist. Der Chasan, ein prächtiger Bariton aus einer polnisch gewordenen Posener Gemeinde hierher verschlagen, packt seine schönsten Gesänge aus. Gespendet werden bei der offnen Thorarolle Z e h n t a u s e n 0 e. Ter Herr Rabbiner winkt nach dem vom Kantor nicht nur gesanglich gut durchgeführten „Haschivenu" den: Synagogendiener, der still, fast fleischlos wie ein Heiliger durch die Reihen wandelt, zu, und dieser holt von irgendwoher, aus dunklen Hintergründen ein Pult herbei, das zum beweglichen Inventar eines litauischen Beshamidrasch gehören könnte. Tie fliegende Kanzel. Es gibt Predigt! ... Ter Herr Rabbiner hat seiner Gemeinde einiges zu sagen. Und er tut es so volkstümlich und eindringlich wie nur möglich. Mir dein Frühgottesdienst an Wochentagen sei es nicht am besten bestellt. Selbst die „Awelim" lasser: auf sich warten . . . Es ist wahr, die Wege sind weit — aber welche Wege haben die Väter, denen das Kaddisch gilt, für die Kinder gemacht!? ... Es ist früh und kalt — allein, wie viele schlaflose Nächte hatte den Eltern die Sorge um die .Nnder bereitet?! . . . Das sitzt! . . . Beim Hinausgehen sagt einer, den es am meisten angeht: „Heute hat er es ihnen aber gut gesagt! . . ." Ter Herr Rabbiner ist auch sonst den ganzen „Dag der Ruhe", ohne den stundeni weiten Weg zu scheuen, auf dem Posten. Damenschiur, Jugendgottesdienst, „Lernen" nach dem Minchogebete. Das religiöse Leben ist im lebendigsten Flusse. Ein schöner Sabbattag in einem gastlichen, gut Mischen Hause, im Kreise lieber Menschen, die förmlich wetteifern, dem- Gaste die „besten Eindrücke" mitzugeben, geht rasch dahin. . Ich lerne auch einen kleinen, aber geschlossenen Ring von jungen Leuten kennen, die, gestählt und gechämmerr ruck) von tiefem religiösen Ernste getragen, auch jeder anderer: größeren Gemeirrde zum Stolz. und zur Zier gereichen würden. Für ebenbürtigen Nachwuchs sorgt ein guter Religionsunterricht. Die erzieherische Kraft dieser vielverschrienen Separatgemeinden ist doch groß! Bei all dem fehlt es freilich 'auch nicht an einem bischen „Kitleberg". Frau T. fühlte sich beim Fleischaushacken benachteiligt und die ganze „Frauenschick" ist in Hellem Aufruhrs Was Herr B. „geschnodert" und daß Herr F. nicht „schulen war", liefert Gesprächsstoff, der in mancher Familie den Tollarknrs vergessen urrd die Bohnensuppe kalt werden läßt. Ter neue „Anim Semiraus" des Chasan, oder die Predigt des Rabbiners ist für einen Tag Ereignis . . . Indes der Alten, zumal der Gemeindeväter Herzen rwch andere, ernstlichere Sorgen bedrücken: es ist heute nicht leicht, diesen Gemeindeappavat intakt zu erhalte:: und dem Gemeindesäckel die erforderliche Blutzirkulation zu sichern. „Eine Gemeinschaft stivbt nicht, eine Gemeinschaft verarmt nicht", tröste ich mit beit Worten des Talmuds. Sie sagen nichts, aber sie denken wohl: Ter Trost ist billig, aber ob die weisen Talmudlehrer alle zusammen dazumal so viel Gehalt bezogen haben wie heute ein bayrischer oder württembergischer Dorflehrer — nicht bekommt?! . . Urrd abends ist Vortrag! Der Herr an der Kasse, der mich nicht kennt, verlangt von mir Eintrittsgeld, und nicht zu knapp. Ich tvage es, ihm zu bedeuten, daß der Genuß, mich selbst zu hören, mir nicht so viel wert sei, und alles klärt sich im Wohlgefallen. Der Saal, einer der schönsten Säle Stuttgarts, ist bis aus den letzten Platz besetzt.. Es sind viel mehr Menschen da, als die Religronsgesellschaft, deren Gast ich doch eigentlich £>lit> Mitglieder zählt. Mein Mentor am Vorstandstische klärt mich auf: Das Thema hat die Liberalen von der anderen Seite angezogen, und die Aussicht aus einen frischfrohen Diskussionskamps auch die Zionisten und die Sturmgarde im Zeichen des Blauweiß auf die Beine gebracht. Also Arena, und zudem Attraktion gegen - Eintritt, zum ersten Male in meinem Leben.! Es ist mir nicht sonderlich behaglich zu Mute . . . Meine im Zuge mit zurechtgelegte Rede war gut - für Berg und Baum, Flur und Wald. Welches Echo wird sie hier finden? Da fällt mir das schöne, weise Wort des CHab er in Kusari ein: „Komm ich mit der Philosophie, so wird sie jeder anders lehren, deuten und drehen, und des Zaukes ist kein Ende. Darum gehe ich gleich von der Geschichte ans. Sechshund erttausend lebendige Zeuget: haben es mit eigenen Augen gesehen und mit ihrer: Ohren gehört am Sinai und es bis auf uns weitergegeben ..." Es galt für den guten Sangvri, einen 'grimmig frommen Mönch und einen in Allah wutentbrannten Derwisch zu schlagen und dar-' über hinaus einen heidnischen Ehasarenkönig zu belehren und zu bekehren. Sollte ich, beileibe■ kein Sangvri, bei - diesen geruhigen, liberal lächelnden'Gesichter::, diesen lieber: jugeudfrischen ( Stürmern von Blauweiß mit meinem geschichtlichen Latein weniger Glück haben?! . Meine Schilderung von der Entstehung und Entwicklung der Parteien, chrer Wesensbildung, ihrer geistigen und politischen Einstellung stößt auf keinen nennenswerten Widerspruch. 'Tie Herren Liberalen lassen sich ruhig erzählen, wie die Aufklärungsperiode zum Abfall geführt, dieser die Rettungswache' der „Wissenschaft" auf der: Plan gebracht, die dann ihrerseits der praktischen Reform: in Haus, Schule und Synagoge die Grundlage liefern sollte und rvollte, und warm und wo sich dieser Karren auf dem toten Geleise festgefahren hatte und so stecken geblieben ist, daß ihn alle Hebel neuer Ideologien ur:d neuer Richtlinien nicht mehr vom Flecke bringen . . . Tie Nationalen vom jüngeren Flügel sind nicht wenig erstaunt zu hören, daß der Zionismus, der Erzfeind der Assimilation, aus der gleichen Wurzel wie diese komme. 'Tie Aufklärung, irr Berlin im Tusel der Emanzipation befangen, fand, als sie nach den: Osten hinübergriff, dort 'Druck urrd Leid und wurde gleich ins nationale Bett geleitet. Indes man hier nachsann, wie man Zion und Messias aus den Gebeten am besten verbanrre, war man dort, hinter den hohen Fenstern in Petersburg, einzig darum bemüht, die Millionen Juden aus Rußland zu bannen, rrach Zion . . . Und man suchte von selbst den Weg dahin . . . Tie Braun schweig er Konferenz der Reformrabbiner und die Kattowitzer Konferenz, der erster: Chowawe Zion! . . . Ter Rückschlag in Deutschland urrd der Ausbau des philantropischeu Chowawezronismus zurr: politischen Zionismus mit seiner ausgeprägten Kultur- und Weltanschauung. Vom Herzlschen „Charter" bis zum Balfourmandat. Tie Auswüchse und das ehrliche aber vergebliche Bemühen, diese von inrren heraus zu bekäurpfeu. Und dies alles mit Zahlen, Taten, Tatsache:: belegt ... Es wird, besonders hinter: irr den Reihen der Jüngeren scharf aufgepaßt, nach Angriffsflächen ausgespäht. Aber der kluge Saugori hat doch recht behalten: Die jungen Her- 'ren, zur Diskussion aufgefordert, entschuldigen sich damit,, daß sie in der Geschichte leider nicht daheim seien und für die mitgebrachten „Schlager" nicht das nötige Stichwort gesunden hätten. So ist es mit der erhofften Redeschlacht nichts. Schade! ... Lerrrt Geschichte, junge Freunde, dann sehen und sprechen wir uns wieder. Vorausgesetzt, daß Ihr dann noch im Blauweißäbzeicher: erscheinet! ... * -i- * Nur ein älterer Herr meldet sich, nicht offiziell, mehr zur privccken Aussprache. Er beschwert sich in Anknüpfung an ein im Bortrag gefallenes Wort von der Humanitätsidee im Thorajudentum, über schlechte Behandlung der Ostjuden vor: Seiten ihrer 'westlichen Brüder. Ueberall das gleiche häßliche Lied. 'Die äuge-- führten. Tatsache:: sind verschwommen. Irgendwo wurde ein .Ausländer von einer Gemeinde, cs war eine Reformhauptgemeinde, mit seiner Bewerbung um Mitgliedschaft zurückgewiesen. Es entwickelt sich eine kleine Diskussion, die sich rwch auf die Straße fortsetzt. Ich sage, was ich oft gesagt in solchen Fällen: 'Das .einzige Bindemittel zwischen Ost und West ist die Thors in Lehr und Leben. Wo zwei /Juden bei der Gemoro oder sonst einer gutjüdischen Tat vereinigt sind, kann der Gedanke an Wesensverschiedenheit garnicht aufkommen. Daher das Fehlen jeder. Spur . von solcher Rivalität in früheren Jahrhunderten, daher die wachsende Besserung in dieser Beziehung in dem Gemeinden, wo. daS WHorastsdium noch «frig. MstMt i