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Der Israelit · 1923-03-01 · Heft 9 (1.3.1923) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 9 (1.3.1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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MM za Ar. 9 des Äeir. Frankfurt-Stuttgart. Eine Vo rtragsr eise. u. In Situttgart steige ich aus. Der Zug rollt weiter, Zen München. -Es ist Freitag! mittag und der Dag ist schon länger. Ich habe Zeit und Muße, mir die Stadt und ihre Schönheiten anzusehen. Stuttgart ist auch im Nebel Ichön. Eine verschleierte Braut. Um die malerischen Häuser, alten Kirchen und winkeligen Plätze der Altstadt dehnt sich groß,» reich und vornehm die neue Residenz. Ueberall noch deutliche Spuren jüngst vergangener Königspracht. Herrliche Promenaden und Gärten beschatten mit ihren üppigen Baumgruppen Schlösser und Paläste,' in denen noch vor kurzem Könige, Prinzen und Fürsten großen Hiof hielten, Theater und Museen, die sich schon äußerlich als Kunsttempel vollendeter Harmonie geben, Denkmäler alter Kunst, die zäh wetteifern mit Bauten in den edleren Linien modernster Pracht. Unterhalb des Schlosses tiesgelegen wie ein Symbol der sinkenden Zeiten die lange Front kleiner, alter GiebeHäuschen mit den schmalscheibigen, bunt verhängten Fensterchen, wo einstens der Medikus und Poet Friedrich Schiller gelebt und gelitten. Würde mich nicht wundern, wenn aus dem schmalen Tor im vielfältigen Rokoko gewand mit der 'Schleifenhaube aus dem Kopsi die Lotte oder die Laura, die Amalie oder die Eugenie herausträte, für die per junge Schiller abwechselnd seiner Leier so wundersame Töne entlockte . . . Und von drüben, vom Schlosse des Herzogs, starrt es hart und kalt und drohend durch die bunten Gardinen in das Häuschen unten. „Er darf nicht mehr dichten! — —" Schiller! Wie warst du auch uns Lehrer und Losung, wie warst du uns Zauberschlüssel aus der Enge in die Welt! .... Ich weiß nicht, wie damals, vor mehr denn dreißig Jahren, der Schillerband in die Ieschiwa gekommen war. Vielleicht aus dem Estrich eines' mit „Preußen arbeitenden" Alt- Händlers. Und wie lichten wir diesen unseren „Schiller", bei dem wir die ersten Sprachformen mit Hilfe eines noch älteren Vokabulariums zusammen Mit der Dichtung höherem Seelenklang lernten. Ich sehe ihn noch vor mir, den Band, alt, zerknittert. Es fehlte ein Dutzend Blätter und fing mit der „Resignation" an. Und wenn nun abends die Gemovo geschlossen war und Rowo und Abaje schwiegen, dann durchhallte den halbdunklen Raum eine andere Melodie: „Auch ich war in Arkadien geboren" . . ,/Auch" uNd „ich", „war" und „in". Seitdem wir sprechen gelernt, hatten wir schon diese Worte im Minnde. Nun kannten wir sie erst, wußten wir, wohin sie gehörten, zu welcher Gruppe, zu welcher Familie. Aber dann das Gedicht selbst- Wir lasen und lernten es. Wie man eine schwierige Dalmudstelle lernt. Wie schön, in Arkadien geboren zu sein. Mer keiner von uns wußte, was und wo eigentlich Arkadien sei. Und das Raten gab Anlaß zu einem so feurigen Disput, wie am selben Mo^ mittag der schwere „Miahorschoo" zu „Mepäch whasomoh". Der „VWnaer" (!aus Wilna stam- . mender Bachnr) behauptete, Arkadien sei eine * einfache Stadt, irgendwo in Deutschland tiefz hinter Tilsit, vielleicht Ge'bUrtsstadt Schillers, denn er sagt es ja b e f e r u s ch. „Au ch i ch" usw. . . . Der „Täwriker" sah ober im Ganzen nur ein „Moschel". Eine Stadt Arkadien gab es in Deutschland nicht, das mußte er, da Tawrik hart an "Preußen grenzte, doch wissen . . . Und der „Lokower" ereifert sich: „Ajmerazim, wißt Ihr nicht, daß Arkadien schon in der Doire steht, nämlich in „Noiach", „Arkad und Kalne im Äarrde Schinor! ..." Da gingen wir zu Herrn Menassewitz. Herr Menassewitz war der „deutsche Lehrer" des Städtchens, der einzige, der als Mrlturträger und Adressenschreiber mit Familiennamen bezeichnet wurde und zuständig war für alle „sieben Weisheiten und siebzig Sprachen". Ein merkwürdiger Mensch war dieser Menassewitz, der mit zweierlei Aug-en nach zwei entgegengesetzten Seiten schielte. Miau sagte, mit den: einen nach der Synagoge, dem anderen nach der . . . Nun, man sah diesem Manne in kurzen Kleidern und mit kurzgeschorenem Barte auch sonst manches in religiöser Beziehung nach. Man hielt ihn auch für ein wenig übergeschnappt, kein Wunder, wenn man sich „allen sieben Weisheiten und siebzig Sprachen" hingibt . . . Zu diesem Allwisser gingen wir mit dem „harben" Schiller, daß er uns' sage, was „Arkadien" bedeute. .Herr Menassewitz runzelte die Stirn, schielte mit den beiden Augen zugleich nach dem Nord- und Südpol, holte dann ein dickes^ altes Buch vom Regal herunter und dozierte gewichtig: „Arkadien, liebe Kinder," — es war seine beliebte Anrede — „ist nicht hinter Tilsit und auch nicht in „Noiach". Arkadien ist das MttellaNd des Peloponnes." „Peloponnes?" Beide Augen lachten nach Nord und Süd zugleich in heller Ueberlegenheit, daß wir auch von Peloponnes nichts wußten. „Peloponnes steht „efscher take in der Toireh", denn es soll, so sagen die alten Griechen, das Paradies, der Ganeden sein." Wir hatten genug vom „griechischen Ganeden" des Herrn MIenassewitz und wußten, was wir nun von seinen sieben „Weisheiten" zu halten hatten ... Nichtsdestoweniger kannten wir die „Resignation", die „Bürgschaft", sogar ganze Teile des „Liedes von der Glocke" auswendig- „Doch mit des Geschickes Mächten Ist kein ewiger Bund zu siechten, Und das Unglück schreitet schnell ..." Eines Nachts kam ungeachtet, unerwartet Reb Mosche, der Maschgiach ins! Beshamidrasch. Wollte sich wärmen am laugen, grünen Kachelofen, wollte sich wärmen am Thorafeuer „seiner Jungen", das auch bei Nacht nicht erlosch. . . . Und fand uns — wir achteten des Komwenden gar nicht —!&ei dem fremden Buche. „Auch ich bin . . ." „Auch ich!" schrie er, als stände die Stadt in Flammen, als gälte es, alle Leute aus dem Erstickungsschlafe zu wecken. „Auch ich . . ." „Werde Euch schon zeigen, Ihr . . . Ihr . . . Daitsch, lernt Ihr, was sagt Ihr, Schiller, Reb Schiller . . . Sogjar noch'„taitsches Daitsch, Misches ..." Schrie und riß — wehe den Augen, die das sahen — uns den Schiller aus der Hand und warf ihn in die Gluten des grünen Kachelofens, dann schlug er die Düre hinter sich zu, daß die Mäuern von Jericho! hätten einstürzen können... „Wohltätig ist des Feuers Macht, Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht, — Doch furchtbar wird die Hintm^skraft, Wenn sie der Fessel sich entrafft ..." Und: „Alles rennet, rettet ..." Ja, wir rannten, retteten, was' noch aus des Ofens Rachen zu retten war. „Resignation" war verloren, „Arkadien" abgebrannt. „Der Ring des Polykrates", den wir so liebten, ein Raub — nicht des Wassers — sondern des Feuers, -auch dem „Taucher" nützten die nassen Tiefen nichts und „Troja" ward zum zweiten Mal zerstört ... Nur die „Glocke" stand noch „festgemauert in der Erde" und noch einiges. Um „Odysseus", der so übÄ zugerichtet war, daß ihm die Lust vergangen sein durfte, die Weltreise fortzusetzen, war uns nicht leid — wir konnten ihn sowieso nicht leiden, diesen rauflustigen Weltschnorrer ... Und wie es einmal in der Welt so ist, daß man das' am innigsten liebt, um das man gelitten hat, klammerten wir uns an unseren Märtyrer, den aus des Scheiterhaufens! Gluten geretteten Schiller, mit allen Fasern unserer Seele. Und er wurde uns der AauberschlüsseL zur Welt . . . Warum gerade hier all diese Bilder aus der Vergangenheit mir so lebendig vor die Seele treten? Freilich ist dieser Platz sehr dazu angetan, solche Erinnerungen zu wecken; der Platz, rvo der Thorwaldsensche Schiller in Erz zum Schlosse hinschaut, wie in zitternder Erwartung' eines neuen Dichtv'erbotes ... Unser guter Rabbi Miosche hatte es wahrlich nicht geahnt, daß er in seiner Schillerabneigung einen so vornehmen, hochmögenden Verbündeten einstens gehabt Hatte. Ein unwiderstehlicher Drang überkonmtt mich, in das lange, tiefgelegene lleinfenstrige alte Haus hinabzusteigen, das, wie mein liebenswürdiger, junger Begleiter mir versichert, voller lebendiger Zeugen von Schillers Leben und jungen Leiden steckt. Aber drinnen haust jetzt die Schloßwache. Der Posten am schmalen Eingang, ein frischer, schwäbischer Junge in Reichswehruniform, wird gegen eine Zigarette gesprächig und erlaubt einfach alles ... Noch eine Zigarette, und er würde nichts dagegen eingewandt hüben, wenn ich die ganze Schillerstatue mit nach Häufe genommen hätte . . . Mer „Sie -misse erst hierin, ins Hänsle zu der Wach" schwäbelt er. Wias die Schloßwache hier noch zu bewachen hat, nachdem es keine Kronen mehr in den Schlössern oben gibt, ist mir nicht erfindlich. .Aber was ich da unten im „Hänsle" antreffe, ist ein kleiner Naturausschnitt aus „Wlallensteins Lager". Ein halbles Dutzend Reichswehrsoldaten; sie hocken beisammen, die hvchbestiefelten Beine weit übereinander, -auf Bänken Und Tischen, trinken, schwatzen, lachen, rauchen Und spielen Karten. Ein Changierter schreit wütend in den Hörer des Telefonappavates irgendeinen Befehl und wirft wilde Blicke in den Apparat, als wäre es im Kasernenhofe . . . Ich muß warten, bis ich eines Blickes gewürdigt werde. Endlich. „Was wollen Sie?"!Ärs klang schon ganz preußisch. „Mochte um Erlaubnis bitten, die Schittersammlung ansehen zu dürfen . . ." „In wessen Auftrag?" „Auftrag? Im eigenen. Aus Wissens-- dvange." Dias versteht der Gute nicht. „Wier sind Sie?" ,I»ch? Auch so ein Stückchen Schiller. Schreibe zwar nur Ungereimtes. Aber das Eine haben die Schreibenden und Dichtenden alle heute mit dem großen Schiller gemein:

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