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Der Israelit · 1923-03-01 · Heft 9 (1.3.1923) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 9 (1.3.1923)
Date
1923-03-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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P\ Ein Centralorgan lür das orthodoxe Judentum (( II »ggjgsi Begründet non Dr.Lehmann Intibin 1. März 1923 ö^ Mkgkmg. «V-MnKIutt L m.. Sen 13. Adar 6683 <111 llMiÜ ms Abonnement pro Bierteljahr av 1. Januar 1923: Deutschland 0.80 M. rnonatl.» umltipliziertrn. der jeweilig. SchWsielzahl des Börsenvereins: : (Erstes Vierteljahr: M. 1650.—) Lschecho-Slowakei Sr. 15.— viertelj., Ungar« Kr. 600.— viertelt.» Dentsch- Oesterreich: 1. Vierteljahr 1923: M. 2000.-. Polen M. 2200.— (deutscher Währung). Rumänien 25 Lei, Holland fl. 8.—, Skandinavien Kr. 4.—, Schweiz 58.2.50, Frankreich Fr. 6.—, Belgien Fr. 7.50, England 2 sh. 6 p., Amerika 0.75 Dollar vierteljährlich. —Einzelnummer 250 — Mk. —. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate Mk.300.-,f.StellensuchendeM200.—. s. d.sechsgsP.Eol.-Z. elnschl. TenergSzschl.; Chiffregeb.M.100. Ausl..Jns M.900 pro Zeile. Rav. n. Tarif. Bei lauf.Jnseratanstr.tarifm. Preiserhöhung jeder;, vorbeh. Jnseratenannahme durch den Verlag des JSraeltt G.m. S. H., Frankfurt a-M., Gr. Gfchenheimerstr. SS. Del. 5843, Amt Hansa, sowie sämtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands. Platzvorschrifte» ohne Bervindlichkeit. Für Frankfurter Geschäftsanzeigeu alleinige Jnseraten-Annahme bei JnliuS Schmidt, Langestrafle S. Zahlungen außer direkt an den Verlag — Postscheckkonto Frankfnrt a. 9ft. No. 19803 — erfolgen au: Postsparkaffe Wien No. 79 005 Postsparkaffenamt Budapest No. 18 434 Postscheckamt Zürich Air. VIII 7354 Postscheckamt Amsterdam No. 34 809 Böhmische Unionvank in Prag B»ne» Barmarofisch Blank * Co. in Bneait>(f Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. ver Nscköruck Ser Kttlkel uns Gorreföonöenjen des »Israelit“ m nur unter genauer Quellenanoabe, uns. foioetf es RA um orOSere NuMe handelt, nur naA porfierlger Ssneümlgung geffaffel. Inhaltsübersicht. 1. iiettactiiel: Bon Dr. M. ENaS in Leipzig: Mordechais Ruf an unsere Zeit. — 3. Wochenrunds chü u: Der Professor der Blutlüge. — Die Raffenfrage bei der Volkstählung. — 3. Homiletik! Bon Rabbiner Dr. Felix Kanter in Z wittau: Blicke in die Rolle Ester. — 4. Kl. Feuilleton: Von 8tuck. in§. ciiem. Js mar Felln er in Berlin: Der Mensch und die Schöpfung im Judentum. — ß. Aufsätze: Bon Prof. Dr. Sulzbach in Frankfurt a. M.r Der historische Beweis für die Berechtigung der Reformarbeit am Judentum? — 6. Ko rreffpondenzen und Nachrichten: Berlin (Die „Weisen von Zion" vor Gericht.) — Berlin (Von den preußischen Gemeinden.) — Esten jsJuden und Judenfeinde im Ruhrgebtet.) — Leipzig (Der Alldeutsche Verband .und der StaätsgerichtSbof.) — Wien (Der Schutz des Hakenkreuzes.) — London (Auf dem Wege zum arabischen Palästina). — London (Ein Dementi.) — Washington (Eine Intervention für die ukräinischen Flüchtlinge in Polen.) — — 7. Familiennachrlchten.—8. Briefkasten. — 9. Frankfurter Nachrichten. — 10. Vereinskalender. — 11. Gebetzeiten.- 13. Familtenpachrichren.—13. Feuilleton z- B e i l a g>:Frankfurt—Stuttgart. — Purim Deff^rt. — Eingesandt. Mrdechais Aus an unsere Zeit. Von Dr. M. Elias in Leipzig. „Und Mordechai ließ Esther sagen: „Bilde dir nicht ein, daß! du allein — weil im Malaste — gerettet werden wirst twrt allen Juden!; Wenn du schweigst in einer Zeit, wie der heutigen, wird Rettung und Befreiung den Juden werden von anderer Seite, du aber und dein Vaterhaus wirst zugrunde gehen!" Was Mordechai Esther hier entgegenhielt, ist, wie der Verlauf der Purimgeschichte zeigt, seiner Nichte gegenüber unbegründet gewesen. Wer gäbe, daß alle Jüdinnen ihren Pflichten dem Judentum gegenüber so eingedenk wären wie Hadassa-Esther! Ihnen, den Jüdinnen, aber ebenso auch den Juden unserer Zeit, die an der maladie de siede kranken, der Indifferenz und Gleichgültigkeit in 'jüdischen Fragen, dem Egoismus und Individualismus, in sonstiger Beziehung huldigen, gilt dieser Warnungsruf Mordechais. Er leuchtet in.die geheimsten Falten ihres Herzens. In unserer ernstenZert haben Hunderte und. Müsenö» jene ehemalige maladi« d» sieele überwunden, «m wenigsten das jüdische Bürgertum. Da begegnen wir noch täglich und stündlich solchen Juden ^— und es sind nicht die untüchtigsten ^— die sich in ihre Eigenpersönlichkeit einspinnen, in ihr Haus zurückziehen, auf ihre Ueberbürdung mit Arbeiten aller Art berufen, nur um dem Anspruch der jüdischen Gesellschaft an sie -aus dem Wege zu gehen. Was Mordechai Esther zuruft, spricht heute das Judentum zu jedem jüdischen Individuum, ob reich 'oder arm, ob Durchschnittsmensch oder Genie: Selbstverleugnung. Zwar ist Eigenpersönlichkeit ein dem Judentum eingeborener Begriff. So wie das jüdische Herz 'ein Merkmal abrahamitischer -Abstammung ist, so auch der Mut, allein undi für sich zu gehen, selbst gegen den Strom zu schwimmen. Das.'gilt aber nur, wenn es sich um Ablehnung des Nichtjüdischen handelt. Da darf man sich sein „Ich" nicht rauben lassen. Mer wo es /sich um jüdische Manschen und jüdische Dinge handelt, da Ist der ni22LN und Eigenbrödler ein Frevler, ein ist erste Forderung tempemmentvvlles, selbstvergessenes, impulsives jAufgehen und Aufgeben der Persönlichkeit, Untertauchen in der Gesamtheit, in den Interessen aller, fest sich verbünden zu fühlen mit ihnen und in ihnen und für sie zu leben. Gefühle lassen sich freilich nicht fordern. Sie sind Früchte der Erziehungsarbeit, die das Studium jüdischer Lebensanschauung an uns leistet. „Wisse," sagt diese, „woher du kommst und wohin du gehst." Dieses Wissen führt zum Gefühl, daß wir als Glieder in einem größeren Lebensganzen stehen und uns in dieses Ganze einordnen müssen. Sonst fehlt uns! etwas. Darum begreifen wir nur zu gut die Verbitterung und Verachtung des' Ostjuden gegen manchen sozialen Philister des Westensder in blinder, giut bürgerlicher Selbstzufriedenheit auf der kleinen Insel seines gesicherten Eintagdaseins nur sich und seiner Familie und „seinen Prinzipien" lM. 'Darum ist die jüdische Großgemeinde des Westens so vst ganz' anders' als! die im Osten. 1 Jene ist zumeist etwas' Warres', während diese organisch und lebendig; jeüc ein Ausdruck der -äußeren Disziplin und Organisation, diese eine liebevolle Verbindung aller Teile zu einheitlichem Leben; jene ein Herrschaftsmittel willensmächtiger Persönlichkeiten über die Herde der Mitläufer, diese das Lebenselement Aller, die einander bedingen und fördern. Daß dort das Wahlrecht allgemein und hier das Privileg einer bevorrechteten Gruppe ist, ist aber lange nickst die Hauptsache. Die Würzel des Nebels liegt bei uns in dem Grundgedanken des Philistertums, in der tiefen Unsittlichkeit, die schon in Kains Warten zum Ausdruck kam: „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?" Was nützt uns das allgemeine Wahlrecht, wenn es nicht jeder ausübt, was nützt uns die Politisierung unserer Gemeindemitglieder, wenn sich der Einzelne nicht mit den anderen identifiziert^ daß er mit ihnen eine Lebenseinheit bildet, eine Lebenseinheit fühlt, die Wer die Gemeinde hinaus zu .einer die anderen Gemeinden der Judenheit zusammenfassenden Willensbildung fort schreiten kann? Die Indifferenz in jüdischen Fragen hat zwei Ausgangspunkte. Zunächst die Furcht vor dem Antisemitismus. Cs gäb eine Zeit, wo Juden meinen konnten, durch ihren bewußten Anschluß an die jüdische Gesellschaft, durch offenbare Betätigung in der jüdischen Gemeinde ihre Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft zu gefährden und durch umgekehrtes Verhalten, durch kühle Reserviertheit allen jüdischen Fragen und Organisationen gegenüber ihr Ansehen in der nichtjüdischen Welt zu erhöhen. Und es gibt noch heute Juden, die die jüdische Schule ignorieren, weil sie nicht zum güten Don gehört, Juden, die so schnell als möglich aus dein jüdischen Viertel sortziehen, sobald mehr Geld im Kasten klingt, Juden, denen ans einmal nichts Jüdisches mehr 'gut genug ist, sobald sie naturalisiert .sind. Diese Menschen kommen um mehr als hundert Jahre zu spät. Zur Zeit der Aufklärung konnten sie in der Tat hoffen, durch Aufgaben ihrer jüdischen Individualität Gegenliebe auf der anderen Seite zu finden. In unserer Zeit gleichen sie den „Frauen, die imMer jung bleiben wollen und nicht Merken, daß ihre Zeit vorbei ist." Heute wissen wir und die Msimi-

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