Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1923)
- Date
- 1923-02-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450238-2450245--70358-2527602- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gettos Nr. » In Rußland sind Millionen von Juden immer iroch, als städtisches Proletariat, dem Hungertode preisgegeben. Zu den materiellen Leiden kommen die noch unerträglicheren geistigen Nöte infolge des von der Sowjetregierung geführten Kcnnpfes gegen die Religion und der jüdischen Kommissare speziell gegen die j ü d i s ch e Religion . . . Die .Massen flucht nach überseeischen Ländern oder nach der litauischen Heimat, von wo viele erst in den Kriegsjahren nach der russischen und ukrainischen.Hölle verschlagen wurden, ist die einzige-Rettung für die Unglücklichen. Aber der Weg geht über Polen oder Lettland oder beide Länder, für die Amerikareisenden auch iwch über Litauen und Deutschland. Und in allen diesen Durchgdngsländern setzt sich immer mehr der gekennzeichnete Geist der Lieblosigkeit durch, der „die Schwachen und Müden" auf halbem Wege aufhält, ihnen beit Durchgang und somit den Ausgang aus der Not versperrt. , Daß in Deutschland die Hetze gegen die Ostjuden wütet, ist psychologisch mit der allgemeine Stimmung zu erklären, mit dem durch schweren Druck erzeugten Willen zum Gegendruck, der sich naturgemäß in der Richtung nach den Wehrlosesten entlädt. Einsichtige und Besonnene, an denen es Gottseidank in unserem Baterlande trotz der die Straße beherrschenden Schar nicht fehlt, haben sich klares Auge in dieser Frage bewahrte Uebrigens handelt es sich hier meistens unr Leute, die durch widrige Verhältnisse zu längerem Aufenthalte im Lande gezwungen sind und dadurch dem Haß,, in den meisten Fällen nur einein Stück des Judenhasses überhaupt, billige Nahrung bieten. Durchwanderer, die rasch ihrem Ziele zustreben, stoßen unseres Wissens auf keine wesentlichen Schwierigkeiten. Me traurig und schmerzlich mutet aber die von den sogienmrnLen Randstaaten in diesem Punkte bekundete und betätigte Lieblosigkeit an, den kleinen Staaten, in denen sich noch die jüngsten Kinder auf die Zeit der eigenen Knechtschaft besinnen können. Me kurz ist doch der Weg vom Geknechteten zum Tyrannen! Lettland, das von Rußland bis zu den letzten Jahren geknebelte Ländchen zwischen Ost und West, das heute noch um die Anerkennung der Welt bangt und ringt, weigert sich beharrlich, die russischen Flüchtlinge, d. h. die jüdischen Flüchtlinge aus Rußland, durch sein Territorium zu lassen. Rumänien unterhält ganze Armeen an der Moldau, um die Grenze vor den Flüchtlingen aus der Ukraine zu sperren. Litauen, das jetzt zum Lohn für seine Botmäßigkeit das Memelland auf Kosten Deutsch- Land zu'geteilt bekam, macht den Rückwanderern wie Durchwanderern die Wüßten Schwierigkeiten. Und nun auch Polen! In Polen wächst die Bewegung zugunsten einer völligen Schließung der Ostg r e n z e für die Inden von Tag zu Tag. Polen, das Jahrhunderte nur davon geträumt hat, dereinst der -russischen Knute zu entrinnen, läßt jetzt, da es den Traum realisiert sieht, keinen mehr, es sei denn, daß ihn dieNationalpoleu für vollblütig erklären, über seine Grenze, auch nicht über das befreite Land einem Zufluchtsorte zustreben. Es hat eine Zeit gegeben, da man in Polen von einer Notgemeinschaft der geknechteten Nationalitäten sprach. Dieses Wort s hat, wie übrigens viele schöne Worte im ge- . famten Europa, längst seinen Klang, und Inhalt verloren. Zu den schwersten Kriegsopfern gehört heute leider überall die Menschlichkeit .. . Im Warschauer „Jud" fragt der Bericht-, erstatter, nachdem er mit Recht diese Erschei-' nuugeu als Maßstab für die heutige Valuta der Moral geschildert, ob nicht die Randstaateu, vorab Polen, daran denken, daß geruhigere Zeiten demnächst -vielleicht den Weg für einen lebhaften Transitverkehr von Ost nach West in und durch ihre Gebiete bringen.werden; sicherlich sind es nicht wenige, die alle ihre Hoffnungen, die ganze wirtschaftliche Zukunft der Länder, auf diesen Durchgangshandel bauen. Haben sie Anrecht auf diese Zukunft, nachdem sie sich heilte gegen die Einfuhr des Wertvollsten und Heiligsten, des notgejagteu Menschen, so erbarmungslos absperren?! Wie wenig sind die Völker heute nochdarauf bedacht, für den Bau der Zukunft auch die moralischen Grundlagen zu legen! Je weniger wir personifizieren, je mehr wir in diesem Worte ein Sytzibvl für die einzelnen zersetzenden Geister überall um und auch in uns sehen, umsomehr wird es uns klar, wie sehr wir heute noch Grund und Ursache haben, den S a ich o r r u s laut in die Welt hinaus zu schreien! Es ist kein Racheg-esang, kein Haßlied, vielmehr die aus Liebe zur Welt, aus der Liefen Sorge unr das Weltschickfal heraus geborene Mahnung: „Schaffet Amalek aus dem Wege, wo Menschen aus Druck und Dunkel zu Leben und Licht streben, schaffet ihn bei Seite, wo wahre Kultur und sittliche Freiheit, langsam und schwer genug, sich den Weg vorwärts bahnen!" Kleines Feuilleton. Sine schwierige Rafchistelle. Zu Raschi im Wockenabfchniit o'vvwv — pntoi xb in meint Herr Dr. F K. Z.,rvenn man die Worte jn wo nach 3"' mmi mit „bösartig" übersetzt, so würde Raschis Erklärung nicht mit der Begründung des BerseS selbst: BWV B1N1 übereivstimmen. Meiner Meinung nach soll sie eS auch nicht, weil '"BH mit seiner Erklärung eine andere, von der des BerseS völlig verschiedene, aber nicht minder darin ent. haltene Begründung des 1*6 von pnSn *6 13 geben will. — Eigentlich ist es doch, sehr auffallend, daß ’"bh bieder xivrentnommene Begründung für die häufige Erwähnung ,be8 13-SchutzeS in der mm (f. v*3 v"2) erst hier m»d nicht bereits zu dem im Kap. 22.-20 erwähnten Verbot: 13m -,31 erwähnt? Der Grund hierfür dürfte in der verschiedenen Ausdrucksweise der beiden Verse liegen. Jn dem Verbot von rum tfo 131 lautet die Begründung ori"i S'i3 '3, denn Fremdlinge seid ihr gewesen. Da hier von der mm nur diese eine Begründung angeführt wird, war kein Platz für die andere, von den Weisen erwähnte,Iweil jn niD ist. Im Verse frr?n X? 131 (Kap. 33,9) hingegen heißt eS 13N &>&3 rx anirp onxi und ihr kennt ja das Gemüt des Fremdlings. Das „unü^ läßt den begründeten Schluß zu, daß mit den Worten: ’r-Dnjn1 vrixi v'i3 vfw. nur eine sekundäre Begründung gegeben werden soll, während die primäre als bereits bekannt vorausgesetzt wird. Rascht — >18 Erklärer — sieht fich nun hier veranlaßt, diese als bekannt vorausge-. setzte, aber vielleicht doch nicht jedem gegenwärtige Begründung der xiv3 zu zitieren: mmin map» min: VN 1N«W '3VV N3N bv mm. Deswegen hat die mm mit solcher Häufigkeit die Unterdrückung deS N3 verboten, well er dadurch leicht in seinen früheren Unglauben zurücksallen könnte, Dr. P. I. Kohn-Leipzig. Ser Mensch und die Schö-fung im Judentum Himmel und Erde waren aus Schöpserhand inS Dasein getreten. Ein gewaltiges Reich lebensbeglückter Wesen hatte die Scholle bevölkert, aus ihren Tiefen war die Pflanzenwelt in ihrer bunten Mannigfaltigkeit hervorgekeimt, die Schar der Planeten halte ihren ewigen Weltenlauf begonnen, — da sprach Gott NVV3 vix, nun wollen wir den Menschen schaffen, denn nunmehr ist alles bereit, um ihn, die Krone der Schöpfung, zu empfangen, wie ein jüdischer Weiser aus dem Mittelaller so sinnreich bemerkt: ip^vl pöix .13122' 1V3 1'7V21'7V N'2V 3"xi upnoi, wie wenn jemand einen Palast errichtet und ihn schmückt und ausstattet, um dann erst feinen Besitzer einzuführen. So ist!der Mensch nach jüdischer Auffaffung zum Mittelpunkt des Alls ge. worden, ihm liegt die große Natur zu Füßen, er schwingt den Herrscherftab der Vernunft über sie, er, der Mächtigste aus, Erden. Diese anthroprozentrische Anschauung, welche mit der geozentrischen (die Erde ist der Mittelpunkt des Universums) eng verknüpft ist, findet sich namentlich in der Scholastik des Mittelalters, doch wollen wir auf die kritisch-wissenschaftliche Betrachtung dieser Frage in diesem Zusammenhänge verzichten. Genug, daß die anthropozentrische Weltanschauung Gegenstand heftiger Anfechtungen von wissenschaftlicher Seite gewesen ist. Die Botschafterknnferenz hat. nun Memel Litauen zugesprochen. Was den mit seinem Empfinden tm Ethischen noch wurzelnden Menschen über alle völkerrechtlichen Fragen: hinaus dabet mit Wehmut erfüllt, ist die Tatsache/ baß heute überall Gewalt das Recht begründet, daß was fich die Faust erzwungen, nach< anfänglichen schwachen Protesten über kurz- oderlang seine politische Sicherstellungfindet Sd war esvor einiger Zeit mit' Wilna, das ein General Zeligowski für Polen „annektier hat/ so ist eS -letzt; auch mit Memel, das sich^ die litauischen Freischärlerals - Ersatz geholt, haben auf Kosten Deutschsands. In beiden Fällenhandelt: es sich! UM Sanktionierung von EroberungSzügen, die überall die Meinung aufkommen" lasten umß, * daß die' Wirkt' hvute - einzig vom denr tttr Talmud gekennzeichneten Grundsätze: 7>2 beherrscht werde. Das jüdische Moment an diesem politischen Ereignis., ist nicht sehr wesentlich. Die Stadt Memel, an der Grenze zweier Kulturen, hat sich in all den Jahrhunderten deutscher Herrschaft auch als eine Burg, jüdischer. Lebensart bewährt. Es hat von jeher seine getfttge ' Befruchtung vom nahen Litauen erhalten und neben der Hauptgemeinde/ in derr die Reform trotz gelegentlicher liberal gerichteter Rabbiner nie Platz gegriffen hatte, hat sich dort ein östliches Thoramilieu im besten Sinne erhalten können. Bet all dem aber war und ist Memel d ent sch bis auf den Grund der Seele und, wie in allen deutschen Landen mit gemischter Bevölkerung, waren und sind die Juden, sofern fie nicht von drüben herstammen, politisch, kulturell und gesellschaftlich vollkömmen deutsch eingestellt, ohne auch nur eine ©put vom litauischen Wesen zu verraten. Es wird ihnen nicht leicht fallen, dieses plötzliche Umlernen. Sie werden sich aber darein finden müssen, wie sich auch unsere Brüder in Posen und Oberschlesien, soweit sie nicht ausgewandert sind, in die: Verhältnisse hineinschicken mußten. Stereotype Srschmacklofigkeitem Die Leichenredner tm hebräischen „Döar Hajom" in Jerusalem sind auf dem besten W'ge, sich und ihre großen Toten — ihre „Opfer" könnte man fast sagen — durch anhaltende, sich übertreffende Uebertreibungen unsterblich lächerlich zu machen. Nachdem Wie kann man es wagen, den Menschen, ein winziges, unscheinbares Rädchen tm großen unübersehbaren OrganismuS der Wett als ihren Brennpunkt zu proklamieren? Ist denn die Wett etwas mehr als eine nach plan- und ziellos wirkenden Gesetzlichkeiten bewegte Masse toter Moleküle und lebloser Atome? Und; der Mensch, vielleicht ein höherer Typ seine« nächsten Anverwandten, des Anthropoiden, sonst ein höheres Aggregat von elementaren Stoffen nach mechanischen Prinzipien getrieben, das ganze Universum, eine tote Masse mit gewaltigen Energien durchs Dasein gejagt. ES existiert ja kein Geist und keine Seele, sie find ja nur geringfügige: Nebenwirkungen, bedeutungslose Erscheinungsformen des leblosen Stoffes: der wahren Wesenhett deS Seins! Das ist bas Weltbild der modernen Wissenschaft, aber es ist nicht jüdische Weltanschauung. Wer empfände nicht die gähnende Leere dieses erstarrten, leblosen Gebildes, gerade jener Wettmasse gleich, dem sinn ULdv “I2>ni 1121 111, von dem uns der Bericht der Schöpfungsgeschichte einleitend: Kunde gibt. Aber das Judentum vom Geiste Gottes getragen, vom "iünt nn durchweht, steht anders der Schöpfung gegenüber, legt Sinn und Seele in das Wettengetriebe hinein, weil diejüdische Wett das Reich Gottes ist, jenes Reich, wie es nach des Mächtigen planvollem Willen unter harmonischer Zusammenwirkung von Stoff und Kraft, von Geist und Körper, seinem Dafeinsztele, höchster Vollendung, entgegenretfen soll, wie eS im Schöpfungsberichte heißt: rin D'p'JX «12 xwwra pxn 1X1 ü'DB'n, Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, Wettseele und Wellkörper, Jrdtschkeit und Geistig, keit, jedes in feiner Wirklichkeit. Aber niemals wird das Judentum-sich 7dazu, verstehen können, jenes WeltanschauungSprogramm zu unterzeichnen, welches Leben und Seele aus dem