Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1923)
- Date
- 1923-02-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-si I i : ui E&/-Cry.z^n mm WWM ima M irlniierungen an 3ßrufalem. .. Boy Dr. M GliaS. ... Italiens Himmel und die Schweizer GebirgSwelt, die Gefilde von Marathon und das wildbewegte Wasser des Ozeans erschüttern den fühlenden Menschen, der über die. Grenzen von Raum und Zeit hinweg den Hauch der Ewigkeit . verspürt. . . ..... ......... Das find aber ganz andere Empfindungen, als die, die ich empfand,-als ich durch die Ebene Jesreel Jerusalem entgegenfuhr. Der Zug fuhr langsam, als. ob er den Anachronismus fühlte Und den'Widersinn mildern wollte, der darin lag, chaß jemand in . der Bahn fahrend in den Erinnerungen an jene Zeit schwelgte, wo Israel denselben Weg gewandert) dreimal im Jahre zwischen hohen Getreidefeldern und lachenden - Fluren hindurch . . . . Und es war mir, als ob wir nur ^ruf diesem Weg so recht froh werden könnten, als ob ich heimgekeh't wäre, in der Eltern Haus, und Prophetenwort entrang sich meiner Brust: „Ich möchte wieder gehen zu meinem früheren Herrn,! denn wohler war's mir einst wie jetzt." Was haben mir nicht alles durchgemacht, seitdem diese Zeiten begraben find! . War nicht alles unfruchtbar, was wir seicher Jahrhunderte lang, gesät, gepflanzt und angelegt haben? . . Doch als mit einem scharfen Ruck der Zug in der Halle hielt, als das Stimmengewirr betäubend mir an die Ohren schlug und Gesichter und Trachten mich in die Wirklichkeit zurückriefen,, da war mir alles so kalt Und fremd, wie einem Sohn, der nach langen Jahren zurückkehrt und . alles verändert findet, wie er es sich geträumt, und niemand wtederfindet, der ihn gekannt, den er geliebt. - * Schon aber rissen mich ein Dutzend Arme aus meinem Brüten, streckten sich mir von allen . Seiten entgegen und mit Schalom l Schalom! werde ich-empfangen und gleich eingeladen, von dem und jenem zu erzählen. Ich konnte nicht so. frei mit ihnen sprechen, wie sie. mit mir. Sie hatten sich schon eingewöhnt— ein grausames Wort, wo es sich um große Erlebnifie handelt — sie wohnten in Jerusalem, wie in jeder anderen Stadt, in jedem anderen Lande. Vergebens bemühte ich mich,in ihnen etwas besonderes zu finden. Wir traten vor den. Bahnhof, und schon 'winkten sie auch schon eines der leichten Fuhrwerke Heran, um in die Stadt zu fahren. Ich winkte aber schnell ab, und während die Freunde auf mein ft32K hin den fluchenden Araber, der den Wagen lenkte, abfahren ließen, war ich noch immer daran, den Satz zu wiederholen: •wahrt wrr N2Wrri. Allmählich aber verlor sich diese schmerzhafte Erinnerung an vergangene Tage vor den neuen Eindrücken. Wir gingen die Bahnhofstraße aufwärts. Unter de,m Klingen der. Kamrelglocken und den kreischenden Rufen der Eseltreiber und > dem Peitschenknallen der Diligence-Kutscher wen-; den sich meine Blicke zur Rechten, wo tief unten! das. HinoM- . und> Kiöroytal zerklüftet und wüst! die .ganze Zeit vergegenwärtigt, die uns trennt von den Tagen, wo der erste König, dort unten an der Stlorahquelle gesalbt und geweiht,, . seine Regierung an getreten hatte, die jener^ Quelle gleich ein Born des Segens werden sollte für sein Volk: "jVVN Mbw'v2- Wie die Siloah- Welle, so werde deine Herrschaft! rief man ihm zu, und wie so anders ist sie geworden! Links aber reiht sich Haus an Haus, mit eigenartigen Blechdächern, wo unserer Größten . etyer,' Montefiore, sichmit seinen Jemrnitenhäusern ein ewiges Andenken gesichert hat. Und. immer deutlicher wird es: Links und rechts, wie Gegenwart und Vergangenheit von einander geschteoen. Wie'über die Zugbrücke zu einer mittelalterlichen Burg emporichrettend, so . komme sch mir vor, wenn ich nach rechts schaue, während links sich die Neustudt erhebt, begin» nend mit den schimmernden Fassaden des englischen Hotels. So gerne ich nach rechts abgebogen wäre, mußte ich doch, dem Drängen der Freunde nachgeben und zunächst mein Hotel aufsuchen, das ln der Neustadt liegt. Dort taute ich erst auf. Was mich zuerst befremdet hatte an meinen Freunden, das lernte ich jetzt schätzen und ich wünschte, auch so heimisch zu werden in dieser Stadt und in diesem Lande, und nie mehr zurück zu gehen ... Tags darauf trat ich. erfrischt und gestärkt meine Wanderung durch Jerusalem an. Vor dem Jaffator mache ich Halt, um die Davidsburg zu-bewundern. Eine Zitadelle, die, in ihren unteren Partieen, und ihren beiden Ecktürmen zum mindesten neunzehn Jahrhunderte überdauert hat, hat man in Europa nicht oft Gelegenheit zu schauen. Und welche Steine! Ohne Mörtel, einfach aus behauenen Felsblöcken zusammengesetzt, bildete dieser Turm ein Bollwerk, das HerodeS zum Ersatz für die zweifelhafte Treue seines Volkes zu seinem persönlichen Schutz errichten ließ, für den Fall, daß er aus seiner Residenz Cäsarien auch einmal ins jüdische Jerusalem pilgern müßte.' Durch das.Jaffator, das dem Kenner mittelalterlicher Städte Deutschlands nicht absonderlich, aber immerhin viel massiver als diese erscheint, blickte ich in die Stadt hinein. Daneben war ein großes Stück der Mauer eingeriffen worden, um Kaiser Wilhelm II. einen würdigen Empfang zu bereiten. Ein Verstoß gegen jedes historische Gefühl, zu dem man sich in Europa nicht so leicht entschlossen hätte. Durch die enge Straße, die durch die zu beiden Seiten vorgebauten Auslagen noch mehr verringert wird, geschoben von Menschen der verschiedensten Nationalitäten und Sprachen, dabßt immer in Gefahr, über die Stufen, die den ohnehin holperigen Weg noch unebener machen, zu stolpern, so gehe ich in Gedanken an.jene Zeit, wo in diesen, Straßen der Kamps noch tobte zwischen Rom und Jerusalem; jenes schien für die Ewigkeit gesiegt, dieses für alle Zetten verloren zu haben. Und wie zur Bestätigung' wird der letzte große Jude jener Zeit im Sarge hinausgetragen. Heule wissen wir, daß jener Sarg einen Lebenden, umschloß und daß mit ihm das Blut und die Seele der Stadt für Zeit und Ewigkeit gerettet wurde. Dem Andenken dieses Mannes ist eine kleine, schmucklose Synagoge geweiht: die „Schul" von Rabbi Jochanan ben Sakkai. Ich würde es wahrlich verstehen, wenn sie im Mittelpunkt der Stadt oder am Eingang zu ihr stünde. _ Und bald sind wir unten. Wie auf einem Hof. Hunderte von Menschen, in blauen, gelben, roten und schwarzen Seidengewändern und -kleidern,' rings um mich ein Dutzend Arme, die mir das Portemonnaie aus der Hand reißen, und dort, herb und hehr, macht- und weheooll der letzte Rest längst entschwundener Herrlichkeit, durchwachsen Moos, das in meterhohen und zehnmal so breiten Quadern sich etngenistet hat, Überhängen vom. Laub uralter Bäume. An diesen Mauern bricht sich das Leben, die Spannung löst sich, die Lippen -verstummen. Wie Traum erscheint das alles um uns her. Und der Wunsch wird mächtig, an diese Steine gepreßt, das Herz vor Gott auszuschütten, in den Worten, die gleich ihnen als Wahrzeichen einstiger. Größe stehen geblieben sind. Und jedes Wort erhält einen anderen, heißeren, tieferen Sinn vor ihnen. Dann aber kann ich nicht umhin , diese Trümmer anzustaunen. Und während ich erfahre, daß ebensovtele Meter, als von dieser ehrwürdigen Mauer sichtbar sind, im Schutt stecken, da kommt mir die Halbheit zu Bewußtsein, die sich in unserem ganzen Leben kundgtbt, w:e hier, und die nicht eher überwunden sein wird, als bis auch die ewige Unterschrift wieder aufgedeckt wird, die jetzt versteckt und durch neue Formen überzogen ist, aber für die folgende Geschichte im Untergründe fortbestehtz^nd fortwirkt. Sun» siedentek Adar. " Aus den öeöanlrengZngen des Rabbi Israel Salanfer- Bon Rabb. I. I. Weinberg in Charloltenburg. Gleiches Recht «auf die Thorafreude steht allen Juden zu, weil auch allen gleicher Urttell >an ihr. Jeder Jude, der leidet und bei der , Fahne ausharrt, hilft mit zum Bestand des, Volkes und der Thorq Israel. Er weiß/ daß nicht er die Thora, sondern ' die Thora chn trage; der Thora Verteidigung ist ihm.Selbstverteidigung. Weil die Thora eben kein Ding außerhalb unseres Ich, von unserer Persönlich keit getrennt ist, sondern ein Teil unseres Wesens. Nicht seines Leidens der Thorq wegen klagt der Jude, sondern seines Leidens um seiner selbst, willen. Ein notwendiges Attribut, ja, ein substantieller Bestandteil unseres eigenen Wesens ist die Thora. Klagt jemand seines Leidens! wegen seiner Ehrenhaftigkeit, seiner Menschlich keit? Er leidet nur das) was er ist, was er sein m u ßft um seine WesensNötwendigkeit. Der Feste unserer Seele gilt die Verteidigung. .Unserer Seele selbst. . Wundervoll kommt dieser GedankeNgang in einem Bericht unserer Weisen zum Ausdruck: „Das boshafte Reich wollte das' Grab Mioses auffinden. Man wies es auf den Berg Nebo hin. Als man oben angelangt war, schien es, als wäre' das Grab unten. In das Tal gelangt, erblickte man es auf der Höhe. Da erscholl laut das Bekenntnis„Und niemand kannte sein Grab!" In Erfahrung bringen ^wollte der Todfeind des Judentums, wo unser- Lehrer Mjoses bereits tot ist. Wlo und in! welchem Teile des eigensinnigen Volkes unser Lehrer Mioses nicht mehr lebendig, wo er bereits vergessen und begraben ist ... Da bedeutete man ihm: Dort, auf der Höhe, in den oberen Schichten, unter denen, die auf des Lebens Höhen wandeln, denen es wohl geht . . . Dort ist der .Sohn Amrams bereits tot, dort ist er längst zu Grabe getragen. Sern spähender Blick vermochte jedoch das Grab nicht zu entdecken. Nicht begraben, vers ch ül t e t bloß war unser- Lehrer Mioses in ihrem jüdischen Herzen. In der Tiefe, da glimmt noch ein lebendiger Funke vom Geiste des Lehrers. Da hieß es, unten suchen, in den niederen Schichten, unter denen, deren Leben Fron und Mühsal und Hunger ist, dort ist Moses sicherlich bereits in Vergessenheit geraten, dort ist sein Grub .Allein bald genug erkannten sie ihren großen Irrtum. Dort lebt und wirkt er in alter, unveränderter Kraft, „nicht wich seine Kraft/ nicht flohen , seine Safte . . „Und niemand kannte sein Grab!" Nicht starb Moses unter uns .. In der. Volksseele Tiefen lebt sein Werk fort. Jeder von uns 1 I ' '• *:• -..yf ia