Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1923)
- Date
- 1923-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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« M mUM Äie Drei aus dem Klub „Libtttas". '.^WaÄ’j Von S. Jzchaki. Bon den vielen Begegnungen meines Lebens werden mir die 'Drei aus dem Klub „Liberias" ewig unvergeßlich bleiben. Es war zu Anfang der neunziger Jahre in Berlin N. Ms ich Mt abends von einem Vortrage in meinem Studentenheim anlangte, fand ich eine Karte auf meinem Tische, darauf in eckigen Schriftzügen folgende Worte standen: „Jeder rechtdenkende Mensch, besonders aber jeder gebildete Landsmann denkt und fühlt mit uns. Mr betrachten Sie also als Gesinnungsgenossen und erwarten Sie morgen Abend um 5 Uhr in unserem Klub „Liberias"-, kleine Hamburgerstraße Nr. 9 e. V., Hofeingang." Ich las das gedruckte Billet drei Mal. EH war an mich adressiert, aber welche Bewandtnis mochte es damit halben? Mas sollte ich mit meiner „Gesinnung", um die sich bis jetzt teurer gekümmert, in einem mir völlig unbekannten Klub in der kleinen Hamburgerstraße? Ich beschloß, die Einladung unbeachtet zu lassen. Am anderen Tage aber regte sich bei mir die Neugierde. Das Sonderbare und Mystische an der Sache reizte mich und zur festgesetzten Zeit befand ich mich auf dem Wege zum Klub „Liberias". Ein dunkler Gang zwischen zwei Treppeneingängen führte in einer: Hofraum an Speichern und mehreren Warenlagern vorbei; es tauchte ein neuer Eingang mit schjmaler, steiler Treppe mif. Diese mußte zum Ziele führen. Als ich die vier Stockwerke glücklich unter mir hatte, machte ich eine kleine Ruhepause und arbeitete mich dann weiter zur Mansarde hinauf. Hier links mußte es sein und lauschend näherte ich mich der Türe. Gedänrpfie Töne, oft wie ein verhaltenes Schreien. Zudem gleichmäßige Schläge eirres sttunpfen Werkzeuges. Ein Gefühl su;nheimlicher Angst überkam mich, aber schon hatte ich inzwischen mechanisch den Knopf der elektrischen Glocke gedrückt. An Kehrt war nicht mehr zu denken. Eine kleine Alte mit mürrischem Gesichte öffnete nun die Tür nur halb und fragte nach meinem Begehr. „Ist hier der Klub „Libertas"?" — fragte ich. „Nein!" — antwortete die Alte trocken. — .„Mein Mann heißt nicht „Klub", auch nicht „Libertas", er heißt Friedrich Schulze und ist Schuhmacher ..." Nun war ich über die verdächtigen Schläge des stumpfen Instrumentes beruhigt und wollte nrich mit.einiger Enttäuschung entfernen, als die Frau wieder etwas freundlicher einlenkte: „Wünschen Sie. vielleicht zum Herrn Doktor?" Der Doktor war, wie die Frau erläuternd hinzusetzte, der Student Bunimow, der das Nebenzimmer in Miete hatte und oft so auch jetzt, von Fremden besucht wurde. Ich bejahte immer noch unsicher. Nun wurde ich sanft in den Flur geschoben, die Alte verschwand, nachdem sie stumm nach einer Türe gedeutet hatte. Es war mir klar, daß ich mich vor dem K(ub „Libertas" befand. Durch die dünne, nicht recht geschlossene Tür drangen laute, aufgeregte Töne. Es waren zwei Sttmmen, in die nur hie und da eine dritte brummend einfiel. . Ich wagte nicht zu stören und Web einen Augenblick horchend stehen. „Wir lassen uns, nichts äufzwing'en. Wir wissen, was wir wollen, werden frei im Denken und Handeln bleiben. Werben ihnen zeige::, was es heißt, die Freiheit vergewaltigen, daA arme .Voll um seine schönsten Hoffnungen und heiligsten Ideale berauben." . — . — „Pack! Gesindel!" schrie der andere. „Das Proletariat organisieren! Es wird mit der Klique schon äbrechnen „Phrasen! Wo bleibt die positive, praktische Arbeit?" — brummte der dritte etwas schwerfällig. Mer der stürmische Vorredner ließ sich nicht unterbrechen und donnerte weiter von „Organisation des Proletariats", von „Recht" und „Verfassung". Ich klopfte leise an die Tür. „Pack elendes! Gesindel!" — tönte es zur Antwort. Ich klopfte ein zweites Mal etlvas stärker. „Erbärmliche Kreatur, die an: Blute des Volkes fangt!" — bornierte es mir entgegen. Ich klopfte zum dritten und letzten Mal. Aber vergebens. Denn in diesen: Augenblicke erhob sich auch die Brummstimme zu einer kurzen Bemerkung: „Wir müssen dem Proletarier unterster Art eine Türe öffnen ..." Da öffnete auch ich kurz entschlossen die Tür uitb ich befand mich mitten in der sonderbaren Loge der Freiheit und Menschenrechte. Mein Kommen bedeutete kein besonderes Ereignis. Nachdem ich mich ausgewäes m, begrüßte mich der Zimmerherr und Präsident, Herr Bunimow, kurz und warm und stellte seine Freunde und Mitglieder im Komitee vor. „Herr Kopolow und Herr Hofim!" Ein Tee wurde mir angeboten, doch mußte ich warten, bis das eine Glas frei war . . . Und während die Unterhaltung fortgesetzt wurde, konnte ich in behaglicher Muße die neue, mir vollständig unbekannte Umgebung betrachten. Ein kleines längliches Zimmer. Dfe Wände mit allerlei wertlosem Zierat, Heiligenbildern Haussegen und sogar einem Bilde der Kaiserfamilie behängt, hatte es eher das Aussehen einer ehrsamen Schusterwerkstätte als das eiües Umsturzklubs. Doch der runde Tisch in der Mitte und alles darauf und daruu:, wies deutlich auf den Zukunftsstaat hin . . . Auf deu: Tisch staute sich in genialem Durcheinander ein wahrer Wall von Büchern .und Zeitungen. In der rechten Mitte züngelte aus einem geheimnisvollen Apparate ein bläuliches Flämmchen, über welchem ein Emailtopf kochte und brodelte. Ich ahnte anfänglich eine Dynamitbömbe oder eine geheime Druckerei oder sonst irgend ein Hexenküchenprodukt. Doch das zirkulierende einzige Glas belehrte mich bald, daß es nur ein harmloser Spirituskocher war, auf dem der Tee für die Gesimnrngsgenosfen bereitet würde. Um den Tisch saßen die drei Freunde, die Herren des Organisationskomitees. Herr Bunimow, klein, gedrungen, einfach und sorgfältig in der Kleidung, mit hoher, charakteristisch russischer Haartracht, sprach viel, feurigs. im übrigen aber ziemlich klar und stärk selbstbewußt. Er war, wie ich noch infolge des Abends erfuhr, Sohn reicher, orthodoxer Eltern in Lodz. Ein geheimer Anhänger der „ H a s k a l a h ", hatte er sich rasch mit der ganzen Kraft seiner jungen, etwas schwärmerisch veranlagten Seele den neuen Strömungen und Bewegungen angeschlossen und ging dann, um sich ungehindert betätigen zu können, nach dem Auslande. Dias gerade Gegenteil war sein Freund Kopolow. Ein großer, dürrer Mensch, mit auffallend langem Halse. Ms seinen Lippen ruhte ein verächtlicher Zug. Die schwarzen ■ Stoppeln des schlecht rasierten Bartes.gaben der Gestalt etlvas Komisches. Er sprach rasch, unwirsch, heftig gestikulierend und immer sehr erregt, gleichviel, ob er auf die Plutokratie oder, den zu schwachen Tee schimpfte'. Kopolow war der typische „Bächur", der das ganze.soziale Problem wie eine schwere Talmudstelle zu lösen suchte. Ich lernte ihn als einen sehr begabten Menschen aber ebenso wirren Kopf kennen. Ihm fehlte die elementare Grmwlage und die Zentralisation des' Geistes. Ich merkte schon am ersten Abend, daß er sich nicht immer im Klaren mit sich selbst war. Er war wie hunderte seinesgleichen direkt vom „Bes hamidrosch“ nach Berlin gekommen, um etwas zu werden, ernährte sich spärlich durch Erteilung von hebräischen Stunden und studierte als fieier Zuhörer Nationalökonomie. Am meisten interessierte mich aber Hofim. muskulöser Bursche mit kurzen: Haare und blauen Augen. Er sprach nur selten und kurz, mit etlvas brummiger Bruststimme. Er war aus Baku, hatte dort mit Auszeichnung das Gymnasium absolviert, lvurde aber trotzdem als Jude nicht zur Universität zugelassen. Voll Erbitterung ging er dann nach Berlin, wo er nach Ablegung einer Prüfung immatrikuliert lvurde. Nun ging er still und strebsam seinen Studien nach. Aber in seinem Herzen loderte es und sein Kopf steckte voll der großen Gedanken — für die lieblose Heimat. Es war der einzige reguläre Student, der einzige aber auch, den: man es am ganzen reservierten Wesen anmerkte, daß er zu den „richtigen" gehörte, zu denen, die genau wußten, was sie wollten . .. Tie Unterhaltung ging im gleichen Tempo weiter. Die. Grundfragen waren mir nicht neu, doch zeigten mir einige technische Ausdrücke, die nur den Eingeweihten geläufig sein konnten, wie weit entfernt ich mich von dieser Geistessphäre befand. Bunimow wollte sich auch das Neue nicht aufzwingen lassen. Er wollte frei im Denken und Handeln bleiben und nicht an Stelle der alten eine neue Despotie treten lassen, während Kopotolv ganz allgemein über das „elende Gesindel, die erbärmlichen Kreaturen" zeterte. Hofim aber blieb reserviert und begnügte sich nur damit, die Kameraden hie und da kurz zu erinnern, daß sie von: Haupttema äbge- - wichen, daß sie ein Positives Programm für die spätere Versammlung vorbereiten müßten. Ich konnte mAh des Eindruckes nicht erwehren, daß dieser zielbewußte Praktiker noch andere .Verbindungen hatte, daß er hier nur die Mission eines Delegierten oder Horchers erfüllte. Er hielt den: Anscheine nach die Umgebung noch nicht für reif genug, er traute ihrem Ernste nicht recht und blieb zurückhaltend. — (Schluß folgt.), (Wie er es auch macht.,... .) Unter dem Titel „Eine Woche beim Kaiser" yeMfentlichl der Deutschamerikaner Georg Sylvestersiereck in amerikanischen und deutschen Zeitungen seine Eindrücke von Wilhelm II. Ueber dessen HaltMg zu den Juden berichtet der Korresoondent wie folgt: „Die Juden, welche die Gäbe haben, großzügige Unternehmungen zu übersehen, sollten.von der Regierung serngehalten werden. Wenn der Kaiser einen Juden um Rat befragte, wurde es beanstandet. Zog er die Juden nicht zu Rate, war es auch nicht'recht. Einmal hielt man ihm Judensreundschaft vor, Ms andre Mal wurde er alS'Judenhasier verschrien. Raiheuau ist als sein intimster Freund und ebenso als Gegenstand seiner .b^soähern Abneigung geschildert worben. ES war jederzeit des Kaisers Wünsch; allen Teilen stineS Volkes