Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1923-02-01 · Heft 5 (1.2.1923) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 5 (1.2.1923)
Date
1923-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2450238-2450242--70311-2527551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Xx 5 »er WEr. aber auch die Dampf- und Rauchwolke über dem Vulkan." (S. 254.) So weit Herr Torczyner. Diese seine These lautet also: Die BuvdeLlade oder einer ihrer Teile ist eine Nachbildung der Gewitterwolke und der mit ihr nach der Vorstellung der alten Israeliten identischen Vulkanwolke, also die Nachbildung einer Wolke schlechthin, gleichviel ob Gewitter- oder Vulkanwolke. Das ist eine absolut klare These, so klar wie B. der Satz wäre: Die Mazzeklöße sind die Nachbildung eines korinthischen Tempels. Etwas unklar würde dieser klare Satz allerdings werden, wenn man wüßte, daß dem in Frage kommeni^n Kunstkenner die Begriffe korinthisch und jonisch identisch sind,' denn man würde dann tragen, wozu erst differenzieren, wenn man in Wirklichkeit identifiziert. Aus demselben Grunde ist es etwas dunkel, warum Herr T. erst den Umweg über die Gewitter- und Vulkanwolke macht, die doch beide in der Vorstellung der alten Israeliten identisch sind, und warum er nicht geradeaus geht und einfach sagt: „Die Bundeslade ist die Nachbildung einer Wolke." Lassen wir zunächst einmal diesen dunklen Punkt aus sich beruhen. Einige Seiten später stellt der Verfasser Thesen auf, die sich auf die Gottesnamen beziehen und zwar auf die Namen Schaddai, und den vierbuchsiabigen Namen I., und behauptet, Moses habe den Namen Sch. aus Israel „völlig" (S. 288) ausgerottet und den Namen I./ den Gott der Bundeslade, also des Symbols, das eine Nachbildung der Gewitterwolke und Vulkanwolke ist, eingeführt. „Sch. ist der Gott der Sturmflut, des Windes, des Regens, d er Wetterwolke, I. der des Vulkans." Moses habe aber nicht verhindern können, daß besonders nach der Rückkehr ins Land — „die Bundeslade das Symbol nicht nur der Vulkan-, sondern auch der Wetterwolke" wurde (S. 289). Eben hatte Herr T. behauptet, daß dem alten Israel Gewitterwolke und Vulkanwolke identisch gewesen seien, und nun stellt er die diametral entgegen gesetzte Behauptung auf, daß das alte Israel sich zum Gott der Wrtterwolke bekannt, und daß Moses diesen Wetterwolkengott bekämpft und ausgerottet und einen neuen Gott der Vulkanwolke, eingeführt habe! Der Leser tut gut daran, sich zu seiner Orientierung ein Maultier zuzulegen, das bekanntlich auch im größten Wetterwolkennebel seinen Weg findet. Denn wenn auch Herr Torczyner aus gewissen Gründen, sagen wir aus stilistischen Gründen, statt Gewitterwolke zum Zweck der anmutigen Abwechslung des Stils hier sagt Wetterwolke, so weiß doch jedes jüdische Kind, daß Die „Schiro" im täglichen Gebete. Im tätlichen Morgengebete reihen wir dem Liede am Meere noch die Sätze an: '131 “{bab 'i '".11 — 13*. .131^5,1 »3. Sicherlich sollen diese Sätze die Schlußworte des Liedes interpretieren und illustcier-n, die Schiro soll damit sozusagen aus den Treianiffen der Vergangenheit in die Welthyffmmg von Gegenwart und Zukunft ver» setzt werden. In dieser Beziehung ist die Erklärung des Malbtm über den Begriff 178 von großer Wichtigkeit. Der Unterschied zwischen den beiden Synonymen -sdv und Sbib besteht darin, daß mit ersterem Worte das huldvolle und väterliche Walten eines liebevollen Regenten bezeichnet, während mit dem zweiten Ausdruck das absolutistische Herrschen des Tyrannen ausgedrückt wird. Als Josef seinen Brüdern von seinen Träumen erzählte, frugen sie ihn: 12'7p "p^ön „Willst du unser liebevoller königlicher Berater sein, U3 Vpdii, *?pb bk, oder gedenkst du unter Anwendung und Mißbrauch von G e w a l t deine Herr- Wetterwolke identisch ist mit Gewitterwolke. Diese wieder war den Israeliten identisch mit Vulkanwolke. Also war der Welterwolkengott identisch mit dem Vulkanwolkengott. Wie konnte da Moses den einen ohne, den andern, mit dem er identisch ist, ausrotten oder einführen? Herr T. bewegt sich hier in einer überaus großen Gedankentiefe. Er ist aber nicht etwa tief aus Oberflächlichkeit. Sondern die Sache liegt, wie er einige Seiten später sich ausdrückt, folgendermaßen: Zwischen dem Gewitter- und dem Bulkangott bestand eine „Spannung." (S. 288). Aber beide Götter waren „eigentlich identisch." (2. 289). Die Spannung war also eine uneigentliche, die Identität dagegen eine eigentliche, so daß die uneigentlicke Spannung der Identität durch die eigentliche Identität der Spannung ausgeglichen wurde. Daraus ergiebt sich, wenn wir sämtliche Thesen des Verfassers zusammenfassen, das Fazit, Laß alle scheinbaren Widersprüche sich in der einfachen Formel lösen: Die Bundeslade war ein Thron Lustfahrzeugs- Gesetzestruhen - Gewitter - Vulkan-Wolken -Jdentitäts-Spannungssymbol! 3. Alle Ergebnisse des Buches hier aufzuzählen und zu würdigen ist unmöglich, denn das würde einen umfangreichen Band füllen. Ich muß mich darauf beschränken, irgend ein Kapitel anszuwahlen und zu beleuchten. Ich wähle das zwölfte Kopitel, aus dem ich einen Teil reproduziere, um dem Leser ein kleines Bild von der Art der Wissenschaft zu geben, die Herr Torczyner zu traktieren beliebt. Das Kapitel ist überschrieben . . der Gott des Amurrulames." (S. 281.) Welches ist die Quintessenz dieses Kapitels? Das zu sagen, ist nicht gar so einsack. Der Verfasser stellt darin zwei Thesen auf. Die erste lautet: „E. Schaddai ist dasselbe wie (der vierbuchstabige Gottksname) I." (S. 283). Nachdem er diese wunderbare neuartige These seitenlang bewiesen hat, faßt er das Ergebnis in den Satz zusammen: „So sind E. Sck. und I. dasselbe und doch nicht dasselbe." (S. 288). Wenn etwas dasselbe ist, wie kann es nicht dasselbe sein, und wenn cs nicht dasselbe ist, wie kann es dasselbe sein? Was meint also der Verfasser? Erstens habe ich das schon oben erklärt, zweitens weiß er es selber nicht und drittens giebt es viele Dinge zwischen Himmel und Erde ... Aehnliches gilt für folgenden Satz, durch den er seine These beweist, daß beide Gottesuamen dasselbe und doch nicht dasselbe sind: „Israel will seinem Potte opfern/ aber kann es das in Aegypten? Aegypten ist seinem Gatte fremd. Ist er doch der regen spendende Gewittergott. — Aegypten aber ein Land ohne Regen, darum muß Israel hinausziehen um, wenn nicht in der Heimat, so doch in "der Wüste, wo er sich nun zeigt, ihm ein fftst zu feiern." (S. 288.) (Fortsetzung folgt.) Wocheunindschau. Zur Entwicklung drs Antisemitismus Es wäre Torheit und Leichtsinn, vor der uirleuglbaren Tatsache die >Ängen zu verschließen, daß der Judenhaß der Jahrtausende in unfern Tagbrr einen ganz besonders gesährlicherr Charakter anzunehmen beginnt..!Tie Entwicklung, die nicht von -heute und gestern datiert, darf man wohl kurz dahin kennzeichnen, daß die elementare, glanz im Animalischen wurzelnde Leidenschaft des Hasses unter dem Einfluß der Kultur nicht etwa abAeschwächt, wird, sondern vielmehr Es einer Leidenschaft zu einem System wird. In überreicher Fülle'strömen dem zu unbändigem Hassen drängenden Herzen aus dem Bereiche des' Intellekts Ausreden, historische, naturwissenschaftliche, soziologische Beweise und Hilfsmittel zu. Und so weitet und dehnt sich der Haß zu einer Wieltanschauung, in deren Dienst sich Akademiker und Kaufleute, Wahnsinnige und Genies, hMvertierte Borer und ästhetische Feinschmecker stellen. Nicht anders als unter diesem Gesichtspunkt kann man 'die Ereignisse begreifen, die sich in den letzten Wochen vor unsern Augen äbspielen. Die Demonstrationen des Wiener Pöbels, der 15 000 Mann hoch in den Straßen der österreichischen Hauptstadt Orgien des Rassenhasses, der Verbitterung und des Neides feiert, münden ein in eine feierliche Versammlung! der A kademiker, in der die Blüte der Wissenschaft mit väterlichem Wohlwollen gemeinsam mit der jüngsten studentischen Jugend die Frage behandelt, wie man die jüdischen Studenten am besten ihrer staatsbür.gerlich>en Rechte berauben kann. In Bayern ist die Staatsgewalt, gezwungen, mit einem neurofiat'hisch stark' belasteten Manne als' Bolksführer Verhandln ngei: darüber zu pflegen, inwieweit die Ruhe und Sicherheit des deutschen Reiches um der Raserei des politischen 'Antisemitismus willen aufs Spiel gesetzt werden darf, und in Polen stempelt man in kunstvoller parlamentarischer Dialektik jüdische Forderungen, die nichts luciter bezwecken, als dem jüdischen Volke sein Lebcnsrecht Es freie Ausübung seiner Religion zu sichern, zu „nationalen Privilegien", die zu bewilligen ein Verbrechen gegen die Staats- Nation wäre. f ch e r gelüste an uns zu stillen?" Alls letzterer Annahme resulfterre der Haß, b-r zur wetteren Tragödie führte. Wie später die Söhne zum allen Barer mit der frohen Botschaft kommen und von JosesS Ausstieg erzählen 8*7X8 p8 732 7310 81.1 »3, da glaubte Jakob nicht '3,17 f’BN.i *6 ’3 13^> 3B'i. Er konnte nämlich nicht glauben, daß sein Sohn, fein Josef, sich zum b&)ü, Despoten, entwickelt haben sollt?, wo ihm doch die Gelegenheit gegeben war, “i^a huldvoller König seinem Volke zu sein (f. auch Hirsch, Kommentar zu 8781 über "|7B von *£ö beraten.) Mit den Schlußworten der Schiro Bdipd *pb8’' '1 '1V1 wird bei uns die Hoffnung wach, Gott als huldvollen König der gesamten Welt und Menschheit, als welchen er sich damals beim Untergang der Egypter noch nicht gezeigt, bald zu sehen. Und so findet dieser Gedanke und die Hoffnung vollends drastischen Ausdruck in dem dem Liede angefügten Worte aus der Schrift: 13^8,1 hb »3, Gott ist die „Meluchah", eS liegt nicht ln seinem Weltenplan, strenge mit seinen Menschenkindern zu Gerichte zu gehen, allein, Bw3 ^bibi, die Völker, die gegen seinen Willen arbeiten, und nicht durch das Feuer der Liebe, sondern mit. der Kohle deS Haffes die Räder des Weltgeschehens treiben, sind daran schuld, daß ec sich ihnen als ^bmb, als strenger Richter zeigen muß. '131 v'MlpiB itzpi, ist aber der letzte Kampf ausgekämpft und der letzte Sieg errungen, dann ,131^8,1 '1*? .iri'.ll, wird dem Ewigen von aller Welt nur der „Melucha-"-Charakter zuerkannt. p8,i b3 bv '1 Mi. Heute ist Gott nur brr kleineren Schar seiner Auserlesenen *^8, um jene Zeit wird er aber „König der gesamten Erde" sein. - \ '131 Kinn Heute kennt die Welt Gott, je noch dem. wie sie seinen Willen erfüllt oder nicht erfüllt, unter zweierlei Namen "itzy und an jenem letzten Tage wird aber nickt allein Mi* % der Ewige einzig sein, sondern auch sein Näme ist einzig. 118 '1 1N8 18V1 Kleines Willelon. Mar Aordau. Im Alter von 74 Jahren starb in Paris der Nestor des Zionismus, der einstige erste Freund und Mitarbeiter Herzls, Max N o r d a u. Als Publizist und Schriftsteller von radikalster Gesinnung, hatte sich Nordau, der mit seinem richtigen Namen Südfeld hieß, einen Weltnamen erworben. In seinen „Paradoxen" und „Konventionellen Lügen" wie in andern Büchern unternahm er es. die Unwahrhäftigketien unserer Kultur aufzudecken, scheute aber auch nicht davor zurück, sich an heillgste Tradition mit maßlos radikaler und pietätloser Kritik heranzumachen. Nicht zuletzt die Anfeindungen, die er.als Jude zu erleiden hatte, wiesen ihn an' die Seite Theodor HerzlS, als dieser in den 80er Jahren mit seinem „Judenstaat" und dem ersten Kongresse den politischen Zionismus begründete. Die Reden NordauS auf dem ersten Zioniften- KongreffewerdenalS ergreifende Dokumente des jüdischen Golusleids ihre ewige Bedeutung behalten. Noch selten Hatseiner wie er das richtige flammende Wort für die jüdische Tragödie gefunden. Nach dem Tode Hexzls und nachdem dessen Taktik eine gründliche Menderyug erfahren hatte, zog sich auch Roroa« nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.