Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 41 (11.10.1923)
- Date
- 1923-10-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2450238-2450274--70808-2527516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
85T' Der Israelit Nr. 41 1923 Die vier Elemente. Line wundersame Geschichte. Von Si Gordon. m. Efrajim machte weiter gute Fortschritte. Er blühte körperlich auf, wie er sich auch geistig ungewöhnlich entwickelte. Mit allen religiösen Vorschriften und Gebräuchen nahm er es so ernst wie ein Erwachsener. Er fastete sogar an sämtlichen Fasttagen und lernte fleißig und mit wachsendem Erfolg, allein es sollten ihm noch weitere Prüfungen nicht erspart bleiben. Ls war um die Zeit des Lag beomer, da die ersten Blumen und die warme Sonne die Jugend ins Freie lockt. Der elfjährige Efrajim wunderte mit seinen Spielgenossen in die Heide hinaus, um nach altem Brauch Blumen und grüne Zweige zu holen. In unbewachtem Augenblick entfernte sich der Junge und gewahrte zu seinem Entsetzen, daß der Boden unter ihm schwankend wurde. Seine Hilferufe blieben unerhört und er sank immer tiefer in den Sumpf. In seiner Not griff er mit Aufbietung der letzten Kraft nach einem Ast und es schien, als stände über ihm ein rettender Engel, der seine. Efrajims, Arme streckte bis zum Zweige, an den er sich krampfhaft klammerte. In diesem Zustande blieb er stundenlang zwischen Sumpf und Baum hängen, bis ein glücklicher Zufall eine Wäscherin des Weges führte, die den Jungen aus seiner Lage befreite und nach Hause brachte. Als Tarphon dieses erfuhr, wurden wieder alte, drückende Erinnerungen in ihm wach, aber er ließ sie nicht auftommen und freute sich, daß die Sache ohne bleibenden Schaden für Leben und Gesundheit des Kindes.abging. An diesem Sabbat erlitt aber der Gottesdienst wieder eine ungeahnte Störung. Naftali mußte mitten im Leienen einhalten, da ein ganzes Wort im Texte, das Wörtchen „Ofor", sich ganz nach unten gesenkt hatte und aus der Reihe geraten war. Jetzt glaubte schon Tarphon selbst nicht mehr an die Schuld beä Thoraschreibers, denn elfmal hatte man in den elf Jahren aus dem Sefer geleient, ohne je diese Senkung, die jetzt jedem ins Auge fiel, zu merken. Wortlos besserte Gemisch tags darauf den Fehler aus und Tarphon blieb schweigend und in sich gekehrt. das Herz voll banger Sorge. IV. Nun rückte der Tag heran, da Efrajim Bar Mizwoh werden sollte. Tarphon gab ein großes Fest für die ganze Stadt und Efrajim zeichnete sich beim Vorlesen des Thoraabschnittes wie beim Vortrag der Droscho so sehr aus, daß alle seines Lobes voll waren. Nach einem Monat sollte sich Efrajim nach der größten Ieschiwa der Welt, nach Wolloschin begeben, und sich aort für den Rabbinerberuf vorbereiten. Am Abend vor der Abreise klagte aber der Knabe über Kopfweh und Uebelkeit und am zweiten Tag sah man, daß er schwer ertrankt war. Aus der Reise nach Wolloschin wurde vorläufig nichts. Statt dessen holte man die besten Aerzte herbei, lief zum Rabbiner, daß er bete und ließ von frommen Männern Psalmen sagen. Trotz alledem nahm die Krankheit mit jeder Minute zu. Vater und Mutter wichen nicht vom Bett. Als am späten Abend Mirjam ihrer Ermüdung nachgebend eingeschlafen war, saß Tarphon am Krankenbett, den Kopf in die Hände gestützt, in tiefes Grübeln versunken. Das Andenken des alten Rabbi, der kurz vor seinem Tode das. Kind mit geheimnisvollen Worten gesegnet hatte, stieg in seiner Erinnerung auf. Von „vier Elementen" sprach der Alte und dann, von gemeinsanier Seele und gemeinsamem Schicksal, das Kind und Thorarolle verbanden. „Und wird ihre gemeinsame Seele all die ihr auferlegten Prüfungen bestehen, dann wird ihr die Zahl der ihr zugezählten Tage beschkeden sein," so hatte der Alte gesagt. Mit Entsetzen dämmerte dem Vater der Sinn der Worte auf, der vier Elemente in der Geschichte seines Kindes. Zum ersten Male fehlte das Wort „Ruach" in der Thorarolle, es war damals, als das junge Kind im Rauchgualm beinahe erstickt wäre. Und als Efrajim später in den Brunnen fiel, da machte sich das Ereignis bei der Thorarolle kund durch das Fehlen des Wortes „Maiim". Später hatte sich das Wörtchen „Ofor" gesenkt, es war just die Zeit, da dem Kinde der Boden unter den Füßen nachgab und er beinahe in den Sumpf eingesunken wäre. Nun aber glühte sein Kind im Fieber. Und Tarphon wußte, es ging um sein Kind und um die Thorarolle . . . Beide werden dieser letzten Gefahr widerstehen oder unterliegen. Auf diese letzte Versuchung kam es an. Cs fiel ihm ein, daß es gut wäre, die ganze Thorarolle daraufhin zu untersuchen, ob die Worte „Esch" in Ordnung waren. Ist das Wörtchen irgendwo in Unordnung geraten und wird wieder hergestellt, dann mußte sein Kind gesunden! . . . Er machte sich aus. Was war das? Der Morgen konnte doch nicht erstrahlt sein, aber taghell leuchtete es zum Fenster herein. Und kaum daß er sich dessen inne wurde, hörte er schon das Läuten der Glocken und das Schreien aufgeregter Menschen . . . Feuer! . . Als kannte er schon von selbst die Brandstätte, lief Tarphon geradeaus zur Synagoge. Das Gotteshaus brannte lichterloh. Ohne sich halten zu lassen, bahnte er sich einen Weg durch Rauch und Flammen, durch die stürzenden Balken, und nun stand er an der heiligen Lade, deren Türe schon von den Flammen umzüngelt war. Die heilige Rolle brannte. Er griff, ohne den Schmerz zu spüren, mit beiden Händen nach der brennenden Rolle und lies, was er tonnte, zur Türe. Man griff die Thora auf, umhüllte sie mit Mänteln, goß Wasser, aber schon waren die Teile auseinander gefallen, und was nicht zu Asche geworden, lag nur noch in verkohlten Fetzen. Als Tarphon nach Hause kam, waren sie gerade dabei, „abzuheben" und die Spiegel zu verhängen ... Nach zwei Tagen war der neunte Aw, und die ganze Gemeinde folgte der Bahre, in der Efrajim mitsamt den heiligen Resten der Thorarolle der Erde übergeben wurde . . . Ninderecke. Jerusalemer Geschichten. Mitgeteilt von Ch. Bloch in Wien. (Schluß.) Die Blutbeschuldigung. Im Jahre 5527 trug sich in Jerusalem folgende wunderbare Begebenheit zu: Als der Diener der Synagoge einschlummerte und in tiefen Schlaf verfiel, erschien ihm im Traume ein fremder Mann, den er nie in seinem Leben gesehen hatte. Der Mann sprach zu ihm mit lauter Stimme: „Geh' schnell in die Synagoge, denn es brennt ein glutrotes Feuer in der Bundeslade, das die ganze Gemeinde vernichten kann." Der Diener erwachte und zitterte an allen Gliedern. Er lief gleich in die Synagoge und öffnete mit großer Eile die Bundeslade. Doch er fand kein Feuer, nur spürte er, als er in der Finsternis der Nacht an der Bundeslade herumarbeitete, daß die Weinflasche von dem gewöhnlichen Orte weggerückt war. Er erschrak darüber sehr. Er nahm die FlafHe in die Hand, sah beim Licht des Mondes ihren Inhalt gut an und erkannte gleich, daß es nicht jene Flasche des Weines sei, sondern eine andere. Er schüttete vom Inhalt der Flasche ein wenig in den Kelch und erkannte zu seinem Entsetzen, daß es Blut sei. Nun begriff er, was dahinter steckte, und fand darin die Deutung des Traumes, den er soeben hatte. Er sann nicht lange nach, sondern schüttete das Blut außerhalb der Synagoge, deckte den Ort mit Lehm zu und stellte in die Bundeslade die Flasche roten Weines. Darauf ging er nach Hause und legte sich, ohne jemand ein Wort zu sagen, ins Belt. Als der Morgen kam und die Gemeinde zum Morgengebet erschienen war, kam plötzlich der Pascha mit dem griechischen Bischof, von vielen Geistlichen und Soldaten gefolgt, kn die Synagoge. Die Juden erbebten. Bloß der Diener blieb ruhig und war frohgemut; begriff er doch, welchen Zwecken dieser Besuch galt. Aber er redete kein Wort. Der Pascha gab Befehl, das Innere der Synagoge und auch draußen am Hofe gründlich zu untersuchen. Doch man fand nichts. Nun sprach ein Grieche: „Suchen wir in der heiligen Lade!" Man öffnete die Lade und man fand eine Weinflasche. Da hob der Grieche zu schreien an: „Sehet! Die Flasche ist des Blutes voll, des Blutes eines christlichen Kindes, das die Juden als Opfer für ihren Gott hinschlachteten, wie es denn ihr Brauch ist." Der Bischof fragte den Chachim-Baschi: „Was ist in der Flasche?" Dieser antwortete: „Es ist nichts als Wein für Kidusch." Der Bischof schüttete eine kleine Menge in den Kelch und überzeugte sich, daß es tatsächlich Wein war, von feinstem Wohlgeschmack und würzigem Duft, denn es war der Most von Trauben aus den Gärten Lhebrons. Der Bischof übergab den Kelch an den Pascha, der Pascha wieder an seinen Nebenstehenden, und so einer dem anderen und alle sprachen und bezeugten, daß dies Wein sei. Der Bischof bat den Chacham-Vaschi um Verzeihung wegen der Störung des Gottesdienstes, der Pascha aber zog das blanke Schwert und wollte den Griechen niedermachen. Der Bischof ergriff das Schwert und sprach: „Es ziemt sich nicht, in Gottes Haus das Blut eines Menschen zu vergießen!" Als sie die Synagoge verlassen hatten, bekannte sich der Grieche schuldig und gestand, daß er aus Feindschaft gegen die Juden ein christliches Kind schlachtete und »das Blut nachts in die Synagoge brachte. Er fand seinen Tod unweit der Synagoge durch des Paschas Hand. Seither ordnete der Chachim-Baschi an, daß man in der Synagoge kein Kidusch machen soll. Wie man die Kothel Hamarabi entdeckt hat. Im Jahre 5278 nahm der türkische Sultan die Stadt Jerusalem ein und nahm in einem großen Hause nächst der Kothel Hamarabi sein Quartier. Eines Tages sah er durch das Fenster, daß eine alte Frau einen Sack voll des Mistes