Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1923)
- Date
- 1923-01-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der JSxaelii. Nr. 1 Sette 4. Januar 1923 „ Rucksack aufgeschnallt, Stockend Karte zur Hand genommen, und — das Vergnügen konnte beginnen. So durchwanderten die beiden Jünglinge das an Naturreizen reiche Mittelgebirge. Besondere Schwierigkeiten, denen sonst Juden unterwegs ausgesetzt sind, boten sich ihnen nicht. Sie atzen in jedem Gasthause, wo sie Rast hielten, und den Sabbat verlebten sie wie die Werktage. Schon längst hatten sie sich von den Geboten der Religion, die sie als drückend empfanden, frei gemacht. Die religiösen Gebräuche des Elternhauses und die Lehren, die sie in der Schule empfangen hatten, waren halb vergessen. „Leben" hieß für sie jetzt in den Tagen der Freiheit „Genießen". Fröhlich schritten sie dahin, sangen muntre Lieder und fühlten sich glücklich, daß sie so sorglos und aller Pflichten entledigt die Schönheiten der Welt besichtigen durften. An einem-rfcht sonnigen Julimorgen waren , sie wieder in aller Frühe aufgeftanden und hatten nach dem Frühstück den Gasthof verlassen. Sie überschritten eine bewaldete Höhe, die ihnen ganz besondere Reizebot. Auf wohlgepflegten Pfaden wunderten sie durch herrliche Waldpartien, an stillen Weihern und rauschenden Wasserfällen vorbei, über üppige Waldwiese und durch kühle Gebirgsschluchten. Aber heute sangen sie nicht. Ein sichZ cher Druck lag auf ihnen, der keine heile L Stimmung auskommen ließ. Jeder bemühte sich, seinen Gemütszustand dem andern zu verbergen, aber es gelang nicht. Und als sie endlich die Scheu unterdrückten und sich miteinander über das aus'prachen, was sie fühlten, so fand. es sich, daß keiner sich Rechenschaft über die Ursache seiner Niedergeschlagenheit geben konnte. „Mir ist," begann der sonst fast übermütige Lerch, „als ob heute noch ein Unglück geschehe. Ich kann den dummen Gedanken nicht unterdrücken. Er quälte mich schon die ganze Nacht." „Und ich habe geträumt," fuhr sein Weg-- genösse Brehner fort, „heute wäre keine Sonne zu blicken, und alle Menschen, denen wir begegneten, hätten Tränen in den Augen. Das war allerdings nur ein Traum. Aber das Dümmste ist: Ich muß jedem, der uns begegnet, ins Angesicht schauen und glaube in der Tat, in jedem Auge Tränen zu sehen. Sobald wir in einen größeren Ort kommen, telephoniere ich nach Hause, ob bei uns aMs gesund ist." Keiner hatte eine Erklärung für seine Befürchtungen. Heute ermüdete sie der Weg wie noch nie. Wenn sie an Punkte kamen, die besonders herrliche Ausblicke gewährten, so hielten sie sich nicht auf. Sie hatten fein Auge für das, was sie sonst entzückt hätte. Die Unterhaltung, kaum mit Mühe in Gang gesetzt, stockte schon bald wieder. Den Eßvorrat, den sie sich mitgenommen hatten, blieb unberührt. Sie hatten nicht Lust, einen Bissen zu sich zu nehmen. Es war noch nicht ganz Mittagszeit, als sie* endlich ein Dorf erreichten. Die Straßen waren tot, denn die meisten Leute waren auf dem Felde zur Arbeit. Ein Kaustaden, an dem sie vorbeikamen, war geschlossen, und auch an einem zweiten verhüllten Fensterläden das Schaufenster. „Siehst du," flüsterte Lerch seinem Freunde zu, „so"war es in meiner Heinzat, wenn der Tod in einem Hause Einkehry hielt. Da wurden die Läden geschlossen. Aber hier scheint fast in jedem Hause Trauer zu herrschen. Ich muß jetzt doch einmal nach dem Grunde fragen." Schon wollte er in das Haus treten, da kamen einige Leute auf der Dorfgaffe ihnen entgegen. Ihre Schritte waren nicht zu hören. Gesenkten Hauptes, ohne ein Wort der Unterhaltung wankten sie dahin, .die Augen den Boden suchend. Es waren Juden, ohne Zweifel. Die beiden Jünglinge erbebten. Sie vergaßen, daß sie fremd waren. Sie beachteten nicht die Sitte des gewöhnlichen Grußes. Sie berührten noch nicht einmal den Hut, eine Bewegung, die ihnen doch sonst so selbstverständlich war. Sie unterließen alle gewohnten Redensarten, als sie den Leuten entgegentraten mit der Frage: " ' „Aber, um Gottes Willen, was ist denn heute los?" Da richteten sich vier Augenpaare prüfend auf die jungen Menschen. Eine Minute des Schweigens folgte, bis endlich die Spannung sich löste durch die langsam hin gehauchten Worte des ältesten der Männer: „Es ist Tischo boav." Msellösung. Die Lösung des rrrn in Nr. 50 lautet: ^22 - n- Nichlige Lösungen sandten ein: M. Weiureb, Ludwiqshascn; Sara Katz, Jsak Kay, Jakob Runes und Jsak Roth, Karlsruhe; Süßholz, Trier- I. Mnrmervsch, Sterg Praud, Rumänien. iw rbiu Erklärungen zu Stellen aus den heiligen Schriften von Rabbi Joseph Wolf tot. Bibliochek des Jüdiscken Volksfreundes, Hrsg, von Rabbiner Dr. Wolf, Köin. Köln 5683. In weilen Kreisen des rheinländischen gesitzes- Ireuen JuRmjums lebt Rabbi Joseph dee geistige G-.ünder und langjährige Leiter der Nim msn in Sföltr, in dankbarer Erinnerung. Ihm hat der Verlag der R-biiuihek des Jüdischen Volksf-.eundes, Herausgeber Rabbiner Dr. Wois. Köln, durch Ve-öffenilichung des Wetkes n^n: ein bleibendes Denkmal gesetzt. Im Vorwort findet der Herausgeber würdige Geleitworte, denen biographische Notizen beigegeben sind. Ein einleitender Abschnitt „Rabbi Wolf als Exeget von Willy Wolf" bietet, von der Tatsache ausgehend, daß Rabbi Wolf als gesetzestreuer Thoralehrer die Einheit der mündlichen und schriftlichen Lehre als Ausgangspunkt und ihren Nachweis als Ziel seines Lehrens betrachtete einen liebevollen, sehr ins einzelne gehenden Nachruf auf die Persönlichkeit dieses Thoralehrers, der mit Hülfe einer agadischen Erzählung des Talmuds dem anderen Nachfolger Mosche Rabbenus, Rabbi Akiba, zur Seite gestellt wird. Wir wünschen dem Buch weite Verbreitung. Denn alle seine 144 Erklärungen und Bemerkungen zu einzelnen «teilen der Heiligen Schrift aimen Liebe zu ntpnpn umin und sind von dem reinen Streben einci-gebtN, das Verständnis unseres Schrifttums auf den Respekt vor jedem seiner Worte, ja jedem einzelnen Buchstaben zu gründen. Grammatische Erwägungen: scheinbar überflüssige Worte oder Buchstaben, eine auffallende Wortstellung oder Wor'tform, auch Betrachtung der Akzente sind das meist erfolgreiche Mittel, eine neue Auffassung einer Thorastelle aufiuspüren oder bekannten Deutungen willkommene Bestäigung zu verschaffen. Sicherlich kann dieses Mittels kein ernsthafter Thorarrklärer entraten. Aber da die sprachlich schwierigen. Stellen der Tbora nicht eben die Siegel bilden, wird die erzieherische Wirkung dieses gewiffenhaften Streben?, in jeder Wortnüanee den Einklang der schriftlichen und mündlichen Lehre zu erkennen, naturgemäß im umfassenderen Zusammenhang eines ganzen Thorakommentars nicht in dem hohen Maß zur Geltung kommen können, wie in elner. Zusammenstellung von Erklärungen und Bemerkungen, die es fast nur mit solchen Stellen zu tun bähen und die immer wieder und wieder von jenem Streben ihren Ausgang nehmen. Diese Erklärungen sind nicht zur Lektüre bestimmt, sie wollen studiert werden Und wenn sie auch selbstverständlich nicht immer volle Zustimmung finden, sondern auch wohl zur Kritik heraus- 'ordern werden ~ anregend sind sie immer. Und deshalb möge das Buch in weilen Kreisen Eingang finden. Ud wenn dann, hoffentlich bald, eine Neuauflage nötig wird, möae nochmalige sorgfälilge Durchsicht das Werk, dessen „Erklärungen" zum Teil nach dem Gedächtnis wiedergegebenzum Teil nach Aufzeichnungen verschiedener Hörer des Verfassers Wt zusammengestellt sind, von Bedenklichkeiten und Jrrtümern befreien, von denen wir einige hier besprechen wollen. 1. Nr. 13 erklärt kurz zu I. (B. M.) 18, 11: heißt es „hatte" aufgehört, im Sinne, daß das Aufhören bereits vorüber war und Sarah sich bereits jung fühlte". Wir vermuten, daß mit der Annahme, sei Plusquamperfekt, das s hr auffällige nn\n des tilgenden Verstes erklärt werden soll. Wir bestreiten edoch, daß diese Annahme zum Ziel führt. .Denn selbst wenn man übersetzt: Sarah hatte aufgehört jung zu sein, ist cs dennoch unzulässig, den Sinn unterzulegen, daß sie sich berests wieder jung fühlte. Dies wäre nur dann angängig, wenn im Plusquamperfekt ein Verb . vorläge, das in einem Worte den Begriff „nicht mehr jung zu sein" verkörperte. So aber kann Tin auch im Plusquamperfekt nichts anderes bedeuten, als daß daS Aufhören (übrigens allemal Sacke eines Augenblicks) in der Vergangenheit ber-itS erledigt war, als eine andere Tätigkeit (oder Zustand D'jpt) begann. Grundsätzlich sind wir allerdings auch der Mcinunp, daß daS hebräische Perfekt oft die Funktionen des Plusquamperfekt versieht. Umso mehr befremdet 2. Nr. Ist. Das I., 21, 24, sei in 93er» bindung mit den folgenden Versen schwer verständlich. Denn „wäre Awrohom zum Schwur verpflichtet gewesen, was berechtigte ihn dann zur Zurechtweisung, von der Vers 25 spricht"? Die Frage entfällt aber, wenn man das des VerseS 25 als Plusqu. begreift. Das aber kst unumgänglich, es hätte ja sonst entschieden rDl'l heißen müssen. (Val/ übrigens Rbr. Hirsch). ' 3. In Nr. 32, wo zu I, 26, 28 vom Unterschied zwischen »TO und U‘nTO die Rede ist, heißt eS, „ersteres bat das Suffix der Einzahl, letzteres das der Mehrzahl", Das ist irrig. Beide Formen haben vielmehr das gleiche Suffix der Mehrzahl. Nur das Gr ndwort ist das eine Mal die männliche Pluralform '-'2, das andere Mal die weibliche Pluralform nTO. Ebenso irrig daher auch die Folgerung, »D3 sei zu übersetzen „zwischen unseren Personen". Zur Stützung dieser Nummer müßte gesagt werden, “p'3l ttTO z usammen heiße „zwischen unseren Personen". 4. Nr. 63 kündigt für den bekannten schwierigen GZchlechrSwcchsel in 'il, 2, 17 satt— |W1 — mnw eine Begründung an, die „grammatisch einfacher" als Rabbiner.Hlrichs Erklärung sei. Der Vers sei so zu verstehen: Da kamen die Hirten und vertrieben sie (die Schafe)- da stand Mosche auf und half ihnen (den Mädchen- und trankie ihre (der Hirten und der Mädchen) Schafe. Bedenkt man, daß f-r Rabbiner Hirschs Erklärung auch die Parallelen tn II., 18, 2« und Ruth 2, 8 sprechen - daß ferner auch Verfaffer in Nr. 115 und 121 (‘inete m») in dieser selben Richtung sich bewegen muherwägt man weiter, daß die in Rede stehende Erklärung zu dem Ergebnis führt, daß i > einem einzigen kurzen Satz drei Pronominalsuffixe sich auf drei verschiedene (!) Nomina beziehen, so möchte man zu ihrer Ablehnung neigen. Dazu kommt dann aber noch, daß die Erklärung auf der Angabe fußt, [Nit sei mascul. In der Tat ist jedoch (Mi femin., wie klar ersichtlich aus Stellen wie l., 30, 37, 38, 3ü, 41, 43- 1. Samuel 25, 18. Billigen ließe sich allenfalls dt« Deutung des o:xit im Hinblick auf den betgebrachten Beweis für die tatsächliche Richtigkeit, der sich übrigens auch im. n"ö findet. 5 Nr. 64 bringt eine Lösung des scheinbaren Widerspruchs in II., 3, 2 u. 3: erst heißt es nrvn nan> 0K3 *tt>3 und dann fragt Mosche naen ^3' 16 xnv Die beiden Verse widersprechen sich, ob man nun “UD beidemal mit „brennen" wiedergibt oder beidemal mit „verbrennend Wir würden bet aller Bescheidenheit gegenüber den D'tpi&D die sich um diese Stelle bemühen, glauben, es könne sehr wohl “iin eben beide Bedeutungen haben und für den ersten Satz werde die Bedeutung „brennen" durch den Zusatz lirs* n«m klar-gestellt und der Widerspruch wäre beh ben. Verfasser kommt zu folgender Lösung. Bekanntlich bezeichnet das hebräische sog. futurum recht häufig eine noch andauernde Handlung (weiter etwas tun). Die Grammatiker nennen es daher auch aus diesem Grunde lmperkectum — das noch Unvollendete. ">p3 heißt nun „vrenner/'. Aber im "Pfly erhält es die Bedeut ng „verbrennen", „weil das Verbrennen sich durch „Wetterbrennen" äußert. Sobald die Flamme an einer Stelle alle ihre Nahrungsstoffe verzehrt hat, greift sie weiter". Sr fragt Mosche, warum der Dornbusch nicht „westerbrennt". Hier liegt offensichtlich eine Verwechslung von Raum und Zeit vor. Das deutsche Adverb „weiter" l)3t sowohl zeitliche wie räumliche Bedeutung. Dagegen ist das *rny nur imstande, ein ,,Weiter"brennen im zeitlichen Sinne zu bezeichnen. Sodaß Mosis Frage formal allenfalls übersetzt werden dürfte: warum brennt der Dornbusch nicht mehr? Dazu hätte er aber vorher erloschen sein muffen. 6. Erklärung Nr. 78 zu II., 15, 5 beruht auf der Meinung, nv3 heiße tm Qal „bedeckt sein". Wir wiffen nicht, worauf diese Meinung zurückgeht. Vgl. dagegen Prov. 12, 16, 23. Außerdem halten wir es für unzulässig, in der Pielform iö'D3» eine Mtschform aus Qal und Ptel zu erblcken, nur weil tm zweiten Wurzelbuchstaben das Dagesch fehlt. Letzteres ist eine garntcht seltene Erscheinung, wenn der zweite Wurzelbuchst rbe ein Schwa unter sich hat. 7. Nr. 134 erklärt die landläufige Uebersetzung des 7>rr»v 1)'? rmt nun für grammatisch nicht geremifeitlgt, weil „das Wort mst sters mit dem Akkusativ verbunden" wirdes muffe vielmehr heißen: Die Thora, die Er für uns dem Mosche besohlen hat ... . Wir qiauben, der Hinweis auf II, 1, 22, insbesondere aber auf Nehemlas S, 14, ms es heißr httHS TO brt^ WW MTOi . . . . dürfte die bisherige Auffassung retten. M. B.