Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1923-01-04 · Heft 1 (4.1.1923) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 1 (4.1.1923)
Date
1923-01-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450238-2450239--70274-2527497
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

T ij n Ar. l des „Israelit". Auf dem Meere. G e d a nk e il und E r i n n c r u u g c u. Bvu Tr. Nathan Birnbaum. Alles Bisherige war nur Einleitung. Erst, jetzt steuern wir in den Atlantischen Ozean hinaus. Wir fuhren über Norden gegen Westen. Noch gestern hielten wir einig» Stunden im Hafen einer bekannten skandinavischen Stadt. Wir blieben ans dem Schiffe. Aber zwei Leute aus der Stadt kamen zu uns: Der Raw und ein Pnrncß. Der Raw, noch echt jüdischen Schlages, keine Imitation, noch nicht lange aus dein Osten gekommen. Die Gemeinde ist jung, klein, besteht aus Flüchtlingen ans Pogromland. Es geht ihnen hier nicht schlecht. Und doch sind, sie zu bedauern i Ihre Jüdischkeil ist bedroht. Bei allen guten Eigenschaften des Volkes, unter dem sie wohnen, werden sie es hier doch nie zu einer größeren jüdischen Konzentration, zu einem breitern jüdischen Leben bringen. Das ist ja das Unselige an den Juden: Je länger sie im Golus sind und je weiter es wird, desto weniger wissen sie ihm beizukommen . . . * * * Vor mehr als 13 Jahren wars, in einer Winternacht, auch auf dem Meere, auch auf dem Wege von Europa nach Amerika. Die Passagiere schliefen schon alle lang in ihren Kabinen. Nur ich lvar noch auf dem Verdeck. Ich sah auf die aufgeregten Wogen hinaus, zu den Milliarden blitzender Sterne hinauf, iu das gelblich silberne Mondgesicht hinein und horchte auf das Tosen der Wasser, auf das Acchzen des Schiffes. Und aus Sehen und' Horchen heraus ward in mir ein Sehnen: Ach, wenn ich doch, ach lvenn ich doch. . . .? Ich fühlte, daß mir etwas fehlte. Da war wunderbare Seeluft, und ineine Seele konnte nicht atmen. Da lvar Mondlicht über den Fluten, und meiire Seele sah nichts Mein Pelzrock erwärmte mich und meine Seele fror .... Uitb allmählich wurde aus meiner Sehnsucht Angst. Schließlich lvars ja keine so einfache Sache: Das Schiss tanzt auf dem Meere, weit, iveit von allen Kirsten, unter ihm tanzen die Tiefen, über ihm j die Himmel, und deutlich eine Musik dazu — nicht etwa nur das Brausen des Sturmes, .das Lärmen der Wogen, das Krachen der Schiffsbalken — nein, wirkliche Musik, die stille Musik der Welt selbst . . . Und . . . und. . . spielts delm von selber, tanzts denn von sich selber . .? Oh, oh . . . oh Gott! . . . Und noch einmal: oh Gott! . . . Doch was geschieht da mit dem Monde? Spott und Zorn zugleich in seinem Gesicht . . . Das droht. Leere, hungrige Augen stieren mich ail, iverderl mich im nächsten Augenblick verschlingen . . . Ich fühle meine Glieder erstarren ... Ich beginne mich zu verlieren ... Ich weiß heute nicht mehr, wie lauge dieser Zustand dauerte. Bloß daran erinnere ich mich, daß der Mond mich wieder ruhig anlächelte, als ich zu mir kam — ganz so, wie wenn nichts vorgefallen wäre. Ich sah und horchte auch weiter nicht, fühlte und dachte auch weiter nick'ts, sondern ging müde in meine Kabine, um zu schlafen. Erst am Morgen geriet ich in ein großes Staunen über mich selbst und schüttelte den Kopf. Was man nicht alles an sich erlebt," dachte ich. Aber ausgelacht habe ich mich nicht. -i- * * Und heute sitze ich wieder allein auf dein Verdeck des Schiffs, wieder des Nachts — bloß nicht im Winter, sondern nach Peßach. Und wieder sshe ich und horche ich und sinne ic!i.. Ich vergleiche damals und heute. Damals sehnte'. ich mich aus einer ausgeschöpften, erloschenen, langen Nöten, freue dich am Glanze von Gottes erfrorenen Welt heraus. Heute trinkt meine Majestät, erquicke dich an der heiligen, geheim- Seele schon Gottes Luft, Gottes Licht, Gottes! nisvollen Stille, die um den Schöpfer ist, labe Wärme, sehnt sie sich, ihm imwer näherzukom-!.dich-an deinen eigenen ewigen Sehnsüchten, labe men, immer mehr ihm anzuhangen, sehnt sie { dich, labe dich. . .! sich nach immer höheren Stufen der Gottesj Oh, Meer, Meer! Jahre über Jahre hat erkennmis, nach Erlösung. Damals erschrak ich, j man auf dem Festlande gelebt, in der großen als ich plötzlich öou weitem einen Blick in die! Stadt, ist wie ein Wahnsinniger unter tau- Weltwerkstatt tat, für eine Weile hinein Horchte,! send anderen Wahn sinnigen herumgeraunt und und dort ihn, den.Weltenmeister fühlte. Meine! herumgestoßeu worden, hat man mit allerlei Seele war an sein Maß nicht gewöhnt. Heute bösen Geistern gekämpft, gegen fremde Gewalt erschrecke ich nicht mehr vor ihm, der doch auch! und gegen eigene schlechte Gedanken,' hat man der Vater ist. Heute trete ich mit Ehrfurcht vor > sich von oben bis unten beschmutzt und hat in ihn hin: Vater, verzeih . . .? Bon damals bis i dem Taumel die eigene Seele verloren, mit heute: . Dank Dir, der Du die Zeiten j eigenen Füßen sie getreten und von fremden änderst!! Füßen sie treten lassen .... Und plötzlich * * * j — einige Schritte über den Schiffssteg „Ein. Hebräer bin. ich und den ewigen Gott si'irchte ich." Der große Prophet hat es vor tausenden. Jahren mir vorgesagt — auch auf dem Meere. Im Uebrigen, eine recht merkwürdige Sache: Jona entlief vor Gott und dessen Auftrag. Den Grund gibt er später selbst an: „War das nicht meine Redeweise, als ich noch in meinem Lande war — barum kam ich zuvor, nach Tarschisch zu fliehen —, daß ich wußte, Du seist ein gnädiger und barmherziger Gott, langmütig und groß an Huld und sich bedenkend wegen des Uebels." Das heißt: Er wußte, daß Gott seinen Entschluß bezüglich Ninives zurückzieheu werde und wollte sich die Kränkung ersparen. Ja aber — und das ist doch die Hauptsache -- was für eine Kränkung war denn das, die er anfangs vermeiden wollte und die ihn schließlich -doch ereilte? Daß seine Prophezeiung nicht in Erfüllung ging? Das kann es doch nicht sein. Das ist doch diesem großen, gotterkorenen Mann nicht zuzumuten, daß er lieber eine große Stadt mit mehr als einer Million Einwohner vernichtet gesehen hätte, als eine „Blamage" Al erleben. So klein famt er nicht gedacht, aus so kleinen Gedanken heraus iticfif vor Gott Beschwerde geführt haben. Nein, seine Worte können nur dann richtig gedeutet werden, wenn man annimmt, daß er damals,^ als -er auf das Schiff floh, nicht nur die bußfertige Reue Ninives und Gottes Schonung der'Stadt, sondern auch voranssah, daß sie, kaum geschont, bald wieder in ihre Sünden zurnckfallen iverde. Darunl auch sein „Besser, daß ich sterbe, als daß ich lebe." Er kann es nicht ertragenWo bleibt das Recht des Mldath Hadin? Wo bleibt die Moral für andere Städte und Menschen? Und überhaupt der Sinn von Reue . . .? — Also keii? kleiner Mensch mit kleinen Gedanken und Querelen, sondern ein großer Prinzipien-Mensch, mit Verantwortungsgefühl gegenüber der Welt, ein echter Prophet. Nicht sein Renommee liegt ihm am Herzen, sondern Gottes Sache. Und Gott zürnt ihm denn auch gar nicht, lächelt verstehend und verweist ihn mit nnlden Worten. Oh, Sabbat, Sabbat! Eine ganze Woche — wie, eine Woche? Nein, tausend Jahre — lvar mail, in einem seltsam schrecklichen Gefängnisse. Durfte man. nicht sitzen, mußte man hinulld herlaufen, wie Wahnsinniger unter tausend anderen Wahnsinnigen. Stieß mall sich, fiel man über einander, erhob. Mau sich, fiel man wieder und stand wieder auf. Die Äugelt sprangen eiueni schier aus beit Höhlen. In den Ohren gellten häßliche Klänge. Die Seele hatte inall überhaupt vergessen. Die lag irgendwo ini Straßenschlamm . . . Und plötzlich erlöst! Es gibt fein Laufen, kein Stoßen, kein Fallelk mehr. Und die Augen sind klar, die Ohren still, und die Seele ist aus dem Unrat herausgesucht, siebenmal geläutert und mitten in den Himmel hilleingestellt: Da, ruhe aus von den Das Festland versunken! Eine andere Welt! Kein Rennen, kein Stoßeii, kein Schmutz, kein Krieg mit sich und Anderen! Und man hat die Seele wieder — ganz so, wie.sie einst war — daß mail sich nicht erinnern kann, wann es gewesen! — wie, wenn sie nie jemand berührt hätte. Und sie sitzt zu köstlicher Mahlzeit au himmlischem Tische: D-a, warst lauge genug im Elend, hast lange genug gefastet! Da, nimm, alles Dein! Dein die großen Wunder, Dein die süße Sehnsucht, Dein die heiligen Gedanken, Dein die Freude in Seinem Reich. Da, nimm, labe Dich! Wie licht der heutige Sabbat lvar! Ein j doppelter Sabbat: Der Sabbat der Thora und i der Sabbat des Meeres — beide ein einziger Sabbat des Herrin 1 Doch der Mensch ist schwach. Nach dem j Sabbat wünscht er sich den Alltag. Nun da wir scholl mehr als eine Woche auf dein Schiffe sind, freuen wir uns, daß wir wieder Land sehen. Wir fahren jetzt zwei Stunden lang univeit der Küste. Kaum wollen wir es glauben. Wirklich wieder Felder, Bäume, Hügel, Häuser. Ja, auch Häuser. Es wird' neblig. Die Luft wird gelbbraun, schwer und heiß. Zahllose Boote llild Schiffe schießen dahin. Man hört Lärm und Geschrei.. Und plötzlich zeichnen sich im Nebel die Lillien von berghohen Häusern. Unb die Linien werden immer deutlicher. Schon sieht lnan die Fassaden, ja schon auch die Fenster. Es sind wirklich Menschenhäuser, keine Luftspiegelungen, wirkliche Häuserberge, einer höher als »der andere, Stufen — wohin? Ich kam ja schon einmal übers Meer zu Dir, oh .Hafen von New-Dork, und schon damals war mein Staunen groß. Aber auch heute sind meine ersten Worte an Dich: Schön bist Tu — drohend schön! Kindevecke. - Stimmung. Bon Hsinrich Sirchävter. . Der Stwan war zu Ende gegangen und mit ihm der Frühling. Nicht mehr dufterfüllte, linde Lüfte fächelten um der Menschen Häupter. Es herrschte entweder Windstille bei heißem Sonnenbrand, oder heftige Windstöße fegten durchdichtbelaubte Baumkronen. Nicht mehr die Anlagen inmitten der Stadt und die Gärten und Wiesen in ihrer nächsten Umgebung boten die erwünschte Erholung. Das Sehnen richtete sich nach der Ferne, nach den Wäldern des Gebirges und den Fluten der Eee. Zwei junge Leute aus einem großen Geschäfte hatten sich verabredet, ihren Urlaub zu einer gemeinsamen Wanderung zu benützen. An ekckem der letzten Tage des Lammus traten sie ihre Reise an. Die Eisenbahn trug sie in einigen Stunden zu dem Orte, die sie zum Ausgangspunkt der Fußtour bestimmt hatten. Den.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.