Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1922)
- Date
- 1922-12-28
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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»" ■■■ grmmfffr 26* 28. AezewSer 1922. VIü. Iahrgaug sss= 9. %tUi 5688. h e r a u S g e g r b e n vom Gruppenvsrband, der Palästina-Zentrale und der Jugend-Organisation der Agudas Zisroel für Deutschland. An unsere Gruppen Nachdem auf unsere Anfrage hin der weitaus größte Teil der Gruppen.'sich gegen einen Delegiertentag ausgesprochen hat, sehen wir uns veranlaßt, vorläufig eine Tagung nicht stattfinden zu lassen. Agndas Jisroel-Jugerrdorganisation, Köln Lev Munk Julius Ochs Zur Lage. Bemerkungen. Bon Benzion Bcermaun in Frankfurt a. M. Es bedarf zuweilen größerer Fähigkeiten etwas niederzureißen als aufzubauen. In gewissen Fällen muß der Niederreißende recht vorsichtig zu Werke gehen, daß er nicht mit vernichtet, was uirbedingt stehen bleiben muß. Der Chirurg, der gezwungen ist, kranke Organe aus dem Körper zn entfernen, hat eine weit größere Verantwortung, 'als der, der ein künstliches Glied anfertigt, mit dem Zwecke, die Leistungsfähigkeit eines siechen Körpers erhöhen. Im letzteren Falle ist beim Mißlingen der Sache zwar nichts gewonnen, aber auch nichts verloren. Im ersteren Falle steht sehr viel auf dem Spiele. Der Operateur hat die Verantwortung dafür, daß er mit dem Messer nicht an lebenswichtige innere Organe kommt. Und ein unvorsichtiger Riß. oder Schnitt macht die Operation zur Lebensgefahr. Tr. Jsaac Breuer, der Enkel des großen Meisters S. R. Hirsche ist in den Aguda-Mättern Nr. 23 mit einem Artikel über die Lag!e bervorgetreten, der sich durch heiligen Ernst und tiefes Eindringen in die Materie auszeichnet, aber man spürt dabei die Luft des Operationszimmers. Es sieht so aus, als oft der Enkel, wie seinerzeit der Großvater init dem Messer zu kurieren gedenke, mit 'einem Schnitte die kranken Teile entfernen möchte, vielleicht sieht cs nur so aus. Xer Enkel ist Vorsichtiger, er meidet das Wort schneiden, und dennoch ist der Verdacht berechtigt, daß er darauf hinausgeht die WAt- Agüda zu dieser Operation zu gewinnen. Der erwähnte Artikel ist mehr für das östliche Publikum als für das westliche. Der östliche Leser verspürt 'aber bei dem Gedanken der Operation ein inneres Beben, die westlichen Aerzte sind im Allgemeinen für solche radikalen Operationen. Im Osten aber kann das Wort „schneiden" zur Verzweiflung bringen, der Kranke trägt sich mit seinem Leiden, solange wie möglich herum, um dein Eingriff zu entgehen. Ich kann es mir nicht versagen, mich nicht nur mit dem zu befassen, was Herr v'r. Breuer gesagt hat, sondern auch nrit dem, was zwischen den Zeilen geschrieben ist. Dr. Breuers Worte werden im Osten wie im Westen mit größter Achtung gehört und können nicht ignoriert werden. Der Autor vergleicht einen gewissen Teil der zionistischen Entwicklung mit der Reformbewegung in 'Deutschland. Er weist auf einige Symptome hin,, die beiden Bewegungen gemeinsam sind und kommt zu dem 'Schlüsse, daß man den Zionismus ebenso bekämpfen muß wie die Reform. Nun wissen wir, daß die Rich? tung Hirsch-Breuer die Reform überhaupt nicht bekämpfen, sondern sie ausschneiden und abseits liegen lassen will, eher gilt der Kampf den gesunden Teilen, die nicht gleich Willens sind, sich von dem kranken loszutrennen, und noch mehr ist diese Richtung darauf bedacht, daß die geretteten Teile in keine Berührung mit den anderen abgetrennten kommen. Meine Bemerkungen fasse ich dahin zusammen: Die Symptome sind vielleicht die gleichen, auch müßte die Angst um die Zukunft die gleiche sein, doch müssen die Operationsbedingungen ganz andere sein. Der große Hirsch hat seine Operation so vollzogen, daß er am gelahmten Körper den lebendigen Teil vom abgestorbenen entfernt. Um die letzteren. Teile war es nicht schade, sie waren uns ja ohnedies verloren. Der Schmerz war auch nicht groß, denn der Tote hat keine Empfindung und am lebendigen Teile war nicht viel zu schneiden. Hirsch war ein Meister in seinem Fach und seine Nachfolger sind nicht nur $ute Operateure, sondern auch große Meister in" der Kunst der Bandage. Kein Wunder, daß die Operation so gut. verlaufen ist und man unverhältnismäßig mehr gewonnen, als verloren hat. Allein bei uns im Osten liegen die Dinge ganz anders. Möglich, daß ein Teil der Zionisten im Osten der Orthodoxie in religiöser Beziehung genau so schädlich ist wie die Reformer, aber es ist nicht zu bestreiten, daß sie alle noch mit tausend Banden am Jüdentume .gefesselt sind. Es ist wahr, sie kämpfen gegen uns, überhäufen uns mit Hohn und Spott, verletzen uns bis in die tieffte Seele, aber auf der anderen Seite sind sie noch voll von brüderlicher Liebe, ut ihren Herzen hat das brüderliche Erbarmen noch einen Platz. Viele von ihnen haben eine jiidisch glänzende Vergangenheit, mit manchem haben wir auf einer Bank im Beshamedrasch, aus einer Gemoro gelernt, gemeinsame Tränen geweint um das verschiedenartige Golus des jüdischen Volkes, des Golus der Schechina wie auch Israels, zusammen gelacht und getollt. Der östliche Freidenker ist zumeist ein früherer Qalmudjünger, mit dem uns eine gemeinsame Vergangenheit verbindet, sodaß wir uns nicht gvnz trennen können, der Schmerz eines solchen Schnittes wird unerträglich sein für beide Teile. Wenn wir mithin uns nicht einverstanden erklären können, mit dem was Herr Dr. Breuer nicht expressis verbis gesagt, sondern nur zwischen den Zeilen anget^ntet hat, so müssen wir ihm ganz beipflichten, in dem was er ja geschrieben und offen gesagt hat. Es ist unmöglich, mit den Zionisten zusammen zu arbeiten, unmöglich, mit ihnen zusammen zu gehen durch das Tor, das sie uns öffnen wollen. Ein solches Tor wäre auch dann für uns gefährlich, wenn sie uns alle Versprechungen und Konzessionen machen und sie auch einhalten würden. Trotz der uns gebotenen Möglichkeiten, uns nach unserem Wünsche zu betätigen,; bliebe doch dieser Weg für uns gefährlich. Sie werden sich immer als Herren der Situation fühlen und das wird dazu führen, daß die Bolksmassen instinktiv in ihre Kreise übergehen. Dann werden wir doch gezwungen sein, uns zu treuneu, vorausgesetzt, daß es nicht zu spät sein wird. Deswegen ist es notwendig, den ersten Kampf gleich zu Ende zu führen, um uns ein' eigenes Tor, einen eigenen Eingang in Palästina zu verschaffen, sodaß wir in unserer Palästinaarbeit ganz ungestört bleiben. Nur auf diesem Wege ist es möglich, eine völlige Trennung zu vermeiden. In diesem Fall wäre dann zu hoffen, daß die Zweige des Baumes eher die Fühlung mit der Würzet lvieder bekommen und die einzelnen Glieder allmählich daran gewöhnen, sich im praktischen Leben unter den Befehl von Kopf und Herz zu stellen. Die offen a u s gesproche n e Breuer- Politik soll und muß durchgeführt werden im jüdischen Leben, wenn nicht anders die Gefahr einer schmerzlichen Operation für die Orthodoxie heraufbeschworen werden soll. „Agudas Jisroel" steht vor einem schweren, bitteren Kampf, einem Entscheidungskampf, und sie darf nicht zurnckschrecken, am wenigsten vor dem Vorwurf der „Politik", der gegen sie immer erhoben wird. Im feindlichen Lager wissen sie, wie sic Kanonen aufstellen sotten, sic wissen gegen der Herzpunkt zu zielen, es scheint ihnen gefährlich, wenn sich Agudas Jisroel mit Politik befaßt. Denn es steht dabei zu befürchten, daß bei gutem Gelingen der Aguda-Politik die Zionisten aufhören, die Herren und Beherrscher des Klals zu sein und nur noch zu Fiihrern ihrer Partei reduziert werden.. Deswegen konzentriert sich der ganze Kampf der Zionisten gegen die Aguda-Politik. Man will uns schon alles zuerkennen, nur sollten wir uns nicht in Politik mischen. Das Palästina-Monopol soll in den Händen der Zionisten bleiben und wehe einer anderen Hand, die es wagt, daran zu rühren. Es ist Mäjeshätsbeleidigüng, Hochverrat, Ansbund aller Schlechtigkeit. Ist es nicht lächerlich und zugleich tieftraurig, zn sehen, wie die großen Massen alles hinnehmen und glauben, was man ihnen in die Ohren hineinbläst? Auch harmlose gute Juden fallen irr den Ruf ein: „O Weh die Aguda ist politisch, eine schreckliche Sache, man hat Agudisten bei der Politik ertappt", solche Schreie schwirren durch die- Lust. Ich frage aber die harmlosen Schreier: Warum schreit Ihr, was wollt Ihr? Was ist dabei, wenn Agudas Jisroel die gleichen Rechte beansprucht wie der Zionismus. Kein Zweifel, daß die Mehrheit der Schreier nicht wüßte, was sie darauf antworten sollten. Wer es wird sie dennoch nicht hindern, jveiter zu schreien. Sie, wissen selber nicht, daß sie fff - mir Phonogroph sirrd, der die Stimmen wiedergibt, die mau in ihn hineingesungen hat. Die Zionisten wissen was sie tun, hoffen wir, daß auch die Führer der Agudas Jisroel es wissen weichen. Die Waffen, schärfen, das ist der richtige Weg zu einem aufrichtigen Frieden. Nachbemerkung! der Redaktion: Herr De. Breuer, dem wir auf Wunsch unseres' geschätzten Mitarbeiters dessen Artikel vorlegten, bemerkte hierzu folgendes: Ich freue mich der vorbehaltlosen Zusttntmun'g des geehrten Herrn Einsenders zu meinen Ausführungen. Was der Herr Einsender zwischen meinen Zeilen gelesen hat, hoffe ich demtkächst ausführlicher darlegen zu können und gebe mich heute schon der sicheren Erwartung hin, daß er nach Aufklärung einiger Mißver-