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Der Israelit · 1922-12-21 · Heft 51 (21.12.1922) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 51 (21.12.1922)
Date
1922-12-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Feuillelon-Veilaae za Ar. 51 des „Zsraeltt". schlechte Zetten — gute Setten. Von Heinrich Einstädter. — 1912. — Großmutter hat nach Beendigung des Mittagessens das Eßgeschirr weggeraumt und die gute Sckabbosdecke über den Tisch gebreitet. Eigentiick nickt über Len Tisch selbst, sondern über das -weiße Tifchtuck, das beute überhaupt nicht entfernt wird. Nun zieht sie ihrerr Mantel an und geht hinüber zu ihrer Freundin Lea, um mit ihr ein Sabbatstündchen gemütlich zu verplaudern. Der Gegenstand, der heute behandelt wird, sind die „schlechten Zeiten". „Heutzutage wird einem das Sparen beigebracht," beginnt die alte Dame: „Meint Ihr, mias in diesem Jahre die Bauern sür ihre GSnse verlangen? In meinem Leben habe ich nicht mehr wie 2Vr Mark gezahltjetzt wollen sie 3 Mark. Das Mehl ist von 17 Pfennig auf .18 Pfennig gestiegen, und der Bäcker will nicht Mehr für '3 Pfennig Hefe abgetzn. 5 Pfennig >muß er haben! Was man so an einem Erew : Schabbos ausgibt, nicht zu sagen ist es. Leid -Lut mir mein Sohn, der gute Nathan, der sich so plagen muß, um das alles , zu verdienen." Und Lea? Sie stimmte der Freundin vollkommen bei und ergänzt ihre Klagen durch -weitere Beispiele. „Ich habe auf Schabbos sieben Pfund Fleisch ,geh 'ik und mir aus Vorsicht ein Fünfmarkstück gekommen, weil auch manchmal ein Viertelpfund mehr gehackt wird. Aber ganz hat das Gewicht aufs Haar gestimmt. Ich gebe dem Metzger mein Fünfmarkstück, daß er mir herausgibt. 'Der aber schaut mich groß an: Noch 25 Pfennig fehlen. Das Fletsch ist auf 75 Pfennig aufgeschlogen." >üo klagen die beiden Frauen weiter über die „schlechten Zeiten" und freuen sich dabei des schönen Schabbos, der ihnen dazu Muße gewährt. Worüber sollen sie sonst auch sprechen? ^Loschon Hora" will man doch nicht reden, und „neuen Staat" schafft man sich bei den „teuren Zeiten" auch nicht jede Woche an, die Zeitung zu lesen, hat man bei der vielen Arbeit keine Zeit, also klagt man über die „schweren Zeiten". So hat man's schon früher gehalten und von Den Müttern gelernt. Auch die sprachen stets von den „schlechten Zeiten". — 1922 — Recht schicksalsschwere Jahre sind ins Land gegangen. Sie haben fast alle Verhältnisse gewandelt und eine Teurung gebracht, deren Höhe Lein Mensch geahnt hat. Großmutter ist auch älter geworden. Zwar ist sie noch.immer tätig, aber das Haus verläßt sie nur sehr selten. Innerhalb der vier Wände spielt sich ihr Lebensabend ab, den ihre Angehörigen so angenehm als möglich gestalten, Der G oßmutter darf nichts fehlen vor allem, was sie bislang gewöht war. Von Milchkpapph'At hat sie nie etwas bemerkt. Die Preise der Lebensmittel werden ihr sorgfältig verheimlicht. . Ure Stube ist so gut geheizt -wie zu der Zeit, 'als' noch'ein Zentner Kohlen 80' Pfennig kostete,. Die -großen Rechnungen für Kleider, Wäscher mkd Reparaturen bekommt sie nicht Gesicht' ' ' . " Dagegen teM man ihr alles vnt, waS ge- ' eignet ist, sie zu erfreuen'. Wenn ihr Sohn abends in das Zimmer kommt, um nach Geschäftsschluß ein gemütliches Stündchen seiner Familie zu widmen, da sagt er oft: „Rat' mal, Mutter, wieviel wir heute eingenommen haben?" Und sie legt die Hände ineinander und blickt ihn leuchtenden Auges an. „Nun, wie kann ich raten? Die Ladentür hat ja oft geklingelt. Waren es vielleicht hundert Mark?" „Mehr, Mutter!" „Zweihundert?" „Noch mehr!" Die Züge der Greisin zeigen, die größte Spannung^ Sie neigt den Kopf vor: „Nun sag' schon, Nathan. Wieviel war es?" „Achttaufendfünfhundert Mark." Und als sie das gar nicht begreifen kann, legt er das Paket Banknoten vor sie hin. Da schlägt sie dann die Hände zusammen und spricht hochbeglückt:? „Unberufen und unbeschrieen. Du sollst mit Gotteshilfe weiter so Masel haben." Die Enkel, die schon im Berufsleben stehen, berichten treulich der Großmutter von jeder Gehaltserhöhung und weiden sich an ihrer herzlichen Freude. Der Gedanke, daß den hohen Einkünften wohl auch entsprechende Ausgaben gegenüberstehen muffen, kommt der guten Frau nicht. Das hohe Alter hat doch ihre Kräfte beeinträchtigt. Sw merkt nicht die Sorgen, die ihre Angehörigen zuweilen drücken, ahnt nicht die Not, die die wirklich schwere Zeit über so viele gehäuft hat. Am Schabbos sitzt in ihren bequemen Lehnstuhl und empfängt chren Besuch. „Wißt Ihr noch, Lea!" spricht sie, wie wir so oft über die schlechten Zeiten geklagt haben? Gott sei dank, daß wir nun auch noch die guten erleben. Früher hat mein Sohn reisen muffen, hat den Leuten gute Worte geben müffen, daß sie ihm etwas abgekauft haben. Jetzt kommen sie mit ihrem Geld zu uns ins Haus. Was war das damals ein schwerer Handel. Der eine Bauer wollte fünfzig Pfennig abzlehm/ nach langem Reden gab er dafür schließlich ein paar Pfund Mehl oder Linsen. Das ist jetzt alles anders. Keiner mutet mehr meinem Nathan so etwas zu. Und früher hat ein Lehrling drei! Jahre sich plagen müffen — für nichts. Mein Bernhard ist jetzt seit einem Jahr in Berlin in einem großen Geschäft, und was meint Ihr, was er bekommt? Zweitausend Mark — als Lehrling! Denkt Euch nur, da kann man sich ein ordentliches Stück Geld ersparen. Ich danke jeden Tag meinem Schöpfer, daß er mich noch die guten Zeiten erleben läßt." Und der Sabbatfrtede spielt gleich einem Sonnenstrahl über den vielen Runzeln im Gesichte der Greisin, und heiteren Herzens erwartet sie den Tao, der ganz Sabbat und Ruhe ist im Leben der künftigen Welt. Kinderecke. Avs dem Leben eines Großen. .'..V''-', .. .. Mhlub.) ' Er nimmt! zunächst eine Rabhinerstelle ' ist. Nenttrow an der Grenze zwischen Litauen und Polen an, wird aber von dort gleich nach der bedeutenden Gemeinde der wolhynischen Stadt Wladimir berufen, wo sich dem Rabbi aüS Deutschland und Böhmen ein ganz ungeahntes Arbeitsfeld sogleich eröffnet. Es war während der KosakenauMnde, in den kurzen Atempausen zwischen Aufstand und Ausstand, der jedesmal Ströme von jüdischem Blute gekostet hatte. Im harten Ringen zwischen Chmelnttzkt, dem Kosakenführer, und den Polen stürzten sich die Kosaken in all den von ihnen eroberten Städten zuerst auf die Juden, richteten überall Blutbäder an, sodaß manche Gemeinde vom Erdboden verschwand. Es gab Waisenkinder in Fülle, für die gesorgt werden mußte. In Nemirow allein waren zehntausend Juden umgekommen. Unzählige hatten in der Angst ihrer Seele die Taufe genommen, jetzt aber, sobald eine Ruhepause eingetreten war, flüchteten sie in Maffen zum Judentum zurück Viele Fronen wußten nicht, ob ihre Männer tot oder noch am Leben waren und galten als „Agunos", die, an ein unbestimmtes Schicksal gekettet, sich und ihre Kinder durch Wtederverhetratung nicht versorgen konnten. All diese Fragen und Sorgen bedurften der energischen Hand eines ganzen Mannes. Und Rabbi Jomtow Lipmaun Heller kam gerade zur rechten Zeit, um mit tiefem Wissen, reicher Erfahrung und gewandter Weltklughett, nicht S mit seinem versöhnenden, auf Frieden und , henwohlfahrt gerichteten Sinn ordnend und heilend zu wirken. In den Konferenzen, die zur Regelung dieser Angelegenheiten die Rabbiner in Polen, Rußland und Litauen abhielten, nimmt nun Rabbi Heller den ersten Platz ein. Die intereffanteste beachtenswerteste Instituten ' der Ostjuden um diese Zeit war die Drei¬ oder Vierländersvnode, die zweimal jährlich anläßlich der Messen in Lublin und Jaros law tagte, und die als Oberinstanz für alle jüdischen Angelegenheiten der Gesamtheit und der Einzelgemetnden Entscheidungen von bindender Kraft und höchster Bedeutung traf. Bei diesen Meffen pflegten sich auch die Gelehrten, die Rabbtnen und Jeschiwaleiter Polens und Rußlands ein Rendezvous zu geben, und ein Thoraaustausch wurde gepflegt, wie er höchstens in den halbjährlichen Kollaversammlungen in den babylonischen Schulen zu Sura und Pumbedita des dritten Jahrhunderts sein Beispiel hatte. Auf der Messe in Lublin und Jaroslaw holten sich die Gemeinden auch ihre Rabbiner aus dem Kreise derer, die bei den öffentlichen Beratungen und Disputationen die besten Proben ihrer Gelehrsamkeit ablegten. Da die Jffchiwaletter auch ihre besten Schüler mitbrachten, so war hier den reichen Kaufleuten Gelegenheit geboten, sich den Schwiegersohn auszusuchenzumeist war es ein armer Bachur, der auf Kosten des Schwiegervaters Wetter ausgebildet wurde bis zur Existenz oder Stellung. Hier auf der Messe wurden auch die Neuerscheinungen auf halachischem und rabbtntschem Gebiete besprochen, verbreitet, je nachdem empfohlen oder verworfen. Den Glanz und Mittelpunkt dieses jüdisches GemeiniebenS bildete aber, wie schon gesagt, die aus Vertretern von drei später vier Ländern sich zusammensetzende Synode, die, Rabbinerkongreß und Gemeindekonferenz zugleich, das straffe Band um das gesamte Gemetndeleben von Rußland, Polen und Litauen aufrecht erhielt. Und der an deutschen und böhmischen Verhältnissen orientierte Rabbi Heller ist nmv etstevLetter dieser Körperschaft, die er noch Äettsr ausbaut und ausgestaltet und auf eine Höhe " bringt, die uns in organisatorischer Beziehung' heute noch - vorbildlich sein künn. i» , Allein, auch in Wladimir gab es übelwollende Elemente, die dem. schon "alternden Rabbi das Leben verleideten. Da'.er als Leiter der genannten Körperschaft, ü'üHauf die'Regelung deS Steuerwesens grohenGiMuß ausübte, so zog er sich damit die Feindschaft vieler 'SteüernnwMtger

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