Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1922)
- Date
- 1922-12-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu M. 4Y -es „Israelit". Spanische GanuSa vor vierhundert Jahren. Es war im Jahre 252 unseres Jahrtausends in der Hauptstadt Spaniens, Madrid. Am ersten Chanuckaabend versammelten sich Im Hause des allgeachteten Dön Emanuel Davids alle angesehenen Männer der Gemeinde, Familienangehörige, Freunde und Nachbarn. Der große Verwandtenkreis hielt es von jeher für seine Pflicht, in gehobenen Stunden das Familienoberhaupt zu besuchen. Der große Saal, in dem sich die Gäste versammelten, war reich geschmückt mit lebenden Blumen und blühenden Bäumen in Töpfen und Vasen. Durch die große offene Tür der Veranda drangen angenehme Düfte aus dem Garten in den Raum. Alles war in skstlichcr Stimmung, und dennoch mußte ein Eingeweihter die sonst übliche Festesfreude vermissen. Obenan neben dem großen achtarmigen gcldenen Leuchter saß der greise Don Emanuel, einen alten aufgeschlagenen Folianten auf dem Schoß. Es war aber zu merken, daß feine Gedanken von den vergilbten Blättern ganz anderswohin abschweiften, und seine Augen süchten unruhig in der Leere. Von den Gasten wagte keiner, die düstere Stille zu stören, denn jeder kannte den Grund der Trauer. Vier Söhne blühten wie die Zedern in diesem Haufe heran, klug und gelehrt waren sie und durften zu den besten Söhnen Israels zählen. Da zogen sie in den Heldenkawpf für Spaniens Freiheit und Unabhängigkeit und kamen nicht wieder. Bor den Toren Granadas ließen drei ihr junges Leben für ihr geliebtes Vaterland. Vom vierten fehlte jede Nachricht. Als Don Emanuel die Kunde von dem Tode der drei traf, weinte er keine Träne, er wußte seine Söhne hatten wie viele Andere ihre Pflicht für das Heimatland und noch mehr für die Ehre des jüdischen Namens erfüllt. Aber wie verwaist fühlte sich der seit langem verwitwete Greis seit dieser Stunde. Ein einziges Zweiglein war noch von seiner Nachkommenschaft ge» blieben, der fünfjährige Enkel Elieser, dem Don Emanuel die ganze Liebe seines Herzens zuwandte. Jetzt trat auch der kleine Elieser in den Saal, küßte dem Großvater die Hand und fragte, auf den Leuchter weisend: „Großvater, wann wirst Du das Chancka- Licht entzünden?" „Sogleich, mein Kind." Der Alte erhob sich mit jugendlicher Kraft, und mit ihm erhoben sich alle Anwesenden. In der alten gemütkvollen spanischen Weife sprach Don Emanuel die Segensformel, und wie ein Helles Licht entzündete sich in aller Herzen. Ein begeisterndes Amen bestätigte die drei Segenssprüche, und dankt stimmten die Anwesenden Lieder an, wie sie damals in Spanien für dieses Fest üblich waren. Alle schwarzen Schalten von Sorge und Kummer schienen mit diesem Glanze verschwunden, und neue Hoffnung flammte mit dem Lichte auf, Hoffnung auf eine frohe, glückliche Zukunft für die Juden, die erneut auf blutigen Feldern Spaniens Ruhm und Größe begründen halfen. Da trat leisen Schritts der alte Diener in den Saal und überbrachte auf einer silbernen' Schale einen versiegelten Brief. Kaum hatte Don Emanuel den Brief geöffnet und einige Zeilen gelesen, als Totenblässe sein Gesicht bedeckte und seine Hände wie im Fieber zitterten. Er warf den Brief auf den Tisch mit den Worten: „Herr der Welt, womit haben wir das verdient?" Dann zerriß er die Kleider, setzte sich zu Boden und fing weinend mit dem Gebete an vom „Horte, dessen Werk vollkommen ist, dessen Wege gerecht sind..-" Der unheimliche Brief wanderte dann von Hand zu Hand. Und jeder wurde beim Lesen von kaltem Entsetzen erfaßt. Es war etwas Ungeheuerliches, Unfaßbares. Mitten in die heilige Ltchtsphäre kam schreck-liche Kunde. Einer Welt, einer großen jüdischen Welt drohte der Untergang und dieses bedeutete auch, man wußte es, Spaniens Untergang . . . Die Bestürzung Pflanzte sich in den folgenden Tagen durch das ganze Land fort. Ueberall wo Juden wohnten und sich bis da als Bürger des Landes sicher fühlten, gab es Trauer und Verzweiflung. Nur abends, wenn die Ltchtlein ausflammten, da schlich sich wie ein Heller Strahl auch in die matten Herzen, als sprächen Makkabäerstimmen Mut und Trost den Verzweifelten zu. Am letzten Chanukaabend saß wieder die ganze Familie um den alten Davido versammelt. Die hcranziehende Katastrophe hatte den Alten sein eigenes Leid vollkommen vergessen lassen. Er war jetzt nur noch unermüdlicher Tröster seiner großen Familie, seiner Freunde. Als er jetzt vor der tm vollen Lichterglanze aufstrahlrnden Menorah die Chanuckagesänge onftimmte, schien es, als hätte eine geheime Hand die Sorgenfalten auf den Gesichtern der Leute geglättet und sie wieder zu mutigen starken Menschen gemacht. „Und erreichen wir nicht die Zurücknahme des fürchterlichen Befehles", rief Emanuel mit fester Stimme, „dann greifen wir nach dem Wanderftabe und suchen uns neue Wege und neue Ziele, die uns der Schöpfer, dem wir dieses Opfer bringen, nicht vorenthalten wird." „So sei es!" stimmten alle begeistert ein. So kam es auch für Hunderttausende von Juden, nur nicht für Don Emanuel selbst. All diese griffen nach dem Wanderstab, alle gingen sie, dem einen wurde irgendwo Hilfe und Heimat, dem andern begegnete der' Tod auf halbem Wege, nur Don Emanuel sollte vor eine harte Prüfung gestellt werden, die er nicht bestand ... Harte schwere Monate zogen heran. Der Termin der Austreibung rückte immer näher. Wer vermochte, wartete ihn nicht ab, sondern zog schon vorher aus dem Lande. Andere harrten mit unbestimmter Hoffnung im Herzen, oder fatalistisch ihrem Schicksal entgegen. Auch Don Emanuel hatte seine Ranzen geschnürt und war reisebereit mit all den Seinen. Da trat plötzlich ein Zwischenfüll ein, mit dem der Greis nicht rechnen konnte. An einem Frühlingstag öffnete sich die Türe seines Hauses und auf einer Bahre trugen Männer seinen jüngsten Sohn Benjamin, den Vater des kleinen Elieser, ins Haus. Als vielter war er jung und kräftig in den Krieg gezogen, ohne Beine brachte man ihn jetzt wieder heim. Nachdem er draußen in verschiedenen Feldlagern lange zwischen Tod und Leben geschwebt hatte, hatte er, sobald er das Bewußtsein und die Sprache wieder gewonnen hatte, darauf gedrungen, ins Vaterhaus überbracht zu werden. Benjamin war das nahende Schicksal seiner Brüder bekannt, und schon gleich beim Eintritt sprach er davon: „Vater", sagte er, „Du siehst wohl, ich werde die Wanderung nicht mitmachen können. Gott hat es wohl so gewollt, darum mußte ich meine Beine verlieren. Du aber nimm meinen kleinen Sohn Elieser mit Dir und erziehe ihn zu einem Juden. Auch meine junge Frau soll mit Dir gehen. Ihr sollt im fremden Lande als Juden weiter leben können." Ein harter Seelenkampf hob nun für Don Emanuel an. Wie sollte er sein geliebtes Kind, das einzige, das ihm von vier Söhnen geblieben, als hilflosen Krüppel ohne Schutz und Beistand allein unter Fremden lassen? Aber der Sohn beschwor ihn tagtäglich: „Gehe nur, Vater, ohne Bedenken und ohne Rücksicht auf mich, g,he und rette mein Kind dem Judentum." Dem seelischen Ringen war aber der Alte nicht gewachsen. Oft genug hatte er im Innern beschlossen, dem Rate des Sohnes zu folgen. Wenn er aber den Hilflosen anblickte, wurde er wieder schwankend. Und viele, viele gab es damals in Madrid, denen das Verlassen der geliebten Erde ganz unmöglich schien, die mit einer baldigen Aenderung und Besserung rechneten und zeitweiliges Opfer nach außen nicht als zu hoch erachteten . . . Nach und nach ließ sich auch Don Emanuel zu dieser Ansicht bekehren und tat einen fürchterlichen Schritt, der ihm große Seelenvetn brachte und wie vielen anderen in der F«ge zum Verhängnis wurde. Die Zahl der Marannen hatten sich um eine kleine Familie vermehrt und das Ansehen Don Emanuels trug dazu bei, daß manche seinem Beispiele folgten.- Als im nächsten Jahr wieder Chanucka kam, da brannten im Salon Don Emanuels keine Lichtlein mehr, aber ein reichgeschmückter und ltchterfüllter Tannenbaum wurde unter fremden Gesängen angesteckt. Das kalte Licht blendete dem Alten die Augen, die fremden Töne schnitten ihm ins Herz. Kein lauter Seufzer durfte sein beklommenes Herz erleichtern. Dann aber, als die unzähligen Lichter erbarmungslos flackerten, hielt er nicht mehr an sich, zog sich in eine ganz stille Ecke zurück und zündete dort, wie er glaubte, von keinem beachtet, noch ein kleines Lichtletn an, wobei sich seine Lippen im Gebete bewegten und dicke Tränen seine Wangen hinunterrannen. Aber es wurde gemerkt. Die Dienerschaft, unter drr von der Inquisition besoldete Spione sich befanden, hatte wachsames Auge und sie zögerte nicht mit der Anzeige. Als aber die schwarzen Folterknechte der Inquisition ins Haus traten, war Benjamin der erste, der sie mit einem lauten „Schema" erypsing, nach ihm rief auch Don Emanuel und auch alle andern im Hause, auch der kleine Elieser: „Höre Israel! .. . Wir sind und bleiben Bekenner und treue Söhne des einetnztgen Gottes! . . Drei Opfer nahmen die Keller des Jnquisitionstrrbunals auf. Der kleine Elieser wurde nach einem Kloster verbracht. S?e leugneten nicht. Und dennoch arbeiteten die Foltermaschtnen, um ihnen Angaben über andere Scheinchristen in ihrem Kreise abzupreffen. Sie ließen alle Qualen über sich ergehen und schwiegen. Benjamin erlag schon den ersten Peinigungen und war der Hand seiner Henker entronnen. In der Nacht vor der öffentlichen Verbrennung traten maskierte Gestalten zu den Verurteilten ins Gefängnis und boten ihnen heimliche Rettung an. Sie würden eine Pforte offen finden und sollten auf bezeichneten verschlungenen Wegen flüchten. Don Emanuel und die Seinen lehnten die Hilfe ab. Sie wollten, nachdem sie bereits soviel gelitten, nun zur Sühne ihres Abfalls mit ihrem Tode den Namen Gottes öffentlich heiligen. „Nur eines," bat Don Emanuel, „helft dem kleinen Elieser, daß er fürs Judentum gerettet wird." , „Für ihn ist schon gesorgt," antwortete einer der Verkappten, „er ist bereits dem Kloster entriffen und auf dem Wege nach Afrika zu unseren Brüdern." „Gott sei es gedankt," jubelte drr Alte, „jjiun kann ich ruhig sterben." Und Spanien hatte seine drei neuen Opfer. Die Freude des Volkes am hellen Scheine des Scheiterhaufens kannte keine Grenzen . . .