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Der Israelit · 1922-12-14 · Heft 50 (14.12.1922) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 50 (14.12.1922)
Date
1922-12-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Der Mraettt. No. 50. Seite 3. 14. Dezember 1W2 jetzt von Mendelssohns Epigonen h^rgestellten kompletten Bibelübersetzung noch Liebe und Glauben entgegenbringen? Wußte man doch, in welch enger Beziehung die Bewegung zu der ersten Übersetzung stand. Viele hatten die ihnen wohlvertraute Bibel in die Hand genommen, um nach dem hebräischen Te^te deutsch zu lernen. Ihre Söhne und Schüler hatten aber mit der auf diesem Wege erworbenen Halbbildung, geblendet von hellem Lichte, die Türe gefunden, die aus dem Judentum hinausführte. Das konnte man der neuen Schule, ihren Schöpfern und Führern, selbst ihrem ersten Schöpfer, der treu auf dem Boden der Religion stand, aber nicht die Spur von hiftorischrm Sinne hatte, um die Entwicklung zu überschauen, nicht vergessen und verzeihen. Der Abfall wäre wohl auch so gekommen. Das lag in der Entwicklung und im Freiheitsdrangs der Zeit vor, während und nach >der Revolution. Die Schuld und das Sch'cksal der Mendelssohnschen Schule ist es aber, dem Abfall System und Methode gegeben zu haben, ihn in eine Richtung gebracht zu haben, die dem Abgefallenen das Gefühl der Abtrünnigkeit nahm, Scham und Reue, die besten Wegweiser zum Vaterhaus, in ihm vertilgten, ihm statt dessen aber die Fiktion einer gewissen Bodenständigkeit gaben. Der Abfall im einzelnen wäre nicht so gefährlich gewesen, die Gefahr begann erst, als der Abgefallene inmitten eines Kreises glaub?» konnte, er sei nicht mehr abgewichen, er sei nicht mehr thoralos, sondern er habe eine Thora in anderer Gestalt, ein anders geartetes Judentum. Als dann kurz darauf die Reform mit ihren Synoden und Rabbinerversammlungen, aus positivem Wollen entstanden, ihre Rettungs- und Bergungsarbett begann, mußte ihre Arbeit an dem gleichen Fehler scheitern. Bei der Rettung der Stücke und Splitter aus dem Abgrund der Aufklärungsperiode übernahm sie nämlich von derselben die gleiche Fiktion der „andersgestül« teten Thora", des „andersgearteten Judentums", den Wahn, man könnte Teile und Bruchstücke als Ganzes nehmen und ausgeben.- Stellt man anstelle des Wortes deutsche Kultur, „griechische Kultur", so bildet diese ganze Bewegung des vorigen Jahrhunderts von Anfang bis zu Ende eine in allen Teilen übereinstimmende Wiederholung der hellenistischen Kulturentwicklung. Auf geistigen Umwegen führt die griechische Bibelübersetzung steil in den Abgrund des Hellenismus. Aus diesem heraus rettet aber die als positive Partei sich fühlenden und gebenden SaduHäer Stücke und Splitter heraus, die sie dann den P erusch im gegenüber, den einzigen, die die Entwickung voraussahen und während der ganzen Zeit den Mut hätten, das Ganze zu verteidigen, als das Judentum vertreten. Aber, wir sagten es schon: Damals kamen die Makkabäer, die geistigen Helden aus den Schulen zu Jabne, Liberias, Sephoris, Sura und Pumpedita. Sie blieben auch jetzt, nachdem sich der Aufklärungssturm ein wenig ausgetobt hatte, nicht aus, die Makkabäergenerale, die uns das Ganze, mitten in Hellem Lichte der Kultur in seinem herrlichen Glanze und seiner bis ins Kleinste und Einzelstegehenden Verbindlichkeit zeigten. Rabbi Jokeb Ettltnger, Samson Raphael Hirsch, Esrtel Hildesheimer, sie danken, genau wie die Lehrer der Mischna und Gemara den ersten Führern zur Zeit der Hellenisten und Saduzäer, ihre herrlichen Triumphe einzig der gleich bet Ausbruch der Flammen unter größter Aufopferung entfalteten Rettungsarbett eines „Rauda bijehuda", eines „Bal Hafloo", eines Elger, und Ehatam Sofer. Diesen Siegen und dieser Rettungsarbett der alten und jungen Geistekhelden sei unser Chanukkaltchtchen gewidmet! Wochennmdschau. Sie Sfijuden in Deutschland. Wie in voriger Nummer berichtet, befaßte sich der Preußische Landtag wieder einmal mit der Ostjudenfrage in Deutschland. Man ist gewöhnt, von der rech en Seite, von den Deutschvölkischen bis zum rechten Flügel der Deutschen Volkspartet, immer und wieder zu hören, daß an allem Unglück, das Deutschland betroffen hat, einzig und allein die Juden schuld seien, die Lebensmittelmisere und der Marksturz wird mit Vorliebe speziell dm Ost juden in die Schuhe geschoben. Diesmal hatte doch die Debatte, jedenfalls unter dem Druck der inzwischen ins Unermeßliche gesteigerten Lebensnot, insofern ihre eigene Note, als auch die Vertreter der bürgerlt^en Parteien sich die Anschuldigungen gegen die Ostjuden zu eigen machten und deren Äusweisung mehr oder weniger kategorisch verlangten. Wie unehrlich der Kampf auf Seiten der schwerindustriellen Vertreter, der Reaktion ist, erhellt daraus, daß gerade in diesen Kreisen, wo MilltardengeschLfte mit dem Auslande gemacht werden, eine starke Abneigung gegen eine Gesundung der Mark herrscht. Die Herren wissen sehr wohl, daß eine Entfernung der Ostjuden nicht den geringsten Einfluß auf die Währungsverhältnisse haben würde, da es sich zumeist um kleine Leute, um Hausierer, Handwerker oder Arbeiter handelt, die sich nicht nur ehrlich und notdürftig durchbringen, sodern soaar der Industrie und dem konsumierenden Mittelstände großen Nutzen bringen. Wenn es, was wir ohne weiteres zugeben, leider zutrrfft, baß auch einige wenige ausländische Juden in Berlin oder anderswo in unlautere Geschäfte zum Schaden des Staates oder der Gesellschaft verwickelt sind, so möchten wir diese keinerswegs in Schütz nehmen, sondern als Schädlinge des Judentums brandmarken und fortwünschen. Aber wir fürchten und vermuten, daß gerade diese Großherren, die längst über die Grenadier- und^ Dragonerstraße hirrausgewachsen sind, das Schicksal der Austreibung nicht treffen würde. Millionengeschäste schaffen immer gute Beziehungen und auch die Herren Antisemiten fragen nicht nach Raffe und Taufschein, wenn das Geschäftchen etwas einbrtngt. Betroffen werden einzig die genannten kleinen Hausierer, Handwerker und Arbeiter, denen man das armselige Dach über dem Haupte nimmt. Es ist bedauerlich, daß nicht einmal der Vertreter der demokratischen Partei an dieses Moment gedacht hat. Was Herr Severing gesagt hat, ist gut und richtig und erfreulich, und zeigt uns den Minister als warmfühlenden Menschen. Aber alle Zeichen deuten darauf hin, daß die Scharfmacherei dennoch ihren Zweck erreicht hat. Die Ausweisungen mehren sich und neue Verordnungen sind erlaffen, die von den örtlichen Polizeistellen drakonisch ausgeführt werden. Es wird daher nötig sein, daß man unter obigen Gesichtspunkten noch einmal klärend auf die zuständigen Instanzen einwirkt, nm drohendes Unheil abzuwrhren. Mischer Gell» und jüdischer Hunger. Unter den Hilfsgeldern, die von Amerika für Oesterreich flüssig gemacht wurden, sind nachgewiesenermaßen nicht weniger als 50000 Dollar von jüdischer Seite gespendet worden. Die Initiatoren der Hilfsaktion in Amrrika, die insgesamt 200000 Dollar aufgebracht hat, sind die Herren Marburg und Generaldirektor Kahn. Dank dieser Hilfe konnte die Mensa academica für Professoren und Studenten in Wien und konnten andere Institutionen neu und wieder eröffnet werden. Und just um diese Zeit haben die Wiener Zeitungen nichts beffereS zu tun, als Judenhetzen zu treiben und speziell den akademischen Antisemitismus zu züchten. Besonders richtet sich die Hetze gegen 700 jüdische Mediziner, die man aus Ungarn über die österreichische Gr.nze gejagt hat- Für diese Akademiker haben die von den jüdischen Geldern eingerichteten Institutionen keinen Platz und kein Brot, es soll ihnen überdies jetzt auch noch das Aufenthaltsrecht gl- Wohltuend wirken die sauberen Kabinen mit frisch weitzbezogenen Kissen und Decken, echre Roßhaarmatratzen (Frieder.sware) und auch Seife, Handtuch und Spiegel in jeder Kabine. Warum ich das letziere besonders erwähne? Da passierte eS neulich auf einem Amerikadawpser, daß ein junger Mann von etwa 16 Jahren energisch gegen seine Unterbringung protestierte, weil in seiner Kabine — kein Spiegel war. Er Hab,.' genau soviel bezahlt wie die anderen und möchte ebenfalls einen Spiegel ha'en. Vergebens bemühte ich mich ihn zu beruhigen mit dem Hinweis darauf, daß ich feit 50 Jahren durch die Welt gehe und nie einen Spiegel bei mir habe Es half nichtsentweder der Spiegel oder eine andere Kabine. Auf allen Gebieten dieselbe Erscheinung. Je teurer eine Sache ist, desto größere Ansprüche werden gestellt. Und mir Recht. Auf dem Dampfer „PitttSburg" ist allen Anforderungen Rechnung getragen. Die elektrische Küche zumal muß den Neid aller Hausfrauen erregen. Tischlcin deck dich! Kein Kohlendunst, keine Rauchentwicklung, sondern gleichmäßige Wärme- und Hitzegrade, die je nach Bedarf eingeschaltet werden können. Auch räumlich ist die jüdische Küche gut angelegt, bis auf einige kleine Aenderungen, die die Gesellschaft auf Anregung des Herrn Rabbiners ohne weiteres vornehmen wird. Wer durch die Not gezwungen ist, den Wanderstab zu ergreifen, der kann von Glück sagen, wenn er schon auf dem Dampfer fitzt. BtS dahin find es weile beschwerliche Wege, die es zu überwinden gibt. Davon sprechen wir in einer besonderen Notiz. Geburten. Eine Tochter: Leo Plaut (Gokdstetn), Breslau. Bruder starb und auch ihn fein Vater betrauert hatte? Vielleicht ist einer der Leser in der Lage, eine befriedigende Antwort auf diese grage zu erteilen. Jedenfalls werden wir auf diese Targumstelle noch zurückkommen. Keines Feuilleton. Vas Lhanukafest in kalendarischer Seleuchkung. Während unsere sämtlichen Fest- und Fasttage an vier bestimmte Wochentage oebunden sind und lediglich der Fasttag niipp an fünf Tagen stattfinden kann, ist Chanuka dadurch ausgezeichnet, daß er, an allen Tagen der Woche mit Ausnahme des DtenSiügs fallen kann. Infolgedessen kann jeder Tag des Festes auf TOP fallen mit Ausnahme des fünften Tages. Der Bolkswitz hat sich schon lange dieser Tarsache bemächtigt, indem er unter Anspielung auf NNnix p dessen Parscho am fünften Tag Chanuka verlesen wird, einen „Schleustet" machte, um dessen „Pech", daß dieser Tag niemals auf Schabbos fallen kann, zu charakterisieren. In diesem Jahre trifft der seltene Fall ein, daß an Schabbos.Chanuka die Sidrah 3s»n geleient wird, was in 50 Jahren nur fünfmal sein kann, sonst wird an genanntem Tage immer die sidrah pp» vorgelesen; falls zwei Schabbos-Chanuka möglich, gelangen beide Stdrohs zur Verlesung, an ppv aber die Hasthora arm VL'1, sodaß die Stammhasihora zu ppn die Ausnähme und nicht die Regel bildet. Außerordentlich selten ist der Beginn des Chanukafestes om Donnerstag; dies trifft nur bei Konstellation ein, im gewöhnlichen Jahr erst wieder im Jahre 1973, tm Schaltjahr erst 19t0. Eine dem Chanukafest allein anhastende Eigentümlichkeit ist auch, daß sein Ende kalendarisch nie fest fixiert, sondern schwankend ist. So schließt es entweder den 2. oder 3. Teweth, da nämlich dieser Monat, je nachdem das Jahr ein „mangelhaftes" oder ein „vollzähliges" ist, einen Tag Rausch Chaudesch oder zwei Tage hat. So kommt es vor, daß, wenn jemand am 3. Teweth Jahrzeit hat, er diese entweder am letzten Tag Chanuka oder einen Tag nach Chanuka begeht. (Ein Fest au? einem Dampfer). Man schreib? uns aus Bremen; Zu einem Feste auf dem Dampfer „Pittsburg" hatte die „Whtte Siar Linie" etwa 150 Persönlichkeiten der Schifffahrts- und sonstiger Berufe eingeladen, darunter auch Herrn Rabbiner Dr. Rosenak, den Vertreter der großen jüdischen Hilfsorganisationen für die Emigration. Die Gesellschaft har eine neue Linie „Bremen-Kanada" eingerichtet und hat in Rücksichtnahme auf die jüdischen Passagiere auch für rituelle Verpflegung derselben Fürsorge getroffen. Wenn man mit Recht die Kultur eines Volkes nach der Art ihrer sozialen Fürsorge venrteilt, so läßt die Art der Unterbringung der „Emigranten" auf eine hohe Kulturstufe der „Whste Star Linie" schließen. Es gibt kein Massenzwischendeck, sondern Etnzelkabinen zu vier Personen. Die Emigranten sind nicht mehr Viehherde, sondern Menschen. „Das Wort „Zwischendeck" müssen Sie vergessen, das gibt es nicht mehr", sagte Mr. Thymsfn, einer der Leiter des Bremer Bureaus.

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