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Der Israelit · 1922-11-23 · Heft 47 (23.11.1922) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 47 (23.11.1922)
Date
1922-11-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 nt. 47 Barrikaden ihre primitiven Rechte als Menschen und Bürger erkämpfen. Wieder hatte es sich gezeigt, daß in der Arche, die von der Revolution zu den Befreiungskriegen und weiter zu 3848 geführt hat, auch die Lüoe ihren bequemen Platz gefunden hatte. Und nun kam der 9. Aw des Jahres 1914! Mitten in der Flut, die mit einer in der Geschichte "einzig dastehenden katastrophalen Wucht über die Erde hereinbrach, leuchtete uns die Rettungsbrücke in die Zukunft auf. Völker stürzten sich in schäumender Wut aufeinander, Menschen innerhalb der Volksgemeinschaften reichten sich aber über alle Gegensätze, Klaffen^ und Raffenunterschiede hinweg die Hand zum Bunde. Es gab keine Parteien, keine Stände mehr, ein Gefühl, ein e Sehnsucht, eine dunkle Erwartung durchzuckte alle und schweißte sie zu einem Organismus zusammen. Optimisten, dle nicht aufgehört haben, auf die Weltverbefferung zu warten, sahen den Anbruch des neuen Glückes. Auf dem reinen Grund der Menscheneinhelt in den Völkern sollte, wenn der Sturm, wie man damals hoffte, bald vorüber und alles, was morsch und faul ist, auf Nimmerwiederkehr fortgetragen hatte, sich der stolze Bau der großen Menscheneinheit unter den ^Völkern erheben. Und nun das Ende?! Endlich hält die Rettungsarche auf dem Ararat von Versailles. Ein Kriegsfrieden, wie ihn die Welt nie erlebt, an dem sich alle Schrecken, alle Folgen des wilden Bölkerstürmens, bis in die letzte Hütte fühlbar, erst richtig auswirken. Heute, nach vier Jahren Einheitsfront gegen eine Welt in Waffen und weiteren vier Jahren der alle unter ihrem grauen Sorgen dach einenden Lebensnot ohne gleichen, heute, da Licht werden sollte, erlischt am Himmel der Ideale ein Stern nach dem andern, und laut wagt sich das ganze unheimliche Nachtgelichter hervor. Die Lüge, die große Weltlüge, hatte sich in der verheißenden Arche mit hinüber gerettet in die neue Zeit und führt die Hand der Generäle, da sie ihre „Judenbücher" schreiben, führt die Hand der unglückseligen Jünglinge, da sie die Mordwaffe gegen den jüdischen Minister erheben, sie spricht von der Tribüne der Presse und des Bersammlungssaales herab an ein gläubiges Publikum, das wutschnaubend Beifall heult, als ginge es gegen die Macht des Bösen. Midrasch wußte schon, warum er von der Lüge erzählte, die unter Mensch und Tier in Noahs Rettungsarche ebenfalls ihren würdigen Platz gefunden . . . Und von neuem beginnt das harte Ringen der Menschen um Leben und Brot, um Licht und Freude und Glück. __«er ASraelü.__ Und dennoch! Schaut man recht, so geht die Weltkultur trotz allem und allem vorwärts und kommt auch weiter. Gleich jenem Rompilger, der nach zwei Schritten nach vorne immer einen Schritt wieder zurückgeht. Die Vorwärtsschritte übertreffen am Ende doch die nach rückwärts... Sieht man mit historisch geschultem Auge, so ist doch die Finsternis nach der Reformation lange nicht mehr so dicht und ohne Lichtschein wie im Mittelalter. Und nimmt man, wi? es „Kusart" will, den Juden als Herz des Welt- Organismus, an dessen Schicksal man immer das geistige und moralische Befinden der Welt, wie am Pulsschlag den Zustand des Patienten, ermessen kann, so muß man doch gerechterwetse ftststeüen, daß die Verfolgungen, wie sie die Juden am Rhein und Main zu Anfang des 17. Jahrhunderts, beispielsweise Frankfurt unter dem Fettmilchaufstande, erlebt haben, in gar keinem Vergleiche stehen zu dem Grauen des Mittelalters, etwa zur Zeit der Kreuzzüge oder des schwarzen Todes. Die Frankfurter Bürger, um bet diesem geschichtlichen Beispiel zu bleiben, die anno 1614 Juden in ihren Häusern Schutz und Obdach boten, die vor den Toren der Stadt den Ausgetriebenen Liebesgaben an Brot und Kleidern zustcckten, die Bauern der Umgegend, die |bie Verbannten, ungeachtet der Drohungen des städtischen M-bs, in Liebe und Gastlichkeit aufnahmen, der Frankfurter Rat und die kaiserlichen Behörden, die, wenn auch langsam, die Wiedereinsetzung der Juden in ihre alten Rechte durchsetzen/ all diese sind die lebendigen Zeugen der neuen Zeit, verraten den Lebensimpuls des neuen Geistes, der sich von den dunklen Mächten nicht mehr verdrängen, auf seinem Bormarsche nicht mehr aufhalten ließ. Und nach der großen Revolution setzt sich doch im Westen, trotz allen Gegenströmungen, die Judenemanztpation durch. Die neuen Ideen, die neuen Begriffe vom Menschen und seinem Rechte lassen sich vom Weltenbilde nicht mehr hinwegwischen und verschaffen sich langsam und sicher ihre Bahn durch alle Lande, die nicht erade durch eine chinesische Mauer sich vor Einringen des neuen Geistes schützen. Und heute? Wir leben mitten im Sturm und Drange, zu sehr mitten in den fürchterlichen Auswirkungen einer Periode der Zerstörung alles Seienden, um klaren Blick zu bewahren, aber wollen wir etwa die Hoffnung verlieren) daß trotz allem und allem sich einmal die Dinge so konsolidieren, daß das geistig und sittlich Erungene und aus der Sturmflut Errettete sich bemerkbar macht und Zu nrDin. fiurge Betrachtungen zum Wochenab schnitte?) Bon Rabb. Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). Abtmelech ließ Jsak rufen und sprach: „Sie ist „blo$u deine Frau und warum sagtest du, sie sei deine Schwester"? lX'N iph ^X). Dieses -j» scheint hier deplaziert zu fein — nach der bekannten Regel j,vwv p,ni p2X, jedes *jx oder jn drücke eine gewisse Einschränkung aus. Und doch ist dieses "sX hier sehr am Platze, Was Jsak im Lande der Philister mit feiner Frau Rebekka passierte, passterie auch seinem Vater Abraham mit seiner Frau 'Sara. Hier wie dort war eS Abtmelech, der König, der ein Auge auf die Frauen der Fremdlinge warf. Vater und Sohn sehen sich dah?r gezwungen, um ihr Leben zu retten, ihre *) Zusammengestellt aus verschiedenen onsDstPvn Frauen als ihre Schwestern zu bezeichnen. Bei Abraham war es auch im gewissen Sinne der Fall. Sagt er doch selbst (Kap. 20, 18): Sie ist wahrlich meine Schwester, die Tochter meines Vaters. aber nicht dis Tochter meiner Mutter. Bei Jsak aber fiel doch diese AuSrede vollständig weg. Dies machte auch Abimelech dem Jsak zum Vorwurf. Er sprach: Dein Vater gab seine Gattin als feine Schwester aus — mit scheinbarem Recht, da sie tatsächlich auch seine Schwester war. Rebekka hingegen ist doch „nur" deine Frau, warum sagtest du, sie sei deine Schwester? Jsak sprach zu Eiau (Kap. 27, 39) pxn ywo ... dazu bemerkt Raschi °. darunter ift Italien (Rom) zu verstehen (|V bv x,l?m )i. Jakob wurde auch mit pxn ’JötPD gesegnet (Kap. 27, 28), hier erklärt Raschi nicht, was darunter zu verstehen wäre. Und warum wurde Esau ausgerechnet mit p» bv x'^vx gesegnet? Gibt es nicht andere Länder, die Esau ebenfalls zufallen könnten? Und doch ist die Bemerkung Raschi« sehr begründet. In Kapitel 26 lesen wir, daß Gott zu Jsak sprach: Dir und deinen Nachkommen werde ich alle diese Länder geben. „Alle diese Länder" vermachte nun Jsak durch seinen Segen seinem Sohne Jakob. Für Esau blieb logischerwetfe kein Land übrig. Wenn er ihn (Esau) trotzdem mit 'ZvVv pxn segnete, dann, so meint Raschi mit Recht, kann darunter nur Rom gemeint fein, daS nach Ansicht unserer talmudischen Weisen (vgl. Sabbat 36 b) viel später, zur Zeit des Königs Salomo gegründet wurde. Dieses neuzugründende Land soll Esau gehören und Esau hat von seinem Besitze ausgiebigen Gebrauch gemacht. Esau soll seinem Bruder dienen »nd nur dann sein Joch abschütteln -rtfi NVX2. Unter mn, meint ein sehr geistreicher Ausleger, ist folgendes zu verstehe«: Wir 23 November 1932. wirksam in Erscheinung bei neuem^ Weltaufbau tritt? ... Wir haben zweitausend Jahre auf die uns seit Titus schuldigen Reparationen gewartet und haben dabei hoffen gelernt. Die Lüge, die, wie nach jeder Flut, auch jetzt mit herüber gekommen ist, wird sich austMen, die großen Faktoren der Wahrheit und des Rechtes müssen in absehbarer Zeit tn Kraft treten. Wochenmlidschau. Polnische Wahlen. Soweit sich bis jetzt der Ausgang der polnischen Landtagswahlcn überblicken und beurteilen läßt, werden von den 444 Mandaten die vereinigten Nationaldemokraten, einschließlich der ebenfalls national gesinnten Witos-Partet und der anderen kleinen rechten Gruppen zusammen 250 erhalten. Ihnen gegenüber steht der Minderheits-Block mit 64 Deputierten, zu denen noch 16 der jüdischen Liste in Ostgallzten htnzukommen. Der Rest der Mandate verteilt sich auf die einzelnen linken Parteien von den Sozialdemokraten bis zu den Kommunisten. Abgesehen von einzelnen gewählten Juden in diesen Arbeiterparteien, dürfte die Zahl der innerhalb des Minderhritsblockes als Juden gewählten Vertreter 35 betragen. In den Senat werden 13 Juden einztehen. Das ist ein jüdisches Vertreter-Kontigent, wie es bis jetzt noch kein europäisches Parlament gesehen hat. Es gehört mit zur Tragik der jüdischen Geschichte, daß tn den ersten Parlamenten der befreiten Völker die Juden stets auf der linken Seite ihren Platz hatten. Weil sie stets, auch nach den Besreirrngsprozeffen) immer noch gegen eine Welt von Vorurteilen um Recht und Freiheit für ihre Gemeinschaft zu kämpfen hatten. Das hat natürlich die Liebe und das Vertrauen auf beiden Seiten nicht gerade gestärkt. Es ist, eine natürliche Erscheinung, die sich in unserer langen Geschichte hundertfach wiederholt: Druck zwingt zur Opposition und diese führt zu neuem Haß. Auf Eduard LaSker und Bamberger, die ja letzten Endes nur über die Rechte und Errungenschaften der deutschen Nation wachten, folgt die von Bismarck bis zum gewissen Grade begünstigte Aera Stöcker. In Polen liegen die Dinge ganz anders und sie rechtfertigen gar keine Vergleiche mit den deutschen Verhältnissen von damals. Dort wurden die Juden, auch die Orthodoxie, die die Pflicht gegen den Staat von jeher als religiöses Postulat auffaßte, durch eine Politik haben bekanntlich 613 Gebote zu erfüllen (msto.;nn). ES kommt aber leider häufig vor, daß zu diesen Geboten noch ein neues hinzukommt. Es sei eine ni2ü diesen oder jenen zu Grunde zu richteneine nviiD diesen oder jenen seiner Schlechtigkeit wegen zu verleumden, eine ni2v, ihm zu schaden; eine mittJ, ihn seinem Schicksal zu überlasien und sich nicht um ihn zu kümmern. Eine solche sogenannte niüö ist nur ein Zeichen der Uneinigkeit und deS Unfriedens und ein Beweis dasü», datz man den Q'vs» iydSd by von sich abgeschüttelt habe. Dies, so meint der geistreiche Schrifterklärer, sprach Jsak zu seinem Sohne Esau. Du sollst von deinem Schwerte leben und deinem Bruder dienen. Wechselt ihr aber euere Rollen, kommt zu den Juso ann noch eine hinzu (Tin tbws '\“n), dann . . . dann hat dein Bruder (Jakob) vor dir gar keinen Vorzug mehr, dann kannst du getrost sein Joch von dir avschüttein. Jsak sprach: Es kam dein Bruder nvlv2. Dazu bemerkt der Midrasch lrrnn nosra, er kam mit der „Weisheit seiner Thora" und er nahm seinen Segen. Worin bestand aber die „Weisheit der Thora" des Jakob? Dies sagt unS der Talmud an einer andern Stelle (Meqilla). Dort heißt eS ... Nim bv Wtt "TPEnsnüy®c$ Essen muß ausgiebiger sein als das Trinken". Dies tat auch Jakob. Er setzte seinem Vater gleich „zwei junge Zicklein" vor und (nach der Mahlzeit) brachte er ihm Wein jzu trinken. Jsak war daher vollständig satt und konnte von den Lecherbissen Esaus gar keinen Gebrauch machen. Dies hatte zur Folge, datz er sich der Pflicht enthoben fühlte, Esau zu segnen. (Er stellte ihm den Segen in Aussicht als Belohnung für die Gerichte, die er ihm vorfetzen und die er essen werde N22n2xi N22m). DieS sprach Jsak: Dein Bruder kam mit der Weisheit der Thora und nahm deinen Segen. Freilich tat es Jakob auf

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