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Der Israelit · 1922-11-16 · Heft 46 (16.11.1922) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 46 (16.11.1922)
Date
1922-11-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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16. November 1SW. No. 46 Sette 9 Kindereike. Sie frommen Zwillinge. Von Heinrich Einstädter. 1. Im Hause des R. Juda. Im vierzehnten Jahrhundert lebte in Rothenburg ob der Tauber ein frommer und gelehrter Mann, der einen wohlklingenden Namen führte. Er hieß Rabbi Juda Halevt. Aber auch ohne diesen berühmten Namen wäre er nicht unbekannt geblieben/ denn unter dem jüngeren Teil der Gemeinde gab es wenig Leute, die sich nicht zu seinen Schülern zählten, und von. den älteren Mitgliedern hatten die meisten dem braven Lehrer nicht nur ihre Kinder anveriraut, sondern auch gar manche Sorgen, von denen man nur mit einem Menschen sprechen kann, mit dessen Verschwiegenheit und Hilfsbereitschaft in jedem Falle zu rechnen ist. Rabbi Juda hatte fünf Kinder, die schon herangewachsen waren, als ihm seine Gattin Rechlin noch im vorgeschrittenen Alter Zwillinge schenkte, .einen Knaben und ein Mädchen. Sie wurden bald die Sonnen, um die sich das ganze Leben im Hause Judas drehte. Nachdem ihre ersten Kinderjahre verstrichen waren, lohnten sie schon die Mühe, die Eltern und Geschwister ihnen widmeten, durch die schönsten Früchte. Artigere, klügere und liebenswürdigere Kinder hatte man noch nie gesehen. Selbst der Neid konnte ihnen gegenüber nicht aufkommen. Jedermann hatte die Zwillinge lieb, und überall stellte'mm» sie -err eigenen Kindern als Beispiel vor. Der Knabe, der Mekr hieß, und das Mädchen, -das nach seiner Großmutter Tirza genannt wurde, hingen aneinander mit der innigsten Liebe/ Hast nie sah man eines der Kinder .allein. Sie saßen beisammen am Tische, sie lernten aus einem Buche und gingen stets Hand -in Hand auf der Straße. Wenn -sie ihre Aufgaben gelernt und der Mutter im Hanse geholfen hatten, gingen sie gemeinsam ihrem Vergnügen nach. Das war aber ganz besonderer Art. Gewöhnlich gingen sie zuerst zur alten Esther. Die wohnte in einer 'kleinen Dachstube des letzten Hauses am Alten Zwinger und war meistens durch die Gicht behindert, weiter als von ihrem Stuhl zum Ofen -und von dort wieder bis zu ihrem Stuhl zu gehen. Schon nach dem Mittagessen wartete sie auf ihre beiden Lieblinge. Nachdem die Alte ihre Klagen über Schmerzen und Langeweile worgetragen und als Erwiderung einige herzliche Trostworte von ihren jugendlichen Besuchern -entgegengenommen hatte, machte sich Tirza daran, das Zimmer zu säubern, indes Metr im Hofe Holz zerkleinerte und es neben dem Ofen in Esthers Zimmer für den nächsten Tag bereitlegte. Nachher besorgten die Kinder gemeinsam -Le nötigen Einkäufe und Bestellungen, und wenn ihnen noch Zeit blieb, setzten sie sich neben die einsame Frau, um ihr mit ihrem Geplauder die Zeit bis zum Schlafengehen zu-verkürzen. Wußten die Zwillinge, daß irgendwo jemand krank war, so fanden sie gar schnell heraus, womit sie sich nützlich machen konnten. Sie wußten so schön zu erzählen, waS sie einmal gehört oder gelesen hatten, daß sogar ältere Leute ihnen gern zuhörten und indessen ihrer Leiden vergaßen. Die Sagen vom Prager. Ghetto waren ihnen wohlbekannt, und vom Vater hatten sie viele Midraschim und geschichtliche Erzählungen gehört, die sie gut wiederzugeben verstanden. Mit scharfem Blick erkannten sie, wo etne Hilfeleistung, __ »er Israelis. eine Handreichung oder sonst irgend eine Verrichtung nötig war. Sie wußten, wo sie reden und wo sie schweigen, wann sie kommen und wann sie gehen sollten, so daß sie niemals und nirgends lästig wurden, und schließlich gewöhnte man sich daran, sie gar nicht mehr mit ihren Namen zu bezeichnen. Man sprach von ihnen nur als von den „frommen Zwillingen" und betrachtete sie fast als höhere Wesen. Die gleichaltrigen Kinder schauten mit einer gewiffen verehrungsvollen Scheu zu ihnen hin. Obwohl auch ihnen die Zwillinge stets mit ruhiger Freundlichkeit entgegenkamen, entstand doch kein rechtes kameradschaftliches Verhältnis. Jeder hatte das Gefühl, als ob die „frommen Zwillinge" aus einer anderen Welt gekommen wären. Und schon nach dreizehn Jahren gingen sie denn auch wieder in eine andere Welt. Die Pest raffte sie kurz nacheinander hin. Die ganze Gemeinde, aroß und klein, Männer und Frauen geleiteten sie zum Grabe. Die ganze Stadt beweinte sie. Wer in der Folge auf den Friedhof ging, um die Gräber seiner Verwandten zu besuchen, der betete auch an den Stätten, woselbst die frommen Zwillinge schliefen, und da sich dieser Brauch erhielt und jeder Besucher ein Steinchen zurückließ, erhoben sich im Laufe der Zeit-über den beiden Gräbern zwei Stetnhügel, die sie von weitem kenntlich machten. Wahrend aus anderen Grabsteinen die Schrift nach und nach erlosch, blieb sie auf diesen Denkmälern stets schwarz. Niemand wußte, woher das kam, denn niemals war jemand gesehen worden, der die Schrift ausbefferte. So blieb das Andenken der „frommen Zwillinge" erhalten. 2. Im „Schwarzen Adler". Viele Jahre waren vergangen. Da brach in Süddemschland der Bauernkrieg aus und überzog wette Gegenden mit seinen Schrecken. In jener Zeit wurden die Juden von Rothenburg schwer heimgesucht. Die Raub, und Mordlust der verwilderten.Bevölkerung bereitete der blühenden Gemeinde ein jähes Ende. Mehr als 500 Juden, die nicht rechtzeitig fliehen konnten, wurden an zwei Tagen hingemordet. Kein Jude sollte mehr in Rothenburgs geduldet werden/ sogar den Toten gönnte man keine Ruhestätte. Der Friedhof wurde zum Teil bebaut. Die Grabsteine fanden als Decksteine der Burgmauern Verwendung. Manche wurden auch zur Ausbesserung des Schrannengebäudes gebraucht. Die Denksteine der „frommen Zwillinge,, nahm einer der größten Judenfeinde, der Gastwirt Heinz Glanzhut, an sich und fügte sie der Mauer ein, die den Hof seines Hauses gegen die Seitengasse abschloß. Er ließ die Inschrift nach innen kehren, damit die frühere Bestimmung der Steine nicht erkannt werden konnte. In der ersten Nacht, nachdem an Stelle der alten Bretterwand die neue Mauer sich erhob, wurde der Wirt durch ein beängstigendes Geräusch geweckt. Er hörte im Hofe draußen ein klägliches Weinen, stand auf und ging dem Laute nach, der von der Stelle tarn, woselbst die Grabsteine eingemauert waren. Er sah aber keinen Menschen, und auch das Geräusch hatte aufgehört. Glanzhut legte sich wieder. In der zweien Nacht hörte er die Töne abermals und so in den folgenden Nächten. Jedesmal kamen sie von der gleichen Stelle, und jedesmal hielten sie an, bis er aufstand und an die Mauer ging. Da nahm er sich vor, nicht mehr darauf zu hören und ruhig wetterzuschlafen / aber es gelang ihm nicht. Er fand keine Ruhe, so sehr er sich auch bemühte, und ob es regnete oder schneite, ob es stürmte oder fror, er mußte aus dem Bette aufstehen und zu den Grabsteinen hingehen. Erst bann konnte er wieder einschlafen. Da enschloß er sich eines TageS, einen alten Juden aufzusuchen, der in Steinach wohnte, und ihn um Rat zu fragen. Der Mann sagte: „Laß die Inschrift der Grabsteine nach außen kehren, so wirst Du Ruhe bekommen." Da bestellte der Wirt einen Maurer und ließ die Steine umdrehen. In der Tat wurde seitdem das Klagen und Weinen nicht mehr gehört. — Heute ist Rothenburg eine der berühmtesten deutschen Städte. Im Sommer vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Fremde dort einkehren, "m Merkwürdigkeiten des mittelalterlichen Orl.s zu besichtigen. Nicht nur Deutsche, auch E-'glänöer, Franzosen, Ruffen, Amerikaner oder sonstige Ausländer reisen nach Rothenburg, wo jede Gaffe Sehenswertes birgt. Wenn sie dann noch dem „weißen Turm" wandern, so fällt ihr Blick unwillkürlich auf die Grabsteine der „srom-/ men Zwillinge" in der Mauer des Wirtshauses zum „schwarzen Adler", deren Inschrift noch so gut lesbar ist, als wenn sie von gestern wäre, und der Führer erzählt ihnen von den guten Kindern, deren Andenken somit niemals erlischt und in vielen Herzen edle Vorsätze keimen läßt. Die Lösung des Rätsels in Nr. 44 faulet:] •1K Richtige Lösungen sandten ein: M. Weinreb, Ludwigshasen; I. Süßholz, Trier; Kantor Davidsohn, Rastenburg. Vermischtes. Berlin, 12. Nov. Vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund „Waisenkinder aufs Land" wird uns geschrieben: Der unter obiger Spitzmarke erschienene, von der Waisenkommisston der Jüdischen Gemeinde Berlin angeregte Aufruf hat insofern Erfolg gehabt, a!S eine Anzahl von Zuschriften aus kleinen Gemeinden beim Gemetndebund etngelausen sind, in denen die Bereitschaft zur Aufnahme von Waisenkindern erklärt wird. Bezeichnenderweise handelt es sich aber in allen diesen Fällen um Mädchen von 12 bis 14 Jahren, die sich ln der Hauswirtschaft nützlich machen können. Damit wird aber der guten Absicht, auch anderen Waisenkindern die Wohltat des Landaufenthaltes zugute kommen zu lassen, in keiner Weise genügt, auch der bedrohten jüdischen Volksschule erwächst nur ein geringer Nutzen. ES wäre erwünscht, wenn sich die Nachfrage auch aus Knaben und Mädchen schon vom zweiten Lebensjahre ab erstrecken würde. Zuschriften sind an den Deutsch-Israelitischen Gemeinbebund, Berlin W. 35, Steglttzerstr. 9, zu richten. Mannheim, 7. Nov. Der „Zentralverein der Staatsbürger jüdischen Glaubens", Mannheim, veröffentlicht folgende Erklärung: „In vergangener Nacht find rote Zettel in hiesiger Stadt angeklebt worden, wonach ein jüdischer Kaufmann sich eines Notzuchtversuchs schuldig gemacht habe. Ob an der aufgestellten Behauptung etwas Wahres ist, wird zweifellos von zuständiger Seite sestgestellt werden. Wenn die Bßhauptung richtig ist, dann verdammen wir selbstverständlich die Tat auf das Schärfste. Aber wir verwahren uns auf das Allerentschiedenste gegen die in dem Plakat enthaltene Verallgemeinerung, die offensichtlich nur den einen Zweck hat, niedrigste antisemitische Hetze zu betreiben". Wilua, 8. Nov. me polnische Filmgesellschaft versuchte eine Aufnahme in der großen Synagoge in Wilna zu machen. Der ausnehmende Kinematograph kam mit den in Talesim und Tefilltn gekleideten Kinoschauspielern in die Synagoge und begann seine Apparate aufzustellen. Die anwesenden und in Hellen Hausen hinzukommenden Synagogenbesucher protestierten und blieben bet ihrer ablehnenden Haltung, trotzdem die Polizei die Partei der Kinematographengesellschast nahm. Diese mußte schließlich unverrichteter Sache wieder abziehen. London, 12. Nov. Am gestrigen Tage hat England das Ende des Weltkrieges wiederum nach der in den angelsächsischen Ländern üblichen sinnigen Methode des Zweiminuten-SchweigenS gefeiert. Pünktlich um 11 Uhr standen alle Räder im Königreich still, jeder Mund schwieg und zwei Minuten waren wttttn in dem Getriebe der TageSkuitur der fabbatlichen Besinnung und Sammlung gewidmet. Der Chtefrabbi hat!» die Synagogen darauf aufmerksam gemacht, daß sir durch geeignete Anordnungen dafür sorgen sollten, daß die Thoravorlesung vor 11 Uhr beendet sei und daher nicht unterbrochen zu werden brauche. London, 13. Okt. Das neueste auf dem Gebiete der Jilmsensatton ist in engtichen KtnoS die Darstellung eines Rauschhaschonoh-GotteSdlensteS in einer Londoner kleinen Synagoge. Der betroffene Vorstand verwahrt sich gegen den Vorwurf, daß er die Filmaufnahme während des Gottesdienstes gestattet habe, beteuert vielmehr, es handle sich um eine ihm nicht bekannt gewesene Vereinbarung zwischen dem Besitzer de- Hauses, in dem sich die Synagoge beendet und der Filmagentur. Die Angelegenheit wirb»lt jedenfalls viel Staub auf.

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