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Der Israelit · 1922-11-16 · Heft 46 (16.11.1922) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 46 (16.11.1922)
Date
1922-11-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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AeMeton-Vellaae zv Ar. 46 des „Maeltt". Zakov Schubiner. Bon D. Kahn. (3 „Du Haft, mein Sohn, in der Schule gehört, nie unser Stammvater Jakob so lange Jahre bei dem Betrüger Laban geweilt, und doch als ein ganzer Jehudi, von den Mängeln seines Verwandten unberührt, hetmkehrte. Sei, mein Kind, deines großen Ahnen, dessen Namen du trägst, stets würdig, dann werde ich, wenn mir einst der Todesengel winkt, beruhigt von dir scheiden können." Ich kam mir bei diesen Worten wie ein schwerer Verbrecher vor und wie eine große Schuld lagerte es in dem Momente auf meiner Seele. Der Vater hatte dieses durch nichts zu erschütternde Vertrauen, daß unsere Jdeenverwandtschaft noch in alter Weise bestehe, und doch war zwischen unseren beiderseitigen religiösen Empfindungen eine breite, gähnende Kluft entstanden. Ich ehrte die Ansichten des Vaters, hielt sie «bei. in meiner jugendlichen Überschätzung für überlebt. Während ich an der Brust des Vaters diese Gedanken durch den noch so jugendlichen, sich aber so weise dünkenden Kopf rauschen ließ, fuhr die Post vor, die mich an die Bahnstation führen sollte. Nochmals umhalste mich der Vater und die zitternde Rechte auf meinen Kopf legend, sprach er mit tränendem Auge jenen uralten Segen, mit dem schon so mancher in die Fremde ziehende Jüngling gesegnet wurde. Gewaltsam riß ich mich von meinen inneren Gefühlen los, ein Kuß und der Postillon .schmetterte seine Weisen in die rauhe Morgenluft. Einer der ersten Personen, die ich in H. kennen lernte, war der Rabbiner Dr. Kaltenheimer. K. war ein Mann von äußerlicher Schönheit, auf welche er nicht wenig eingebildet war.. Man sagte, daß er täglich mehrere Stunden auf die Gesichtspflege verwende und man behauptete, daß in ganz H. niemand einen wohlgepfiegteren Bart trage, als Herr Dr. Kaltenhetmer. Was den Rabbiner in seiner Gemeinde so außerordentlich beliebt machte, war sein weltmännisch sicheres Auftreten, seine gewandten Umgangsformen und Allüren. Mit so einem Rabbiner, äußerte mir gegenüber einmal der Vorstand, legt man Ehre ein bei den Nichljuden, sowas imponiert. Und ob er imponierte! Die Reden des Rabbiners waren sämtlich rhetorische Leistungen ersten Ranges. Da fehlte doch gar nichts von alldem, was zu einer schönen Predigt gehört. Diese gewählte Sprache, diese mächtigen Stimmittel, dies ausdrucksvolle Geberdenspiel! Der Umstand, daß dir Predigten ausschließlich moraiisch-ethische und historisch-biblische SujetS behandelten, das spezifisch Religiös-Ceremontale aber stets peinlich zu berühren vermieden, entsprach anfänglich meinem Geschmacke, der doch schon stark reformistisch angehaucht war, nicht ganz. Herr Dr. Kaltenheimer wußte jedoch fürfein Vorgehen Gründe vorzubringen, daß ich (der den Herrn Rabbiner eigentlich mehr interpelliert hatte, um meine eigenen ähnlichen Anachten verteidigt zu hören, als um die ftintgcn pnzugreifen), zufrieden war. „Das Ceremonialgesetz", meinte Herr Dr. Kaltenheimer, „sei veraltet, und das jüdische Pflichtleben umfasse heute nur noch moralische und ethische Lehren." Ich konnte ein gewisses Gefühl der Genugtuung nicht unterdrücken, als rin Rabbiner meine durch den Verkehr und die Lektüre der letzen Jahre gewonnenen neuen Ansichten sanktionierte, guthieß und verteidigte. Man glaubt einem Anderen, der unser Unrecht verteidigt, stets gerne, zumal, wenn dieser Andere unser Seelsorger ist, und nicht lange, so stand ich, den ein guter Engel bisher immer von einer praktischen Verwertung der reformistischen Theorien abgehalten, mit beiden Füßen im neologen Lager! Mit dem Rabbinatsberuf war es nun vorbei! Ich war nicht Heuchler genug, im Dienste des gesetzestreuen Judentums, in dessen Geiste ich nicht mehr lebte und fühlte, als Rabbiner zu wirken und streiten, und um den reformistischen Weltbeglücker zu spielen, nach dem Muster eines Holdhetm alles in Staub zu ziehen, was ich ftüher verehrt und geliebt hatte, dazu besaß ich noch zuviel Charakter. Herr Dr. Kaltenheimer, der nie eine religiöse Erziehung genossen, war besser daran gewesen, als ich. Welche moralischen Erwägungen hätten ihn abhalten sollen, die leitende Stelle in seiner Reformgemeinde einzunehmen? Ich unterrichtete meinen Vater in schonender und vorsichtiger Weise, daß ich entschlossen wäre, „umzusatteln" und gab an, die Bekanntschaft mit einer bekannten medizinischen Capocität hätte den Gedanken, mich der Medizin zu widmen, in mir allgeregt. Auf meinen armen Vater muß dieser Brief einen schmerzlichen Eindruck gemacht haben. Ich wähnte den Brief kaum in seinen Händen, als der Empfänger schon bet mir war. Der alte Mann, der nur in dringendsten Fällen sich zu einer größeren Reise entschließen konnte, hatte eigens den weiten, beschwerlichen Weg gemacht, um mich von meiner Idee abzubringen. Der Gedanke, der ihn in allem Unglücke aufrecht erhalten und getröstet, in .mir einst einen großen und scharfsinnigen Rabbiner zu sehen, dieser Gedanke, an den er sich so fest geklammert, sollte nun nicht in Erfüllung gehen. Als der Vater sah, daß er mich nicht von meinem Vorhaben äbbringen könne, senkte er traurig den Kops und reichte mir mit einem schweren Seufzer die Hand. Daß ich ihn begleitete, duldete er nicht und ich, der sich immer noch der Idee hingab, daß der alte Mann den wahren Grund meines beruflichen Umschwungs nicht ahne, war froh, daß ich religiösen Auseinandersetzungen entgangen war. — Als ich den Vorsatz, Rabbiner zu werden, definitiv über Bord geworfen, hatte ich unwillkürlich das Gefühl, daß ich nun auch endgültig mit der Vergangenheit gebrochen.- Die Monate kamen und gingen. Von Hause entbehrte ich jede Nachricht. Der Vater war immer ein unregelmäßiger Schreiber gewesen. Der alte Mann, der sich so mühselig ums tägliche Brot quälen mußte, hatte wenig Muße zur Prioatkorrespondenz. Seit jenem Besuche jedoch hatte ich keine Zeile mehr von Hause empfangen und so wurde ich immer nachlässiger, bis zuletzt jede Verbindung mit meinem Vater aufgehoben war. Ein Jahr verging. Im Hause meines Freundes Dr. Kaltenheimer, dessen Gattin jede Woche einen Kreis glänzender Namen in ihren Salons versammelte, hatte ich den jungen Schriftsteller Egon von Auermühle kennen gelernt, einen geistreichen Herrn von großer körperlicher Schönheit. DaS Ebenbild des Bruders, sowohl was Geist als auch das Gesicht betraf, war die Schwester Annette, die den Bruder öfters in die Gesellschaft begleitete. Ich war geblendet von dieser Erscheinung mit den stolzen aristokratischen Allüren. Ich wußte, daß Fräulein v. A. Christin. war, aber mein religiöses Gefühl war schon erschlafft, .sodaß ich nichts tat, um meine Neigung zu bekämpfen. Eines Abends, als ich Frl. v. A. während eines Hausballes in einer Fensternische allein sitzen sah, so liebreizend, so bestrickend schön, vergaß ich alles — Glauben, Vater, Ehre, Pietät, und die Hand der Dame ergreifend, flüsterte ich ihr das Geständnis meiner Liebe inS Ohr. Das Fräulein war nicht ungehalten darüber, sie schien meine Neigung schon lange bemerkt zu haben. Ich bat, ihr morgen meine Aufwartung machen zu dürfen. Sie willigte ein. In der Nacht hatte ich einen sonderbaren Traum. Ich sah mich und die Dame meiner Neigung vor dem Altäre stehen, des prtesterlichen Segens gewärtig. „Zuerst mußt du getauft werden, mein Sohn," sprach der Priester, und nahm das Becken zur Hand. Aber sieh', das war kein Wasser, mit dem sie mich taufen wollten. Das war der seit Jahrtausenden gesammelte Todesschweiß der jüdischen Glaubenszeugen, die auf der Folterbank ihre Seele für die Ehre des Eineinztgen geopfert. Entsetzen ergriff mich. „Die Taufe ist vollendet," sprach in diesem Augenblick der Priester und schickte sich an, den in die christliche Gemeinschaft Ausgenommenen einzufegnen. Er zündete zur Feier des Trauaktes diegroßen Wachsstöcke an, doch als ich näher hinschaute, erstarrte mir das Blut in den Adernes waren menschliche Fackeln, die der Priester zur Ehre unseres Festes in Flammen gesteckt. Starr sah mich eine dieser lebendigen Leuchten an, und mit Entsetzen bemerkte ich, daß sie — bas Gesicht meines BaterS trug. „Wir müssen untergehen und verbrennen deinetwegen", tönte es vorwurfsvoll von den bleichen Ltppm und wie Eis führ es mir durch die Adern. Und aus dem Taufbecken kam es mir klagender Sttmme: „Nutzlos soll unser Schweiß geflossen sein, deinetwegen." Grausige Verwirrung erfaßir mich. Stöhnend wälzte ich mich aus meinem Lager und erwachte. Lange konnte ich der Erinnerungen an den furchtbaren Traum nicht los werden. Sollte dieser Traum eine Mahnung sein? fragte ich mich, aber das Gewissen beschwichtigend, sagte ich mir: „Träume find Schäume" und stieß die auskeimenden Reuegedanken mit Gewalt zurück. Ich gedachte des der Dame gegebenen Wortes und Mutter, Großvater und Vater waren wie auf einen Schlag vergessen. Ich Tor, der Dame wollte ich mein Wort halten, den Schwur aber, den ich in jener bangen Stunde, als der bleiche alte Mann mit dem silberweißen Haare erschlagen vor uns lag, als das junge Weib mit erloschenem Auge wie entseelt am Boden hingestreckt war, dem Vater, getan, diesen Schwur hatte ich vergessen. In den Stadien unserer Verwirrung kneten wir die Logik, bis sie uns zusagt. Ganz ohne Wirkung sollte mein Traum aus mich doch nicht bleiben. Er bestärkte mich in dem Vorsatze, lieber auf das Mädchen, das ich liebte, zu verzichten, als das etwaige Ansinnen einer Taufe zu befriedigen. Mehrere Jahre waren seit dem Tage verflossen, da ich nach H. gekommen. Ich hatte nach glücklichem Bestehen meiner Examina mich in H. als praktischer Arzt niedergelassen und dachte daran, meine junge Braut als Gattin hetmzuführen.

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