Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1922)
- Date
- 1922-11-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Blätter herausgegeben vom Gruppenverband, der Palästina-Zentrale und der Jugend-Organisation der Agudas Zisroel für Deutschland. m Mmmer 22. 9. Wovemöer 1922. VIII. Iahrgaug 18. Marcheschwan 5688. Zeniralratsitzung der Agudas Äsroel. Auf Antrag einiger Landesorga,risationen hat die Leitung der Agudas Jisroel die Zentralratssitzung ans den 6. Tewes (25. Dezember) vertagt. Ort und Tagesordnung bleiben unverändert. Aufgaben der Ortsgruppen. I. I ü b i f che Solidarität. Einer leider nur zu sehr vernachlässigten Pflicht des jüdischen rrn"!), der jüdischen Solidarität gilt die erste der folgenden Ausführungen, in welchen versucht werden soll, einzelne Tätigkeitsgebiete unserer Ortsgruppen zu umreißen. Wir meinen, daß die erste Aufgabe des bereits gereiften und innerlich abgeklärten Agndisten darin besteht, daß er fein Klalll ewußtsein ttt denjenigen Objekten betätigt, die ihm zunächst liegen, nämlich an 'den jungen Menschen, männlich oder weiblich, die als Handlungs- oder Gewerbelehrlinge, Gehilfen und Gehilfinnen fern vom Vaterhanse weilend, ihr Prot suchen müssen. Durch die wirtschaftlichen Nöte der Gegenwart ist die Zahl der Eltern stark angeschwollen, welche sich schweren Herzens dazu entschließen mußten, ihre Kinder in die Fremde, in die große ober kleinere Stadt in die Lehre zu geben. Der Vater sorgt für eine Lehrstelle in einem am Sabbat geschlossenen Geschäft. 'Damit ist seine Fürsorge für sein Kind erschöpft, muß oft erschöpft sein, Wenn er nicht in der glücklichen Lage ist, gerade an dem Orte, an welchen sein Kind kommt, Verwandte und Bekannte zu haben, die liebevoll den jungen Menschen in ihr Haus aufnehmen, und ihm die Familie, das Vaterhaus in fremdem Land ersetzen. Der schwere Kamps unrs Dasein, die Sorge für die Zukunft des Kindes, doppelt schwer und sorgenvoll für den Jehudi, dem die Heilighaltung des Sabbats am Herzen liegt, läßt dem Vater, besonders wenn er auf dem Lande oder in der kleinen' Stadt wohnt, leider nicht oft die Möglichkeit, sehr wählerisch in der Lehrstelle des Sohnes zu sein. So kommt unser Held, oft kaum 14 Jahre alt, aus der Schule tu die Stadt. Sagen wir zunächst einmal, in die kleinere Stadt. Gewöhnlich, wird er hier wohl Kost und Logis im Hause des Lehrherrn erhalten. Und wenn dieser sich der ' Verpflichtung, die er mit der Aufnahme eines so jungen Menschen in feinen Hausstand auf sich nimmt, voll bewußt ist, wenn er in bent Lehrling nicht nur die gewerblich auszunutzende und dafür mitessende Kraft, nicht nur allenfalls den in seinem Fach auszuöildenden Lehrling sieht, sondern ihm auch als Lehrherr für jüdische Lebensführung und Lebenslehre zur Seite steht, ihm nach Möglichkeit den Vater zu ersetzen sucht, dann kann wohl der gute Keim, den die Eltern sorgsam gehegt und« gepflegt, zu einem lebensfähigen Baume sich entwickeln. Lehrherren! Genügt Ihr alle dieser Eurer Pflicht? Ist in allen Euren Häusern der Lehrling auch ein Lehrling im ,,Mensch- und Jehudi-W'ierden".? Ihr habt diese junMN Menschen in der Hand, in den Jahren, da bas; Herz noch weich, das« Gemüt noch empfänglich! Verabsäumt nicht Eure heiligsten Pflichten! 'Denkt an Eure Kinder, denkt an die Mtern der Euch zur Lehre übergebenen Kinder, denkt der Bürgschaft, die Ihr .eingegangen! Prüfet, ob Ihr diesen Kindern, ob Ihr überhaupt all den jungen Leuten, die in Eurem Geschäft tätig sind, der Freund, der väterliche Führer uttb Warner auf dem Lebenswege seid! Wenn nun aber in der großen Stadt der Anschluß an die Familie des Prinzipats fthtt, wenn, wie es jetzt ja selbst in der kleinen Stadt, meistens der Fall ist, der junge Mensch, keine Aufnahme in den Hausstand des Chefs findet? Eine Pension oder ein möbliertes Zimmer mit Speisen in der Restauration, das wird des jungen Menschen Los. Jeder Anschluß an ein Hans fehlt. Selbst solchen zu suchen, ist er zu unbeholfen, zu jung. Die Folge: Freundschaft mit Kollegen, Freundschaft mit ihnen, Ausgang mit ihnen etc. Und nun beginnt bei den Allerjüngsten schoil das Wirtshaus, das Cafe die .Heimstätte zu werden. Wohin sollen sie auch in ihrer freien Zeit? Das Zimmercheu ist ungemütlich, dürftig, im Winter kalt, im Sommer heiß, Bücher bekommt mau nicht oder nur für teures Geld in der 'Leihbibliothek, und was für welche sinds! Und wo sie lesen? Man muß ja ständig in die Wirtschaft flüchten. oDas ist der erste Schritt und nun gehts munter Mter: Trinken, Billard, Karten! Am Schabbos erst recht, wohin auch mit dem ganzen langen Tag? Schaut Euch nur am Schabbos in der kleinen oder mittleren Stadt um! Seht nur hinein in die Cafes und in die Bierstuben! Und freut Euch a.ü 'dem Anblick dieser junger! Burschen, die vor noch nicht Jahresfrist als Kinder zu Euch kamen. Sie haben sich gut „herausge-? macht"! Auf! Ihr, alle die Ihr lioch Gefühl für jüdische Lebenspflicht habt, auf, Ihr, Väter, die Ihr selbst Kinder heranwachsen seht, Kinder, die Euer ganzer Stolz, Eure Hoffnung sind; öffnet weit die Pforten Eurer Häuslichkeit diesen blind ins Leben schreitenden Gesellen. Bon selbst aber kommen sie nicht,' Ihr müßt sie Euch holen, heranziehen immer, immer wieder. Gebt ihnen den Balsam des Vaterhauses, den schlechte Gesellschaft ihnen so schnell geraubt, zeigt ihnen, daß das jüdische Heim und Haus überall zu finden ist, für sie offen dasteht! Kein Familienkreis ist zu unbedeutend, kein jüdischer Hausvater, kefne Mutter nicht im Stande, der so anspruchslosen Jugend ehr Heim zu gewähren, einen Zufluchtsort für die freie Zeit, Freund und Berater ftir die kleinen Sorgen des Alltags zu sein! Doppelt gijt dieser Ruf den Agudisten in der Großstadt. Wieviel größeren Versuchungen ist hier die Jugend ansgesetzt, wo nicht einmal das Geschwätz der Kleinstdt, das jeden ihrer Schritte registriert, sie hindert, sich anszulcben, wie es der gute „Freund" augenzwinkernd rät. Jede Ortsgruppe frage sich, ob sie in dieser Hinsicht ihrer Pflicht gerecht wird. Sie ruhe und raste nicht, bis sie all ihren Mitgliedern das Verantwortlichkeitsgesühl für die ortsfremde Jugend eingehämmert hat. Sie glaube nicht, sich auf die Jugendgruppen stützen zu können,, denn niemals werden die Jpgendgruppen beim besten Willen ihren Mitgliedern einen Ersatz für eine schützende Häuslichkeit zu bieten vermögen. Die Aufgabe der Jugendgruppe besteht nach dieser Richtung darin, daß sie ihre Mitglied der den geeigneten Persönlichkeiten der Ortsgruppe zuführt, auch hier bleibt noch viel zu tun übrig. Die angesehensten studentischen Verbindungen scheuen sich nicht „Füchse zu keilen", warum keilt nicht jedes Eurer Mitglieder, das einen Lehrling, einen jungen Mann, kennen lernt, der „nicht religiös" ist, für die Aguda. Seit nicht zufrieden mit E u r e m ideellen Besitzstand. Denket' an die, welche nicht das Glück hatten, in einem solchen Milieu wie ihr anszuwachsen. Ringet um deren Seelen und lasset sie nicht, Ihr alle die Ihr Euch noch bewußt seit, daß: m zmr ■santtr! Imponderabilien. Imponderabilien sind unwägbare Stoffe. Ein Begriff, dessen ursprüngliche Heimat auf Physikalischem Gebiete zu suchenist, der im Sprachgebrauch jedoch für alles angewendet zu werden pflegt, was sich der genauen Kenntnis mtb Definition entzieht. Gibt es auch im .Judentum derartige unwägbare Stoffe-? Wer im Judentum eine Wissenschaft oder einen Inbegriff nationaler Merkmale sieht, wird diese Frage rundweg verneinen; denn wer das Judentum nur insofern gelten läßt, als es bewußt oder politisch betätigt werden kann, der wird JmponderalMew die weder bewußt noch politisch betätigt worden können, als nutzloses Hirngespinst b^p Seite' schieben. Wer aber das Judentum alseine Gottesoffenbarung der Thora ans'.eht, der wird sich unmöglich der Erkenntnis Perschließen können, nicht nur daß es im Judentum Imponderabilien gibt, vielmehr d<aß das Judentum in seiner Totalität m gewissen! Wune nichts anderes ist als ein System von Imponderabilien. Zum Beweis der Richtigkeit dieser Behauptung lade ich den Leser zu einer kleinen Rundfahrt aus dem Meere der Thor a ein. Ans den gesetzlichen Teil der Thora wo/.len wir uns beschränken, wiewohl auch der hftstorischc Teil für unsere Zwecke vielfache 'AnkniJpsnngsPunkte bietet. Und da -dürfte es dem Le ftr wohl schon aus dem „Choreb" bekannt sein ,' daß dieser gesetzliche Teil der Thora, so weit er im Golus Beachtung fordert in sechs Absch gürte zerfällt: Thauraus, Edaus, Mischpot in.g Chukim, Mizwaus, Awaudoh. Jeder einzelne r dieser Abschnitte enthält eine solche Fülle vrwahrhaft erhebenden Gedanken und jeder d .nzelne dieser Gedanken spricht einem so tvar.7.u zu Herzen, daß man sich fragt: woher korr m.lt es, daß es so viele Juden gibt, die sich über ft, viel Schönheit und Erhabenheit theoretis ch und praktisch hinwegsetzen? Um es mit einer n Wort zu sageil: es kommt daher, weil dies c. Leute zur Heilighaltung der Thora rücht -. -disponiert sind. Ihre seelische Konstitution - zerrüttet, ihr Auge ist verschleiert, ein Fremdkörper sitzt im Ohr, und eine geheime Krankhe it retardiert den Pulsschlag ihres Blutes. 'Darum sehen mit» hören und fühlen sie auch die Tshauraus, jene Lehren, die vorbereitend Geisi, und Gemüt zum Leben rüsten sollen, nicht so, wie sie gesehen, gehört und gefühlt werden müßten, wenn' sie ihre Bestimmung als theoretische 'Vorbereitung! zum praktischen Judentum erstatten /sollen. 'An Gott und zwar an einen Grgt zu glauben, ist schwerer als man denkt. Düe meisten Menschen denken und glauben nur gelegentlich an einen Gott: Am Jom Kippur, im Krankenbett, auf dem Friedhof. Wer aber die Grundlage aller Thal! raus, dorr Monotheismus, heimisch machen rvill in Geist und Gemüt, der muß' die Kunst verstehen wegzu-