Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1922-11-09 · Heft 45 (9.11.1922) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 45 (9.11.1922)
Date
1922-11-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450189-2450230--70133-2527349
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wlleton-Vellage K Ar. 45 des „Zsmellt". Von D. §r a h n. (2 Wir bewohnten die erste Etage eines kleinen, der Gemeinde gehörigen Gartenhauses und bet uns in den kleinen Zimmern wohnte noch Jemands das war der Engel des Friedens und ehelichen Glücks. Die dreifache Harmonie zwischen Großvmer, Bater und Mutter hatten in unserer Familie jenes Ideal verwirklicht, das heute so viele vergebens in ihrem Hause suchen. Vor dem Hause stand eine von wildem Wein umrankte Laube. Dort saß ich oft mit dem großsoUantischeu Buche, aus welchem ich mich zum sabbatlichen Verhöre vorbereitete. Wie freute ich mich, wenn mir selbstständig nach langem Hin- und Hersinnen endlich die Lösung einerschwierigen Textstelle gelungen; da schwelgte ich wohl bereits im Vorgeschmack des zukünftigen Rabbinerderufes. M'.t unseren christlichen Mitbürgern lebten wir ftetS im besten Einvernehmen und der Umstand, daß sich zahlreiche Juden um unseren Ort sehr verdlenr gemacht, dürfte gewiß zu diesem guten Einvernehmen mitgeholfen haben. Da wurde eines Tages, — es waren wenige Wochen vor dem Versöhnungftstö, — nächtlicherweile aufreizende Flugblätter den Bürgern durch die Türritzcn gesteckt. Die Blätter enthielten Schmähungen jüdischer Gebräuche und juchten die jüdrjchen Einwohner im öffentlichen Ansehen herabzusetzen und den Haß des Pöbels auf dieselben zu lenken. - Unter anderm war auf diesen Blättern, wohl in 'Rücksicht auf die Nähe des Verföhnungstages, behauptet, daß der Jude sich an diesem Festtage von den im vergangenen Jahre eingegangeuen eidlichen Verpflichtungen -dispensiere usw., daß es also im Interesse jedes Christen läge, sich jedes geschäftliche» Verkehrs mrr den Juden zu enthalten. Niemand wußte Anfangs, wer diese Blatter in K. verteilt hatte, später erfuhr man, daß cm gewisser Ritsch, der von Sachsen, wo er wiederholt falliert hatte, nach Rußland gekommen war, sich dieses saubere Geschäftsmanöver geleistet hatte, um damit die jüdische Konkurrenz zu vernichten. Anfangs war der Erfolg dieser Agitation nur em sehr geringer, als aber duffe Hetze systematischer getruben wurde, als sogar der Pope, wohl als Aequivalent für Rittsch's Uebertritt zur griechischen Kirche, die Bestrebungen seines Tauft lmgs unterstützte, da. machte die antisemitische Agttation solche Fortschritte, daß die Juden für ihre persönliche Sicherheit fürchteten und sich diesbezüglich telegraphisch an den Gouverneur wandten. Nach 6 Tagen kam der Bescheid, daß die Regierung zu Sch utz maßregeln keine Veranlassung sehe. Es ist begreiflich, daß diese Antwort nicht geeignet war, dre Zahl der Insultationen auf jüdische Bürger zu verringern / jeder Tag brachte neue und m ihrer Art schrecklichere Angriffe auf die persönliche Sicherheit. iLs war am Abend des Versöhnungstages; der Gottesdienst war beendet, die Gemeinde rüstet sich nach dem schwer verbrachten Tage zum Heimgänge. Da tönten plötzlich von draußen schwere Faustschläge an die eichene Synagogentüre. bestürzt sahen sich die: frommen Beter an. Die Türe öffnete sich, nnd eine Rotte von mehreren Dutzends Masken stürzte sich mit bestialischem Gejohle auf die von der Entbehrung des Tages entkräften Männer und Greise. Was nun folgte, ist zu schrecklich, um beschrieben werden zu können. Mit der geballten Hand wurden die ermatteten Gestalten unter dem Angstgeschrei der auf den Gallerleen befindlichen Mütter und Frauen niedergeschlagen, die Pulte und Schränke aufgeriffen und durchwühlt, die Vorhänge und Decken zerrissen und besudelt. Ein alter, aber kräftiger Händler, der diesem gottlosen Treiben Einhalt tun wollte, wurde unter dem tosenden Beifall der vertierten Bande zum offenen Fenster htnausgeworfen. Mein teurer Großvater aber, der feines Amtes auch in diesen schrecklichen Minuten eingedenk, die entsetzliche Tat durch die Macht seiner Beredsamkeit verhüten wollte, erhielt von dem Führer der Rotte einen Faustschlag auf den Hinterkopf, daß der von der Kasteiung geschwächte Greis sofort lautlos hinfank. Wenige Monate vorher, am Tischoh beaw, hatte mein armer Großvater beim Erklären jenes herzbewegenden Klagegesanges, der den Märtyrerrod des N. Akiba besingt, mir bedeutet, wie schön ein Tod ist, den man als Kämpfer für seine Brüder erleide. Nun war auch ihm ein solcher Märtyrertod beschieden. Mein Mütterchen, mein gutes, liebes Mütterchen hatte den Großvater sollen sehen. Ohnmächtig sank sie nieder/ aber keine jener wohltätigen Ohnmächten war es,- die die Sinne umfloren, bis der Eindruck des Schrecklichen geschwunden. Ewig, ewig sollte Mütterchens Geist umnachtet bleiben/ nie mehr sollten ihre treuen blauen Augen mich so herzinniglich anblicken, jene Augen, die nur Liebe und Güte ausgestrahlt. Der Vater und ich hatten an dem heiligen Tage in einer Nebenschule gebetet und als wir durch einen Boten an die Unglücksjtätte geholt wurden, fanden wir gerade die Polizei beschäftigt, die Verwundeten wcgzuschaffen. Soll ich Ihnen oas entsetzliche Wiedersehen schildern mit denen, die sich morgens noch gesund und heil mit dem ernsten Festgrutz von uns getrennt. Erlassen Sie mir oas. Das aber weiß ich: als ich später die ganze Größe unseres Verlustes ermessen konnte, als ich zu begreifen anfing, was wir alles verloren, da tat ich den heiligen Schwur in meinem Herzen, mein ganzes daranzusetzen, alle Kräfte anzuspornen, um dem Vater einen schwachen Ersatz fürdas Verlorene zu bieten. Und diesen ernsten heiligen Schwur habe ich gebrochen.- Meinem Vater wurde der Schauplatz seines Unglücks täglich verleidet, und als meine teure Mutter nach langem Kranksein verschieden war, zog der Vater nach Deutschland, wo ihm ein Jugendfreund eine kleine, aber auskömmliche Stellung verschafft hatte. Hier in D. erfuhren wir auch von dem Ausgange des Prozesses, den man in der Heimat 23 bei dem Attentat abgefangenen Wauditen gemacht hat. Einen hatte man zu einer längeren Zuchthausstrafe verurteilt, die 22 andern — freigesprochen. „Mangels Beweisen", hieß es im Berichte. Wir hatten uns rasch in die deutschen Verhältnisse hineingefunden. . In mLinerui Innern blieb trotz des regen Wechsels der jr rgenSLichen Eindrücke noch lange der Gedanke an oi:e schweren Schläge wach, die uns betroffen, und manche Nacht wand ich mich unruhig auf der n weißen Linnen und tm Halbtraum glaubte ich mein Mütterchen zu erblicken im weißen Totenhemde, wie ich es zuletzt gesehen und es blickte mich so innig, so treu, so herzinnig an, daß ich dem Impulse des Traumes nachgebend, die Arme wett ausftreckte, um Mütterchen arrfziinehmen. Aber Mütterchen kam nicht / es konnte nicht kommen. Und wieder und wieder entrang sich der gepeinigten Kinderseele der Ruf nach der Mutter, bis ich endlich in Schweiß gebadet aufwachte. Mein Vater hatte mich das Gymnasium besuchen lassen. Die Gesinnungsgenoffen in der Heimat hätten das ihm verübelt, wenn sie es gewußt hätten/ denn in Rußland sagt man, daß das Gymnasium die Pflanzschule des Gottesleugnertums, des „Epikorssuth" wäre. Mein seliger Vater war von der Festigkeit meiner religiösen Ueberzeugung so durchdrungen, daß er in dem Ghmnasialbesuch keine Gefahr für meinen Glauben sah. Mit 18 Jahre hatte ich die Lateinschule absolviert, der durch das frühzeitige talmudische Studium geschärfte Geist hatte mich mit spielender Geschwindigkeit die schwierigsten Fragen der mündlichen Prüfung beantworten lassen, so daß mir als einzigem vom 30 Prüflingen, das schriftliche Examen erlassen wurde. Mein Vater hatte viel Freude an diesem Erfolg. „Du wirst, s. G. w., ein tüchtiger Rabbi werden," sagte er mit leuchtendem Auge. Ich hatte nicht den Mut zu widersprechen, des Vaters Herzenswunsch zu zerstören. „Wenn Gott es gibt," sagte ich, aber in meinem Innern war ich von diesem Gedanken schon ganz abgekommen. Was mein Vater im Laufe der Jahre auch getan hatte, den Jugendwunsch, der zugleich auch sein Herzenswunsch war, in mir wachzuhalten, dieser Jugendwunsch hatte eine bedeutende Abkühlung erfahren, der Vater hatte mich überschätzt, als er in Berücksichtigung meiner geistigen Vorbildung mich vor den Gefahren des neologen Umgangs gefeit glaubte. Nur der durch das Alter gefestigte Charakter vermag geg.en die Verführung zu feien/ nimmer aber (wie das gleich meinem Bater so viele Eltern zu ihrem schtießlichen Unglück glaubten) die Weisheit eines Kindes und wenn diese noch so umfassend und bedeutend wäre. Ich war längst nicht mehr der Alte. Aeußerlich zwar mochte mir niemand die Veränderung anmerken/ mein Innerstes dagegen war von dem alles negierenden Sttom, der seine Wrllen bis an die obersten Klaffen der höheren Schulen warf, nicht unberührt geblieben. Der Mutter wäre, hätte sie gelebt, dies kein Geheimnis geblieben. Mutteraugen sehen ja scharf! Der Vater jedoch, den ein mühseliger Beruf oft tagelang vom Hause entfernt hielt, merkte es nicht und ich hatte nicht den Mut, es ihm zu gestehen. Gewiß, er hätte es verstanden, den inneren Frieden in meinem Herzen wieder herzustellen, mir die Unhaltbarkett der modernen Dogmen darzulegen. Ich hatte beschlossen, in H. meinen akademischen Studium obzuliegen. Der Vater hätte es lieber gesehen, wenn ich eine Stadt gewählt hätte, die in ihren kulturellen Einrichtungen auf altem Boden stände. Der Gedanke aber, daß ja niemand zur Benutzung der ihm nicht zusagenden Gemeiude-Jnstttuttonen genötigt ist, söhnte den Vater mit meiner Wahl aus. Der Abschied war kurz aber innig. Wiederholt drückte mich der Vater an die Brust und ermahnte mich, ja den im Elternhaus empfangenen Lehren treu zu bleiben. „Siehe, Jakob," kam es unter Thränen aus dem treuen Munde, „sieh, du bist mir ja nun das Einzige, das mir geblieben. Du kommst jetzt in eine neue Welt hinaus, in welcher es Sitte ist, lächelnd über alles Religiöse die Achseln zu zucken, in welcher es zum sog. guten Ton gehört, alles Hohe, Heilige und Hehre zu bespötteln und zu begeifern, in welcher man die Religion für einen längst überwundenen Standpunkt erklärt, und in welcher derjenige, der noch glaubt, für zurückgeblieben erkärt wird. Laß sie alle, mein Kind, höhnen und spotten, dein Großvater ist für seinen Glauben gestorben, mögest du stets für deinen Glauben leben." MrtseKtng Lolgtl)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.