Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1922)
- Date
- 1922-10-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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-tr<sr r'HMiin»irni»i*iMiniii.r M'i um höHLem Einsatz tzer Kt-äfte Mt. Wollt« AgrrM' Mroel arldere GolusMfgaöen ^ufieöte Prez Mroel vernachlÄMgen^ sie würde ZweckveMnd, sie verlöre ihren EhairaDter^ den Begriff, K'lal Mroel realisieren zu wollen, Md durch verständnisvolle Befriedigung aller seiner natürlichen Lebensäußerungen realisieren zu Wunen.. Damit/ meine jBerchrten, hoffe ich in kvWen Strichen idie 'Jhee der AgudaA Jisroel ausgezeigt zu Men. MnsKMicheres' därWer und über die Art ihrer Organisation — für diese sind drei Grundprinzipien maßgebend — ich zitiere wieder Rosenheim'schje Gedankengänge, deren 'grundlegmde jFeststellnngen in neuerer Zeit einige meines Erachtens belanglose Aendermrgen erfahren haben — 1. VolkstümliDeit 2. durch ein?tr-lV' nXPä einen obersten rabbinifchenRat, garantierte und betreute Thoragemaßheit 3. Dezentralisation — denn nur eine auf die Besonderheiten aller ihrer Landesorganisationen Rücksichlt nehmende Weltorganisation kann an den oft scharfen Klippen ländlicher Eigenheiten und gemeindlicher-Traditionen vorbeisteuern — Ausführliches darüber zu*. sagen, bietet sich vielleicht später in unserm Kreise nochmals Gelegenheit. (Schluß folgt.) Die soziale Tätigkeit der Ortsgruppe der Agudas Zisroel in Wien. Obwohl die ideellen und materiellen Kräfte unserer Wiener Gesinnungsgenossen durch die Leitung des in Wien domizilierenden Zentralbüros der Agudas Jisroel stark in Anspruch genommen sind, hat die rührige Ortsgruppe mit beispielgebendem Eifer es verstanden, ihren lokalen Aufgaben auf sozialem Gebiete in einer Welse gerecht zu werden, welche auch weitere Kreise interessieren dürfte. Wir lassen daher, einen Bericht hierüber von Herrn UntversitätSprofessor Dr. Max EtSler folgen. * * * Mit voller Absicht geht unser Bericht einer lamentablen Schilderung deS Massenelends, das wir bekämpfen aus dem Wege. Jedermann kennt die Größe und die Schrecken dieses Elends, jeder hat es auf seine Weise miterlebt. Und so dürfen wir unS die ohnehin verlorene Mühe ersparen, die grauenhaften Bilder jener MSnschenfchicksale — Schicksale von verwaisten Kindern und verwitweten Müttern, von Kranken, Hungernden und Heimatlosen — mit ei« paar dürftigen Worten nochmals vor ihm aufzustellen. Wir dürfen schlicht und sachlich bleiben. Denn wir wissen, daß wir auch nur mit dem nackten Gerüst von Daten und Zahlen die Herzen treffen werden. Seit jeher ist Wien eine Stadt der schärfsten materiellen Gegensätze — deS stattlichsten, wohl lebenden, allerdings auch wohltätigen Reichtums und der bittersten Armut — gewesen. Diese ansässige Armur hat der Krieg durch den Zustrom von Flüchtlingen, namentlich auS dem Osten, in abenteuerlichem Mätze vermehrt. Die Sensation deS jüdischen KriegSelends auf dem Schauplatze Wien war so groß, daß sie über Länder und Meere hinweg bis in die fernsten Gegenden gewirkt und überall brüderlich tätige Teilnahme hervorgerufen hat. Aber angesichts dieser plötzlichen Maffennot, die wie ein Elemerttarereignts hereingebrochen war, erschien nichts anderes möglich als eine Art ambulanter Abhilfe. Die soziale Fürsorge mutzte sich begnügen, über den Tag hinwegzukommen, sie lebte damals sozusagen von der Hand in den Mund. Sie hat viel aeholfen, aber sie har nicht gerettet. Das Kriegsende und was ihm folgte, hat die sozkale Situation nun gründlich verändert. Zwar blieb Wien, was es von jeher gewesen, ein Sammelbecken deS jüdischen, besonders des ostjüdischen Elends. Aber ein Teil der Flüchtlinge fand in die alte Heimat zurück und so ergab sich eine nicht unbeträchtliche Verminderung der Bedürftigen. Doch auch' jetzt stand ihre Zahl in keinem Verhältnis zu der örtlichen Leistungsfähigkeit, der Haushalt der lokalen Fürsorge blieb in beispielloser Weise überlastet — mehr als je vorher mutzte Wien die humanen Geschäfte der jüdischen Welt aus sich nehmen. Und damit nicht genug. Jene scheinbare Erleichterung durch die Zah! der Abgewanderlen brachte nur eine Erschwerung der Aufgabe gegenüber den Zurückgebliebenen. Eine fundamentale Neuorientierung der sozialen Fürsorge wurde notwendig. Die ungezählten. Juden, die tm Kriege HauS, Höf und Bürgerrechte verloren hatten, waren jetzt dauevtzd aü Wien gebunden. Die soziale Fürsorge müßte sich danach Ättrichtdn, fie mußte dauernde, tiefgreifende Wirkungen tnS Aagtz fasten, fie mutzte sich planmäßig organisieren. Die Pflichtdie ihr die Zeit jetzt auflegte, hieß: auS einer flüchtigen Ambulanz eine aufbauende Institution zu werden. ■ , ,/HISJ*tt.u . : - . Das „Jüdische HilfSwerk" in Wien ist eine völlig unpolitische. Ist eine soziale Einrichtung. ES dient keiner Partei. ES gibt jedem und darf deshalb von jedem nehmen. Daß eS sich an die. „Agudas Jisroel" angeschlossen hat, entkräftet nicht, sondern bestärkt nur diese Richtung aüfs Allgemeine. Denn nur in einem Rähmett, Ser auch dem strengsten rituellen Anspruch genügen kann, lasten sich die Bedürfniste aller hilfesuchenden Juden restlos befriedigen. Das „Jüdische Hilfswerk" umfaßt zwei Arten von Einrichtungen: die eigenen und die subventionierten Institute. Erst durch die Kontrolle über beide Kategorien, womit eS gleichzeitig die Verantwortung für deren zweckmäßige Führung trägt, wird das „Jüdische Hilfswerk" ein Zentralorgan der sozialen Fürsorge. Den Auftakt zur eigenen Arbeit brachte das „Waisenhaus ln Baden" (Germergaffe 48). Schon während des Krieges von seinem Besitzer dem „KriegswaifenfondS" der Aguda geplant, ist es im Frühjahr 1921. eröffnet worden und birgt seither 42 Knaben, die in dem schönen und gesunden Gartenhause am Weinhügel vortrefflich gedeihen. Die Prüfung üoer daS erste Schuljahr haben alle, die Mehrzahl mit Vorzug bestanden und das, trotzdem ihrer religiösen Erziehung besondere Zeit und Sorgfalt gewidmet wird. Um die Unzahl der obdachlosen Waisen, namentlich solcher aus den Pogromfeldern der Ukraine, wenigstens teilweise unterzubringen, habentvir mit Hilfe deS „Schweizer KriegSwaisenfondS der AgudaS JtSroel",der uns dafür einen Betrag von 40 000Fr. zur Verfügung gestellt hat, ein zweites geräumiges HauS in Baden (Eppsteingasse 10) erworben. ES geht feinem Umbau und einer gründlichen Adaptierung entgegen und so dürfen wir hoffen, in kurzer Zeit weiteren 10V Knaben, Kindern von erschlagenen Vätern und geschändeten Müttern, dieselbe Erziehung und Pflege gewähren zu können wie den Schützlingen des ersten Badener Waisenhauses. Aber außer den unversorgten Waisen stehen noch andere ElendSktnder einlatzheischend vor unserer Tür. Wie jene Opfer deS Krieges, sind diese nicht minder unschuldige Opfer der Großstadt. Bon ihren Eltern verlassen, schwärmen sie verwahrlost in den Gaffen, werden gelegentlich von der Polizei aufgefangen und in Sammelsteüen gebracht, die bet ihren völlig unzureichenden Mitteln den körperlichen Verfall der Kinder nur noch beschleunigen, oder fie geraten auf irgendwelchen Wegen in eine dürftige Privatpflege — gehen aber jedenfalls dem Judentum verloren. Wir haben ein erstes und zweites' Mal mit Erfolg versucht, diese Aermsten, im Ganzen etwa hundert, ihrem Untergänge Oedeiiket des Keren Hajischnw und der Rauseli-Cliaudescli-Spende! zu entziehen und sie dem Schutz von Menschenfreunden zugeführt. Aber auf die Dauer erwies sich diese Prioathilfe den laufenden Ansprüchen nicht gewachsen und entsprach auch nicht mehr unseren strengeren Zillen. So haben wir auch hier an Stelle der Not- Hilfe die Organisation gesetzt. Wir haben in Wien (Hl. Schimmelgaffe 6) ein Haus mit einem freundlichen Gartenhof erworben, das schon bisher als Kinderkrippe ähnlichen Zwecken gedient hatte und so nur einer neuen Einrichtung bedurfte. Dieses „Knabentnlernat" gibt fürs erste die Möglichkeit, jeweils 40 verlaffene Kinder solange bet uns heranzupflegen, bis wir für fie dauernde und verläßliche Unterkunft tu jüdischen Häusern deS In- und Auslandes gefunden haben und sie ihren Platz anderen kleinen LeidenSgenoffen räumen können. Die Verfassung ist — bis auf den öffentlichen Schulbesuch — dieselbe wie in unseren Waisenhäusern: Wirtschaft und religiöser Unterricht im Hause. Aber daS „Knabeninternat" dient nur zu einem Teile als Sammel- und Durchgangsstelle für verlaffene Kinder, zum andern Teil dient es als Lehrlingshetm. Denn — es. ist schon gesagt worden — wir. wollen aufbauen, wir wollen nicht Helsen, sondern retten. Wir müssen also konsequenterwetse für die Verlassenen.und Verwaisten auch nach der Ueberschreitung ihres schulpflichtigen Alters Sorge tragen. Nun ist nur ein geringer Teil dieser Kinder für eine höhere geistige Bildung geeignet, den wir dann den jüdischen Schulen im Burgenland und in der Slowakei überantworten können. Die weitaus überwiegende Mehrzahl aber müssen wir — denn auch das ist ein Ziel unserer Organisation — praktischen Berufen zuführen. DaS „LshrlingSheim" gibt ihnen ein Dach, das Brot, die Pflege, den fortlaufenden Abendunterricht und die verantwortliche Aufsicht. Aber eS gibt ihnen nicht die Erziehung zur Arbeit. Das geben ihnen die „Jüdischen Werkstätten". Wir haben in Wien, .XU. Edetstnngaffe 20, ein weitläufiges Fabriksgebäüde tm Ausmaße von drei Baracken mit drei großen Sälen, vier großen und vier kleinen Arbeirs- und mehreren Nebenräumen erworben und sind eben daran, hier unterschiedliche Werkstätten, zunächst für ^Tischler, Schlosser, Tapezierer und Schuster, jede unter Leitung eines tüchtigen Meisters, einzurichten und ihnen tm Hause ein zweites LehrltngShetm samt Küche und Schule anzugttedern. Die dem schulpflichtigen Atter entwachsenen Kinder aus dem Badener Waisenhaus, und; aus dem Wiener Knabeninternat, aber^auch andere Ankömmlinge sollen . . . . . Nr. 2i Seite 8. hier je nach ihrer Eignung einem redlichen Handwerk zugeführt werden. Die „Werkstätten" find also ein Teil unserer schon seit Jahren bestehenden „Gewerbeförderung", die durch Bereitstellung von Werkzeugen und Gewährung von Darlehen notleidenden jüdischen Handwerkern planmäßig aufhilft. Durch beides meinen wir nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch moralischen Zielen zu dienen. Denn wir dienen der sittlichen Aufrichtung unseres Volkes, indem wir möglichst viele seiner Kräfte der'produktiven Arbeit gewinnen. Das ist die bisherige Leistung des -,Jüdischen HilfSwerkeS" im Bereiche seiner eigenen Institutionen und daS Programm für seine künftige Tätigkeit. ES beginnt mit dem vereinsamten Kinde und eS endet mit dem geschulten und arbeitsfähigen jüdischen Manne. Aber darüber hinaus hat das „Jüdische HilfSwerk" als eine Zentrale der sozialen Fürsorge seinen Wirkungskreis folgerecht erweitert, daß eS die Förderung einer Reihe von bewährten lebenswichtigen Einrichtungen — Anstalten für die Erziehung der jüdischen Jugend, Armen-, Mittelstands- und Studentenrüchen, endlich den „Krankenhausverein" für die Beköstigung öer jüdischen Kranken in den. Wiener Spitälern — auf sich genommen hat. DaS „Jüdische HilfSwerk" steht mit den genannten Institutionen in fortlaufender Verbindung, betetlt ste nach Maßgabe seiner Mittel mit Subventionen und sorgt dafür, daß diese sinn- und zweckmäßig verwendet werden. Außerdem hat bas „Jüdische Hilfswerk" von der sozialen Fürsorge der Aguda eine Reihe von Hilfsstellen übernommen und ste zu regulären Einrichtungen ausgebaut. DaS find: die „Säuglings.", „Wöchnerinnen-" und „Kursürsorge", die schon erwähnte „Abteilung für Gewerbeförderung" und mit ihr verbunden das „Stellenvermittlungs- und Rechtschutzbureau", ferner die „Ab» tetlung für Repatriierung" und endlich jene „HilfSkaffe für durchreisende Auswanderer", an die jeweils bet Oeffnung der palästinensischen und amerikanischen Grenzen immer wieder plötzliche und enorme Ansprüche gestellt werden. In schwerer Zeit haben wir unsere Orgauisation begründet, tn weit schwererer noch — in einer Zeit, da ein Laib Brot 7000 Kronen, ein Kinderbett 3 Millionen kostet — haben wir ste auSgebaut. DaS hätte ohne die brüderliche Hilfe deS Auslandes, nicht geschehen können. Aber auch nicht ohne die Hilfe unserer nächsten Wiener Umgebung. Zwei verschiedene Beispiele werden genügen, um dieses Wiener Wohltun, welches seither die Grundlage unserer Arbeit gewesen ist, für jedermann inS rechte Licht zu setzen. Der letzte Sammeltag für das Badener Waisenhaus hatte — an einem Tage, an einem Orte — ein Ergebnis von rund 60 MillionendaS stattliche Objekt für unsere Werkstätten verdanken wir einer Gruppe von nur drei Wiener Gesinnungsfreunden. Das Ausland hat Großes für unser Werk getan, aber eS soll wissen, daß auch Wien Großes, daß eS das . Menschenmögliche dafür tut. Das Kommilee für jüdische Kinder im Haag", die „Alliance universelle israelite in Paris" und der „Schweizer KriegSwaisenfondS" haben unS in jeder Hinsicht entscheidend gefördert. Sie sind uns in kritischen Augenblicken freigebig beigesprungen und fie haben unS den Ausbau der Institute ermöglicht. Schon für das und jenes können wir ihnen nicht genug danken. Aber ihre Hilfe hat noch eine wichtigere, eine grundsätzliche Bedeutung. Denn ste geschah und geschieht nicht durch einmalige, außerordentliche Spenden, sondern durch regelmäßige Zuschüsse. Und gerade das brauchen wir. um unfern Haushalt ordentlich zu führen, ihn den wachsenden Notwendigkeiten automatisch anzupaffen. Wir haben jetzt endlich eine Organisation, die Dauerndes leisten will und die deshalb auch dauernd leben muß. Dementsprechend muß auch die Hilfe des Auslandes — soll sie unserm Werke richtig dienen — organisiert sein. Schon find in der Schweiz, in Holland und ln Frankreich glückliche Anfänge da. Aber wir müssen auch in den anderen Ländern, wo Juden heute tn besseren Berhälmiffen leben und mit einer geringen Gabe in der Währung ihres Staates nicht nur eine märchenhafte Kronensumme spenden, sondern damit auch eine tatsächlich ausgiebige Hilfe für unsere Schützlinge leisten können, den festen, regelmäßigen Anschluß finden. Dennoch sind wir erst am Beginne unseres Weges und das Ziel ist noch fern. Noch brauchen zwei unserer neuen Häuser die komplette Einrichtung und für die übrigen springt die steigende Teuerung den verfügbaren Mitteln tagtäglich voraus. Noch mutz eine Reihe von Bedürfniffen, namentlich die Armenpflege und die Durchleitung der Auswanderer, ambulatorisch, also vorderhand völlig unzureichend gedeckt werden. Noch haben wir — um nur ein besonders trübes Beispiel zu erwähnen — die organisierte Fürsorge für verwaiste und verlaffene Mädchen im Bewußtsein unserer Verantwortung, bisher nicht einmal aufgreifen können. DaS alles und vieles andere wartet auf die Ausbreitung jener AuSlandsbilfe, wie wir fie tm Rahmen unseres Arbeitsplanes auffaffen. Und fie wird kommen. Denn daS Ausland wird unS verstehen lernen, eS wird innewerden: daß wir mit unserer Arbeit nicht nur unsere, sondern auch seine Pflicht erfüllen, daß wir hier bloß eine Art Exekutive für die allgemeine jüdische Humanität sind. Wir in Wien stehen an der Gkenze deS jüdischen Ostens und Westens. Wir bauen den Damm um das Reservoir des jüdischen Massen» rlendS, das unter unwiderstehlichem Zwange aus dem