Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1922)
- Date
- 1922-10-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2450189-2450227--70093-2527306- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 1× ep/1005097
OCR text
19. Oktober IMS. Drr FSraeltt. Nr. 4L Seite- Lafestfrohe Kowna. Man feiert hier gern Feste und läßt sich eine Gelegenheit, Hurra oder Hedad zu schreien sötten entgehen. ' Ich flenn, gerade in Koivno ütt, töte eine zehntausendköpfige jüdische Menge mit wehenden Fahnen und schmetternder Musik, bei den Klängen des „Hatikwah" nach dem Paradeplatz zog, wo der „Minister", ein ungewöhnlich redegewandter Führer aus der zionistischen Schule/ die Ratifizierung des Palästina», and Lies schon so.gut wie als Endziel der Erlösung feierte. Es setzte dann würdig und harmonisch Blechmusik ein . . . Man schrie Hedad, daß die Zinnen des alten Klosters wackelten und der GaUl der hier beginnenden Straßenbahn in lustigem Zickzack die Fahrgäste durcheinander Warf. Diesem Paradeplatz — von den Kownorrn konsequent „Platzparad" genannt —, sei noch ein kurzes Wort lieben Gedenkens gewidmet. Es ist ein viereckiger, schön umhegter „Rasenplatz, auf dem leider der Rasen fehlt. Er ist umsäumt v.on Klostertürmen, einer Kirche mit vergoldeter Zwiebelkuppel und Nördlich gedeckt von einer stattlichen Häuserfront, in deren Mitte sich auch mein Hotel mit dem englischen Namen und den litauischen Wanzen befindet. Mitten auf dem Platze erhob sich früher mächtig ragend eine nach oben abgespitzte Gußstandarte „Zigunke" genannt, die allezeit als das Wahrzeichen, die Seele der Stadt, von den Kowrwern nicht weniger geliebt wurde als der Markusturm von den Venezianern, der Stephansturm von den Wienern oder der Eschenheimer Turm von den Frankfurtern. Napoleon hatte einstens diese Standarte als Siegerdenflmal errichtet, und meine Kinderphantasie wob die wunderbarsten Geschichten von Schlacht, Ruhm und' Sieg um dieses Standbild. Die Deutschen haben aber während 'der Okkupation das ganze Denkmal glatt abgetragen. „Die Deutschen", sagen die Litauer witzig, „sind ehrliche Leute. Die Franzosen hatten ja das Denkmal errichtet und die Deutschen haben es ihnen wieder hinttberzeschickt — in der Form von Kugeln . . . Als ich jetzt nach. Jahrzehnten Kowno ohne „Zigunke" wiedersah, war es mir, als stieß ich ans einen alten Freund, dem im Kriege die Nase ans dom Gesichte weggeschossen wurde. Einfach nicht zum Medererkennen! ... Der Platz war zur Russenzeit Exerzierplatz und diente auch für alle militärischen Paraden. War auch ein wenig Träneninsel, denn hier wurde den jungen Rekruten, zumeist der russischen Sprache nicht kundigen Litauern und Juden, der erste soldatische Drill buchstäblich eingebläut. Ich habe, wenn ich als Kind mit nach Kowno durste, oft genug auf diesem Platze stille Tränen mit den Gestützten geweint, die den „langsamen Schritt" gar nicht in den „Kops bekamen" . . . und damals hatte ich mir fest vorgenommen, nie und nimmer russischer Soldat zu werden . . . Auch angenehme Erinnerungen verbinden mich mit diesem Platze. Ich denke noch lebhaft Iwans, des kurzen dicken und gutmütigen Tambours, der in unbewachten Stunden mir gegen ein Stück „Chaleh" (Weißbrot) die Riesenpauke umhing, mir die Schlägel in die Hand gab und mich trommeln ließ — solange bis er das Weißbrot verschluckt hatte. Das war freilich nicht sehr lange . . . Es sind dies die Mcklichen stolzen Minuten meiner kurzen militärischen Laufbahn ... Die Russen haben nach zwei Jahren Weltkrieg den Platz geräumt, schließlich auch die Deutschen und jetzt bin ich hier zum erstenmal im Leben Zeuge einer i irdischen Parade, mit jüdischen Reden, jüdischem Musiklärm, jüdischem Hurra und Hedad. Immerhin eine Wandlung, und eine schöne . . Aber fatalerweise verläßt mich dabei nicht die Erinnerung an Iwan, den dicken Tambour, und seine von mir gemeisterte große Trommel . . Me lange wird der Tam-tam dauern? „Nicht länger," so sagte man damals, „als bis der Goi dre Ehaleh gegessen hat . .." Weitere Feste. Freitag darauf ist wieder Fest, litauisches; Rmettka Ktt Litauen äs jure anerkannt. Ganz unvermittelt kam es. Am Morgen traf die Depesche ein und mittags um zwölfe zogen die Schutzleute durch die Sttaßen und pfiffen schrille Töne, zunr Zeichen, daß die Läden zu schließen seien. So prompt wie das „In Schul herein!': des L-chammes im Städtchen wurde dieser Pfiff am hellen Mittag gerade nicht befolgt. . . . Lästig und unwillig sogar, va kein Mensch wußte, was geschehen war. Aber geschlossen wurde doch. Die Schutzleute gingen dann ins Wittshaus, wo sie schon viele Patriöten trafen . . . Und nachmittags um fünfe bewegte sich, der Festzug der zum Teil „nicht mehr ganz Aufrechten" bis -? s.«-i * *c . - Dott hielt Podium ge- ,_-__ —_ „ürdige amerinische^ Herr, dxr sie -auf der Veranda Wer sich 'MMn lastest nmßte, Hoffentlich mehr verstand wie Medner tat sehr erregt und ein ^WzWMtztWWtüWebensoKtt . em -EnÄx/mit L>h r- M^igrn wwMtt Hnrra erwarten «Men,Mnn die litauische Sprache die höheren Mfteltöne der Mtase hinaufklimmt, .ist eS für den Unkundigen schwer, WuLanfälle von Ausbrüchen der Begersternng zu unterscheiden. . . Aber es wurde doch am Ende Hurra geschrien und man zog dann natürlich auf den „Platzparad". Das dritte Fest fand in der schon angedeuteten Weise zwei Tage später im geschlossenen Raum statt, zu Ehren der dnrchgesetzten jüdischen Autonomie. Die angenommene Autonomie sieht der erstgeplmtten in allen Teilen ungefähr so ähnlich wie das ratifizierte P alästinam and at der ersten Balfournote . . . Immerhin war hier Grund zur Freude und das Vertrauensvotum für die Kämpfer wohlverdient. . (Fortsetzung folgt.) Me Sukkoh aus dem Lande. Ein Sukkothnachklang. Bon R- Bachrach in Kreuznach. Am Sedertische,' der schon mit den schönsten Früh. ltngSblumen geschmückt war, meinte der „Lhochom": «Nach solch, schönem Pestach stehen blaugefrorene Nasen in der Sukkoh bevor." „Roscho", „Tam" und „Scheeno jodea lischol" prophezeiten noch pessimistischer. Ich selber dachte: „SukkoS im Oktober, da ist'- leicht möglich, daß Laub und Blümlein verwelkt find und verblüht, und ans dem Sukkohdache eine leichte Schneedecke sich lagert". Nun kam SukkoS. Ueber dem stillen engen Synagogenhofe wölbte sich der wolkenlose blaue Himmel. Trübe schaut die Sonne auf die grauen Mauer», die alten Dächer, auf denen die Spatzen nach Abzug der Sommervögel von ihrer Alleinherrschaft ausgiebigsten Gebrauch machten, Heinz der Kater mit Frau und Kindern, mit Vettern und Basen unter Absingen der schönsten Lieder und Gesänge die neuesten gewagtesten Tänze aussührien. Vor mir im Hose türmte ein Hausen von Latten und Brettern sich auf. „Bon der Stirne heiß, rinnen muh der Schweih, soll das Werk den Meister loben," dachte ich, betrachtend das Chaos, aus dem die Sukkoh Ich errichten wollte. Bald aber, nachdem manch Breitlein gesägt, manch Näalein eittgeklopst, stand die Hütte in ihrem Rohbau an Ort und Stelle. Die Wände mir „schneeigem Linnen" bespannt und mit Bildern reich geschmückt. Hagebuken« und Paplerketten, Blumen und Früchte zierten ihre bestimmten Plätze. Von der Decke herab hing der kunstvoll gebaute Mögen Dowid, in besten Mitte die Lampe schwebte, die am Abend ihr mildeS Licht spenden sollte. Fertig stand die Hütte da. Mit freudiger Genugtuung betrachteten wir unser Werk, denn „stehe, eS war gut." §J Wenig Stunden später erregte die im Lichter, glanze erstrahlende Sukkoh die sreudigste Ausmerksamkett der die Synagoge verlassenden frommen Beter. Sie erfreute Auge und Herz der Alten, die einst froh neben Vater und Mutter sahen in der lieblichen Sukkoh. „Lang, lang ist's her." Leider ist's für die meisten die Sukkoh nur ein „Denkmal alter Zeit.. Die Kinder jubelten beim Anblick de« grünen BaueS; sie hatten in ihrer Mehrzahl solch Wunderding noch nie erschaut ... Ein alter Herr ergreift den Becher gefüllt mit edlem „Schlohböckelheimer" und macht Ktddusch. Seinem leschew ba Sukkoh lauscht andächtig eine Schar Männer und Frauen, um auch dieser Mtzwoh teilhastg zu werden. Hei, wie mundete Speise und Trank in der frischen lieblichen Sukkoh in den trüben Tagen des Oktobers! Am Tische sitzend, sank ich in leisen Schlummer ... Mutter, die schon lange in den lichten Höhen wohnet, kam mit einem Korb voll Rüsten, um die ich mit den Dorfkindern, von denen manches schon einen Enkel auf den Kniern rmegt, in der Sukkoh spielte . . . Vater, den ich nur als fünfjähriger Knabe kannte, saß über den Folianten gebeugt, um in der Hütte auch an geistiger Kost, der Weisheit der Alten, sich zu erfreuen... In der Sukkoh half ich am Hofchano rabbo Vorabend die „Hoschanos" binden,- bei Kerzenlicht auf ihre Brauchbarkeit sie prüfend . ... Im alten trauten GytteShause sah ich am Sukkoh - Mann für -Mann den Lulof schwinge«. Am SimchaS Thora die Mien mit dem S'fortm tanzen, voraushüpfend mit Fähnchen die Knaben, die trotz Bewußtseins ihrer hohen Mission, es nicht unterließen, nach Konfekts, Rüsten und Aepfeln zu hqsche»,; die die Frauen Loch oben aus der „Frauenjchul's herabsendeten. * -©in schriller Schrei der-Stahlsäge der benachbart^ <■; Schlosserei versetzt in die Gegenwart mich jäh zurück. . »tampora muntantur". — ES ist SukkoS 1921 . . . Sukkoh, Lulof, Hofchanoh sind leider Raritäten nur noch. Die moderne Zeit kennt und liebt ganz andere Dinge, als die, die an die stolze Vergangenheit unseres alten herrlichen Stammes uns erinnern und zu einfachem, zufriedenem, gottgefälligem Leben uns erziehen sollen! Die einfache Sukkoh zwischen den Mauern beengen Synagogenhofes erfreute die Alten, erfüllte mit Jubel die Kinder. Wie muh erst die Sukkoh wirken, die Ihr Glücklichen Euch errichtet in prächtiger Billa, aus geräumiger Veranda, im stolzen Parke! Ein §unae berichtet mir freudestrahlende „Am nächsten ukroS bauen wir auch eine Sukkoh!" — Faste auch Du, lieber Leser, den Vorsatz, im kommenden Jahre, s. G. w., eine Sukkoh zu errichten. Du bereitest Dir und vor allem Deinen Kindern eine reine Herzensfreude. Ser Selehrle. (Aus dem Talmud). Eleasar ben Durdta war ein hartgesottener Sünder. Aber eines Tages kam es über ihn, daß er Buße tat und Gott um Gnade anflehte. In grimmiger Verzweiflung begab er sich in eine Einöde, setzte sich zwischen zwei Anhöhen und rief: „Ihr Berge und Hügel, bittet für mich um Erbarmen." Die aber erwiderten ihm: „Statt für dich um Erbarmen zu bitten, haben wir zunächst für uns selbst Fürbitte zu tun,- denn wir sind bedroht durch die Worte der Propheten: Die Berge werden weichen und die Hügel wanken (Jesaja 54, 10)." Da rief er: „O Himmel unv Erde, bittet ihr für mich um Erbarmen!" Die aber sprachen: „Statt für dich um Erbarmen zu bitten, haben wir zunächst für uns selbst Fürbitte zu tundenn wir fürchten das Wort des Propheten: Der Himmel wird schwinden wie Rauch, und die Erde wird wie ein Kleid vergehen (Das. 51, 6)." Da rief er: „O Sonne und Mond, bittet ihr für mich um Erbarmen!" Die aber sprachen: „Statt für dich um ©rfcarmen zu bitten, haben wir zunächst für uns selbst Fürbitte zu tundenn uns bedroht das Wort des Propheten: Der Mond wird sich schämen und die Sonne zu schänden werden (Das. 24, 23)." Da rief er: „Ihr Sterne und Sternenbilder, so bittet denn ihr für mich um Erbarmen!" Aber auch die erwiderten: „Statt für dich um Erbarmen zu bitten, müssen wir zunächst für uns selbst Fürbitte tun; denn so verkündet der Prophet: Das ganze Himmelsheer wird vergehen (Das. 34,4)." Als Elasar ben Durdta sah, daß keine Macht des Himmels und der Erde gewillt war, sich seiner anzunehmen, da rief er auS: „Bon mir allein hängt eS ab, ob mir Vergebung für meinen ruchlosen LebenS. wandet werden wird." Und er verbarg sein Haupt zwischen seinen Knien und schrie auf in erschütterndrr Wehklage und weinte über sein vergeudetes Leben ohne Unterlaß, bis endlich ein sanfter Tod ihn erlöste. Eine Htmmelssttmme aber rief: „Elasar ben Durdta wird tetihaven an dem Leben der künftigen Welt." Msellösung. Die Lösung des RätfelS ln Nr. SS lautet: jlvv blp D12C‘ Richtige Lösungen sandten ein:. Frau Kaufmann, Sara Katz, Golda Zupntk, Karlsruhe; I. Süßholz, Trier; Jakob Paucker, Seret (Rumänien); Leopold Markowitz, ZaboS (Galizien); A. Daotdsohn, Rastenbürg; Hermann N. Bloch, Wien, z. Zt. Frankfurt a. M.; Willi und Em»l Neumann, Frankfurt a. M. Mendel Frant, Berlin. Eamor A. Davidsohn, Rastenburg. Briefkasten. M. L. in S. Der Roman ist nicht identisch mit dem von Ihnen bezeichneten. Der. Preis deS Buches gebunden beträgt 75 Mk.; L. W. Piestany. Wir könüen uns mit der Lieferung von Seforim nicht bestsist» und empfehlen "hnen, sich aq eine der bekannte» hebräischen Büch, siidkuügen in tzräykfart a. M: oder Berlin zu «enden