Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1922)
- Date
- 1922-10-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 42 des „Zsraelit". Me sich Rabbi Israel Galanter mit der Thora freute. Bon Rabbiner I. I. Weinberg in Charlottenbrrrg. Als einmal am Simchasthora die Freude in der Schul des Rabbi Israel ihren Höhepunkt erreicht hatte, da sonderte sich der alte Rabbi Israel vom ihn umjubelnden Kreise ab und ließ sich auf einen abseits stehenden Sessel nieder. Als die Jünger dieses gewahr wurden, bemerkten sie, daß der Rabbi in einer Ecke saß und . . . weinte. Ihn um die Bedeutung dieses seltsamen Umstandes zu befragen, wagte natürlich Niemand. Nach einigen Minuten ge. spannten Wartens brachte es Rabbi Etje Krattinger, ein Lieblingsschüler des Rabbi Israel und selbst der großen Gelehrten und Frommen einer, übrr sich, Robbt Israel um den Grund seines Weinens zu fragen. Betrübten Blickes sah ihn Rabbi Israel an. Er erwiderte kurz: „In der Freude, da ist der Grund meiner Traurigkeit. Bedenke ich, wie groß die Freude um unsere Thora sein müsse, da erwacht eine große Trauer in mir, daß ich die Thora nicht nach vollem Gebühr erfüllt habe. Es schmerzt mich, daß ich zu diesem Feste nicht ganz hinzugehöre ..." Als ihm darauf Rabbi Elje Kiattinger in großer Verwunderung Trost zuzusprechen begann und ihn an sein rastloses Thorastudlum, an sein unablässiges frommes Tun gemahnte, da frug ihn Rabbi Israel scharf: „Nun gut, das ist ein Trost für mich. Weshalb aber freust du dich"? Nicht beschämen wollte der heilige Rabbi Israel wahrlich seinen großrn-Jünger. Er wollte ihm nur jene sittliche Verhaltungsmaßregel inS Gedächtnis rufen, das man wohl dem Nächsten gegenüber immer das zur Geltung bringen müsse, was ihm zur Rechtfertigung, zum Tröste gereiche, indessen gegen sich selbst Strenge beobachte ... „Für mich darfst du diese Rechtfertigung in Anspruch nehmen, doch welche Rechtfertigung hast du für dich? Weshalb freust du dich"? Nun brach auch Rabbi Elje Krattinger in Weinen ans. Die versammelten Jünger konnten sich der Tränen nicht mehr erwehren und bald ging ein Schluchzen durch den Raum. So wurde die Freude in Klage verwandelt. Da erhob sich P'ötzlich Rabbi Israel von seinem Sitz und die Jünger beschwichtigend, richtete er an sie die ermutigenden Worte: „Brüder, unser Fest ist eS doch. Durch euere Klage wird mr unser wohlbegründetes Recht klar, uns heute zu freuen. Nur wer die Thora begehrte und zu ihr in tiefstem Herzen strebt, kann sich auch des Gefühls des Bedauern- und der Befürchtung nicht erwehren, ihr auch nicht immer Genüge zu tun. Diese Gewissensbisse, dieser Schmerz, dieses Reugefühl und die mangelnde Befriedigung sind der beste Beweis für unser Verwachsensein nrit der Thora, für ihren Charakter als unser LebenSelement. Wer hat nicht einmal einen Juden darüber seufzen hören, daß ihn sein harter Daseinskampf nicht nach dem Geiste der Thora leben läßt. Um der Thora willen leidet er und seine Leiden hindern iha an der Erfüllung der Thora." Mauen. (Eindrücke und Beobachtungen auf einer Ferienreise.) V. In der „Ehorschul". Außer den genannten Synagogen und den unzähligen Bethänsern und Klausen, von denen „ Naw- .jaschers Klaus", die leider ftillgewordene einstige Wirkungsstätte Rabbi Israel Satanters, genannt werden nmtz, besitzt Kowno auch eine sogenannt« „Chorschul". Es sir ein eigen Ding um diese moderne Synagoge, die sich von einer deutschen orthodoxen Synagoge höchstens nur darin unterscheidet, daß das Almemor statt in der Mitte vorne mit der heiligen Lade zusammenläuft. Orgel und ähnliche Reformen kennt man in diesem Lande der scharfe» Gegensätze nicht. Als die Resormbewegunz von Berlin etwas verspätet über die litauische Grenze kam, fand sie dort auf der einen Seite die Altfrommen, die keine Konzessionen kannten und auf der arideren Seite Radikale, die Zeremonien überhaupt ablehnten und sie doppelt lächerlich fanden, wenn sie gor von anderen Kulten übernommen waren. Trotzdem laten sich in Kowno und anderen Großstädterr die Vertreter der intellektuellen Schicht zu einem eigenen Gemeinwesen zusammen und errichteten sich eine eigene Synagoge, die man weniger Reformals vielmehr Form-Synagoge nennen kann. In Kowno ist cv ein stattlicher Bau auf der Korowskastraße mit einer inneren Ausstattung, die von Zweckmäßigkeit und Formsinn zeugt. Die Frommen nahmen die „Chorschul" nicht ernst, noch tragisch und gingen, da der Gottesdienst-darin nicht im geringsten von der Tradition abweicht, sogar zuweilen bedenkenlos hinein, um den „Chorchasen" zu hören oder das Unikum einer russischen Predigt aus dem Munde des Kronrabbiners zu erleben, nachdem man natürlich auf alle Fälle iin Bes hamidrasch oder in der Klans gebetet hatte. Ein wenig war diese Synagoge sin alten Regime auch nach außen hin nötig, für patriotische Festakte, denen die Behörden beiwohnten. Man hatte ja einen Kronrabbiner, so mußte man eben auch eine .(lronsynagvge haben. Als ich am Freitag Abend die große, gut beändert. Die Institution des Kronrabbiners ist, hoffentlich auf Nimmerwiederkehr, abgeschafft und die Cyorschul ist heute nur noch eine der vielen Synagogen, freilich immer noch Sammelpunkt derer, die Freunde eines Gottesdienstes in geordneten Formen sind. Als ich am Freitag Abend die große gut beleuchtete Synagoge betrat, war sie gestopft voll. Denn ein neuer Chasan war zur Probe da. Seit der Wiederkehr der Kvwnoer Gemeinde war die Chorschul ohne Chor und Kantor. Nun sollte die Kantorstelle besetzt werden. Es hatte sich bereits der dritte Kandidat, hören lassen und an der Wahl scheint die ganze Stadt ohne Unterschied der Richtung das lebhafteste Interesse zu nehmen. Und jeder in Litauen ist in diesem Punkte Sachkenner, und die Kritik ist scharf, spitz und erbarmnugslos in ihrer witzigen Boshaftigkeit. Vom ersten Probekandidaten, dessen Stimme den Raum nicht ganz beherrschte, sagten sie, er habe vielleicht recht gut vorgebetet, man habe es nur nicht gehört. . . . Der zweite hatte mit seinem Organe nicht recht befriedigt und da hieß es, er hätte alle Sttnnnen der Gemeinde, es fehle ihm nur noch die eigene. ... Der dritte an diesem Freitagabend schien aber einzuschlagen. Dieser noch junge Mensch in etwas verschlissenem Talar mit großmächtigem Barett nach Art eines russischen Metropoliten auf dem schwarzen Krauskopfe, kam aus Rußland oder der Ukraine und sang einen Tenor, der sich schmelzend und schmeichelnd in die ' erzen stahl. Es schien mir, als würde die ganze Zehmut der moldauischen Ebene, aber auch die ganze jüdische Tragödie auf der roten ukrainischen Erde in seineiu lyrischen, koloraturreichen Gesänge mit* zittern. Etwas zu mollig, zu elegisch erklingt freilich für mein an deutschem Shnagogengesang orientiertes Ohr das „Lechodaiwi", Und ich begreife nicht, warum die Einladung an den Sabbat: „Ziehe in Frieden ein Krone des Gemahles, in Freuden und mit Jauchzen" in Tönen sich ergießen muß, die eher Tränen als Jauchzer abnötigen. Am Sabbatmorgen ging ich aber noch einmal hin, um das „Aw horachamim" zu hören, und ich kam aus meine Kosten. Hier schien der Mann ganz in seinen! Elemente, da er von den „heiligen Gemeinden" sang, die „ihr Leben Hingaben für die Heiligung des göttlichen Nanrens," von den „Lieblichen und Mutigen allen," die „im Leben beisammen waren und im Tode ungetrennt blieben". Man sah förmlich die Adler durch die Luft schwirren und die Löwen sich kraftvoll recken, als er von denen sang, die itocf} „behender denn Adler, mutiger als Löwen waren, um zu erfüllen den Willen des Schöpfers." . . . Er fang mit der Seele und löste Empfindung«« und Schwingungen in der Beter Herzen miä, die in tonlosem Entzücken unhörbar, aber ganz deutlich und einheitlich wie in gleichgestimmtem Chore mitklnngen. f Sr kam auch aus Rußland und der Ukraine, dieser t Rw hvrachamim-Sänger ... | Draußen aber wird das Ereignis des Tagein ' kleinen Gruppen eiftig besprochen und dabei ganz beachtliche Urteile und Kunstansichten entwickelt. Jeder hat seinen eigene» Geschumck. Es Wird gestritten um das, was das moderne Chasonus - - das „chvralne" — von dem alten unterscheidet oder auszeichnet. „Das alte Chasonus", das ist der Meisten Ansicht, „hat Herz, hat Seele, ist jüdisch, 'das neue aber steckt in gemessenen und gewogenen Tönen wie in einem dumpfen Faß und vergißt vor lauter Dreivierteltakt den Text". (Was würden die erst, zum deutschen Synagogengesang sagen?) Doch entstehen auch Verteidiger des Modernen, die aber starren Widerspruch finden. „Ein Chasan," doziert ein besonders Kundiger in einer anderen Gruppe, „muß Künstler sein, nicht Sänger, aber Maler. Wenn er „KewakoraS" singt, muß man deri Hirten sehen,, wie er seine Schäfchen sammelt und Zählt: sagt er „Habden jakir li", muß einem die Mutter vor Augen stehen, die ihr Kind in den Schlaf wiegt . . „Und wenn er „homu meai lau" sagt? . . läßt sich jemand Hören und löst durch diese fürwitzige Zwischenfrage schallendes allgemeines Lachen aus.' „Wir haben in unserer Klans einen solchen Künstler", berichtet ein anderer — er nennt ihn sogar bei Namen —, „wenn der Haschkiwenu anstimmt, sch lasen wir alle ein..." Das ganze interessante, auf hohem Kunstgeleiss begonnene Gespräch löst sich in seichte Witzchen und Mätzchen. auf, deren es min von allen Seiten geradezu regnet. Ueber allem steht das Wort, der Witz. „ Glei chw ö r t e l" nennt man es in Litauen Und schmatzt dabei mit der Zunge wie ber einen! guten Leckerbissen. Ich wende mich ab, mit dem stillen aufrichtigen Wunsche für den Vorbeter: Gott stehe ihm bei, daß er diesem erbarmungslos kritischen Publikum gerecht werde und dann, daß er hier an ruhigeren Gewässern es auch noch lerne, wie man Sabbat mit „Freuden und Jauchzen" empfängt. . . . Im Sejm. In den S e j m (Landtag) kam ich zur glücklichen Stunde:'es wurde gerade Wer die jüdische Autoitoittie verhandelt. Mel verstand ich nicht davon, aber ich bewunderte den Wohlklang, den die litauis.'e Sprache bei guter rhetorischer Handhabung herausln'iugt. Jung und noch formlos wie die ganze Republik, ist auch dieses Haus, der Herzpunkt der litauischen Politik. Ein geräumiger, weißgetünchter Saal ohne Säulenwerk und jedwede Ornamentik, die Oberteile und Wände mit Fähnchen und bunten Wappenschilder» des alten und neuen Litauen, rundherum wie eine große Puppenstube geschmückt. Es könnte eine besiere deutsche Schule sein, an die auch übrigens das primitive Gestühl erinnert. Die Gemeinderatstube einer größeren deutsche» Stadt mutet „parlamentarischer" an und der Frankfurter Bürgersaal zum Beispiel ist ein Clisemn gegen dieses Haus der Landesgesetzgebung. Das Bild beherrschen Geistliche.. Aus den unteren Plätzen auf den Bänken sieht mau auch ein paar jüngere Leute, auch einige Frauen in redlichem Eifer, das gesprochene Wort in die neugeschaffene, noch gar nicht einheitlich und feststehende Schrift zu zwängen — Zeitungsschreiber. Die Stühle auf der rechten Seite find fast bis zur Türe besetzt, auf der Linken hört die Sttchlreihe schon in der Mitte des Raumes auf ... MerTwürdigerweise sitzen sämtliche jüdische Deputierten, «uch die Orthodoxen und Rabbiner, auf dieser Seite. Vielleicht nur aus Platzrücksichten. Auch die Vertreter der- Minderheiten sprechen litauisch, doch hatte Tags vorher der Rabbiner aus M o r i a m p o l eine feirrige Rede in I ü d rs ch - deutsch, vollgespickt mit hebräischen Sätzen uns Talmudzitaten von der Tribüne hrruntergeschmettert. Und gerade in einer nichtjüdischen Angelegenheit, in der Frage der Todesstrafe. Da erklang zuin erstenmal in einem immerhin europäischen Parlamente das Wort der alten Rabbis: „Ein Gerichts das auch nur einmal in siebenzig Jahren ei» Todesutteil fällt, ist ein mörderisches Gericht! . . Und man hörte ihn ack, ohne Protest, ohne Spott und Nasenrümpsen, ohne Zwischenruf, mit gespitzten Ohren und Bleistiften . . . Vielleicht schickt Reichslagspräsident Löbe einige seiner Nachbarn zur Rechten für ein paar Wochen nach Kowno in die Schule des parlamentarischen Anstandes . . . Doch hüte man sich, daraus Schlüsse aus ein anttsemitenreines litauisches Parlament zu ziehen. Bei dieser Autonomieverhandlung hörte ich es, obwohl der Sprache unkundig, aus dem Tone und sah aus dcn Gesten, was man hier alles, teils im Name» der Kirche^ teils in dem des heiligen Kommunismus, den Juden vorenthallen möchte. Es gab harte Künp,e, aber am Abend des zweiten Tages konnte ich einern Feste zu Ehren der schließlich angenommenen Autzinonrie beiwohnen. ...