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Der Israelit · 1922-09-28 · Heft 39 (28.9.1922) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 39 (28.9.1922)
Date
1922-09-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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fette lü 9lo. SS kleine Mitleid ist reichlich vorhanden, aber der größere soziale Sinn fehlt vollkommen. Man gibt jedem etwas, der die Hand ausstreckt, aber von einer irgendwie organisierten sozialen Hilfe keine Spur. Das Verhältnis zwischen Jude und Bauer ist ein gradezu ideales. Es fehlt, im Städtchen wenigstens, oer Spuk der Judenfrage, wie er die Westländer beherrscht, wo die Menschen sich in zwei Teile scheiden: in Judenfeinde und solche, die erklären, das; und warum sie keine Judenfeinde find. Hier herrscht eine ganz natürliche, unbewußte und unaufdringliche Brüderlichkeit. Man zankt sich oft, schlägt sich sogar bisweilen und lebt zusammen, wie in einer Familie, wo der eine aus den anderen angewiesen ist. Jeder Litauer sieht instinktiv ein wenig zum Juden hinaus. Der Jude weiß, kann und vermag alles. . Er läßt sich vom Juden haarklein erzählen, was in Paris, in London und in Berlin vorgehr, ob der Zar wiederfommt und der Rubel wieder hochkvmmt, ob und wann es noch einmal Krieg gibt. Er läßt sich von ihm auch die neuesten behördlichen Verordnungen, Steuererlasse usw. vorlesen und ausdenten. Der Bauer beherrscht seine Muttersprache nur m Wort, nicht in Schrift, die erst eine Errungenschaft der neuen Republik ist, an die er übrigens nicht glaubt und zu der er kein Vertrauen hat, seitdem sie ebenfalls Steuern verlangt. . . Wer am meiftcn zu berichten weiß, kann aufs beste Geschäft rechnen. Es braucht nicht alles wahr zu sein, das verlangt der Bauer garnicht. „Ka macze! . . Ob das gute Verhältnis noch lange so bleibt? Skeptiker schütteln den Kopf. In der noch freilich sehr dünnen Schicht der litauischen Intelligenz, besonders in den Reihen der städtischen Jugend, sind leider auch schon andere Anzeichen zu nierken. . . „Die Deutschen haben uns", klagte mir ein gebildeter Jude mit gut pointierter Ironie, „Bahnen gebaut, elektrische Anlagen errichtet und den Antisemitismus gebracht — es waren hier Die berüchtigten Baltikumtruppen —, die Bahnen gehen seit Abzug der Deutschen nicht, das elektrische Licht brennt nicht, denn Litauer Haben die Röhren und Schienen gestohlen — aber der Antisemitismus ist geblieben Die Hanptgesahr droht von den litauischen Rückwanderern, die in großen Massen aus Amerika nach der befreiten Heimat zurückstromen, im Dorfe aber keine Scholle mehr finden und in Ltadt und Städtchen mit ihrem aus das mitgebrachte Dollarbermögen gestützte geschäftliche oder industrielle Unternehmen ans die jüdische Konkurrenz stoßen. Religiöse und Kultursorge. Wenn Sabbats heiliger Glanz dem Hasten des Werktages Platz gemacht, merkt man erst die geistige Verarmung Litauens. Die Bethäuser, die früher von früh bis spcki widerhallten von der Stimme der Thora, sind, als ständen sie in Hessen oder Bayern, verödet oder gar geschlossen. Chedarim sieht man nur vereinzelt und von wenigen Kindern bevölkert, Jeschiwoh fehlt ganz. Unzählige Kinder jeden Alters lungern barfüßig und - erschreckend verwahrlost in den Straßen und aus allen Grenzwegen des Schmuggelsherum. Eine T a l m u - t h o r a - schule ist im Prinzip da, aber sie war bislang in .Händen eines Gewaltigen, der sich erstens „seine" Schüler aussuchte und dann diese geistig und religiös völlig verhungern ließ. . . Das machte den Gemeindepolitikern am Sabbat vor dem Synagogentore viel zu schassen. Die Ta(mnd-Thora ist jetzt befreit, aber der Unterricht, der nungut jüdisch werden soll, noch nicht ausgenommen. Es fehlt an einem Leiter. Ueberall in Litauen regen sich die Kräfte, bewegen sich die Hände, aber überall fehlt es an der Kraft, an der leitenden Hand . . . Als ich heim Anblick der verwilderten Jugend in meinem Optimismus mir und anderen einreden wollte, es sei schon i m m er so gewesen, Jugend sei kein permanenter Instand und bessere sich mit jedem Tage, bemerkte ein Wissender sehr richtig: „Damals hatte die Jugend gelernt, und so hatte sie das Leitseil, mn sich bei aller Abkehr und Abirrung wiederzuftnden. Es gab Chrder und Jeschiwoh. Heute haben wir zionistische, jüdischistische und gar keine Schulen, es wird nichts mehr gelernt, darum steht alles zu befürchten..." Ich dachte ioehmutsvoll an die Entwicklung der Dinge anderswo, uns es wurde mir sehr bange umnicht altes, gutes, jüdisches Litauen. Auf dem „guten Orte". Der letzte Besuch im Städtchen gilt den Toten. Ganz oben, am Kopfe des Ortes, liegt, von uralten Eichen und Frnchtbäumen, Sträuchern, Weiden und Geröll eingesünmt, die Totcnstadt, die sich inzwischen rriit eine ganze Generation vermehrt hat. Es ist, so widersinnig sich dies anhört, der einzige heitere Punkt im Städtchen. Diese mächtigen Stämme, von denen keiner weiß, wann und von wem sie gepflanzt wurden und die, in alten Gräbern wurzelnd, Aepsel zeitigen, rotwangig und saftvoll wie das Leben; dieses gewaltige Schlingnetz von Weiden, Gesträuch und Gestrüpp, das die endlose Fläche wie eine natürliche Festung umklammert; diese dichten, finsteren Baumgruppen, mit den in- und übereinnndergewachsenen Aesten, wie Wegweiser oder' drohende Finger aus vergangenen Zeiten . . . Es »er Wraü». ist Urwald rundherum, und tu der Mitte — eine Wüstenei voll halb zertretener Hügel und morscher, verfallener, meist umgeworsener Grabbretter; dazwischen wenige ansrechtstehende niedrige Kalksteine. Vertiefungen an beiden Enden des Friedhofes zeigen wie kläffende Wunden auf den Krieg zurück. Hier hatten sie, erzählt man mir, ihre KäU0U?N erngegraben. Zuerst die R u s s e u» später die D e u t - , cp v ii. Äus &tn Gräbern hatten sie, die Russen nämlich, ihr Herdseuer angesacht, aus dem sie ihr Kapufta kochten, und die Bretter mit den Grabschristen lieferten das Brennholz. . . Auch weideten hier die Kvsakeupserde. Die Deutschen nahmen später höchstens die kleinen und großen Steine, um die Wälle und Schützengräben auszubauen. Als man sich bei der Kommandantur beschwerte, zuckte der Oberst die Achseln und sagte, es sei halt Krieg... Und ein jüngerer Major witzelte: „Die alten Drückeberger, die da hinter sicherer Deckung liegen, sollen auch was vom Kriege haben." Und er wunderte sich noch, daß die Juden über diesen Witz nicht lachten. . . Nun stören keine Kanonen und kein Pserdegetrappel mehr der Toten Schlaf, aber das ganze in Urwald eingebettete Gelände ist eine Wüstenei ohne Wog und Steg, in der sich nur noch die frischen Grabhügel deutlich abheben. Allein am Eingang drinnen harrt die „B e s ü a k w o r e s s r a u", eine der „Klage-Frauen" von Berus, die sich in dieser Oede besser aus kennt als der Beduinensührer ln der lhbischen Wüste, jeden an den „richttgen Platz" führt, jedem das richtige Gebet ausschlägt und je nach dem Trinkgelde auch mehr oder weniger bitterlich weint — für diejenigen, die selbst keine Tränen haben. . . Natürlich bekommen die besten, saftigsten Tränen die Ainerikaner — Valutatränen!... Auch an den „Heimkehrer", der jetzt mitten in oer Oede des Gräberfeldes selbsrverloren stand und suchte, trat die „Klagesrau" heran, führte und führte ihn stumm über Gras, Grab und Geröll bis zum „richtigen Orte." Wie tief innen bereits die Gräber lagen, die doch noch vor wenigen Jahren,, wohl den Rand bildeten! . . . Dann drückte ihm die Frau ein altes, zerknittertes Buch mit vergilbten, braunzerveiMen Blättern in die Hand . . . schlug ihm die Stelle aus. Die Sprache ist schlecht, der Druck noch schlechter, die Gedanken verworren, die Augen umschleiert. Er kommt nicht über die Ueberschrist hinaus: „Libtraier Potter", Libharzige Mamme! . . Da schloß er daS alte, zerknitterte Buch, schloß auch die Augen. Betete sein eigenes Gebet. „Liebtreuer Vater! Liebherzige Mutter! Ist es nicht Gebet genug an dieser heiligen Stätte?.... „Liebtreuer Vater, liebherzige Mutter! Betet für den Sohn. . .!" „Ihr, die Ihr für den Weg vom kleinen alten Häuschen bis zu dieser grasbewachsenen letzten Heimstätte ein volles Menschenleben gebraucht, Ihr wußtet es nicht, wie schwer das Ringen ist dort in der Welt, die so groß und so wett, so kalt und so hart ist. . .!" „Liebtreuer Vater, liebherzige Mutter, betet für den Sühn-!" Und zu diesen schlichten, abgebrochenen Gebetworten lieferte die Klagefrau ganze Ströme von Tränen . . . Dann ging er, ganz wie einstens, den Sandweg hinunter, zum alten Freunde, dem Riemen, uno wusch sich Hände und Augen. . . (Forts, folgt-) Kindevecke. Aus den Kmdhettstagen eines Großen. Von Dr. M. E. Ihn bie Mitte des 18. Jahrhunderts war auch Mähren noch ein Land, in welchem die Lehre des Judentums und jüdisches Leben eine großartige Pflege fanden. -Aus kleinen Dörfern gingen große Gelehrte hervor. In einem fotcfyen Dorfe war es auch, haß der Familie Binet im Jahre 1753 ein Sohn geboren wurde. Nach seinem Großvater nannten ihn die Eltern Mordechai. Sie waren stolz auf das Erbe, das sie ihni dereinst würden mitgeben können, das S'chus Owaus der Ahnen, von denen die Eltern i des Vaters und der Mutter abstammten. Rabbi Zewi Hirsch Aschkenasi väterlicherseits und der gelehrte Vater der Mutter, der als Rabbiner von Frankfurt a. M. bekannt war, machten oie Familie nDJTPÖ und gaben ihr ein Anleihen, das« schwerer wog -als alles Geld und Gut. Der kleine Mordechai wußte es.nicht anders, als daß er einmal zu diesen frommest.und gelehrten Männern käme. Dazu wollte er-sich vorbereiten, wollte fromm und brav und vor. _ 28. September 1922. allem klug, recht gescheit werden. Mas er. nur hörte, merkte er sich, und verstand er es nicht, so fragte er die Mutter oder gar den Vater. Aber das war nicht oft der Fall, daß er seilten Vater so recht nach Herzenslust ausfragen konnte. Denn der Vater war die ganze Woche über fort. Mer wenn er Freitag wiederkam, machte er die freudige Entdeckung, daß Mordechai immer mehr über sein Alter hinauswuchs. Und sein größter Schmerz war nun, daß der Ort, in dem er wohnte, keine Schule besaß. Me anderen Bewohner des Ortes machten sich darüber nicht viel Gedanken. Denn in damaliger Zeit gab es viel größere Orte ohne Schulen für die Kinder des Volkes. Aber bei den Juden war dies eine Ausnahme, die nur bei ganz kleinen und armen Gemeinden vorkam. Eines Tages rief der Vater seinen Mordechai, der damals noch nicht 5 Jahre alt war, zu sich heran, während die Mutter ihn unter Tränen lächelnd anblickte, und fragte ihn, ob er wohl einmal zur Großmutter wollte. „Da ist eine Talmud-Thoraschule, da sind viele Jungen, mit denen zusammen du lernen kannst." Die glänzenden, erwartungsvoll ans beit Vater gerichteten Angen sagten mehr wie sein freudiges „Ja". „Gut", sagte der Vater, „dann wird die Mutter alles varbereiten, und morgen bringe ich dich zur Großmutter." Dieser Tag verging schnell. Der kaum fünfjährige Knabe konnte allerdings seine Ungeduld nicht zügeln, gar nicht genug wissen über die Schule, die Schüler und Lehrer in dem Orte. In der Frühe des nächsten Morgens war- Ute ein großer Postwagen vor der Türe. Und in kurzer Zeit waren sie auch schon in hem nicht weit entfernten Torfe, wo die Großmutter ein kleines Häuschen — womöglich noch ärmlicher als das der Eltern — bewohnte. Aber die Aermlichkeit störte unseren Mordechai nicht. Er fühlte sich ja so reich, reicher als ein König, als er dem Lehrer vorgestellt wurde und von ihm seinen Platz in dem Zimmer angewiesen bekommen, wo etwa zwanzig Jungen, die alle älter waren als er, Chumesch lernten. Wäs er in diesem Kreise lernte und erlebte, erzählte er getreulich seiner Großmutter, und diese schrieb mehr als einmal an die Eltern von der Freude, die er allen, die mit ihm zu tun hatten, bereite. Mrischung folgt!) "rrnrv Bon M. Wemreb in Ludlvlgshaser, a. Rh. wun ^Kfr rx :npn n&yia ‘löst sv Vnn ivn owa mw vri && r.ip&n }D tonr» e»x-in non br\ nfon n'wb \m pbn n*6n mt pcwnn ntn bn ■onn1 pinsrt ntn , -DHün »ni twnn B'fc'n 'iph mb by nbx vbv ax ,snnn ansn .-imv wrrB Msellösling. Die Auflösung des Rätsels in No. 37 lautet: LN Fest *ßr» Ein Lahmer. Richtige Lösungen sandten ein: R. Felsenftein, Fürth; Bella Weinreb, Frankfurt a. M.: Markus Kalschitzki, Berlin; Willi Bärmann, Hamburg; Sali Weil, München; Jakob Strauß, Hamburg; Kantor Herm. Stern, Hruschau (Schlesien); I. Süßholz, Trier; Siegmund, Klara und Hermann Erlebacher, Möttchoroth; Kantor G. Sopher, Langendorf; Hermann Bloch, Men,; 0^3

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