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Der Israelit · 1922-09-28 · Heft 39 (28.9.1922) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 39 (28.9.1922)
Date
1922-09-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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V'i Die Awau-o des Radbi Levy Zzchak. (AuS Chafsidischen Aufzeichnungen). Unter „Awaudo" verstand der Berditschrwer Zaddik Rabbi Levi Jzchak nicht allein dön so genannten Teil des Jomkippurgottesdienstes, sondern überhaupt alle Gebete und Handlungen der heilige^ Tage. Und dieses mal hatte seine „Awaudo" ^noch eine eigene Note. Schon in den Slichaustagen konnte man sehen, wie er sich in diesem Jahre für einen ganz besonderen Kampf gegen den Bösen rüstete. Denn noch mehr wie der „Awaudo" selbst, widmete er Zeit und Kraft der Vorbereitung zu der heiligen Handlung. Es pstegie der Rabbi stets zu sagen: „Wenn der Gedanke an die Sünde schon gefährlicher ist als die Sünde selbst, um wieviel mehr müßte der Gedanke an die gute Tat und die Vorbereitung zu derselben unsere ganze Seele in Anspruch nehmen." Und so Pflegte der Zaddik die ganze Nacht zum Rüstetage des Roschhaschonoh wie zum Jomkippur zu durchwachen. Bis zur Mttternachtstunde saß er und lernte aus den Traktaten „Roschaschonoh" und „Jaumo". Dann ging er ins Bad, um zwetundvierztgmal, entsprechend dem großen Namen, wie es die kabbalistischen Schriften vorschreiben, unterzutauchen. Er legte darauf seine weißen Gewänder an und setzte sich auf den Boden zur Verrichtung der Chazosgebete. Dann suchte er seine Betschul auf, um die Slichausgebete mit seiner Chassidimgemeinde zu verrichten. Er selbst pflegte an diesem Morgen vorzubeten. Die Strategie des Berditschewer in Zeiten von Kampf und Not ging nach drei Richtungen: Verteidigung, Gebet und Kampf. Zuweilen Pflegte er sich in Gebetpausen an die heilige Lade mit folgender Anrede zu wenden: „Herr der Welt! Fallen Jemand von uns die Tefillin vom Kopf, so biegt er sich erschrocken zur Erde, hebt sie auf und führt sie ehrerbietig an den Mund. Du, Herr der Welt, hast deine Tefilin fallen lassen; Israel, das Deinen Ruhm verkündet, liegt fett zweitausend Jahren zu Boden. Wann wirst du es aufheben? . . ." In diesem Jahre fing er schon gleich bei den ersten Slichausworten: „Bei Dir Gott ist das Recht und bet uns die Scham des Angesichts," mit der Verteidigung an: „Herr der Welt, wessen sollten wir uns schämen? Etwa daß wir geschlagen und gestoßen werden und niedergemetzelt für Deinen heiligen Namen? Sollen sich doch die schämen, die uns stoßen und drängen und die, die dem Spiele zusehen ohne zu helfen. Bet Dir ist das Recht o Gott, — wenn Du uns bristehst und unserer Schmach ein Ende machst . . ." Er sprach aber nicht immer so, er hatte zuweilen Grund, auch in seinem Kreise zu rügen und zu tadeln. Dann brach er bet „Oschamnu" in lautes Schluchzen aus: „Früher haben wir auf der Straße nur Wahrheit gesagt, gelogen nur im Gotteshause, wenn wir „Oschamnu" bekannten. Heute ist die Lüge draußen und waltet das Unrecht auf der Straße, Wahrheit sagen wir im Gotteshause, wenn wir „Oschamnu, bogadnu" usw. beten .. Nach den SlichauS Pflegte der Zaddik durch die hintersten, finsteren Gaffen zu wandern, um nach irrendm reinen Seelen zu suchen. Da gewahrte er einen höheren Glanz über dem niederen Dache einer verfallenen Hütte und er trat ein. Er fand eine jüngere Frau in ein Gebetbuche vertieft. Als die Frau den Zaddik erblickte, erbebte sie bis ins Innerste. Wußte sie doch von der Gepflogenheit des Rabbi, in diesen Tagen die Häuser der Sünder auszusuchen, um..sie zu bessern. Also war auch sie Sünderin. Aber der Rabbi tröstete sie und sprach: „Nein, deine Sünde ist getilgt, nachdem du sie bereut und gebüßt hast. Doch erzähle den Hergang der Begebenheit." Und die Frau erzählte: „Ich war 'siebzehn Jahre alt, als mir Vater und Mutter starben. Ich stand allein auf der Welt und hatte noch für vier verwaiste Geschwister zu sorgen. Vater hatte eine kleitze Milchwirtschaft in Pacht vom Gutsherrn. Die Miete war in den letzten Jahre nicht mehr bezahlt worden und ich sollte mit meinen siebzehn Jahren zum Gutsherrn hingehen und ihn bitten, daß er Einsehen habe und uns im Hause belasse-" „Und weiter?" ermutigte der Rabbi. „Ich ging auch hin. Kaum aber hatte der junge Baron mich erblickt, da merkte ich schon, wie wildes Feuer durch sein Inneres fieberte und sein Gesicht rötete. Ohne auf meine Bitte hinzuhören, fing er an, mir Schmeichelworte Ku sagen und versuchte auch, mich mit seinen unreinen Händen zu berühren. Ich stieß ihn zurück und wollte davon laufen. Da ließ er auch nach und wurde auf einmal ganz umgesttmmt. Weich und freundlich sagte er, es sollte mir nichts Böses wiederfahren. Ich sollte auch dte Wirtschaft haben und zwar für den halbsn Preis für drei Jahre. Aber nur einen fleht&t Wunsch müßte ich ^ihm erfüllen. Meine Haarwellen wollte er küffen. Und ich ließ es bevor ich überhaupt Zeit hatte, zu überlegen, geschehen . . . Als ich nach Hause kam, war es mit meiner Ruhe auS. Ich schlief die ganze Nacht nicht vor innerer Scham und Erregung. Es war mir immer so, als hätte ich mir dte Wohltat durch die Schönheit rneinüs Leibes und der üppigen Haare erkauft. Diese hatten es ihm am meisten angetan. Da griff ich kurz entschlossen nach der Schere und schnitt mir dte Zöpfe ab. „Und am folgenden Tage in aller Frühe nahm ich die kleinen Kinder an der Hand und einige Habseligkeiten, verließ die Wirtschaft und das Dorf und wanderte nach dev-Stadt. Hier fand ich allerlei Din starbeiten, um mich und die Kleinen zu ernähren. Etliche Jahre sind inzwischen verstrichen und die Kinder sind versorgt. Auch ich war verheiratet, doch ftcnft mein Mann schon kurz nach der Hochzeit. Vielleicht infolge meiner Sünde. . . Seitdem verbringe ich meine freie Zeit mit Beten urid Bereuen meiner Jugendsünde-" „Hast Du noch die abgeschnittenen Haare?" fragte der Rabbi. „Ja, hier in der kleinen Truhe." Der Zaddik nahm das Kästchen zu sich. Die Synagoge von Berditfchew, von hundert Lichtern erhellt, war vollgefüllt. Man wartete klopfenden Herzens auf den Zaddik, um mit Kol nidre zu beginnen. Endlich kam er aus dem Tauchbade ganz in Weiß gekleidet. Der Vorbetsr wollte beginnen, da gebot ihm der Rabbi noch Halt. Er hatte noch etwas zu sagen. Da legte der Rabbi ein geöffnetes Schächtelchen auf das Pult und sprach: „Herr der Welt! Dort in der Hütte sitzet eine Jüdin und weinet um eine Sünde, die sie nicht einmal in Gedanken begangen hat. Und hier der Schmuck, dessen sie sich selbst beraubt . . . Das sind die Sünden Deines Volkes Israel und dies ihre Reue. . ., o Gott und Herr. Ein Hauch Deiner Liebe und die Sünden vergehen gleich dem Dunste, der die Sonne zu verdunkeln sucht. . Und im Himmel, so wissen die „Berditschewer" zu erzählen, entstand bet diesen Worten große Erregung. Satan lief, von einem Strahl göttlicher Milde getroffen, wie geblendet davon. Und die „Engel oes Erbarmens" priesen Israels Helden, immer und immer wieder die Worte des Rabbi wiederholend. Lttämi. (Eindrücke und Beobachtungen Ms einer Feriendeise.) in. Kirchgang und Marktleben. Sonntag ist großer Kirchgang, und straßauf, straßab wogt die Menge der aus der Umgegend zusammenströmenden Bauern, die Männer in grobem Kittel und langen ülauten Stiefeln, die Frauen und Mädchen in hellfarbenen Gewändern und mit bunten Tüchern um den Kopf. Mn schönes farbenreiches Bild. Die jüdischen Läden sind den ganzen Tag geöffnet und von den Käufern förmlich belagert. Es erscheint hier geradezu lächerlich, von einer Sonntagsruhe zu sprechen. „Uns könnte es schon recht sein", erklärte mir ein jüdischer Kaufmann, „wir sind heute nicht so sehr aufs Verkaufen . . . aber die Bauern würden uns die Läden stürmen, wollten wir ihnen den für sie so bequemen Sonntagseinkäuf verhindern." Biontag wiederum füllt werktägiges Banernvolk die Straßen. Es ist W o ch e n m a r r r, echtes buntelitauisches Marktleben, mit seinen vielen Leiterwagen, feilschenden Weibern, gackernden Hühnern, singenden Bettlern, herumlnngernden Faulenzern, Soldaten, Betrunkenen, Polizisten und „arbeitendem" Dieöesgesindel. Händel, Geschrei und Schlägerei, alles wie früher» nur, daß im Handel anstatt in Kopeken jetzt in Hundert- und Tausendmark- Scheinen gerechnet wird. Und nach beendetem Markte sind wieder die jüdischen Kaufläden gefüllt, wo die vielen Scheine in allerhand Waare umgesetzt werden. Gesprochen wird Litauisch. „Ka nore?" (Was wilft du?) „Ka macze!" (Macht nichts!) beherrschen den Markt. Zur Psychologie dieser Kauswut des sonst so krankhaft am Gelde Hangenden litauischen Bauern wird mir folgendes erklärt: Die Bauern haben während der ganzen Kriegszeit, auch während der Okkupation, aus alter Gewohnheit nur gegen russische Rubel verkauft, alles, was das Zareubttd und den russischen Adler nicht trug, war kern Geld . . . Die Rubelscherne sammelten sie in Töpfen, und als -diese nicht mehr ausreichten, in Säcken. Run liegen die vollgefüllten Säcke da, an die nicht einmal die Mäuse gehen. . . Jetzt gilt die deutsche Währung. Aber bei jedem neuen Sturze der Mark fürchten sie — hoffentlich mit Unrecht — für die deutschen Scheine das gleiche Schicksal und suchen sie so rasch und viel wie möglich um Sachwerte einzutauschen. Da wird alles gekauft, von der Nähnadel bis zur vollkommen überflüssigen Seife und Zahnbürste . . . Ein älterer Bauer, der als steter Bürger der neuen litauischen Republik, die Kunst des Lesens und Schreibens entbchren zu können glaubt, kaust sich für einige hundert Mark eine gute Füllfeder und sogar eine Aktenmappe. Ein Mütterleiu, das für andere Musik als die aus der angebauten Behausung ihrer Borstentiere nie Ohr gehabt, ersteht eine Ziehharmonika. Egal was, wenn es nur 'was ist. „Ka macze!" ... Daraus ziehen die jüdischen Kaufleute ihre namhaften Konjunkturgewinne. Aber die Freude arn Gewinn ist nicht vollkommen. Litauen produziert nichts, alles kommt auf legalem oder Schnmgglerwege aus dem Memelland oder aus Berlin. Der Weg nach Berlin ist weit und der Zeitraum zwischen Ausverkauf und Medereinkaus groß, daß inzwischen der Weltmarkt schon ein ganz anderes Bild hat. So vermindert sich das Waarenlager und das Vermögen bei allen erzielten Gewinnen von Mal zu Mal. Ueberall das gleiche Lied. . . — Bon der sozialen nnv wirtschaftlichen Lage. Immerhin sind kleine Leute zu Wohlhabenheit, ja, ansehnlichem Reichtum gelangt, der auch schon zu besseren, ja sogar feineren Lebensformen in neuerbauten Häusern drängt. Alle anderen, ,die vielen Berufslosen und die Geistigen von Berits — ein wenig geisttg ist schließlich jeder Jude in Litauen — darben, sofern sie keine Unterstützung ans Amerika erhalten, mit ihren Familien in ihren verfallenen Hütten buchstäblich Und kommen rn erschreckendem Aufzuge daher. Der soziale. Ausgleich fehlt. Das

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