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Der Israelit · 1922-09-28 · Heft 39 (28.9.1922) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 39 (28.9.1922)
Date
1922-09-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 2 Nr. 39 Der Israel«. 28. September 1922. „Und so gib Aufrüttelung allen deinen alten Frommen und zähmende Ehrfurcht all dem jungen Volke, das du geschaffen und das noch nicht sich als. dein eigen betrachtet, sodatz dich ehrfürchten alle Erfahrenen und sich vor dir beugen alle Jugendstolzrn, und sie alle zusammen zu einem einzigen Bunde reifen, damit dein Wille zur Erfüllung reife durch das lebab schalem, die Einigkeit der Menschenherzen." Im Folgenden wird nun die Erfüllung dieser Bitten als etwas bezeichnet, das uns schon aus bisherigem Weltgeschehen bekannt ist, „kemo schejadanu." Und zwar ist uns „bekannt", daß die „Herrschaft vor deinem Antlitz ist." Nach Vorigem dürfte dies bedeuten: Wir vertrauen deshalb auf die Wohlgefälligkeit selbst des nicht innerlichen Gottesdienstes der Jungen vor Gott, weil wir ja wiffen, daß eben stets der Dienst zuerst als ein Dienst des Antlitzes verlangt und erst danach dessen Verinnerlichung erhofft wird. — Weiterhin wird aber auf noch barmherzigere Gnade Gottes Hoffnung ausgesprochen. Wir hören da von „Jad" und „Jemin", -er Hand und der Rechten Gottes. Wir werden dadurch erinnert an die kabbalistische Unterscheidung zwischen „Rechts" und „Links" bet Mensch und Schöpfer. Des Menschen Linke ist die Seite unbeherrschter, ungeschickter Wucht; des Menschen Rechte die der vollendeten Willensherrschaft. Daraus deuten die Kabbalisten die Btbelsätze, die von Gottes „Hand" reden, auf Seine strafende Allgewalt/ und die, welche von seiner „Rechten" sprechen, auf Seine zielbewußte, doch schonende väterliche ZSaltrrngsweise. Hier nun in unserem Gebete wird selbst die Gebura, die richtende Gewalt Gottes als von Seiner „Rechten" liebevoll gemildert gedacht, und nur Oz, die Widerstandsfähigkeit, die Gott den Ihm Nacheifernden verleiht, wird hier gern der „Jad", der unumschränkten Machtwaltung Gottes anvertraut. So würde uns das Ende dieses ersten Absatzes bedeuten: „— so wie wir erfahren haben, Allgütiger, unser Gott, daß du stets den Gehorsam vor dir zuerst vor deinem Antlitze sichtbar forderst, daß selbst, deine richtende Gewalt durch deine liebende Welivorsorge eingeschränkt und nur die von dir verliehene Widerstandskraft unüberwindlich, und daß diese Meinung der Menschen von Dir dich selbst im Kreise der sich» dir nicht eigen wissenden Jungen, zum Gegenstände der Ehrfurcht macht." 2. Die zweite Bitte des „Ubechen" will „Ehre" für Gottes „Volk", „Ruhm" für die Ihn Fürchtenden, „Hoffnung" für die „Ihn Suchenden" und „freie Rede" für die „auf Ihn Hoffenden". — „Ehre" ist das Mindeste, das jeder Mensch, solange er kein Verbrecher ist, von seinem Mit- Vom Zweck und von der Vefiimmung des Menschen.Daseins*) lll. Vom Gebete. Nach „Berachoth" 32 w'egt Gebet noch schwerer als Wohltat und alle andere Art von frommer Uebung. Wer hätte soviel Verdienst auszuweisen wie unser Lehrer Moses und dennoch fand er Erhörung nur beim Gebete. Gebet ist mehr als Opferung. Nachdem Kain gebetet hatte «iw» vw 4>n:, wurde ihm die Strafe zur Hälfte erlaffen. Heißt es doch: „Er ließ sich nieder im Lande während die über ihn verhängte Strafe zuerst “i:i yj lautete. Man beachte noch das Kapitel von Hagar und das Gebet Chiskijahs, das ihm Genesung und eine Lebensoerlängerung von 15 Jahren brachte. *) Aus „Nehauro hasch olem" zum Gebetbuch „Teftllas Jeschorim" von Joses ben Abraham Alexander, Rabbiner zu Dorbtan, (Warschau 5656). Menschen ohne Rücksicht auf Stamm und Sippe zu beanspruchen hat. Dennoch ist gerade Israels Stamm diese Ehre fast überall vorenthaltett. Denn „Kabod" heißt nicht Duldung, sondern Gleichachtung, nicht ein leichtes Mitgrnommenwerden, sondern, von kabed-schwer, ein vollwichtiges Mitgelten, oder wie der alte Rießer gesagt haben soll, nicht Rechte, sondern Recht. Und selbst dort, wo Israel volles Bürgerrecht genießt, verübelt man uns das volkliche Zusammenhalten mit den Brüdern in aller Welt. Darum bitten wir in diesen Tagen um Ehre für Gottes „Volk"; und zwar für Gottes Volk. Denn viele Menschen würden uns zwar ein volkliches Dasein gleich anderen Völkern gönnen, aber nicht ein nach Gottes Gesetzen eingerichtetes Staatswesen. — Denjenigen von uns, weiche Gott aufrichtig „ehrfürchten^, spricht die Welt zwar nicht die Ehrlichkeit, wohl aber oft die Tüchtigkeit und Produktivität ihrer Denkweise ab. Deshalb wird für diese um Tehtlla, „Taten-Lob", wie Hirsch sogt, gebeten. — Den „Gottsuchern" unter uns wird oft Aussichtlosigkeit ihres ganzen Lebensgeistes vorgeworfen. Sie sind ja nicht etwa kühne, gefühlbeherrschte, phantastische Selbst- und Menschen-Täuscher, wie es die mystischen Sucher in anderen Kreisen leicht werden, sondern sind redliche, den Bahnen vernunftgemäßen Denkens nie sernbleibende Forscher nach des Gesetzes innerem Sinne. Dafür eben spricht ihnen die Welt jede Möglichkeit der Vollendung ihres Suchend ab, und darum beten wir um Hoffnung für diese Edlen. Man könnte vielleicht hiergegen einwenden, durch diese Erklärung sei das Ziel des Gebetes auf zu enge Kreise innerhalb Israels eingeschränkt. Demgegenüber wäre jedoch zu bemerken, daß es, nach den Sprüchen, „keinen Menschen gibt, der nicht seine Stunde hätte", also in einer guten, kurzen Zeit vorübergehend einmal Jeder von uns zu den Gottfürchtenden oder -suchenden sich zählen darf. Auf Gottes Hilfe zu „hoffen", ist wohl unser aller Art/ einer tut es mit mehr, der Andere mit weniger Berechtigung durch Verdienst. Gerade aber in derjenigen Situation, in welcher uns allen ein sorgloses, couragiertes Gottvertrauen geradezu Pflicht ist, nämlich dann, wenn es sich darum handelt, sich den Gesetzen der Thora im Beisein ihrer Nichtbesolger treu zu bewähren, — gerade dann fehlt meist „Pitchon Peh", das fxete Wort! Und dieses wird für die auf Gott Vertrauenden in unserem Gebete verlangt. So ergibt sich folgender Satz: „Und so gib vollwichtige Menschenehre, Allgütiger, den durch Gehorsam zu dir zu einem Volke geeinigten Menschen, Lob den Taten der dich Fürchtenden, Hoffnung den dich Erforschenden und freies Wort den bei Erfüllung deines Gesetzes auf dich Vertrauenden." Seit Tempelzerstörung ernährt das heilige Land nicht mehr den zehnten Teil der vorerrgen Volkszahl. Unsere Weisen nennen es eshalb p» „Land der Schönheit", oder ber „Land des Hirsches". Denn die Haut des Hirsches faßt, nach dem Tode des Bieres abgezogen, nicht mehr die Halste des Rauminhalts, den sie bet Lebzeiten des Hirsches umkleidet hat/ und ebenso verhält es sich mit dem Lande unserer Väter. Eroberer-Ehre und Macht haben seither viele Völker sich dort erworben, aber eigentlich „Freude" hat Israels Land seit Aufhören des GottesgesetzeSstaates niemandem mehr bereitet. Wirkliches Wohlleben hat Jerusalem seit Aufhören der „Schöpfhausfreude" nicht gesehen. — Nun kann und soll auch heute das Gebot der Besiedelung der heiligen Orte nicht außer Acht gelassen werden, und es kann an sich weder unjüdisch noch etwa für die Diaspora ernstlich gefahrvoll sein, weön diese Siedelung sich auch im Kreise der Völker einer gewissen selbständigen Achtung erfreut. Soll aber Gott oieses Land zu einem „Horn", in Daniels Sehersprache: einer Weltmacht sich auswachsen lasten, so muß Gottes Diener, der königliche Sänger David, — wir wiffen nicht, ob er oder nur ein ihm gleichender Nachkomme, — an die Spitze dieses Gemeinwesens treten können. Jener muß es sein, der als Sohn seines Vaters, uicht trotz, sondern wegen seiner Abstammung aus armem, vor Gott rein befundenem Stamme seine Salbung, Bestimmung erhält, über Israel als Ordner des geistigen Lichtdaseins zu herrschen. Wir beten also in Wirklichkeit: „. . . Freude dem nur Dir Freude gebenden Lande, Lebensgenuß der nur dir lebenden Stadt, Aufsprteßen zur Weltmacht deinem dir lobsingenden Diener, und Neu-Entfachung des Lichtes des Gesetze-Geistes dem durch seine reine Herkunft dazu Bestimmten, gar bald in unseren Tagen." 3. „Zrddik", gerecht, nennen wir, im niederen Sinne, Denjenigen, welcher alle Gesetze Gottes mit genauester Einzelheit befolgt, ohne vielleicht jeden Kampfes mit seinen Trieben ledig geworden zu sein/ „jaschar", geradherzig, den, der durch Befolgung der Gesetze bereits einen eindeutig Gott treuen Charakter erworben hatendlich TDn den, dessen Gesetzestreue zu einer begeisterten Gottesltebe entflammt ist. — Für den wahren Zaddik, der sich selber auf Schritt und Tritt im Namen des Gottesgesetzes beobachtet und diesen streng prüfenden Blick deshalb auch auf die Umwelt überträgt, kann es oft gerade Im „Sohar" heißt es: „Israels Gebet schafft Frieden oben und unten. Durch Gottespreis aus Israels Munde werden allen Welten und alle hohen wie niederen Regionen gesegnet. Gesegnet wird der, der im Gebete Gott lobt. Und frei ist der Weg zum Goltesthrone für die abgeschiedene Seele dessen, der mit dem Gebete hinieden sich bei Zeiten diesen Weg geebnet". Rabbi Jakob baal Hatturim schreibt vor, beim Gebete so sehr seine Gedanken auf den Allgegenwärtigen zu konzentrieren, daß alle anderen Gedanken und Empfindungen völlig ausscheiden. Der Respekt und die Sammlung, die man im Gespräche mit einem irdischen Könige beobachtet, lehren uns, wie wir uns erst Seinem Dienste hingeben müsien. Das Opfer wurde durch fremde Gedanken unbrauchbar, Vliö, gemacht. Gebet ist Opfer in edelster Form. ehb „wir zahlen die Opserstiere mit unseren Lippen", vaaad btt mySi wird von uns verlangt. Mit Herzen Awoda tun, kann man nur beim Gebete. Wie beim Opfer ist bei der auf bestimmten Platz, sauberes Gewand, Anstand und Andacht zu sehen. Ein Lippengebet, das nicht vom Herzen kommt, schafft Ankläger und dieses rügt Jesajas mit den Worten: vov pm nbi vnaa i’netW! vea. „Seloh" sagt, man zwinge sich und erziehe sich zu Kawonoh. Erraten wir auch nicht mit unserem Verstände all die in den Gebeten niedergelegten tiefen Geheimnisse, so erfaßt sie doch die über unserem Vewußtseiu stehende Seele, wenn sie, die Seele, beim Beten mit dabei ist. Rabbi Jehuda Hachasstd pflegte den Leuten, die sich im Winter in der kalten Synagoge nicht zu Andacht bringen konnten, zu rasen, lieber zu Hause mit Kawono zu beten. Es kommt auf jedes Wort, auf jeden Buchstaben wie auf die Vokale an, darum bete man korrekt und deultch. jicsa irranp» im hzb iwip bsh "n anp. „Nahe ist Gott allen, die ihn na«a ancufen". In nts» anrufen, heißt, nach den Anfangsbuchstaben, unter Betonung der 'x — nvm«s (Buchstaben) v — rfto (Worte) 'n - rvöMn (Vokale). Es gibt im Allgemeinen in der Synagoge zweierlei Beter: solche, die beten und solche, die nur Gebete sagen. Wohl dem, der nicht zur großen Menge der letzteren zählt. Es ist Irrtum, sich dabet auf den Satz: „Äiizwaus bedürfen nicht der Kowonoh" zu berufen. Das gilt höchstens für Taten, aber keineswegs fiir Worte, denen die „Kowonoh" erst die Seele einhaucht. (Forts, folgt). Die hohen Feiertage in Kairo Bon seinen Erfahrungen an den hohen Festlagen in Kairo erzählt ein Reisender in der amerikanischen „Wahrheit": Ich fand am Roschhaschano die große Synagoge, wie bei uns am Schewuosfeste, mit Blumen und grünen Zweigen reich geschmückt. Die Beter hatten * roten Fez auf dem Kopf. Die Gebete und Gesänge sind ganz andere als in Europa. Ein Ptsmon, das von der Gemeinde begeistert gesungen wird, beginnt mit dem Refrain: nerA nonrt ay — nwn.i vp ns iatp. Die Gastfreundschaft der ägyptischen Juden ist groß, sie sind tief gekränkt, wenn ein Fremder ihre Einladung ausschlägr. Einen noch größeren Andruck macht die

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