Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1922)
- Date
- 1922-09-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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14. September 1922. __, Politik beschäftigten. Eine Anzahl Studenten ver- ( hrannte feierlich 1817 beim Wartburgfeste die Schriften j mehrerer undeutscher Männer. 1819 mittbttt die Turu- ( plätze geschlossen, durch den Karlsbader Kongreß die Studentenverbindungen verboten. Es wurde eine! „Centraluntersuchungskommisston gegen demagogische Umtriebeeingesetzt. Ungefähr 1880 Personen, zum Teil die geschleiften Männer, wurden ins Gefängnis geworfen, andere entgingen der Gefangenschaft durch die Flucht. Am bekanntesten find die Göttinger sieben Professoren, die sogen. „Göttinger Sieben", die erlauchtesten Namen -er deutschen Wissenschaft, die reinsten Charaktere (Fr. Ehr. Dahlmann, die Gebrüder Grimm, Gervinus, u. s. w.). Sie wurden teils -es Landes verwiesen (1837). Zn allen lebte die Sehnsucht nach einem starken deutschen Reiche. In jenen Tagen verfaßte Hofmanv von Fallersleben sein Deutschlandslied. Auch er wurde seines Amtes enthoben, (1842) besonders wegen seiner „Unpolitischen Lieder". Er mußte sein Amt als Professor der Germanistik in Breslau ntederlegen. „Das Licd für Einigkeit und Recht und Freiheit" war den Reaktionären durchaus anstößig. Im tollen Jahre (1848) stritten Studenten auf den Barrikaden Berlins Schulter an Schulter mit den Arbeitern auch für die unbedingte Gleichberechtigung der Juden, im Geiste -es Deutschlandsltedeö.*) Und welcher Geist dies war, der unter den schwarz-rotgoldenen Fahnen wehte, das bezeugt ein durchaus konservativer Geschichtsschreiber am besten Prof. Dr. Otto Kaemmel, der in feiner „Deutsche» Geschichte" S. 1163 über die Nationalversammlung zur Wähl des Reichsverwesers in der PaulSkttche zu Frankfurt (1848) Folgendes bringt: Am 16. Mai 1848 begaben sich die in Frankfurt etngetrosfenen Abgeordneten, etwa 30», in feierlichem Zuge entblößten Hauptes unter dem Geläute aller Glocken und dem Jubel der dtchlgeürängten Bolksmasssn nach der Paulsktrche, um die nun ein Jahr hindurch die Hoffnung und Gorge deS deutschen BolkeS schweben sollte. Sicher bot dieS erste Parlament deutscher Nation eine Bereini. gung von Vaterlandsliebe, GeisteSadel und Idealismus, wie sie niemals, weder vorher noch nachher irgendwo erschienen ist. Das also. war das politische Milieu, in dem das Deutschlandslied das Licht der Welt erblickte. Erst in den Tagen des Kaisertums schändete man geradezu die ideale Tendenz des Liedes, in jenen Jahren, da die konservativ-antisemitische Clique, unter „Einigkeit und Recht und Freiheit" Zwiespalt vergewaltigendes Unrecht und Raub der bürgerlichen Freiheit ganzer Volksklassen verstand und das als höchste nationale Tugend noch anznpreisen sich erkühnte. Wo solche volksverhetzenden und verletzenden Versammlungen avgehalrn wurdeu, da krönte man den Abschluß mit dem Gesang „Deutschland Uber alles." Es war zum Schlachtruf der Antisemiten geworden. Mit Recht protestierte der einzige, noch lebende Sohn des Dichters, der Landschaftsmaler Professor Hosfrnann, gegen solch schmählichen Mßbrauch des väterlichen Musenkindes. „Wenn es irgendeinen Menschen gegeben habe, dem Brutalität und Rassenhaß zuwider waren, so sei es sein Vater gewesen. Gerade unter den Juden habe er seine hilfreich st en und treuesten Freunde gehabt und nun werde über seinem Grabe ein Lied, das er zu Deutschlands Ehre gesungen, zu Zwecken verwendet, die der Lichter sicherlich für eine Schande Deutschlands gehalten hätte." Das ist deutlich! Wie sollte auch einem Dichter antisemitische Gesinnung gefallen können, oer Ver'se niedergeschrieben hat, wie die folgenden: Sich untereinander verstümmeln und morden Ist eine Wissenschaft geworden. Wodurch man gelangt zu Ehr' und Ruhm: Das ist mir ein schönes Christentum! — — Du bist ein Deutscher! Das lieb ich sehr, smehr! Und bist du auch Mensch, das gefällt mir noch Im Herzen Hvsfmanns von Fallersleben batten also Menschenfeindschast und Völkerhaß keinen Raum, also auch der schmachvolle Antisemitismus nicht. Es war darum ein glücklicher Griff zu günstiger Stunde, als der Reichspräsident am Geburtstage der neuen, wahrhaft freiheitlichen Reichsverfasfung sich das Deutschlandslied vornahm und es von dem Roste und den Schlacken säuberte, die es im Lause der Zeit verunstaltet und entstellt hatten. Und nun sangen es leibhaftige Republikaner, Arbeitermassen vor dem Präsidenten! Seltsame Töne, Sänger und Hörer vielleicht seltsam berührend! Man hatte sich allmählich daran gewöhnt, gefühlsmäßig es als das Kampflied der nationalistischem Heißsporne und Reaktionäre zu bewerten und mied es zu singen. Und gar „Deutschland, Deutschland über alles" in den Tagen tiefsten wirtschaftlichen Zusammenbruchs und politischer Ohnmacht? Nun, auch hier galt es, das Gold vorn Talmi zu scheiden. Wie der Reichspräsident mit Recht betonte, liegt in den Textworten *) Nicht nniatereffaut mag sein,daß am Li.März lä*8 König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen durch feine Minister verkünden ließ, er stelle sich an die Spitze Deutschlands; er selber ritt um die Mittagszeit mit gränzendem Gefolge, die schwarzrotgoldene Binde um den Arm, eine Fahne in diesen Freiheitsfarben vor sich, durch Berlin und beteuerte: „Preußen geht fortan in Deutschland auf!" (Das war also die spätere „Judenfahne"). _Der Israelit. nicht der Sinn einer „anmaßenden Ueberhebung." Es soll vielmehr gesagt sein, daß bei Jnteressenkämpsen, bei seelischen Konflikten nicht egoistische Motive den Ausschlag zu geben hätten, sondern das Wohl des geliebten Vaterlandes: Deutschland, Deutschland über alles. Wir haben als Juden dem eine besondere Note; anzusügen. Gar oft wurde uns vorgeworfen, daß; wir im Dünkel des ausgewählten Volkes geringschätzerck i auf andere Menschen herabsehen.*) Wir konnten dem einfach entgegenhalten: Und ihr singet „Deutschland, Deutschland über alles". Man konnte das umso leichter, als unbestreitbar im verflossenen kaiserlichen Deutschland eine Militärkaste bestand mit ganz besonderen Ehrbegriffen, deren Machtkitzel die edle Vaterlandsliebe in den ungesunden Chauvinismus hinüberleitete und nur gar zu leicht im Traume einer Weltherrschaft schwelgte. Aus ihrem Munde hätten wir obige Juterpretatiön des Deutschlarrdliedes, wie sie der Reichspräsident bot, nimmermehr und niemals hingenommen. Sie wäre uns unglaubwürdig erschienen. Die Wahrheit ist eben die: So wenig, der Dichter an eine Selbstüberhebung Deutschlands gedacht, so wenig vermochte jemals der Gedanke der Auserwählung bei Israels dünkelhaften Stolz mrd mißachtende Geringschätzung anderer Nattonen erzeugen. Wenn der Deutsche sich als Kulturpionier fühlt und nach des Dichters Wort hofft, daß am „deutschen Wesen einstens noch die Welt genesen" soll» so betrachten mit gleichem Rechte wir uns als den seit dem Altertum bestellten Bahnbrecher sittlich - religiöser Ideen zum Heile der Allgemeinheit, als eine mit besonders reichern Maße von Pflichten ausgestattete Stoßtruppe an verantwortungsvoller Stelle, die wahrlich unter Blut und Tränen bislang aushielt und so manches edle Saatwrn in den Acker der Allinenschhcit gestreut. Die Worte des Reichspräsidenten lösten darum jüdische Gedankengänge in uns aus. Ließen jüdische Saite» Ln unserer Seele erklingen. Bald wird das Lied wohl von allen Seiten ostentativ gesungen werden, freilich in verschiedenem Geiste. Diese Art Sängerkrieg entbehrt eigentlich nicht eines gewissen Reizes, doch kommt es nicht so sehr daraus an, wie oft und wie laut und wie schön es gesungen wird; «char kavonas halev hen hen hadvorim, die innere Gesinnung machts. Vielleicht auch, daß das Deutschlandslied jetzt bei den Nationalisten anstößig oder als posul erklärt wird. Wir hätten dann zur Judenregierung und Judensahne auch ein Judenlied: Die Argunlentation ist hier gar nicht so schwer. Der Sänger für Einigkeit und Recht und Freiheit hatte ein Muster an den altjüdischen Weisen, welche als die drei' Säulen jeder sittlichen Weltordnung „Wahrheit, Recht und Frieden", uns genannt, also fast wörtlich dasselbe wie Hoffmann von Fallersleben in seinem Liede. Sie dachten dabei an die Heileszukunft der Allmenschheit, wie auch der Dichter nicht engherzig in seiner Deutschlandsliebe «nfgeht: Du bist ein Deutscher, das lieb' ich sehr; und bist du auch Mensch, das gefällt mir noch mehr! Na, sollte gar — Hofsmann von Fallersleben ein Judenstämmlrng sein? Nassentheoretiker heraus! Warten toir ruhig ab, welche Miederverrenkungen man machen wird, urn das Lied zu „passeln." Einstweilen freuen wir uns, daß die Ausführungen des Reichspräsidenten die Sonne der Wahrheit leuchten ließen über ein dunkles Gebiet von Geistesverirrung und Jdeenverwirrnug, die Sonne der Wahrheit, an der stets die Antisemiten aller Zeiten und Zonen sich die Augen verblendet und ine Flügel versengt haben. . ■ - f yrc Aus Äah und Fern. Nentershausen, ReA-Bez. Cassel. Am 6. August beging die hiesige Synagogengemeinde die 40. Wiederkehr des Tages des Amtsantritts ihres Lehrers, Herrn Katz, in feierlicher Weise. 'Ter allseitig geschätzte Jubilar hat es verstanden, sich die Liebe seiner zahlreichen Schüler, die Wertschätzung der Gemeindemitglieder und die Achtung aller Ortsbewohner in hohem Grade zu erwerben, was bei der Feier in erhebender Weise zum Ausdruck kam. In der r^nagoge, die bis auf den letzten Platz gefüllt war, fand ein Festgottesdienst statt. Herr Lehrer Oppenheim, ein Schüler und Freund des Jubilars, beleuchtete in längerer Rede das Leben und Wirken desselben als geistigen und geistlichen Führers der Jugend und der Alten und erflehte Gottes Segen aus ihn hernieder. Tiefbewegt, mit Tränen im Auge, dankte Herr Katz. Urn 3 Uhr nachmittags versammelten sich zahlreiche Gratulanten jm Hause des Jubilars. Herr Synagogenältester Katz, ein Schüler -des Jubilars, überreichte im Namen der Gemeinde und ehemaligen Schüler sinnige und wertvolle Geschenke. In ehrenden Worten gedachte er der *) Als die Wogen der Bibel-Babel-Thesen vor 20 Jahren hochgingen, begrüßte es der frühere Kaiser, Wilhelm II, daß jetzt der „Nimbus des auSerwäht-; ten Volkes gedämpft werde." 9lr. & Gelte it ■. Verdienste des treuen Lehrers, innigen Tank ' zollend. Auch die Filialgemeinde Richelsdorf ent- ► sandte ihre Vertreter und ließ durch sie ein Geschenk überreichen. Abends fand eine Feier im Knollschen Saale mit Theateraufführung der Jugend statt. Ter Bürgermeister des Ortes feierte, den Jubilar als verdienstvolles Mitglied des Gemeinderats, Herr Lehrer Hupfeld begrütztp ihn als' Vorstand des Turnvereins, andere christliche Lehrer rühmten seine Stand es treue,' und Herr Lehrer Heilbrunn-O b eraula toastete auf die Gattin des Jubilars. „Tie Mitternacht zog näher schon", als der Jubilar bei Kaffee und Kuchen allen Teilnehmern seinen Tank abstattete. Wir rufen Herrn Lehrer Katz ein wettere- 33"n rfat zu. Vor zirka 100 Jahren wurde die hiesige jüdische Elementarschule begründet. Tie Seelenzahl unserer Gemeinde hat sich leider in letzten Jahren durch Domizilwechsel verschiedener Kamillen nicht unerheblich vermindert. Mcherbesprechungen. Sammlung kantoral - wissenschaftlicher Anssätze. Herausgeaeben von Aron Fried mann. I. Teil. Berlin. C. Boas Nachfg., 1932. Mit einem Porttät Eduard Birnbaums. 226 S. Fast jeden, der die Synagoge auch nur einigermaßen regelmäßig besucht, entdeckt in sich eine Befähigung zum Chasonus. Und in der Tat, da der jüdische Gottesdienst ein fast ausschließlich musikalischer ist und sich gewisse musikalische Motive bei bestimmten Gebeten oder zu bestimmten Zeiten wiederholen, so rufen sie, ähnlich den Wagnerischen Leitmotiven, bei jedesmaligem Wiedererklingen bestimmte Gedankenassoziationen hervor und „tremulierend in des Nigens alter Weise", wie es von dem von Heinrich Heine so hübsch ironisierten Borbeter heißt/ vergegenwärtigt sich mancher auch noch außerhalb der Synagoge durch die Gesangesweisen die L-timmung der Gebete. Bei den: lebhaften Interesse, das zweifellos für alles das Chasonus Betreffende in weiten Kreisen hervorgeht, dürste es als großer Mangel einpfunden werden, daß wir noch kern umfassendes Werk der Geschichte des Synagogengesanges besitzen. Grundlegendes zur Einführung in die Kenntnis der Materie hat ja der Herausgeber der hier angezeigten Sammlung in seinem eigenen, vortrefflichen Werke über den Shnagogengesang geboten, und zur Geschichte unserer alten Weisen findet inan in dem Werke von Elbogen „Die Geschichte des jüdischen Gottesdienstes" in mim kurzen Kapitel wenigstens das Wichtigste. So ist öS zu begrüßen, daß Friedmann in diesem Werke beginnt, die Bausteine zur Kenntnis des Synagogengesanges zusammenzutragen. Aufsätze, welche in Fachzeitschriften erscheinen und dadurch weiteren Kreisen unbekannt blieben, Vorreden zu shnagogalen Kompositionen, die heute selten geworden sind, Vortrüge in Lokalen Vereinen sind hier zu einem Sammelband zusammengesaßt. Natürlich ist der Wert der Aussätze ein ungleichartiger, die wissenschaftlichen Auffassungen des einen Verfassers widersprechen manchmal denen cmeS anderen, aber es sind, wie gesagt, ja auch erst, die Steine, die noch des Baumeisters harren, der sie zu den, großen wissenschaftlichen Werke zusammenschwcißt. Da der schafsenssreudige Herausgeber uns hoffentlich noch nranch weiteren Band dieser Sammlung bescheren wird, so darf hier wohl die Anregung gegeben werden, daß in den folgenden Bänden ein gewisses System in der Anordnung der Aufsätze befolgt werde. Vielleicht ließe sich auch die Beifügung von Alotenbeispielen ermöglichen, wenigstens dort, wo solche im Original- Aufsatze vorhanden waren, da sonst die betreffenden Stellen, die aus solche Beilagen verweisen, schwer verständlich sind. Innerhalb der einzelnen Aufsätze wäre etwas mehr Konsequenz in der Transcription hebräischen Worte zu wünschen, die manchmal in sephardischer, manchmal in aschkenasischer, manchmal auch, leider, in nnkorretter, schlechter Anssprache Vorkommen, woraus natürlich dem Herausgeber kein Vortvurf zu machen ist. Das sind aber alles mehr oder minder Schönheitsfehler. Jm Ganzen genommen bietet die Sammlung jedem, der nur etwas Interesse für die Synagoge hat, viel Anregung und Belehrung, und .im Gesangunterrichle jüdischer Schulen dürste manches Kapitel zur Grundlage einer Besprechung mit den Schülern gemacht werden. Erfreulich ist es auch, — die meisten Verfasser der Aussätze gehören den: Kantorenstande an —, zu sehen, daß sich unsere Vorbeter in den letzten Jahren mit Erfolg bemüht haben, ihren Berus auch von der wissenschaftlichen Seite zu erfassen, wobei es interessant ist, zu beobachten, wie gerade diese wissenschaftliche Ari beit viele von ihnen dem konservattven Judentum? wieder nähergebracht hat. Mit Spannung sieht man demnach der Fortsetzung dieser Sammlung entgegen. Möge der Herausgeber auch hierfür die Unterstützung idealer Männer finden, wie sie ihm zur Drucklegung dieses ersten Teiles ward, unter denen sich kein geringerer als der ermordete; Minister Rathenau befand. Dr. S. Schwarzschild-Franksurt a. M.