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Der Israelit · 1922-08-24 · Heft 32-33 (24.8.1922) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 32-33 (24.8.1922)
Date
1922-08-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Sk. B2 u. 3* Sette 11 94. «Wirst 1922. ganze Bank in Bewegung kam. Jetzt schien auch Dr. Paitiel ihn entdeckt zu haben. Er wurde merklich nervös, die Sätze wurden zusammenhangloser, wiederholten sich des öfteren und schloffen unter Verzicht auf weitere Ausführung eines angebrochenen Gedankens fast jäh mit dem Aufrufe zur Mithilfe. Salomo bahnte sich fast gewaltsam den Weg durch die Reihen, und während die Hörer mit Beifallklatschen den Vortrag lohnten, hielten sich die beiden Falaschas eng umschlungen. Es gab staunende Gesichter, dann aber brachdaS Publikum, in einer Ahnung der Zusammenhänge, in n^uen rauschenden Beifall aus. Diesesmal galt es dem Wiedersehen der exotischen Brüder und war ehrlich gemeint . . . Auch Paltiel streckte Salomon beide Hände entgegen. „Offen gesagt", fing Jirmeias an, „bin ich nicht sehr überrascht. Seitdem ich in Jerusalem bin, halte ich in allen Straßen und Gaffen Ausschau nach dir. Ahnte ich es doch, daß du eines Tages aus irgend einer dunklen Ecke auftauchen wirst, nachdem ich aus einem Briefe erfahren habe, daß du aus der Heimat geflüchtet List." „Wie geht es dir Salomo und was treibst du?" fragte Paltiel, die verschliffene Uniform musternd, „hast du also den Weg nach Jerusalem gefunden auch ohne mich?" Das „Ja" Salomos klang so ton- und farblos, daß Dr. Paltiel mitleidig die Hand auf seine Schulter legte. „Wir sprechen noch davon. Jetzt gehst du mit uns ins jüdische Hotel, und wir speisen zusammen zu Nacht." Als Salomo an der Seite seines Jirmeias durch die dunklen Straßen Jerusalems wandelte, war es ihm, als hätte jemand mit dem Zauberstabe all die Jahre dazwischen glatt weggewtscht. Mission, Legion, Krieg, Not, alles war in blauem Nebel aufgegangen. Es war wieder wie früher, da er arm in Arm mit dem Freunde von Aba Zagua kommend durch die düsteren, krummen Gaffen Gondars ohne Sorge und Bangen, ohne Not des Herzens und Verwirrung des Geistes, eitel Freude, Jugend und Hoffnung, dem Gehöfte Bechers zusteuerte. Dichte Nebel von Fragen und selbstquälerischen Gedanken hatten sich in den letzten Tagen um seine Sinne gelegt. Es kam ein Strahl aus sonniger Kindheitszett und aller Dunst war verzogen . . . Eine Angst überkam ihn, heute noch in das Heimzurückkehren zu müffen, wo auf dem Tische die schwarzgebundenen Bücher auflagen und müde Menschen dumpf über Leben und Tod sannen.. Er klammerte sich krampfhaft an Jirmeias, als wollte er ihn nie mehr los geben. Nach Tisch nahm sich Paltiel Salomo vor. „Du siehst nicht glücklich aus, Salomo", sagte er, „erzähle offen, was dich drückt und was du zu tun gedenkst. Ich bin noch dein Freund und nehme deine geheime Flucht aus dem Vaterhause nicht schwer, wenn ich sie auch nicht billige. Also rede frei und offen, junger Freund!" Aber Salomo war kaum zum Reden zu bewegen. Aus den kurzen, abgebrochenen Sätzen, die er auf Befragen von sich gab, wußte jedoch Paltiel genug. „Höre Salomo", sagte Paltiel, „ich hätte in befferen Zeiten daran denken können, dich hier noch unterzubrigen und für deine wettere Ausbildung zu sorgen, aber du hast ja aus dem Bortrag gehört, — Salomo hatte freilich nichts gehört — daß unser Hilfswerk im Kriege ganz zusammengebrochen ist und wir von Grund auf wieder beginnen müssen. Irgendwo in Europa ginge eS vielleicht noch, aber hier herrschen Hunger und Teuerung und das zerstörte Leben ist noch nicht im Wiederaufbau begriffen — also bleibt nur ein Weg." Salomo hörte ohne Jntereffe, fast verständnislos zu. „Der eine Weg ist", fügte Dr. Paltiel zu, „daß du jetzt mit nach Abessinien zurückgehest. Ich befinde mich mit Jirmeias und noch einigen Der JSraMt.__ ausgelernten jungen Falaschas, die dieser Tage aus Frankreich hier eintreffen, auf dem Wege dorthin. Wir bleiben hier über die Pessachfeiertage." Jetzt begriff erst Salomo. „Ich habe ihnen in Abessinien nichts zu bringen", sagte er wehmütig und dachte an Moschiachs Fahne, die er schon einmal in der Hand glaubte. . . „Sage das nicht, Salomo, du hast Welt gesehen und Judentum gelernt, auch die Beherrschung der hebräischen Sprache und der heiligen Texte und andere jüdische'. Kenntnisse dir erworben und wirst all dieses an Sette Jirmeias an deine Landsleute und deren Kinder weitergeben. Ist das nicht viel?" „Denke dir, Salomo," griff jetzt auch Jirmeias ein, „aus Vaters Hof, dort bet der Orangerie, wird das schöne große Schulhaus, von Bäumen umgeben, stehen, eine neue Mesgtd . . . Und sie alle sammeln sich um uns und hören auf unsere Worte und segnen unseren Ausgang und Wtederkommeu . . ." „Und sie alle," nahm Salomo das Wort auf, „sammeln sich um mich und sagen: „Gehe Fluchbeladener, der mit den Verwünschungen des Vaterhauses und der Mesgtd ausgezogen und uns nun den Fluch wtederbringt, gehe Verbannter ..." Jirmeias war sprachlos ob dieser bittren Rede, aber Paltiel sagte: „Hab Vertrauen, Salomo, zu mir, daß ich das mit den Eltern und mit der Mesgid wieder gut mache." „Aber ich gelobte, nur dann wtederzukommen, wenn ich Erlösung bringe . . „Ist das nicht Erlösungsarbeit, die ich dir vorhin geschildert?" „Es ist die Erlösungsarbeit, für die sich Jirmeias schon immer berufen fühlte und für die er in die Welt ausgezogen ist. Mein Ziel war ein anderes. Ich habe Fluch mitgenommen und muß großen Segen wtederbrtngen. . „Wie meinst dn das, Salomo?" „Der Fluch kann nur dann getilgt werden, wenn ich zu ihnen komme, wie einstens Jftach und ihnen sage: „Ihr habt mich mit Haß und Bann belegt und nun kommet, ich führe euch zum Heile . . ." „Du hast dich mit Messiasschwärmereien abgegeben, Salomo!" „Der Messias war so nahe, daß ich seinen Atemhauch verspürte und den Saum seines Gewandes küssen konnte — er zeigte auf den farblos gewordenen Rock — Er ist wieder unseren Augen entschwunden. „Mein Geliebter verschwand, zog vorbei/ meine Seele ging mir aus, da ich seine Rede hörte, ich suchte ihn und fand ihn nicht," zitierte er zuletzt aus dem Hohenliede. „Und da willst du warten?" „Ich harre noch aus . . . Und ist er da, dann bekommt der Rock wieder Farbe und ich lasse die Fahne nicht mehr aus der Hand. Und dann ist es Zeit, daß ich nach Abessinien komme. . „Und Malku?" fragte Jirmeias, „dein dir angelobtes Weib?" „Malku wartet, Malku, das reine Weib zieht an meiner Seite in die Reinheit und Heiligkeit des Moschiachlandes . . ." Salomo wußte selber nicht, woher jetzt nach den Tagen bitterster Enttäuschung so plötzlich diese goldenen Visionen wieder über ihn kamen. Vielleicht log er sich nur Mut und Hoffnung vor, um der ihm jetzt entgegengetretenen Versuchung zu wiederstehen. „Du bist erregt, Salomo," sagte Doktor Paltiel, „schlafe nocheinmal darüber und wir sprechen morgen weiter davon. Wo wohnst du eigentlich?" Salomo war wie aus den Wolken gefallen bei dieser Frage. Er brummte etwas ausweichend. An diesem Abend ging Salomo nicht ins Soldatenheim der englischen Mission sondern übernachtete in einem der alten Bethäuser, wo er noch lange nach Mitternacht Psalmen betete. Kinderecke. ln der schönen Zerienreit. Von Heinrich Einstädter. Ferien sind schön. Das hätten gewiß auch schon die alten Weisen gesagt, wenn sie welche gekannt hätten. Und in einer herrlichen Gegend, bet guter Kost, bayrischem Bier und in guter Gesellschaft sind sie doppelt und dreifach schön. — So dachten auch zwei gute Freunde, als sie an einem Nachmittag hinter dem braunen Getränk saßen und vergnügt ihre Zigarre schmauchen. „Weißt du", begann Nathan, da es sich um die Pläne für den nächsten Tag handelte, „ich habe eine Idee. Wir stehen etwas früher auf und fahren morgens 7 Uhr 10 Minuten mit dem Zug nach D. und besuchen von dort die Rtesenburg. Bist du damit einverstanden?" Warum sollte David nicht einverstanden sein? Wußte er doch, daß die Aussicht von der Rtesenburg, die Sammlungen, die dort aufbewahrt wurden, und das Bier, das im Burghof auSgefchenkt wurde, hochberühmt waren. Und so nickte er denn nur seinem Freunde zu und sagte: „Da geh' ich jetzt gleich heim und ruh' mich schön aus, damit ich heut' abend noch meinen Rucksack packen kann und morgen früh recht frisch bin." Mit diesen Worten reichte er Nathan die Hand und ging. Zu Hause angelangt, legte er sich sogleich auf seinen Divan, denn er fühlte sich doch etwas müde. Ob vom Laufen oder vom Bier, — daS bleibe dahingestellt. Bald schloffen sich unwillkürlich die schweren Lider, und David schlief. Und David schlief — und schlief — und schlief, bis er endlich ganz schlaftrunken erwachte. Er schaute schnell auf seine Uhr: Es war 7'/..- David erschrak. Rasch wusch er sich und ging ans Fenster. Richtig — da kamen gerade Sondheim und Hammel, die jeden Tag miteinander aus der Synagoge gingen. „Ich Untam! Jetzt Hab' ich den Zug verschlafen. Was wird Nathan dazu sagen?" Rasch legte er Tefiillin und betete. Doch war er noch nicht ganz fertig, so klopfte es. Natürlich war's Nathan. Der stutzte aber und blieb in der offenen Tür stehen. Was machst du denn? Bist du den Zug verschlafen. Was soll „David l meschugge?" «Ich Hab' ich machen?" „Den Zug verschlafen?" erwiderte Nathan und kam einen Schritt näher, nachdem er sorgfältig die Tür verschlossen hatte. Prüfend schaute er David in die Augen: „Du bist wohl um den Verstand gekommen!" David zog seine Uhr: „Es ist doch schon bald acht. Oder bist du meschuaae?" Da lachte endlich Nathan: „Jetzt versteh' ich, du Narr. Acht Uhr abends tst's!" Mstllösungen. Weitere Lösungen des Rätsels in Nr. 99 sandten noch ein: Jakob Wald, Klausenburg-Lay; Larol Feher, Lozna (Rumänien)- H. Stern, Hrusov (Slezko).

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