Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 32-33 (24.8.1922)
- Date
- 1922-08-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Vellage zu Vr. 32 v. 33 des „ZsraE Das erste Matt. Eine kleine Nachstreikbetrachluna. Nach langen Monaten gänzlicher Weltabgeschiedenheil erhält Vater Noah das erste Blatt, es steht zwar nicht viel darin, in dem Matte, es ist nur sin Oelblatt. Aber immerhin ein Blatt und ein Friedensbericht. So ungesähr dachte und empfand auch ich, als ich am Samstag Morgen nach zwölf, Taaen Ler Zeitungslostgkett das erste Blatt auf dennKaffeettlche entdeckte. Es war noch nicht mein „Leiborgon". Das erschien noch nicht. ES war eine Zeitung, die ich sonst nur selten zu Gesicht bekam und auf deren politische Gesinnung ich nicht eingestellt bin. Aber immerhin ein Blatt, ein Grutz auS Welt und Leben. Ich stürzte mich auf die versäumten „Neuigkeiten", daß ich darob die fehlende Milch und den knapp gewordenen Zucker vergast. Aber wenn Vater Noahs Oelblatt einen Friedensbericht enthielt, so las ich in meinem Blatte: „Sieg der Gegenrevolution in Bayern und Deutschvölkische Demonstrationen in München". — „Lohnkämpfe und Tariferhöhungen". — „Scheitern der Konferenz in London". — „Ausweisungen aus Elsah". — „Sozialrevolutionäre von ihren eigenen früheren Genossen in Moskau zum Tode verurteilt". — „Mord in Flandern". — „Notgeld einer bayrischen Stadt mit d^m Spruche: Der Jude usw. ..." — Dann noch einiges über den Kapitän Erhardt, ein Grubenunglück in Polen, die Rarhenaumörder und Scheidemannattentäter, Zeitungsverbote, Steuerverordnunaen und Trambahnerhöhung. Und zu allerletzt: Dollarkurs 1240 . . . Und all diese erbaulichen Dinge wurden uns zehn Tage lang, Tag für Tag, vorenthalten .... „Biel versäumt"?, fragte meine Frau und dachte wohl, wie alle Frauen beim Anblicke des ersten Blattes, an die vielen unersetzlichen" Verluste, an die „Verlobten", „Vermählten", „Verstorbenen", „ln die Firma Eingetretenen" oder „in Konkurs Geratenen". „Ja", sagte ich, „es ist uns viel erspart geblieben" und wandte mich wieder dem alten Mischnabuche zu, daS in der ganzen „schrecklichen" Zeit an Stelle des Zeitungsblattes aus dem Kaffeettsche lag . . . Verschollene Srüder. kine yalafdiaoefdildife aus der öegenwsrl. (Fortsetzung.) XXVII. Das Wiedersehn. In der Vorhalle des Beth-Am, wo sich Salomo zeitig genug einfand, legte sich, da er die Anschläge studierte, von hinten eine Hand auf seine Schultern. „Endlich tauchst du auf, schwarzes Bruderherz, und ich dachte, du wärest in den Sümpfen Äthiopiens versunken, so lange hat man dich nicht mehr gesehen." „Ascher!?" „Wie du siehst, mein Lieber. Aber sage, hatte dich die Erde ausgenommen und nun wieder ausgespieen, oder hatte dich der Auerhahn, wie einst die Post Salomos, nach Saba oder dem Lande Kitor verschleppt und nun wiedergebracht? Wo stecktest du, Mensch, nur all die Zeit?" „Ich .., ich bin . .", stotterte Salomo. „Aber, sage, wie siehst du denn eigentlich aus?" Ascher sah auch wunderlich genug aus. Er hatte eine kurze, graubraune, festumgeschnallte Joppe mit Borden und Fransen an, war mit Seitengewehr, krummem türkischen Säbel versehen und hatte eine riesige Bärenmütze auf dem Kopfe, wie sie ein Satrape des Kaisers von China nicht größer har. Ascher lachte. „Na, gefalle ich dir, Bruder aus Kusch? Aber nun im Ernste. Was treibst du, wie geht es dir? Hunger scheinst du nicht zn leiden, * wenn auch Mochtachs Rock aus deinem Leibe beträchtlich abgenutzt aussieht." „Es geht mir gut," sagte Salomo ausweichend. „Aber sage, Ascher, ist das jetzt dir Tracht der Jüdischen Legion?" Ascher schüttelte sich vor Lachen. „Aber sage doch, Mensch, hast du all diese Zeit bei den Krokodilen Abessiniens geschlafen? Weißt du denn nicht, daß die Jüdische Legion schon bald ein Jahr nicht mehr am Leben ist?" „Nicht mehr am Leben? Alle erschossen?" „Das nicht, aber aufgelöst." „Aufgelöst?" „Ja, wir du hörst. Es gab Uneinigkeiten unter den Kameraden selbst und Zwistigkeiten mit Arabern und Engländern. Kurz, ich bin kein Freund von langen Geschichten, die ganze Legion wurde aufgelöst und damit basta!" - „Und die Legionisten?" „Es wurde ihnen die freie Wahl gelassen, in das brittische Kolonial- und Besatzungsheer einzutreten, oder aus dem Dienst auszuschetden. Wer sich nicht gleich für das. Heer freiwillig meldete, galt als ausgeschteden." „Kannst übrig ms fügte Ascher hinzu — von Glück sagen, daß es so gekommen ist. Du wärest sonst Deserteur und gehörtest eigentlich an die Wand . . . Weißt du, was das heißt, an die Wand? . . . Na, ich könnte dir was davon erzählen . . . Nun, Schwarzer, bist du ausgeschteden und es kann dir nichts mehr passieren " Das rührte Salomo nicht im geringsten. Er hatte sich um solche Dinge, die außerhalb seiner Gedankensphäre lagen, nie gekümmert und gesorgt. Er sah nicht ohne Respekt zu der riesigen Bärenmütze Aschers hinauf. „Und du bist also in den Dienst des englischen Heeres getreten?" „Aber keine Idee," lachte Ascher. „Und die Uniform, diese großmächtige Mütze?" „Es ist die Osfiziersunisorm der Gendamerie. Ich bin nämlich Oberschomer oder Kazin oder Leutnant der aus Engländern, Arabern und Juden gebildeten palästinensischen Gendarmerie... Ich wollte natürlich nur Erez Jisroel dienen. Das kann ich auch so . . . Uebrigens ein feines Leben. Wenig Dienst und dreißig Pfund monatlich Sold bei guter Verpflegung im Kasino Wie wäre es Salomo? Wirklich eine Jde e Salomo, gehe mit mir und laß dich als Soldat in die Gendamerle aufnehmen, ich werde dich empfehlen." Salomo überlegte. „Wirst zufrieden sein," ermunterte Ascher, „herrliches Leben, sage ich dir, ein wenig Exer- \ zieren und gutes Essen und Sold . . . Und ■ bei allen Schlägereien dabet sein und Puffe austeilen nach allen Seiten. Ist das nicht gottvoll?" scherzte Ascher. Eine schöne Aufgabe für Moschias Gendarm, bet allen Schlägereien dabei zu sein und Puffe ' auszuteilen nach allen Seiten, dachte Salomo im Stillen. „Na, wie ist es Bruder aus Saba, willst du? Freilich müßte dann ein anderer Ton zwischen uns herrschen. Nach außen wenigstens. Distanz! Du Soldat und Offizier ... Es wird bet uns auf strenge Disziplin gesehen. Aber unter uns, na bleibt es beim Alten. Also wirds, Brüderchen?" Salomo starrte ins Leere. „Nein," sagte er enischlossen, „ih habe genug davon . . . Der Vortrag beginnt, gehst du mit hinein?" „Vortrag schenke ich Dir", sagte Ascher verächtlich und etwas pikiert. „Ich muß in diesem Bezirke die Posten inspizieren. Also überlege Dirs, du weißt, wo ich zu finden bin, im Offi- * zierskasino der Gendarmerie."- Drinnen hatte inzwischen der Vortrag begonnen. Der Besuch war gut, aber das Haus nicht überfüllt. Salomo drückte sich in eine stille Ecke und betrachtete von dort aus den Redner am Pulte. Das fahle, knochige Gesicht hatte sich uicht geändert, auch Stimme und Tonfall, die etwas Mattes und Gezwungenes hatten, nicht. Es war der gleiche Dr. Palttel in seiner trockenen, eintönigen, aber doch eindringlichen Redeweise, nur schien er ihm hier weniger sicher, weniger von Mission und Berufung durchdrungen als in Abessinien. Er hatte hier nichts zu erobern und zu bekehren, sondern nur zu berichten. Und Salomo mußte sich wundern, wie er einmal in diesem Manne, von dessen Art er in Jerusalem zu Dutzenden fand, etwas so Besonderes, ei was wie Erlöser und Heilbringer hatte sehen können. Er, Salomo, war in Jahren der Leiden und Enttäuschungen reifer und nüchterner geworden. Das konnte er an dem Eindruck ermessen, den der Mann, der nicht da s erlösende Wort brachte, jetzt aus ihn machte. Um wieviel war er, Salomo, damals in seiner frommen Einfalt glücklicher! Er überlegte, ob er überhaupt an Paltiel herarrtreten sollte. Was konnte er ihm noch helfen und bieten? Der Mann sprach in einem fort von Hilfe für die Falaschas. Wie und wer sollte diese bringen? Er 'allein, Moschiach, hätte es tun können und er, Salomo, hätte besten Fahne nach Abessinien tragen sollen, um sie alle herzubringen. Aber es war ja alles eitel Trug. Er kam ja nicht. Wer sollte ihnen jetzt noch helfen? Es beleidigte ihn fast, daß nach all dem, was dazwischen vorgegangen, der Mann noch im alten Tone von der Hilfe sprach, als wäre noch alles wie es war. Da nahm etwas Salomos Aufmerksamkeit plötzlich ganz in Anspruch. Ganz nahe am Podium stand ein Tisch, an dessen hinterer Längsseits ein paar würdige Herren saßen, die hier im Beth-Am wohl leitende Stellen hatten. Sie hatten das Gesicht dem Publikum zugekehrt und schienen weniger dem Vorträge zuzuhören, als mehr den Eindruck der Worte auf die Hörer zu kontrollieren. Zwischen ihnen saß aber einer . . . Salomo traute seinen Augen und Sinnen nicht. Konnte es zweifelhaft sein, daß dieser Jüngliug mit dem kraushaarigen pechschwarzen Kopfe und dem ruhig zuversichtlichen Blicke Jtrmeias war? — Es kam ihm fast komisch vor, daß er all die Zeit für diesen einzigen Jugendfreund, mit dem ihn ein Los und eine Sehnsucht verband, nicht den leisesten Grdanken gehabt hatte. Und dabei fiel ihm ein, daß er dessen Brief aus Deutschland an seiner Brust durch Jemen und Hedschas, wie auf dem Marsche bei Wadi el Arisch getragen und auch jetzt immer noch als einziges Dokument in der Tasche seines abgetragenen farblos gewordenen Legionistenrockes mit sich herumtrug. War das Jirmeias? Er sah gut und wohlgepflegt aus, frohgemut und zufrieden, wie ein. Mensch, der am Ziele war. Er war auch größer, stämmiger geworden. Aber das Gesicht, die Züge ... Und als galt es, die letzten Zweifel Salomos zu zerstreuen, rief jetzt der Redner und fuhr mit der Hand nach dem Tische: „Hier stelle ich einen der lebendigen Erfolge unserer Arbeit vor, Jirmeias, Sohn Bechers, der nach mehrjähriger Lehrzeit in Deutschland und Frankreich, nun nach Abessinten zurückgeht, um dort die Leitung einer von uns eingerichteten jüdischen Schule zu über- . nehmen." Salomo sprang bei der Nennung des Namens so wuchtig und geräuschvoll auf, daß die,.