Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1922)
- Date
- 1922-08-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Fevilleton-Veilage ra Ar. 31 des „Israelit". Verschollene Srüder. /«•V? k!ne Salafdiagefdiitfife aus 9er kegemvaN. (Fortsetzung.) XXVI. Ein Gruß aus der Vergangenheit. Salomo war wieder satt und ausgeruht, aber der Hunger nach Aufklärung, nach einem Ausweg aus den Jrrsalen der Weltgeschehnifse war nicht gestillt. Im Heime waren Rekonvaleszenten und Kriegsinvaliden aller Völker und Stämme, neben christlichen Briten und Schottlöndern auch Mohamedaner, die fünfmal täglich ihre Füße zum Gebete wuschen, Brahmanen, die von der Verbindung Brahmas mit der „Weltseele" erzählten und viel von Seelenwanderung .wußten, aber auch moderne Indier, die beschauliche Bücher neuer moderner indischer Dichter lasen und gern über Sein und Vergehen philosophierten. Sie alle hörten nach reichlichem Abendessen mit Gleichmut auf die Klänge des Harmoniums, den Choralgesang der Engländer und die Worte Pastor Goodwons, als sei es eine Sache der Christen mit ihrem Gotte, in die sie sich nicht einzumischen hätten. Salomo aber krallten sich die Orgelpfeifen und Worte in Herz und Hirn fest und sie warfen ihn ganz aus dem Gleichgewichte. Wenn es jetzt der letzte Kampf gewesen wäre und nun alles so käme, wie es Jesajas und Secharja^und er, der Prophet Goodwons, vorausgeschaut? . . . Dann hätte am Ende der Pastor doch nicht unrecht und seine Lehre verdiente es, daß sie beachtet würde. Und Salomo fing an, die Evangelien zu lesen, sogar in amharischer Uebersetzung, die Goodwon zur Hand hatte. Salomo fand die Erzählungen hübsch und wunderte sich nicht wenig, in der Bergpredigt so manches zu finden, was er bei Aba Zague daheim, wie bei den moslimischen Mekkapilgern und später bei den jemenitischen und andern Juden gehört hatte. Aber dann trat doch in einem Worte, einem Satze, einer Glaubensformel das Fremde, aus fernen Welten Kommende ihm entgegen, daß er, wie von kaltem Stahle berührt, bis auf die Fingerspitzen erschauerte. Wo war die Wahrheit? Er sing an, sich sogar an den abendlichen Gesprächen der Invaliden über den Sinn des Lebens und das Geheimnis des Todes zu beteiligen. Sagten sie nicht im Grunde alle das Gleiche, woher dann das Fremde und Ferne, das in ihren Worten seiner Seele den Kälteschauer brachte? Er hatte es von Aba Zague — und die frommen Gelehrten in den Bethäusern Jerusalems bestätigten es alle —, daß diese Welt eine Vorhalle sei für eine künftige bessere, die man sich durch reinen Wandel in den Wegen Gottes erst verdienen mußte. Der Mohamedaner wußte aber die Freude der künftigen Welt so eingehend zu schildern und sie mit den besten Weinen und schönsten Weibern zu versehen, daß Salomo gerade in diesen vertrauten Begriffen das unsagbar Fremdartige und Fernliegende anstarrte . . . Der Brahmane wiederum sah in sich den Träger einer Seele, die bereits vor Jahrhunderten einen Andern belebte und wußte, daß diese Seele immer wieder kommen werde, solange sie nicht der letzte Träger zur Vervollkommnung gebracht ... Er, so behauptete er, hätte dieser letzte sein können, wenn nicht der elende Krieg gekommen wäre und ihn zu Handlungen gegen Brahma veranlaßt hätte. Und der würdige Manu Tragada, der moderne Indier, philosophierte: „Leben? Tod? Zwei Tore, ein hell- und ein schwarzgeftrichenes, die in zweierlei j§?ein führen. Und der Uebergaug von Leben zu Das Kind schreit entsetzt auf, weil es der linken Mutterbrust jäh entzogen wird — um gleich darauf Trost an der rechten zu finden . . „Urberhaupl", philosophierte der indische Weise weiter, „stehen die Menschen viel zu täppisch und jämmerlich hilflos den Uebergängen gegenüber, statt sich einfach von den Wellen der Zeit hinübertragen zu lasten . . . Könnt ihr euch, Kameraden, einen schwereren Uebergang denken, als den von Nacht zu Tag? Aber die Sonne fragt und versucht nicht viel und ergeht sich nicht in jämmerlichen Worten und Experimenten. Sie erstrahlt, und es ist Tag ..." War das ein neues Wort, ein neuer Glaube? Was war da neu, das er nicht schon in sich trug? Es war Wahrheit, aber nicht die Wahrheit, die letzte, nach der er lechzte. Aber war sie in den Büchern der nazarenischen Lehre, die ihm Goodwon in die Hand gab? Hier waren es schwere, leidvoüe Uebergänge. Mit Blut am Kreuze ward die Welt gesühnt. . Ist sie gesühnt? Warum hörten sie nicht auf, von der Kreuzigung des Einen zu sprechen, nachdem Tausende, ja Hunderttausende, vor ihren eigenen Augen verbluteten und Ungezählte vorher und nachher in allen Generationen am Kreuze trugen und tragen? Es fiel ihm ein Wort Aba Zagues ein: Im Leide des Einzelnen erfaßt uns der Jammer des Ganzen. Mastenleid ist zu stumm, zu formlos, um zu uns zu sprechen, zu ergreifen. In der Opferung Isaaks begreifen und be» weinen wir alle späteren Opferungen . . . So war es in Wahrheit. Hatte er doch alle Schauer des großen Krieges, an dem er selbst teilnahm, nur einmal richtig erlebt: an der kalten Leiche Jossef ben Meschulams auf dem Berge vor Gaza . . . Darum wäre es schon richtig, von dem Einen zu sprechen, der alle und das Ganze verkörpert. Aber so scheinen doch die alten Bücher, so scheint auch Goodwon selbst die Sache nicht verstanden zu haben . . . Er, der Dulder selbst, auch nicht, wenn er all dies gesagt haben sollte, was sie ihm in den Mund legen. Was soll das heißen: „mit dem Blute die Sünden der Welt sühnen?" Mofchiach soll nicht sühnen, sondern erlösen. Und nicht mit dem Blute, sondern mit Stabe der Liebe, dem Hauche der Wahrheit, der Fahne der Sammlung? . . . Und was sollte das heißen: „Eher kommt ein Elephant ourch ein Nadelöhr, als der Reiche ins Himmelreich?" Das Bild vom Stephanien, der durch ein Nadelöhr gezogen werde, war so komisch und spassig, daß es ihn zum Lachen reizte. Aber warum sollte der Reiche nicht ins Himmelreich, wenn er sonst gut und redlich und fromm ist? Ist Reichtum ein Verbrechen? Wer konnte Becher seine ererbten und durch Fleiß erworbenen Aecker und Wiesen zur Sünde anrechnen, nachdem er seinen Zehnten an die Mesgid abführt, die Armen bewirtet, betet und opfert? Warum sollte er draußen bleiben und Gason, der Dieb und Trunkenbold von Gondar oder Job, der Falsche, ins Himmelreich kommen, nur weil fite besitzlos sind? Dann aber waren es hinwiederum goldene Worte die man hin und wieder in diesen Büchern zu lesen bekam, aber sie trafen nicht das Ganze und das Letzte und gaben vor allem keine klare Auskunft über die Frage, die sein Herz schier versengte, das „Wann" des Moschiach, der Samm'ung und Erlösung . . . Mitten in diesem Ringen nach Ausgleich zwischen dem Eigenen, Anmutenden und dem Fremden und Abstoßenden in der neuen Lehreereignete sich in seinem Leben etwas, das ihn »US dem Sinnen riß und aus dem schon sachte betretenen Geleise wieder auf die Straße des Alltags warf. Als er eines Tages vor dem großen Hause mit der Sonnenuhr vorüberkam, leuchtete ihm von dem Anscblagbrette in großen hebräischen Lettern rin Namen entgegen, der ihn zum Stehenbleiben zwang. Dr. Paltiel, der bekannte Falaschaforscher, der sich auf seiner dritten Reift nach Abessinien hier befand, hielt heute Abknd im Bolkshause einen Vortrag über die wiederausgenomme Falaschahilfsaktion. Paltiel! Der Name wühlte alle Erlebniste- Hoffnungen und Enttäuschun en neu in ihm aus. Wie lange war es doch schon her. Eigentlich nur drei, vier Jahre. Aber ganze Generationen, Welten lagen dazwischen . . . Seine Flucht mit den Mohammedanern, seine Wanderung mit den Jemeniten) die ersten Tage in Jerusalem, Not und Sorge, übergoldet vom Gefühle erhobenen Heiligenseins. Enttäuschung und Verirrung, die Jüdische Legion und mit ihr ein heller Strahl neuer Kraft und Hoffnung. Abermalige Enttäuschung und bitterste Not, wieder Suchen und Irrest . . . Und nun? Es war ihm, als müßte er sich berm Auftauchen dieses Mannes, der ihn zum Ausgangspunkte seiner Wanderjahre zurückführte, all dieses wieder in Erinnerung rufen, sich über den zurückgelegten Weg genau Rechenschaft geben ... Abends wollte er auf alle FäAe ins Volkshaus gehen, um Paltiel wieder zu sehen und zu hören. (Fortsetzung strtgt.) Sie Sarmherzigen. Vor zwei Jahren, so schreibt ein Leser dem „Vorwärts", war ich irn Kreis Arnswalde in einem JorsthauL. Die Leute waren streng evangelisch-orthodox, Kirchenvorstand, Tischgebet, Sonntags Kirchenbesuch oder Andacht. Wir sprachen über Ferienaufenthalt von Berliner Kindern. „Ausgeschlossen. Wir haben uns alle — Landbundmitglieder — verpflichtet, keine Berliner Kinder mehr zu nehmen. Wir sollen die Sparlakistenkinder gesund sünern? Die mögen verhungern"! In diesen Tagen war ich bei einem jungen Kaufmann, jüdisch-orthodox. Ich wollte als gerichtlich bestellter Pfleger zweier Kinder Auskunft über einen früheren Angestellten hieses Juden, über den Vater der beiden Kinder haben. Das ist ein Lump. Er hatte eine glänzende Stellung, betrog aber feinen Chef von vorn und hinten, sodah er vor - zwei Monaten die Stellung verlor und nun unauffindbar ist.^ Der Kaufmann srug nach dem Schicksal der beiden Kinder — Christenkinder. Das, was ich mitteilen konnte, war ein trübes Bild der Not der Zeit. Der Vater hat, seitdem er die Stellung verlor, nicht mehr gezahlt^ sodah ich die Kinder jetzt der öffentlichen Armenpflege übergeben mutz. Dann werden die Geschwister auSeinandergerissen. Da gab mir der Jude — unaufgefordert — Geld — reichlich, damit die Kinder nicht unter der Lumperei des Vaters zu leiden hätten und versprach weiter zu helfen, damit die Kinder nicht getrennt würden. Da kam mir jenes Gespräch im Forsthaus wieder ins Gedächtnis und ich schämte mich meiner christlichgermanischen Mitbürger. Zu Hause holte ich meine alte Schulbibel wieder hervor und las das wunderbare Gleichnis *vom barmherzigen Samariter noch, einmal durch. Und dieser war ein Samariter.