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Der Israelit · 1922-07-27 · Heft 30 (27.7.1922) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 30 (27.7.1922)
Date
1922-07-27
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Schwache den Starken ehrt. Dann wäre vielleicht der jüdische Funke in den' Zionisten fähig gewesen, sie für den orthodox-religiösen Einfluß reif zu machen. Jetzt aber, weil die Misrachisten innerhalb der zionistischen Organisation deren Kraft gestärkt und die der Orthodoxie geschwächt haben, ist natürlich der Starrsinn der Zionisten gewachsen und sie fühlen sich lticht veranlaßt, von ihren Anschauungen irgend etwas anszugeben. Aus dieser Darstellung ergibt sich, daß, der Alisrachismus ein Stein des Anstoßes ist, nicht ' mir auf dem Wege der Orthodoxie, sondern auch ein schweres Hindernis für die erwünschte Entwicklung des Zionismus. Er läßt den jüdischen Funken darin nicht auf natürliche Weise zur Entfaltung kommen. Noch mehr moralischen: Schaden fügen die Misrachisten sich selber zu. Viele von den Misrachisten, die hervorragende Einzelpersönlichkeiten sind und die innerhalb der originalen jüdischen Welt, in der sie groß cze- - : "SlötteLL - - worden, einen segensreichen Einfluß auÄüben könnten, stehen jetzt mit ihrer Zugehörigkeit zur Partei wie Männer da, die einer fremdeil Welt untertan sind und wenn dieser Zustand fortdauest, wer weiß;, ob nicht der Zionismus ihr innerstes Wesen in der Tat beeinflußt? Schließlich wird das natürliche Judentum das künstlich gefärbte überwinden. Das ist klar wie der Tag. Die Orthodoxen werden sich von den andern nicht an der Nase herumführen lassen. Sie werden immer bereit sein, ihre Positionen mit Hingabe ihres Lebens zu verteidigen. Aber das Herz blutet bei dem Gedanken, daß dieser Sieg viele Opfer von beiden Seiten fordern wird. Und noch schmerzlicher ist es, daß auch die ideale Sehnsucht des Volkes, um derentwillen der Bruderkampf entbrannt, unter diesem Kampfe selber leiden wird. B r ü d e r! E r k e u n t die L a g e, w i e sie i st? (Aus dem .Hebräischen des Kol Jsroel). „Mehr Wahrheit, mehr Recht, mehr Frieden." Bor 14 Tagen erschien die erste stummer der Schweizer Misrachi-Mvnatschrift als Beilage zuni Jsr. Wochenblatt in Zürich. Ter Leitartikel „Unser Ziel" mit den wohlklingenden Redewendungen über jüdische Nächstenliebe und jüdisches Achdns erweckt den Eindruck, als ob'der Misrachi nnt seiner herausfordernden Kampfesweise nun einmal brechen wolle, am so endlich einer Atmosphäre der Verständigung Raum zu geben. Liest man gar die stolzen Worte „Ein Gott, ein Land, eine Thora und ein einziges -Volk", die als Parole ausgegeben werden für die fernere Arbeit des Misrachi, w glaubt man sich inseiner Vermutung nur bestärkt, umsomehr, als eigentlich die seitherige Tätigten dieser Organisation durch einen gerade in entgegengesetzter Weise geordneten Leitsatz „teilt Land, ein Volk, einen te5ott lind eine Thora" treffend illustriert werden tonnte. Aber jchon der nächste Aufsatz, betitelt „Wo stehen wir?" zeigt klar und deutlich, das; der Misrachi immer noch steht, wo er seither gestanden hat, nämlich auf dem Boden unversöhnlicher Gegnerschaft. „Die Araber, die europäischen Judenhasser. und die Aguda, welche den Zionisten nicht den politischen Erfolg und die vorherrschende Stellung lassen will" sind dort in oineu, Atemzug als die Feinde genannt, „die sich rühmen, je näher die Ratifikation des englischem Versprechens heranrückt". Wir werden also mit den Judenhassern in eine Parallele gesetzt, weil wir von zionistischem Machtstrebertnm uns nicht bergewattigea lassen wollen, weil schließlich auch wir Einfluß in öcv, Verwaltung jener Körperschaft zu gewinnen suchen, die einmal über das Wohl und Wehe aller Juden entscheiden soll. Angesichts einer solchen impertinent geschmacklosen Aeußerung, wie sie der Verfasser dieses Schmähartikels hiermit ausspricht, unterlasse ich es, mich! noch nachher darüber zu verbreiten, wer eigentlich^ die Judenhasser sind, ob die, welche in traditionellem Sinn an die Lösung der jüd. Gegenwartsfragen heranlreten, oder jene, welche die tenersten und hehrsten Gefühle ihrer Mitmenschen mißachtend, alles Hobe und Heilige mit Füßen treten. Nun erbreiftet man sich, unserem hochverehrten) '001-11* Rabbiner Tr. Pinchas Kohu vorzuwerfen, ihn lasse das Geschick unseres geplagten Volkes so ziem-, lich unberührt, weil er ganz im Sinne eines übet'*! zeugten. Jehudi meinte, „eine katastrophale Aenveruna der Balfourdetlaration könne dem jüdischen Geist keinen; Abbruch tun". In Wirtlichkeit ist es doch auch so.! sollte das Persprechen Englands — wofür übrigensj er>t kürzlich der Landesverband der Agudas Iisroel! der Schweiz in einem Memorandum dem in Genf tagenden Völkerbund seinen aufrichtigen Tank be-! kündete , die van allen Juden ersehnte Bestätigung! nicht finden, so sind wir Agudisten damit doch' nicht unserer allerwertvollsten Ideale beraubt: denn' tinmer noch leuchtet auf unserer Fahne mit goldenen; Lettern: „Erst Gott und Thora, dann Volk und Landl"' „Pastoralen Trost" nennt der Verfasser des Ar-f ttkels den betressenden Ausspruch des Herrn Rabbiner ' ^r. Kvhn und läßt uns somit wenigstens die Ueber- ^eugnng gewinnen, daß der Anbruch der messianischen Zerr nicht mehr allzuferne steht, jener Zeit, wo Ideen in des Menschen Brust unreif zum frühgeborenen Wirken sich drängen, wo man die Lehre und die Weisheit auch der besten des Volkes verachtet und verhöhnt. „Lau almon Jsroel": denn cni’ro nsi n: S)8i„ 2'ntzxr «A BTSN» rrd L.I'2'X pjo ja, so Eöttnte es heißen; das wäre aber wieder „paftoraler Trost", darum steht wohl die viel mehr versprechende Bemerkung: „Soeben hat das amerikanische Repräsentantenhaus sich in einer Resolutton mit der Schaffung einer Heimat für die Juden in Palästina einverstanden erklärt." Was weiterhin folgt, ift eine im gleichen Stile gehaltene Fortsetzung der Lchmührede, umkleidet nur mit einem Deckmäntelchen, das durch Rabbi Simon den Gamliels Ausspruch „Auf Wahrheit, Recht und Frieden besteht die Welt" vorgeschützt fein soll. „Es ist nicht wahr, was die Wiener Presse anläßlich eines Redaktionswechsels erklärt, dnß die Zeitung ihren Charakter als rechtsstehendes orthodoxes Organ" unabhängig von der Partei und Bereinigung wahren will". „Es ist nicht recht, daß eine Agudahdelegation in London oder Genf als die Vertreter der thoratrenen Gesamtheit anftreten dürfen, denn wer hat sie beauftragt, namens der Thora und ihrer Anhänger zu sprechen?" Ungefähr derart lautet das Bekenntnis des Schreibers zu dem sinnvollen Ausspruch Rabbi Simon ben Gamliels. Gar viel wäre gegen dieses „Es ift nicht wahr" und „Es ift nicht recht" einzuwenden; doch ich beschränke mich darauf, den Verfaffer zu tragen, vb wohl die Zionisten allein das Recht gepachtet haben, vor dem Völkerbund Forderungen zu erheben oder ob die Misrachisten wohl das Monopol besitzen, von „Wahrheit, Recht und Frieden" zu schreiben, Versprechungen zu proklamieren, die sich dann lediglich als leere Redewendungen eilvcncn? Denn schon ans der ersten Nummer des Misrachiblattes ist ersichtlich,. das; die ganze „Leistung" des Schweizer Misrachi allein in eineni unmotivierten Angriff gegen Agudas Iisroel sich erschöpft. Welcher Art wären sonst die aufweisbaren positiven Leistungen dieser Organisation? Zu dem „Es ist nicht wahr" und „Es ift nicht recht'' vermißte ich nur noch ein ^,Es ist nicht friedfertig." Offenbar aber erkannte der Verfasser in dem Augenblicke, als er vielleicht unter einem solchen Schlag-' wort eine andere Auslassung gegen Agudas Iisroel sich leisten wollte, wie paradox, ja, lächerlich es ererfcheiueu muß, von „Friedensliebe" zu schreiben, wenn man im selben Moment ein Anftreten sich erlaubt, das angetan ist, auch die letzten Möglichkeiten für eine einsichtsvolle Verständigung zu untergraben. Solange der Misrachi es nicht versteht, dem Ausspruch Rabbi Simon ben Gamliels aufrichtig Rechnung zu tragen und Wahrheit, Recht und Frieden in harmonischen Einklang zu bringen, solange bleibt eben ein Zusammenarbeiten sämtlicher an der Erhaltung unserer Trndition interessierten Kreisen ausgeschlossen. Noch niemals erblickte die Agudas Israel der Schweiz ihre Ausgabe in der Veröffentlichung von Aussätzen, worin sie Gegner — ohne herausgefordert worden zu sein - angegriffen hätte. Wir bedauern es, nun auf solche Weise unseren Standpunkt wahren zu müssen: doch der Kamps den wir hiermit ausnahmen, ist ein uns ausgenötigter; gerade im Interesse der Wahrheit des Rechtes und des Friedens sind '.vir gezwungen, diese Abwehr durchzuführen. ipnrö -sin Enck trifft die Verantlvortuug. Ihr habt diese bedauernswerte Polemik veranlaßt; denn - „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt!" . Hermann Lieber. > Die Mordtat der L.-Organisation und die Aguda. . Es ist wirklich kein Pnrimscherz: ein zionistisches Blatt hat sich gesunden, das in echt zionistischer Bruderliebe die hier wörtlich wiedergegebene Ueöer ichrist und einen langen Aufsatz über dieses originelle Thema znstandegebracht hat. Ter „Selbstmciir in Prag, Nr. 28 vom 18. Tamus 5682. gebührt die Palme. Gedankengang: die Aguda (!) hat das englische Oberhaus zu seinem Beschlüsse gegen das Palästina-Mandat gebracht (wer denn ionft?), dieses „Vorgehen kommt an Gemeinheit jedem M e u ch e l m v r d gleich" (wörtlich), worauf sich dann einige Zeilen später die Aguva-Politiker i n Palästina auch persönlich in „feige, nichts riskierende M e n ch e l - m ö r d e r" verwandeln. Tas genügt aber noch nicht. Die „Tat der Aguda" — so heisst es weiter - „muß no ch v e rä ch t-! i ch e r erscheinen als der gedungene Mord der C-Organisation in Deutschland", denn den haben „junge Burschen" vollbracht, hier aber, die Agudaführer, sind „Greise, unfähig aktiver Triebentla - d u u g, h ö ch st e n 5 O b j e k t e H e i tz h u n g e r v o r - tauschender Perversität". Tie Aguda ist die „ins Indische karrikierte C". Unsere aufrichtigen Gebete um Heilung von seiner Aguda-Pshchose gelten dem bemitleidenswerten Verfasser des Artikels, der mit r. pb. (rephoäni?) gezeichnet ist. Aus der Bewegung. New York, 12. Juli. Tas New Jorker „Morgenjournal" vom 9. Juni beschäftigt sich in einem „Editorial" mit der Aufgabe der Aguda in der Lage, die durch die Konferenz geschaffen wurde, welche die Delegation der Aguda jüngst mit dem High Commissionar der Erez Iisroel hatte. Das Blatt betrachtet die Aeußerungen Herbert Samuels schon als Anerkennung der Aguda durch die Mnndatarmncht und die Zusagen inbezug ans die Aschkenasische Orthodoxe Gemeinde als die Erfüllung ihrer Wünsche und schreibt: „Ter High-Evlumissioner von Erez Iisroel, Sir Herbert Samuel, als echter Staatsmann, setzt sich über die Forderungen der frommen Juden bezüglich der Arbeiten, die unter feiner Afsicht durchgeführt werden sollen, nicht mit einer Handbewegung hinweg. Er versichert der „Agudas Iisroel" von Europa und der Gemeinde der frommen Juden in Jerusalem, 'daß er ihre Beschwerden in Betracht zieht und daß etwas geschehen werde, um sie zu befriedigen. Das ist eine Stellungnahme, welche für die Aufbauarbeit größere Hoffnungen weckt, als die Kampsmethode kleinlicher Politiker, denen mehr daran liegt. Kr die „Partei" einen Gewinn herauszuschlagen als für allgemein jüdische Interessen etwas zu leisten. Es wäre aber von Seiten der Agildas Iisroel ein ebensolcher oder vielleicht noch ein größerer Irrtum, wenn sie sich nun Damit begnügen würde, auf diesen Parteisieg zu pochen. Es ist ihr gelungen, einen Teil der ihr gebührenden Anerkennung zu erhalten. Jetzt ist es an der Zeit für sie, zu beweisen, daß sie wisse, von den Kräften, die sie besitzt, Gebrauch zu machen. Für die Agudas Iisroel gibt es unserer Meinung nach keine größere Gefahr, als in den Irrtum zu verfallen, sie sei nunmehr eine zweite zionistische Organisation und ihre ganze Aufmerksamkeit fortan mir den Geldsammlungen und der Propaganda zuzuwenden, zwei Tinge, für die in den orthodoxen Massen niemals großer Enthusiasmus herrscht. Ta orthodoxes Judentum kerne „Bewegung" ist, darf sich die Agudas Iisroel auch per Waffen einer Bewegung nicht bedienen und es würde für sie ein gefährlicher Unsinn sein, den Zionisten gegenüber Konkurrenz zu spielen. Eine Partei, die Anhänger wirbt, muß Propaganda machen, sie hat Agitatoren hinauszusenden, un? solche, die noch nicht au ihre Prinzipien glauben, zu bekehren. Das politische Programm des Zionismus macht Geldfämprlungen unvermeidlich, wenn es auch da noch zweifelhaft ist, ob es von den Zionisten recht sei, des Geldes wegen solche Anstrengungen zu machen, daß andere Interessen zurückgestetlt werden. Tie Agudas Iisroel braucht den frommen Juden nicht erst zu bekehren. Sie ist der Ausdruck seiner gegenwärtigen Ansicht, sofern er eine Ansicht über-' Haupt besitzt und ihre Haupttätigkeit mußte in der Tat darauf gerichtet sein, sein Interesse wachzurufen. Alles, was die Aguda zu tun hat, besteht darin, Stimmung zu schaffen für reines Judentum, für alles was in Erez Iisroel und für Erez Iisroel geschieht, den orthodoxen Juden an seine moralische Kraft zu erinnern, an sein Recht, zu verlangen, daß man seinen Gefühlen, den alten religiösen Prinzipien, dem Fundament der jüdischen Liebe zu Erez Iisroel Rechnung trage. Eine Macht, die alle Hindernisse, die ihr iin Wege stehen, überlebt, brauchtznicht einer Armee gleich organisiert werden; ihre Stärke liegt im Widerstande gegen Belagerungen von außen und nicht im Erstürmen! der Festungen Anderer. Wird die richtige Stimmung 'erst geschaffen werden, so wird die Aguda auch Geldmittel genug besitzen und wird sie vielleicht auch leichter erhalten, als wenn sie das „Schnorren" zu ihrer Hauptaufgabe machen würde." 191111^4

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