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Der Israelit · 1922-06-29 · Heft 26 (29.6.1922) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 26 (29.6.1922)
Date
1922-06-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Blätter herausgegeben vom Gruppenverband, der Palästina-Zentrale und der Jugend-Organisation der Agudas Jisroel sür Deutschland. -L Mwwer 14. 29. ZMi 1922. - VIII. Jahrgang: 3. Hawmus 5682. Inhaltsübersicht. Für die Opfer der Hungerkatastrophe iu Rußland. — Sammlung der polnischen Aguda-Landesorganisation für Sowjet-Rußland. — Bodenkauf der Agudas IW« roel in Palästina. — Zur Geschichte des Agudagedankenü. — Der zionistische Kamps gegen die Orthodoxie. — Nachrichtenstelle der Schweizerischen Landesorganisation der „Agndas Jisroel". — Aus der Bewegung. — Briefkasten. — Die Hilfsaktion für die Hungernden. — Tagung des Rabbintschen Rates der polnischen Aguda. Spendenlisten.__ Für die Opfer der Hungerkatastrophe in Rußland. Tie Hungersnot in Rußland nimmt Maße an, die alle bisherigen Vorstellungen an Grauenhaftigkeit übersteigen. Um den Lesern ein Bild von der Lage zu bieten, geben wir im folgenden einige Taten aus dem Berichte des Delegierten des Nansen-Komitees, Kapitän Widkun Quisling, vom April wieder: 'Tie Sowjetukraine umfaßt in ihren politischen Grenzen (nicht zu verwechseln mit den ethnographischen) 460000 Quadratkilometer und 36 Millionen Einwohner. Nach der durch die ukrainische Sowjetregierung vorgenommenen Zählung sind 76 Prozent der Einwohner Ukrainer, 11 Prozent Russen, 7 Prozent Juden, 2 Prozent Deutsche und der Rest Tschechen, Rumänen, Bulgaren, Polen und Griechen. Ein großer Teil der nationalen Minderheiten wohnt in den ukrainischen Hungierdistrikten. Tie Juden wohnen hauptsächlich in den Städten. In den Hungerdistrikten sind manche St'idte, wie Odessa und Cherson, zu einem Drittel von Juden bewohnt. Auf dem Lande erreicht die Zahl der Juden nur in wenigen Gegenden 5 Prozent. Die Juden hatten bekanntlich während der Revolution und des Bürgerkrieges unter furchtbaren Pogromen zu leiden. In den Hun'gerdistrikten sind die Juden dezimiert und befinden sich gegenwärtig in der schrecklichsten Notlage. Bon 1700 jüdischen landwirtschaftlichen Betrieben, die ehemals im Gouvernement Zaporosche existierten, sind jetzt nur 87 vorhanden. Wenn man die Friedhöfe der vom Hunger betroffenen Städte, die Spitäler und die Wohlfahrtsinstitutionen besucht wib das Leben in diesen Stabten beobachtet, fällt einem in erschreckender Weise die Tatsache auf, daß die Lage der Juden viel schlimmer ist, als die der übrigen Bevölkerung. Die statistischen Daten bestätigen diesen Eindruck. So gab es zum Beispiel im Monat Februar 1022 nach den behördlichen Angaben in der Stadt Cherson 839 Beerdigungen ans dem jüdischen Friedhof und 358 auf dem christlichen. Daraus geht hervor, daß die Sterblichkeit der jüdischen Bevölkerung viel größer ist als die der nichtjüdischen. Bisher bestehen dank der Tätigkeit jüdischer HilfsgeseUschaften Ausspeiseküchen für jüdische Kinder in Kiew, Schitomir und Berditschew. Dr. Bacikieri, der Vertreter des Nansen- Komitees, telegraphiert aus Kischinew: Ich bin soeben aus der Ukraine angelangt. In Tiraspol, im Sammellager der Flüchtlinge, ist das Elend unbeschreiblich, besonders zwischen der jüdischen Bevölkerung. Zahlreiche Kinder sind von» ihren Ellern verlassen. . . In diesem kleinen Ort sterben täglich 40 Personen an Hunger. In Odessa ist die Lage nicht weniger schrecklich. Typhus und Hunger wüten in jedem Haus. . . , Flüchtlinge aus Odessa, die in Konstantinopel angekommen sind, berichten fürchterliche Einzelheiten aus der Stadt, die sie verlassen haben. Buchstäblich 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung mangelt es an dem Allernotwendigsten. Bon den 60000 jüdischen Kindern der Stadt sind 30 000 zum Hungertode verdammt. Tie lokalen Hilfsorganisationen stehen dem Elend völlig ratlos gegenüber. Aus all dem geht zur Genüge hervor, wie dringend die Hilfeleistung nottut. Kein menschlich fühlendes Herz darf sich dieser Notwendigkeit verschließen. Die große Hilfsaktion der Agndas Jisroel ist dank der Unermüdlichkeit ^der Sammler in allen Ländern in weiterer Entwicklung begriffen. Besonders ,gjute Erfolge weist die Hilfsaktion in jüngster Zeit in Polen auf, wo bisher bereits ein Sammelergebnis von zirka -siebzig Millionen polnischen Mark verzeichnet wurde. Auch in Ostgalizien wird mit gutem Resultat gesammelt. * * * Die Wiener „Jüd. Presse" schreibt: Könnten wir doch — wie an jeder Tafel des Perserkönigs Tartus „Gedenke der Athener" ausgerufen wurde — an jede der hunderttausend vollbesetzten Tafeln einen Mahner hinstellen, der den glülUich Genießenden das „Gedenke der russischen Juden" zurufen würde! Wo sind die legendären Tugenden der Vätergeschlechter, wo die sittliche Größe, zu der sich Israel in der Zeit der Not emporgerichtet hat? Ist die Wettkriegszeit wahrhaftig der Beginn des Abstieges von einer Höhe, zu der wir durch Jahrtausende erklommen sind? Ist unter den Blitzen und Donnern der Kanonen eine neue Offenbarung! der brutalsten, über Leichen schreitenden Selbst- Lergötterung gegeben worden? Oder ist es gar nur ein böser phantastischer Traum, daß dort drüben, kaum mehr als eine Tagesreise weit, Hunderttausende von Brüdern und Schwestern seit Jahren auf die Folterbank des Hungers' gespannt sind, daß sich dort auf der lichten Oberwelt stündlich von Haus zu Hans, von Ort zu Ort, infernalische Tinge vollziehen, die der Phantasie eines Tante spotten, und etwas westlicher davon Brüder und Schwestern sich unbekümmert im tollen Reigen jauchzender Lebenslust drehen? Me muß dieses Bild von erschütternder Paradoxie sich von der himmlischen Perspektive des rechtheischenden Weltenrichtzers ausnehmen? Wohin dringt, wie ungehört, der Todesschrei der namenlos Gepeinigten, deren Geist gefoltert ist von den Schreckensvisionen einander überstürzender Kriegskatastrophen, und deren Leib monatelang langsam gedörrt wird von der Fieberglut ungestillter * Hungerpein, wohin das ungehörte, anklagende Röcheln schuldreiner Menschenknospen, die vor den Augen doppelt gefolterter Mütter monatelang absterben, eh sie erblühen durften? Oder ist dies die letzte Prüfung, die schwerste Belastungsprobe der Gottlosigkeit dieser blutbedeckten Generation, ehe sich ihr Schicksal erfüllt? Wöhl dem, der sich in dieser Zeit der schwersten Fehlupgen die Hoheit des Menschentums wahren kann und unbeirrt auf den ewigen Bahnen göttlicher Gesetze wandelt, deren tiefster Sinn der Imperativ ist: Und du sollst deinen Nebenmenschen lieben, alswärest du es selbst. Sammlung der polnischen Aguda- Landesorganisalion sür Sowjet-Rußland. Warschau. Trotz der schweren wirtschaftlichen Lage Polens hat unsere dortige polnische Landesorganisation bis 25. Juni gegen 70 Millionen polnische Mark und 360 Dollar sür das Hilfswerk der Aguda sür Sowjetrußjland ausgebracht. Die für diesen Betrag gekauften Lebensmittelpakete sind bereits an ihrem Bestimmungsorte angelangt und verteilt. Sodenkaus der Aguda- ÄSroel in Palästina. Jerusalem. Dank der rührigen Tätigkeit der Jerusalemer Jugendgnrppe der Agudas Jisroel hat die von der Aguda gegründete „Nwe Israel" in der Nähe Jerusalems ein größeres Terrain für Bauzwecke gekauft, welcher aus einem Bergabhang gelegen, einen Rundblick auf ganz Jerusalem gewährt. M ist besonders bemerkenswert, daß die gesamten Vorarbeiten ehrenamtlich geleistet wurden, und außer dem Kaufpreis für das Land kein Piaster ausgegeben wurde. Die Kosten für das Terrain wurden ausschließlich von der JemsMmye Ortsgruppe aufgebracht. Es wird nun eine Ehrenpflicht der gesamten Agudo sein, durch Gewährung von Darlehen einen baldigen Bau von Wohnhäusern aus dem gekauften Terrain zu ermöglichen. Anfragen hierüber sind mi die Palästinazentrale, Frankfurt a. M., Eschenheimer Anlage 31, zu richten. Zar Geschichte de- Agudggedankens. Anläßlich des deutschen Delegiertentages der Agudas Jisroel nahmen wir Veranlassung, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, wie im Grünt e der Aufruf, mit dem seinerzeit Rabb. S. ,R. Hirsch s. A. zur Gründung der Freien Vereinigung aufforderte, bereits im Keime die Idee der Agudas Jisroel enthielt, daß aber de facto die Freie Vereinigung sich! fast ausschließlich, aus Deutschland beschränken mußte. Wenig! gekannt, aber nicht minder wichtig zur Feststellung der historischen Wahrheit, daß die Idee der Aguda auch im Osten kein fremdes Gedankengebilde darstellt, ist der Umstand, daß bereits 6 Jahre vor Gründung der Agudas Jisroel im Jahre 5668 in Rußland eine große Anzahl tatkräftiger Männer, vor allem die hervorragendsten rabbinischen Größen der russischen Judenheit dem Agudas! Jisroel-Gedanken durch die Gründung eines Verbandes „Kn es es Israel" vorgearbeitet hatten. Obwohl „Kneses' Israel" durch die schweren Erschütterungen, welche die der Gründung folgenden Jahre der russischen Judenheit brachten, ein Torso blieb, und heute die Agudas Israel die legitime Erbin wurde, dürfte trotzdem die statutarische Zielsetzung der „Kneses Israel" von größtem Interesse sein, da es wohl zur geistigen Einstellung für eine zukünftige Kenefio gedaulo notwendig ist, die Form kennen-?

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