Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1922-06-29 · Heft 26 (29.6.1922) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 26 (29.6.1922)
Date
1922-06-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450189-2450214--69868-2527085
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

»er JSraeltt. Seite S Nr. SS 29. Juni 1S2S.__. Paris, dort war ich abwechselnd Lehrer, russischer Korrespondent, Kellner und Gepäckträger. Ich entschloß mich aber dann sür London, wo ich die Schneiderei erlernen wollte. Dort ist überhaupt jeder Schneider. Aber mein Lehrmeister erlärte mir nach einigen Versuchen, daß mir die Intelligenz für diesen feinen Beruf abgrhe. Da gab ich es auf und wurde sozialistischer Agitator und redete solange in öffentlichen Arbeiterversammlungen bis mich die Polizei erwischte. Von da rühren meine Liebe und meine Beziehungen zu Polizei her." Salomo hörte mit aufgesperrtem Munde und gespitzten Ohren zu und kam sich ganz klein vor im Vergleiche zu den gewaltigen Erlebniffen. „Meine sozialistischen Freunde ließen mich völlig im Stiche. Da sah ich, daß das Ganze Schwindel war und wir uns selbst gehörten und ging unter die Arbeiter-Z io nisten, tat nach Verbüßung einer kleinen Strafe, gestützt darauf, daß ich nun russisch, deutsch, französisch, englisch, hebräisch und jüdisch sprach, als Dolmetscher Dienste bei der Polizei. Aber ich war nun Jude und mit eüerncn Banden zog es mich nach Palästina. Das Geld reichte aber nur bis Kairo, so betätigte ich mich dort und verdiente vorübergehend als Träger und Fremdenführer, und zeigte, als echter Araber aus Kobrtn bei Giodno, den Touristen die Pyramiden und erzählte ihnen in sieben Sprachen — ich hatte inzwischen auch Arabisch zur Not erlernt — so viel Schauergeschichten von den Geheimnissen der alten ekelhaften Steinhaufen, von der Pharaonen zeit bis zur Napoleon fchlacht gegen, die Mamelucken, daß ihnen die Haare zu Bergen standen. . . . Seit drei Jahren bin ich in Palästina, war Straßenarbeiter, Erdarbeiter und zuletzt Schomer, mit Pferd und Flinte. Da bin ich erst richtig ich geworden. Kannst du all das überhaupt verstehen?" „Soviel, daß wir zwei von zwei Enden der Welt, uns hier in der Wüste treffen, und wir haben einen Weg und ein Ziel." „Dann hast Du alles verstanden", klopfte Ascher brüderschaftltch dem Falascha auf die Schulter, „es war ja dies der Zweck, daß ich dir all das dumme Zeug erzählte, daß Du das einsiehst: Jude sein, ob weiß oder schwarz, braun oder gelb — es gibt Juden in allen Farben — heißt: wandern und leiden und nach einem gelobten Lande ausschMen. Jeder Jude, glaubS mir, auch der, der sich befreit oder als Befreier dünkt, hat sein gelobtes Land. Wir aber haben das gelobte Land auf verschiedenen Wegen gefunden. Wohlan Bruder, reich mir noch einmal die Hand. Wir ziehen ins gelobte Land!" „Und bringen, wenn Moschiach kommt, die Andern hin", sagte Salomo bewegt und dachte an die in Abessinien und an Malku. „Moschiach ist da, wenn wir nur wollen." Salomo verstand es ganz wörtlich und nahm es sich vor, ernstlich zu wollen. K-rtsetzuW stkgt.) KrndereMe. SaS Wunderbrünnchen. WM Von Heinrich Einst älter. Am Schowuausfeste hatte die Großtante den Kindern so viel von alten Zeiten erzählt und von wunderbaren Ereignissen, daß sie immer noch daran denken mußten. Und je mehr sie darüber nachdachten, desto glühender wurde ihr Wunsch, selbst einmal etwas Wunderbares zu erleben. So gingen sie denn eines Tages hinaus in den Wald, der sich viele Stunden weit hinzieht über die blauen Berge. Den ersten Holzfäller, dem sie begegneten, fragten sie nach dem Wege zum Wunderbrünnchen. Der sagte: „Da müßt ihr immer geradeaus gehen bis zum nächsten Scheidewege. Dort haltet ihr euch links. Fragt aber dann nochmals." Die Kinder bedankten sich höflich, so wie artige Kinder eben tun, und gingen weiter. Als sie schon weit weg waren, iahen sie eine Frau, die Holz auflas, und fragten sie nach dem Weg zum Wunderbrünnchen. Die sprach: „Geht nur immer der Sonne zu, dann kommt ihr hin." Also schauten die beiden immer nach der Sonne und kamen endlich auf eine große blumige Waldwiese. Da saß ein wunderschönes Mädchen und flocht sich aus allerlei bunten Blumen einen Kranz. Der Sicherheit halber fragten die Kinder auch es nach dem Wunderbrünnchen, nnd das Mädchen zeigte mit den Fingern nach einem Einschnitt zwischen zwei Bergen: „In diesem Tälchen ist das Wunderbrünnchen." Und wirklich kamen die Geschwister jetzt auch bald an ihr Ziel. Das Wunderbrünnchen war ein klarer, tiefer Weiher, der rings mit einem hölzernen Geländer umgeben war. Es hieß, er wäre ganz grundlos, man hatte schon Bleikugeln an ein langes Seil gebunden und es Hinabgelaffen, aber war nicht auf den Grund gekommen. Die Leute sagten: „Wer in das Wasser sieht und ganz lang an eine Sache denkt — er darf aber keinen anderen Gedanken haben — der sieht schließlich, woran er denkt," und darum nennen sie das Gewässer „Wunderbrünnchen". Die beiden Kinder stellten sich denn an die Umzäunung und schauten in das Wasser hinein. Und der Knabe lispelte seinem Schwesterchen ins Ohr: „Wir wollen den Berg Sinai sehen." Das nickte nur und schaute gespannt hinunter. Gerade zog eine kleine Wolke oben vorüber. Da stieß Jda ihren Bruder an: „Schau dorthin, der Berg Sinai l" Da sah auch der Knabe den Berg und eine ganze schwarze Wolke darüber, und Blitze zuckten, und der Berg bebte, das sah man ganz deutlich und viele Leute standen ringsherum, und von fern kam ein Rollen, das lautete säst wie Donner, und auch die Kinder zitterten und dachten an Gottesgebote und lispelten: „Wir wollen fromm sein und sie halten!" Sie waren wirklich richtig froh, als das Bild wieder verschwunden war. Erleichtert atmeten sie auf, und das Mädchen sagte: „Fritz, jetzt wollen wir den Tempel sehen." Fritz hatte auch keinen anderen Wunsch. Aufmerksam blickten die Kinder ins Wasser. Es dauerte einige Minuten, da kam ein Wind und bewegte die Zweige der Bäume und Büsche. Da rief Fritz ganz erregt: „Siehe doch, Jda, den Tempelberg und den Tempel darauf!" „Und die vielen Kränze und Früchte," setzte Jda lebhaft hinzu, und die Männer mit ihren Körben voller Erstlingsfrüchte! Das ist ein Leben und Treiben! O, wie schön muß es dort erst im Vorhof des Tempels sein!" „O, da möchte ich dabei sein! Nicht nur sehen können, sondern auch die Musik hören und auch die Musik der Leviten! Meinst du, daß wir das auch einmal erleben werden?" „Das ist alles möglich." Erschrocken drehten die Kinder ihre Köpfe, denn diese Worte waren von rückwärts gekommen. Da stand denn auch hinter ihnen ein großer, alter Mann, der ihnen ganz freundlich zunickte, sodaß ihnen alle Angst verging. Er sah so vertrauenswürdig aus, daß ihm die kleine Jda gleich ihre Händchen htnstreckte und ihr Bruder ftagte: „O, guter Herr, was können wir dazu tun? Wir möchten so gerne sehen und hören!" „Tun und hören!" verbesserte der Greis. „Weißt du nicht, was die Israeliten am Berge Sinai versprochen haben?"! „Naase wentschmo." k „Nun wohl! So geht nach Hause und tut, was eure frommen Eltern euch sagen, horcht auf ihre Worte und auf die Lehre der Thora und bestrebt euch, sie so gut verstehen zu lernen, daß sie euch in Fleisch und Blut übergehen, dann werdet ihr dazu beitragen, daß die frommen Wünsche guter Menscheu auch zur Wirklichkeit werden." Damit verabschiedete er sich freundlich von den Kindern, die diese Begegnung dauernd in Erinnerung hatten. Personalien. Berlin, 20. Juni. Unsere Religionsgemetnde des Westens hat vor wenigen Wochen eine seltene Frau verloren. Frau Gitella Seid mann, die kurz vor Beginn des PeffachfesteS im blühenden Alter von 36 Jahren starb und 4 Kinder htnterlieh, war die Tochter des berühmten Chodower Raw Rabbi Jacob Meschullum Ginsberger y'StT. Schon im frühesten Alter verlor sie ihren Vater und Mutter, aber das, was sie als kleines Kind beim Vater gelernt, blieb ihr unser, geßlich. Mit 8 Jahren schon wurde sie von dem Rabbi in die Gedankenaänge des rim^n roirr eingeführt. Sie lernte bei ihm täglich "["tfi und so htnterließ er ihr nach feinem Tode die heiße Liebe zur Thauro und die tiefe Verehrung vor dem Geist der Propheten, vor den Schriften der Weisen und Großen Israels aller Zetten. Gitella Seidmann war ein wirklicher nv'7, sie zitierte die V'Tn nDKD und die biöicd vom -pn und war zugleich nicht minder beschlagen und in Werken der modernen Dichter und Denker. Und davei hielt sie sich frei von jeder Ueberhebung. Sie hat viele Enttäuschungen im Leben durchgemacht. Sie hatte während des Krieges allein für ihren Haushalt zu sorgen und mußte mit ihrer Familie von Ort zu Ort wandern und den Kelch des Golus bis auf den Rand leeren. Aber selbst die größten V113 gaben ihr keinen Freibrief, auch nur in einer Mizwo es leichter zu nehmen oder sie gar auf. zugeben. Es gab nichts, waS sie nicht mit größter Liebe und aufrichtigster Hingebung beobachtete. Wenige Wochen vor ihrem Tode fühlte sie ihr Ende nahen und bereitete sie sich würdig vor, die ihren tröstend. Schlicht, ohne ein Wort der Klage — der nahende Jaumiauw verbot den nvon, so bettete man sie in die Erde. Alle Gemetndemitglieder liebten ihr vornehmes Wesen und schätzten ihren goldreinen Charakter; alle werden sie in heiligem Andenken erhalten. Möge der Allmächtige dem fchwergebeugten Gatten zur Seite stehen und den Kindern sich erweisen als Beschützer der Waisen. n"nm Vermischtes. Pforzheim, 19. Juni. Zum Andenken Reuchlins. Die gebildete Welt rüstet sich, den 400. Todestag Reuchlins (30. Juni 1923) feierlich zu begehen. Wir Juden haben besondere Veranlassung, das Andenken dieses großen Mannes dankbar zu ehren. In Erwägung dessen sammelt die israelitische Gemeinde hier (R. ist am 32. Februar 1455 in Pforzheim geboren), zur Zeit eine Reuchlinspende, welche der Stadt zur Verfügung gestellt werden soll Auch die Großloge soll, unserem Vernehmen nach, Schritte zur Sammlung einer Svende unternommen haben, aus deren Mitteln die Schätze gehoben werden sollen, welche dte Hebraika aus dem Nachlaß Reuchlins bergen. Am 13. d. Mts. veranstaltete der Synagogenrat eine Reuchltnfeter, in welcher Herr Hauptlehrer Rothschild von hier vor der Gemeinde und ge« laüenem christlichen Publikum eine Gedächtnisfeier hielt. Der Redner schilderte das arbeitsreiche, wechselvolle Leben Reuchlins und zeichnete ein anschauliches Bild desselben als großem Gelehrten, Vorläufer der Reformation und Anwalt der Wahrheit. Herr Roth, fchild würdigte eingehend das Verhältnis Reuchlins zu den Juden und feine Verdienste um die hebräische Sprache und das Judentum. In lebendiger Dar. ftellung spielte sich der „Jirdenstrett", 1509—1519, vor den andächtigen Zuhörern ab. Der Redner gab sodann der Hoffnung Ausdruck, daß der Geist Reuchlins, aufgesrischt durch solche Gedenktage, auch in unserer Zeit wirken möge, damit Einigkeit und Recht und Freiheit die Bürger unseres Vaterlandes bald wieder zu glück, lichen und zufriedenen Menschen mache. Der Syna. gogenrat glaubt annehmen zu dürfen, daß auch außerhalb wohnende Glaubensgenossen so an der Angelegenheit interessiert find, daß sie sich an der Reuchlinspende zu beteiligen beabsichtigen. Zahlungen sind zu richten an die Verrechnung der israelitischen Gemeinde Pforzheim (Süddeutsche Diskonto-Gesellschaft hier Postscheckkonto Karlsruhe Nr. 591). Mergentheim, 33. Juni. Dieser Tage hat die Kurverwaltung des hiesigen KariSbades aus Wunsch deS Ortsrabbiners den Kurpark mit einem E r u v versehen und zwar auf ihre eigenen Kosten, sodaß es möglich ist, am Sabbat innerhalb des Kurparkes und der Gebäude des Karlsbades zu „tragen". Die nicht wenigen orthodoxen Badegäste sind der Kurverwaltung sür dieses freundliche Entgegenkommen, sehr dankbar.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.