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Der Israelit · 1922-06-29 · Heft 26 (29.6.1922) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 26 (29.6.1922)
Date
1922-06-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 26 des „Israelit". * Verschollene Srüder. eine Salflftfiflgeftfiidife aus Ser öegenwarl. (Fortsetzung.) XX. Die Jüdische Legion. In einem Palmenhain westlich von Wadiel Arisch hatte die Jüdische Legion ihre Zelte aufgeschlagen. Einige hundert junge Leute, alle stämmig und sehnig und guter Dinge, viele ganz junge dabet, die mit ihren Kinderaugen erwartungsvoll in die kommenden Tage blauer Wunder schauten. Der „General", wie hier der große hagere Mann mit dem knochigen Gesichte und dem englischen Leutnantsgrade genannt wurde, war nach englischen Manieren kurz angebunden, knapp in der Redeweise und hatte in dienstfreien Stunden stets eine Pfeife in dem Munde. Seine Befehle erteilte er in hebräischer, jüdischer und auch in russischer Sprache. Sein Stab bestand aus einem Dutzend „Kezinim", wie man hier die Sergeanten nannte. Zudem kamen allmorgendlich von drüben, von den großen grauen kleinfenstrigen Kasernenbaracken bet El- Katia ein paar englische Instrukteure herüber, um bei den Exerzier- und Waffenübungen der Legionisten belehreno mitzuwirken. Die Verkehrs, formen zwischen Vorgesetzten und Soldaten, Legionisten und Engländern waren kurz, scharf, aber nicht unfreundlich, zuweilen sogar von einer spielerischen Gemütlichkeit. Eine mächtige blauweiße Fahne mit goldgesticktem Davidstern im Herzen wurde bei den Ausmärschen auf den Exerzierplatz vorangetragen und neben dem Hatikwayliede erklangen aus dem Munde der graugekleideten, mit blauweißer Schärpe geschmückten Jünglinge auch andere neuhebrätsche Gesänge von Kraft und Mut und froher Hoffnung. Ascher wurde mit seiner Gruppe mit kurzem herzlichem Gruße empfangen und nach einiger Raft und Verpflegung gleich der Legion angegliedert. Man fand für jeden der Jünglinge seinen richtigen Platz in einer der drei Kompagnien, während Ascher, der schon einige militärischen Kenntnisse aus seiner Schomerzeit in der Kolonie mitbrachte, in die Reihe der „Keztnim" eintrat. Salomo konzentrierte zunächst seine ganze Aufmerksamkeit auf den „General". War das Moschiach, der Israel nach dem „Heiligen Lande" führen wird? Moschiach, ein langer hagerer Mann,-der nie die Pfeife aus dem Munde tat und auf Russisch schimpfte?! ... Es war einfach unmöglich, dieses fahle Gesicht, diese Rede, die Rauchwellen aus Mund und Nase mit einer Moschiachvorftellung zu verbinden. Und dann — Grauen überkam Salomo bei dem Gedanken daran, — hatte er richtig gesehen, oder war es nur Sinnestäuschung? Am Sabbat war es, einige Tage nach ihrer Herkunft, sie hatten dienstfrei, weil es die Engiänder drüben ebenfalls hattenaber der „General" kam vom Brunnen daher in der weißen, blaubordierren Hausjacke und hatte — die kurze Pfeife im Munde . . . „War er kein Jude?" Ascher lachte Tränen über diese naive Frage. „Der Führer der jüdischen Legion kein Jude? Was fällt dir ein?" „Und er raucht am Sabbat?" „Laß deinen Sabbat daheim," ärgerte sich Ascher, „wir kämpfen nicht für die Sabbatkugel, wir kämpfen für die Nation und die nationale Heimat." „Und in der nattonalen Heimat wollt ihr am Sabbat arbeiten? Das könnten wir doch in Abessinien oder Aegypten oder sonstwo gerade so gut, wozu dann die Heimat?" „Tor," lachte Ascher, „jetzt glaube ich, daß du nicht nur äußerlich, sondern auch in deiner inneren Seele zu den Schwarzen gehörst. Beruhige dich, wir werden in Palästina am Sabbat nicht arbeiten, Sabbat ist nationaler Ruhetag und sozial wichtig, aber unseren Vergnügungen werden wir an ihm ungestört nachgehen." „Auch rauchen und reiten und fahren?" „Warum auch nicht rauchen und retten und fahren?" sagte Ascher gletchgilttg und drehte sich selber eine Zigarette. „Und was wird Moschiach dazu sagen?" erwiderte Salomo traurig, da er gar nichts sonst zu sagen wußte. Ein schallendes Lachen aller Dazugekommenen war die Antwort, womit aber Salomo seine Frage nicht beantwortet sah. Nach und nach stutzte er sich eine eigene Formel zurecht, die den Ausgleich zwischen dem Ideal seiner Vorstellung und der Enttäuschung der Gegenwart notdürfttg hersteüte und ihn auch ein wenig beruhigte. Dabei mußte wieder die hausbackene Phylosophie der väterlichen Schmiede herhalten. Auf die Zange kommt es nicht an, wenn nur damit oas Eisen aus dem Feuer geholt ist. . . Das Eisen war Israel, das aus dem Feuer des Galuth geholt werden mußte und Sobattn, der „General" nur die Zange, die Zange in Moschtachs Hand . . . Moschiach mußte erst kommen, wenn Sobattn sein Werk beendet . . . Und er, Salomo, war und blieb einer von Moschtachs Soldaten, mit Schwert und blauweißer Schärpe und Halelujahliedern im Munde. „O Malku!" entrang es sich seinem Munde... Und er beschloß, Mochiach, sobald er gekommen ist, Jsrals Stämme zu sammeln, flehentlich zu bitten, ihn, Salomo, nach Abessinien zu schicken, um den Stamm der Faiaschas heimzuholen . . . Dann würden sie alle, sein Vater, Job und Battt, zu ihm kommen, wie die Brüder einstens zu Jftach kamen und sagen: „Set unser Führer! . . Und Malku an seiner Sette! ... Er fühlte einen Glücksstrom durch all seine Poren rieseln und ein Jauchzer entrang sich seiner Brust, daß es durch das Lager schallte. „So gefällst du mir, schwarzes Bruderherz!" klopfte ihm sein „Kaztn", Ascher, lobend auf die Schultern. „Wenn sie nur mehr beteten . . ." dachte Salomo, ohne auf das Lob zu reagieren.- „Sag mal, Schwarzer, wieso und warum kamst du nach Erez Jisrol, was wißt ihr im Lande der Weißbären und Nilpferde vom Lande Israels?" So ganz plötzlich kam es über Ascher, daß er den heißen Wunsch verspürte, einen Blick in das innere Wesen des exotischen Freundes zu tun. Salomo antwortete ein wenig gekränkt: „Was w irr vom Lande Israel wiffen? Sind wir nicht etwa-Söhne Abrahams und Jakobs? Beten wir nicht um Zion und Jerusalem?" Er betonte das „Beten" so scharf, als wollte er mit der Gegenfrage dienen: „Ihr aber, die ihr nie betet, wie kommt ihr auf Zion und das Land Israel?" „So höre doch endlich auf mit der dummen Beterei. Erzähle lieber, wer du bist und was du zu Hause getrieben hast, bis du nach Palästina kamst." Salomo erzählte seine ganze Lebeüsgrschichte in einem einzigen Satze: „Mein Vater ist Schmied, ich wollet keiner werden, er tat mich in die Mesgtd zu dein klugen, frommen Aba Zague, ich aber wollet nicht Debtera sein, sondern mit dem fremden Doktor in die Welt hinaus, und weil sie es nicht zuließen, flüchtete ich mit den Mekkaptlgern und wanderte dann mit den Jemeniten, so war ich dort und so bin ich hier", schloß Salomo und senkte ein wenig den Blick, weil er eine wichtige Episode seines Lebens verschwiegen hatte, die Beziehungen zu Pastor Goodwon. „Das ist aber verdammt einfach", lachte Ascher, „wie habt ihr es doch so glatt und gut. Erst meine Geschichte mußt du hören, dann leuchten dir alle sieben Flammen der Hölle entgegen, wenn du hörst, was ich mit meinen fünfundzwanzig Jahren alles schon hinter mir habe." „Erzähle sie doch," bat Salomo. „Du wirst ja soviel davon verstehen, wie ich vom-roten Topfe in der Mesgid deines ehrenwerten Herrn Aba Zague. Aber wenn du durchaus willst, kannst du sie kurz hören. Ich bin in Kobrtn geboren, einer Stadt, um dessen Misthaufen Polen und Litauen seit Jahrhunderten historischen Streit führen. Mein Vater war kleiner Kaufmann. Im Cheder behagte es mir nicht, aber ins Gymnasium kam ich als Jude nicht an, da ging ich nach Grodno und wurde Externer. Weißt du, untreuer Sohn der Mesgtd, überhaupt was Externer ist?" Nein, Salomen wußte es nicht. Er wußte auch nicht, was Eheder und Gymnasium wären. Aber er verstand doch, daß es eine traurige Geschichte von Druck und Ausschluß war, eine echte Falaschageschtchte und er hätte Ascher gleich ans Herz drücken mögen. „Also höre weiter," setzte Ascher fort. „Externer ist ein Mensch, der bei Tag Stunden erteilt und nachts lateinische Vokabeln ochst und die Milchstraße — auf der Karte — bei Kerzenicht absucht, als hätte er dort sein — übrigens ganz leeres — Portemonnaie verloren . . . Wenn er übriges Geld hat, dann kocht er sich Tee und ißt Schwarzbrot dazu, wenn nicht, dann >eht er so zu Bett und denkt bei pochendem Ragen über den richtigen Ausgleich zwichen Kapital und Arbeit und Zukunftstaat nach. Zuweilen muß er auch bei Tag zu Bett bleiben, west das einzige Paar Schuhe beim Schuster ist. Das ist also im Großen und Ganzen ein Externer. Und ich war einer und ein ganz richtiger .. . Beinahe hätte ich mein Examen gemacht und wäre dann in Charkow oder Warschau auf die ^Universität gekommen. Aber da kam zuguterletzt eine häßliche Geschichte, in die ich natürlich verwickelt war, wir hatten nämlich einmal etwas zu laut über Kapital, Arbeit und dergleichen mehr gedacht und um ein Haar wäre ich m die Peter-Paul-Festung gekommen, aus der man weniger Aussicht hat,heil awKÄrper und Seele herauszukommen, als aus dem Sumpfe eines eurer lieblichen Urwälder, wo die Schlangen zischen und die Krokodile heulen. Also bin ich geflüchtet." „Geflüchtet, gerade wie ich," entrang es sich _ lomo. Wie nahe stand ihm jetzt der Freund, der aus einer anderen Welt kam. „Nein, nicht wie du, so glatt und einfach tng es nicht. Eine Karawane mit Esel und!amel wartete nicht meiner - als blinder Paffagter lag ich drei Tage lang unter der Bank eines Eisenbahnwagens. Dann bei Nacht und Nebel geheim über die Grenze. . . Berlin war nicht erbaut von meiner Anwesenheit, wenigstens die Polizei nicht. Und ich bettelte mich durch bis tn die Schweiz. In Zürich und Bern konnte ich wieder mit Landsleuten bet hungrigem Magen Nächte lang über den Zuüunftsstaat debattteren. Dann ging ich nach

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