Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1922-06-29 · Heft 26 (29.6.1922) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 26 (29.6.1922)
Date
1922-06-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450189-2450214--69862-2527079
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

SS. Juni 1882. Der dfizaetft, Nr. 26 «eile S gewiesen zu werden braucht, daß Ritualmordglauben wohl Zeichen eines finsteren Mittelalters ist, aber nicht das Zeichen eines Kulturstaates von heute." Ferner veröffentlicht Herr Rabbiner Dr. Gottschalk in Posentschen Zeitungen folgende Anfragen: „Herr NoSkowIcz, der auf meinen vor Monaten ihm öffentlich gemachten Vorwurf der Verleumdung noch immer nicht geantwortet hat und der „Kurjer Poznans! i" entblöden sich nicht, öffentlich von dem „Ritualmord" in Wongrowiec zu reden und zu schreiben. Ich gestatte mir daher, an den Staatsanwalt drei Fragen zu stellen: 1. Ist es in Polen erlaubt, öffentlich in Wort und Schrift eine ganze Religionsgemeinschaft zu beschimpfen und die anderen Bürger gegen sie aufzuhetzen? 2. Ist es in Polen erlaubt, öffentlich in Wort und Schrift in ein schwebendes Gerichtsverfahren einzugreisen? 3. Gibt es in Polen einen Schutz der religiösen Minderheiten und ist der Staatsanwalt bereit, diesen unverzüglich wahrzunehmen oder nicht? Rabbiner Dr. Gottschalk. Bemerkt sei noch, daß nach Uebereinsttmmung aller Zeugenaussagen Käthe Menzel nicht den geringsten Anspruch auf Glaubenswürdigkeit machen kann. Engel ist allgemein als ruhiger Mann gekannt und geachtet. Umso unverständlicher das Vorgehen -er Polizei, die zur Verhaftung Engels schritt und damit erst die „Affäre" machte. Trotzdem schließen wir uns ganz und gar der Hoffnung Dr. Gottschalks an, daß Polen nicht erst von außen darüber belehrt werden müßte, daß solche Hetzen Symptome eines Kulturtiefstandes find, das aufs tiefste Mittelalter weist. Die ix. Generalversammlung -er „Vereinigung iraditionellgese-estteuer Rabbiner Deutschlands". (Schluß.) Nach einer Frühstückspause werden die Neuwahlen für den Vorstand und die Kommissionen vorgierrommen. In den Vorstand werden Bond i-Mainz, Cohn- Breslau, Kohn- Ansbach, Mu nk-Berlin wieder, und P e t u ch o w s k i - Berlin, Unna- Mannheim, W o h lsg e m u t h - Berlin neugewählt. Eingesetzt werden des weiteren Kommissionen für Prüfung der Lebensmittel, für Literatur, für Talmud Thora und für Apologjetik. Die aus den Herren Ehren treu - München, Krause- Homburg v. d. H., Lern er-Altona, Schiffer-Karlsruhe bestehende halachische Kommission wurde ersucht, sich nach eigenem Ermessen zu ergänzen. Bon der Einrichtung eines Ausschusses' wird, um in der Frage einer ordnungsmäßigen Einsetzung desselben die nächste Generalversammlung nicht zu präjndizieren, Abstand genommen. In seinem Referat über die „Erhaltung der Gemeindeeinrichtungen und Beamten in den leistungsschwachen Synago gen gemeinden" gibt Auerb ach-Halberstadt im Anschluß an seine Thesen die Ursachen der Landflucht an, die seit Jahrzehnten besonders in jüdischen Kreisen einsetzte und jetzt vielfach zum wirtschaftlichen und religiösen Niedergang vieler Gemeinden führt. Unter dieser Not leiden die Institutionen der Gemeinden und ihre Beamten. Leider gibt es auch eine große Anzahl leistungsfähiger, aber leistungsunwilliger Gemeinden. Für die notleidenden Beamten Sorge zu tragen, ist heilige Pflicht der Gesamtheit. Es muß erstrebt werden, daß die Gemeinden an die Grenzen des Möglichen gehen für Besserstellung der Beamten. Fehlt die Leistungsfähigkeit, so müssen die Gemeinden innerhalb ihrer Organisationen durch Pflichtsteuer für die Kleingemeinden eintreten. Bis dieses Ziel erreicht ist, muß durch freiwillige Beiträge der Not der Beamten gesteuert werden. Referent berichtet von der Notstandsaktion des Bundes gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands, der zu NOQ und nachher allen gemeldeten bedürftigen Beamter: ohne Rücksicht auf die Zugehörigkeit ihrer Amtsgemeinden größere Beihilfen in diskretester Form zugehen ließ. Bon gleicher Tendenz getragen waren die Ausführungen des Korreferenten Horovitz- Frankfurt a. M. Er unterstreicht die Dringlichkeit der freiwilligen Hilfstätigkeit im großen Stile, bis auf steuerlichem Wege organisierte Hilfe geleistet werden könne. Aber'auch schon zur Zeit sei zur Vermeidung von Doppeluntenstützungen auf der einen und ungenügender Berücksichtigung auf der anderen Seite ein Zusammenarbeiten der hilfsbereiten Organisationen notwendig. Er verweist ergänzend auf die bisherigen Seifhmgen der Großloge und die vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund in Aussicht genommene Mion. Folgende von den beiden Referenten vorgeschlagenen Thesen finden Annahme: 1) Die wirtschaftliche und geistige Not vieler Kleingenreinden in Deutschland bedeutet eine große Gefahr für ihre religiöse Zukunft und damit für die Zukunft des deutschen Judentums überhaupt. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der deutschen Judenheit, dieser Not nach Möglichkeit zu steuern. 2) Eine dauernde Abhilfe dieser Not kann erst dann erwartet werden, wenn die leistungsschwachen Genieinden ans steuerrechtlichem Wege zu besonderen Pflichtbeiträgen zu Gunsten der leistungsschwacheren Gemeinden behufs Erhaltung ihrer Einrichtungen und Beamten herangezogen werden. 3) Solange eine solche vollgenügende Fürsorge noch nicht erreicht ist, ist es die Pflicht der Gesanrtheit, die Organisationen, die sich der leistrrngsschwächeren Gemeinden annehmen, aufs Wirksamste zu unterstützen. Zu dem Gegenstände „Die geistigen Aufgaben der deutschen Jndenheit hinsichtlich S ch u l e n und Lehrer" referierte Schuldirektor vr. Carlebach -Hamburg über die jüdischen All gemein s chulen. Er führt in überzeugender Weise aus, wie weit auch die jüdischen Mgemeinschulen noch immer hinter dem Ideal einer echt jüdischen Schule, nicht nur, was Disziplin und Schülziel, sondern und namentlich, was die garrze Methodik anbetrifft, zurückblerbe. Zwischen der geschichtlich überlieferten Methodik und der allgemein gültigen klaffe ein diametraler Gegensatz, zum großen Schaden des U-nLerrichtserfolges. Auch rnüsse die heilige Sprache der Bibel ganz anders in den Vordergrund gestellt werden, sodaß der Schüler in ihr benfen lerne. Redner beleuchtet seine Ausführungen mit nachfolgenden Thesen: 1) Die jüdische Schule hat den Erweis gebracht, daß-sie allein die großstädtische Jugend in Thoratreue zu erhalten vermag. Der Vollausbau der bestehenden Anstalten und die Schöpfung ähnlicher an anderen Orten ist eine der vornehmsten Ausgaben der Judenheit. 2) Die jüdische Schule hat eigenen pädagogischen Stil, eine besondere kulturell-erzieherische Note für ihren Gesamtbetrieb zu entwickeln und zwar eine organische Synthese der jüdischen mit den allgemeinen Schrüzielen. 3) Diese Synthese hat sich in zwiefacher Hinsicht nrrszuwirken: a) in der Durchdringung des Profanunterrichts mit jüdischen Bildungs- und Wissenselementen, in denk jüdischen Charakter der wissenschaftlichen Unterrichtsfächer. h) in der wissenschaftlichen Ausgestaltung des gesamten jüdischen Unterrichtsstoffes. Das gelingt nur durch Frrrrdrernttg des religiös-geheiligten Lehrstoffes auf der Grundlage der hebräischen Sprache. Ueber das Sonderthema vom Religionsunterricht an nichtj üdisch en Allgem ern s chu l en un d R eli gio n s s chulen das angekündrgte Referat zu geben, war Bleichrode- Berlin infolge Abwesenheit verhindert. Auf Grurrd eines von ihm eingereichten Exposes und im Anschlrrß arr die Ausführungen Carlebachs wurden beide Referenterr mit der Bildung einer pädagogischen Kommission beauftragt. — Aus dem schriftlich eingereichten Referat des abwesenden L i e b e r m a n n - Berlin über .die Aufgabe?! der Apologetik für Talmud u n d S ch u l ch a n A r u ch können hier nur wenige Gedanken wiedergegeben werden: Zn oenr moralischen Zeitgebrcchcn, dem allgeineinen Haß, der allgemeinen Verhetzung tritt auch ein allgemeiner, geistiger Zeitirrtum. Während der Materialismus sich selbst stark in Mißkredit brachte Eisenstädler Forschungen. Bon K. I. K. „Laß aufleben Deine Loten, meine Leichen erstehen! Erwachet und jubelt, die ihr tm Staube ruhet." . tJes. 26,19). In einer Zeit, wo von Cölns Grabstätten her die Mahnung der Heilighaltung des durch die Jahrhunderte geweihten Bodens ertönt, tut es wohl, Männer zu beobachten, die ihr Vermögen daransetzen und ihr reiches Wissen weitab von der allgemeinen Heeresstratze, wo Geld und Ruhm zu erwerben ist, in den stillen Dienst der wahren Liebe stellen, der non, die nicht aus Dank und nicht auf Entgelt rechnet, weil sie den Toten, die selbst schon längst tot und deren Verwandten schon längst nicht mehr zahlungsfähig sind, erwiesen wird. Der alte jüdische Friedhof zu Eisenstadt (Burgenland), das unter dem Namen in der jüdischen Literatur bekannt ist, ist so glücklich, solche Herolde gesunden zu haben. Die Grabsteine sind verwittert, der Zahn der Zeit hat nicht umsonst an ihnen genagt und die Sonne in ihrer eifersüchtigen Liebe die Inschriften der Menschen verblaßen lasten. Nun bemüht sich ktnd. licher Eifer um sie, und die stummen Steine sangen an zu reden und aus den Inschriften der kalten Steine weht uns ein Hauch warmer Liebe entgegen, die aus» gegangen sein mag von den jetzt im Staube Schlafenden, die vor Jahrhunderren auf Erden gewandelt. Und jetzt stehen sie auf von ihrem Schlummer und sprechen ihr Amen aus jedes Wort, das ihnen und ihren Saaten gewidmet ist. Die Männer, die diese Steine zum Reden brachten, verdienen ihren Dank. Wir ahnen die Arbeit und Mühe, die Selbstverleugnung und den Idealismus dieser Männer, wenn wir das Buch durchbliittern, das uns Sandor Wolf und Dr. Wachstein über die Eisenstädter jüdischenG rabs christen*)geschenkthabem Mit kindlicher Anhänglichkeit und rührender Sorgfalt ist da jedes Wtnkelchen durchforscht, um der Vergessen, heit entristen zu werden, um die Vergangenheit der Gemeinde wieder aufleben, die toten Gebeine wieder auserstehen zu laffen. Das Buch, das ihnen in Wort und Bild ein ewiges Denkmal aere perenniU8 fetzt, besten Drucklegung ein Vermögen gekostet haben mag, reiht sich würdig den früheren wissenschaf! lichen Arbeiten S. Wolfs (Die Kunst tm Eisenstädter Ghetto. Budapest 1912) und besonders denen Wachsteins (Die Jnschr. des alten Judensriedhofes in Wien. Bd. 1—2, Wien 1912 u. a.) an. Die Schwierigkeiten der Entzifferung und Deutung der Steine, kalendarische Unstimmigkeiten und historische wie genealogische Unklarheiten machten das Unternehmen zu einer Sisiphusarbeit; ihre Lösung erscheint nur begreiflich durch die profunden historischen und archivalischen Kenntniffe Wachsteins und die große Liebe Wolfs zur Scholle, aus der er geboren ist. von her er auch in seinem tiefempfundenen, dichterisch verklärten Vorwort Zeugnis ablegt, und der er in seiner wertvollen Studie über die Entwicklung des jüdischen Grabsteins und die Denkmäler des Eisenstädter Friedhofes seinen Tribut entrichtet. Ohne zunächst auf den Inhalt der Inschriften ein. zugehen, werden wir auf zwei Grabstätten aufmerksam, die eine trägt den Doppelgrabstein von R. M. Austerlitz und besten Frau, mit denKannen zum Zeichen de* levlttschen Abstammung der alten Prager Familie, die an der Gründung der Gemeinde und an der Erhaltung derselben den regsten Anteil nahm. Und die andere zeigt eine Grabstelle mit einem ganz kleinen Stein, der aber 4 Ellen im Umkreis eingezäunt ist, um den Betenden Raum zu gewähren, an diesem Grabe in größerer Anzahl zu stehen. Hier ruht ein Stadlan, ein Fürsprecher vor dem König aller Könige, dem Ewigen, gelobt sei Er, und aus dem Steine steht ganz schmucklos: Maier Asch: Bezirksrabbtner, starb am Sonntag, den 37. Stvan 5504.**) Das Buch führt uns durch die Reihen der Gräber und fast zu jeder der hebr. Inschriften, deren saubere Wiedergabe am Ende des Buches jedem, der mH Abfassung von Grabschriften zu tun hat, eine unschätzbare Handhabe bietet, begleitet es die talmudischen Redens' arten mit kurzen Erklärungen und Nachweisen. Der Weg durch den Friedhof weckt geschichtliche Erinnerungen, die der Text des Buches mit genauen Daten fixiert: dte Zeit des Kuruzzenaufstandes, Zeiten, in denen die Juden vertrieben und in denen sie zurückgerufen wurden, dte Zeit, wo Geburt und Tod, Ehe und Vermehrung unter außergewöhnlicher Kon- *) „Die Grabschriften des alten Judenfriedhofes in Eisenstadt", bearbeitet von Dr. Beruh. Wachstetn auS einer Studie: Die Entwicklung des jüdischen Grabsteines und dte Denkmäler des Elsenstädter Friedhofes von Sandor Wolf aus 77 Abbildungen. Wien 1933. **) Die wörtliche Uebersetzung seiner Grabinschrift lautet: „Hier ist geborgen d^r bedeutende Rabbiner R. Maier, Obe^rabbiner der Gemeinde Etsenstadt und des Kreises. Er starb und wurde begraben am Sonntag, den 37. Siwan 684 nach der kleinen Zeitrechnung. Seine Seele fei eingebunden im Bunde deS Lebens."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.