Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1922)
- Date
- 1922-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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'MT. ’JX » 1. Juni 1922. dem Dr. JickkoÄ Cohü mts Mlona (nachmals Rabbiner in Kattowitz), der als Hauslehrer bei ihm wohnte, Jvre Dea: vorzutragen. Früher hatte er selber diesen Unterricht erteilt, doch war er nun, durch Arbeitsüberhäusturg verhindert, froh, die Aufgabe mir übertragen zu können. Der Unterricht begann in den Wintermonaten jeden Morgen um 4 Uhr, wobei der Rabbi uns täglich den schwarzen Kaffee brachte, den er selber zubereitet hatte. Seine einige Bekleidung war. der Schlafrock. Wie so viele, Schicksalsgenossen kam ich nach Eisenstadt, nicht um mein talmudisches Wissen zu erweitern; ich wünschte vielmehr, an den Unterrichtsstunden in den profanen Lehrgegenständen teilzunehmen. Indessen zeigte es' sich bald, daß mir alle Vorbedingungen hierzu fehl-- ten; trotz meines siebzehnten Lebensjahres war das deutsche Alphabet mir noch ein verschlossenes Mysterium. Ich wurde daher auf Privatunterricht verwiesen. Als ich einige Monate in Eisenstadt war, kam plötzlich von meinem Vater an Dr. Hildesheimer ein Brief mit dem dringenden Ersuchen, er möge veranlassen, daß ich sofort nach. Hause reise, denn ich müsse heiraten. Wenn ich das' nicht tue, habe er eine Strafe zu zahlen und er hätte bereits! eine Vorladung zum Rabbinat. Ob sich die Leute in Rymanow die Sache überlegt hatten oder ob es bloß ein Vorwand war, ihren Zorn auszulassen, weiß ich nicht. Die Tatsache, daß ich mich dem Profanstudium zugewendet hatte, galt an sich schon als eine Abtrünnigkeit und implizite eine schuldbare Lösung des' Verlöbnisses. Dr. Hildesheimer lachte, undich schrieb nach Hause, ich sei noch nicht im heiratsfähigen Alter; mein Water aber wurde vom rabbinischen Gericht zu der schriftlich festgelegten Strafe verurteilt. Während dieser Zeit unterhielt ich eine rege talmudischl-wiss enschaftliche Korrespondenz, so unter anderem mit dem Rabbiner Israel Rappapvrt aus Tarnow und einem damals sehr berühmten Rabbiner aus Skala in Galizien. Beide haben in ihren gedruckten Responsen' dieser Korrespondenz eine Stelle eingeräumt- Ein vielleicht übel angebrachter Witz, den ich mir aus jugendlichem Uebermut zuschulden kommen ließ, verscherzte mir leider die Gunst und das Vertrauen Dr. Hildesheimers auf Jahre hinaus. Noch anderthalb Jahrzehnte später, gelegentlich der Bewerbung um eine Rabbinerstelle, empfahl Hildesheimer, einen gewissen Dr. Goldschmidt Ger wenige Jahre nachher als Rabbiner in Offenbach ihm schweren Kummer zusügtt) mir vorzuziehen. Mein Freund und Namensvetter, Rabbiner in lJarotfchin, der damals zufällig in Berlin anwesend war, fragte ihn nach dem Grunde seines Verhaltens mit Micke in die Geisteswelt des Ehassidismus. ‘ Martin Buber hat unter dem Titel „Der große Maggid s - undsetneNachfolge" (Frankfurt a. M. 1922, Litt. Anstalt Rüilen u. Löhning) seinem Baalschem- und Nachman von Brazlam-Buche eine durchdachte Auswahl chasstdischer Legenden aus der Generationenu. Schülerreihe des großen Maggid Dow Bär vonMeseritsch, des größten Schülers d?s Baalschem, folgen lasten. Siebzehn Lichtgestalten der chassidischen Gottesmänner in all ihrer religiösen Tiefe und sittlichen Vollendung vom Messeritscher Maggid bis zum „Raziner", Rabbi Israel Friedmann von Czortkow, ziehen in kurzen, meisterlich geformten Legenden an uns vorüber. Dem Ganzen hat Buber eine glänzende Darstellung der religions - philosophischen Grundgedanken deS Chassidismus mit kurzer historischer Orientierung vorausgegeschickt. Wir beschränken uns vorläufig auf die Wiedergabe einiger Proben aus der Gefchichtenfammlung selbst. »erMrseltt. , Dr. Hildesheimer erzählte Hm die unglückliche Episode, worauf der Jiarotschmer Rabbiner seinerseits mit der Frage antwortete: „Wie alt war damals Bloch?" Dr. Hildesheimer konnte aber nicht vergessen. Was war meine Uebeltat? Ein Debattierverein, dessen Mitglieder allwöchentlich am (Slab'batfy 9la;d)mittag über ein gegebenes talmudisches Thema Vortrag zu halten pflegten, erfreute sich Dr. Hildesheimers besonderer Protektion, als wirksames Bildungsinittel und gute Kontrolle über die Fortschritte seiner Jünger. Er war bei den Vorträgen stets anwesend und griff auch wiederholt in die sich darauf entspinnende Diskussion ein. Als späterhin die Anzahl der Vereinsvlitglieder beträchtlich zugenommen hatte, wurde es notwendig, daß an jedem Aabbath zwei über das-- selbe Thema sprachen. Und da geschah eseinmal, daß einer der zum Bortrag Designierten mir sein Leid klagte, daß er Wer das! gestellte Thema trotz aller Mühe nichts Wirksames und Eindrucksvolles fertig bringen könne und erbat schließlich meine Hilfe. Ich sagte ihm, er möchte die Talmudexemplare und alle anderen zum Studium des Gegenstandes entliehenen Werke des nachts zu mir bringen, was' er denn auch tat. Als 'Entlohnung wurden fünf Gulden vereinbart, drei zahlte er sofort und ich gab Tkias Kaf (Handschlag an Eidssstatt), unter gar keiner Bedingung jemandem zu sagen, daß ich ihm bei der Arbeit geholfen hätte. Während der Nacht schrieb ich den Vortrag nieder und des Morgens lieferte ich das Elaborat ab. Als ich tags darauf ihn -anging, mir die restlichen zwei Gulden ausMlfolgen, gebrauchte er allerlei Ausreden, er möchte doch vorerst den Erfolg abwarten usw. und machte sich schließlich den Spaß, mich zu befragen, was ich eventuell tun würde und könnte, wenn er die restlichen zwier Gulden nicht zahlte, nachdem ich durch Tkiäs Kaf gebunden sei, niemandem von dem Geschehnis etwas zu sagen. Meine Antwort lautete nur: „Das werden Sie sehen." Zwei Tage darauf kam sein Kollege, der über denselben Gegenstand gemeinsam mit ihm zu sprechen hatte (es war ein Student aus' Kopenhagen) mit dem gleichen Anliegen und ohne weitere Gewissensskrupel setzte ichmich hin, schrieb nieder, was ich zwei Tage vorher dem anderen überreicht hatte, erläuterte ihm des näheren die Materie und gab ihm schließlich den Rat, zu trachten, beim Vortrag als erster an die Reihe zu kommen. Sv kam der Samstag Nachmittag heran. Das Auditorium war versammelt, der Saal dicht gefüllt, und als der Rabbi eintrat, stand auch schon der „Kopenhagener^, der sich meinen Wink wohl gemerkt hatte, vor ihm und begann zu sprechen. Kaum aber hatte er einige Minuten Grenze des Rais. Die Schüler des Baalschem hörten von einem Mann als von einem Weisen reden. Einige unter ihnen verlangte rS, ihn auszusuchen und feine Lehre zu erfahren. Der Meister gab ihnen die Erlaubnis; sie aber fragte» weiter: „Und woran sollen wir erkennen, ob er ein wahrer Zaddik ist?" „Erbittet von ihm", antwortete der Baalschem, „einen Rat, wie ihr es anzüfangen habt, damit die fremden Gedanken euch nicht mehr beim Beten und Lernen stören. Gibt er euch einen Rat, so wißt ihr, daß er der Richtigen keiner ist. Denn das ist der Dienst der Menschen in der Welt bis zur Todesstunde, Mal um Mal mit dem Fremden zu ringen und eS Mal um Mal einz,»heben in die Eigenheit deS göttlichen Namens". Thora sagen und Thora sein. Rabbi Leib, Sohn der Sara, der verborgene Zaddik, der, dem Laus der Gewässer folgend, über die Erde wanderte, um die Seelen Lebender utid Toter zu erlösen, erzählte: „Daß ich zum Maggid fuhr, war nicht, um Lehre von ihm zu hören: nur um zu sehen, wie er die Schuhe auszieht und wie er sie schnürt". Der Feind. Ein reicher und angesehener Mann in NikolSburg war dem Rabbi Schmelke feindlich gesinnt und trachtete, wie er ihn beschämen könnte. Am Vorabend deS omkippur kam er zu ihm und bat ihn, sich an diesem age, da alle einander vergeben, mit ihm zu versöhnen. Zugleich brachte er ihm einen Krug sehr alten uns starken Weins und nötigte ihn zum Trinken, da er vermeinte, der Zaddik würde, solchen Weins nicht gewohnt, trunken werden und seinen Fall der Gemeinde geredet, als er von seinem Kollegen unterbrochen wurde mit den Worten: „Das« ist ja mein Pschetl (Vortrag). Däs wollte ich doch Vorbringen!^ — — Diese Szene wiederholte sich einigemal und erregte natürlich Unbändige Heiterkeit. Als der Vortragende geendigt, kam sein betrübter Genosse an die Reihe und nach wenigen Minuten zeigte es' sich, znm Gaudium der Zuhörer, daß er in der Tat nichts anderes vorznbringen wußte, als was sein Vorgänger bereits gesagt und zur Diskussion gebracht hatte. Der Vorfall bildete nun Gegenstand lebhafter Unterhaltung im Auditorium und beim Minchägebet fiel es einem der Kollegen ein, die Alioth zu kaufen und — anstatt, wie üblich, einen der Vortragenden — mich zur Thvra ausrufen In lassen. Was ihn aus diese Idee brachte und wie er zu seiner Vermutung kam, ist mir nie klar geworden. Der Rabbi aber war über das Geschehnis in dem von ihm favorierten Institut arg verstimmt, und so hatte ich seine Gunst für lange Zeit verscherzt. Er rüstete zur Uebersiedlung nach Berlin, aber zu den bevorzugten Jüngern, die er sür seine dort zu gründende Schule mitznnehmen versprochen, zählte ich nicht. (Fortsetzung folgt!) An die Leser des „Israelit"! Seit Jahren ist mir die 10. Strophe im 4. Abschnitt des tWB-PpiD des ersten Tages rwiatp schwer, der folgendermaßen lautet: {anpa nvisrt rnN'i ma na?. Das Wort mj ist doch hier sehr ausfällig, denn diese ist doch nicht {a^pa U2«n. Ich hatte mir die Schwierigkeit bisher so zu erklären versucht, daß zu übersetzen ist: „Eine nach ihrer n-v- Zeit na» - gewordene Frau", aber dies erscheint mir selbst gekünstellt. Wer kann mir diese schwierige Stelle erklären. IonaS Wolf, Köln. Vücherbesprechungen. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Begründet von Z. Frankel. Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Hrsg, von Dr. Heinemann. 05. Jahra. Neue Folge 2V. Jahrg. Juli-September 1921 (7./9.) und Oktober- Dezember 1921 (10./12). Breslau. Köbnersche Verlagsbuchhandlung. Man merkt den vorliegenden Heften die rührige Tätigkeit des neuen Herausgebers an, der es versteht wertvolle Mitarbeiter heranzuziehen und die Zeitschrift reichhaltig zu gestalten. Aus dem ersten der beiden angezeigten Hefte heben wir die Arbeit von Prof. Krauß über „die galiläischen Synagogenruinen und die Halacha" hervor, diemitRecht das Vorhandensein von Säulen in den Synagogen der talmudischen Zeit als erwiesen betrachtet. Dagegen mutet recht seltsam der unbegründete Versuch an, die östliche Orientierung der Synagogen sozusagen als ein Mißverstehen der Mischna und Gemoroh darzustellen. Warum sollen denn dem auf freiem Felde Betenden offenbar machen. Rabbi Schmelke trank um der Bersöhnung willen in seiner Gegenwart ein Glas nach dem andern. Der reiche Mann glaubte schon sein Ziel erreicht zu haben und ging zufrieden nach Haufe. Als aber der Abend anbrach und die Stunde des Gebets nahe war, fiel der Schauer deS Gerichtstags auf den Rabbi und im Nu war jede Spur des Tranks verflogen. Nach dem Abendgebet blieb Rabbi Schmelke mit andern Frommen die Nacht über im Bethaus und sang wie in jedem Jahre die Psalmen vor, und die Gemeinde stimmte ein. AIS er im einundvierzigsten Psalm an den Vers kam: „Durch dieses weiß ich, daß du an mir Gefallen findest: mein Feind wird über mich nicht frohlocken", wiederholte er ihn Mal um Mal und übersetzte ihn, aber nicht wie es üblich ist, sondern mit einer wundersamen Kühnheit und Unbefangenheit vor der Sprache übersetzte er: „Durch dieses weiß ich, daß du an mir Gefallen findest: meinem Feinde wird um meinetwillen kein Uebel widerfahren." Und er fügte hinzu: „Wenn eS auch Mensche» gibt, die mir feind find und mich zu beschämen verlangen, vergib ihnen, Herr der Wett, und sie mögen nicht leiden um meinetwillen." Das sprach er >mit so gewaltiger Stimme, daß alle Beter in Tränen ausbrachen und jeder das Wort auS der eigenen Herzenstiefe wiederholte. Unter ihnen war auch jener reiche und angesehene Mann. In dieser Stunde kam die Umkehr über ihn und die Bosheit fiel von ihm ab. Bor allen andern Menschen aber liebte und ehrte er fortan den Rabbi Schmelke. * i Der Empfänger. Ein Man« in Gutzjas Stadt sah, daß er sehr arm war, und legte ihm jeden Tag! im Bethaus einen