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Der Israelit · 1922-05-25 · Heft 21 (25.5.1922) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 21 (25.5.1922)
Date
1922-05-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage za Ar. 21 des „MaE. Verschollene Vröber. eine ^slssÄsgesÄicktte aus der öegenwstt. (Fortsetzung.) XV. Sa lomo in Palästina. Salomo war im heiligen Lande, aber die innere Sammlung blieb zunächst aus. Die Eindrücke'und Empfindungen stürmten so auf ihn ein, daß es in seiner Seele wie auf hochgehender See brauste. Als er sich nach der Ekstase der ersten Stunde vom Boden erhob, gab es ihm einen schmerzlichen Stich ins Herz, wilde Araber vor sich zu sehen, die grinsten und johlten, unflätige Redensarten führten und sich ansonst so benahmen, als wären sie im abessinischen Walde oder in den Tälern der Amhara und nicht auf heiligem Boden, auf dem bald Moschiach j einem Volke voranschreiten soll. . . Am liebsten hätte er gleich mit der Faust darein geschlagen, aber seine enttäuschten und verstörten Blicke erregten noch mehr den Spott der Burschen, den die Jemeniten, an derartiges gewohnt, völlig unbeachtet ließen und mit neuen Gebeten beantworteten. Salomo, bei dem in der Heimat Hänseleien und Beschimpfungen Vonseiten der Abessinier kein anderes Gefühl auslösten, als: „ich bin eben ein Falascha!" empfand hier jedes krumme Wort, jedes schiefe Gesicht wie eine tiefe Kränkung, die man sich im eigenen Hause von einem frechen Eindringling nicht gefallen lassen durfte... Auch die Dinge und Erscheinungen verletzten ihn tief auf Schritt und Tritt. Er hatte goldene Sonne vom leuchtenden Himmel erwartet, die alles bestrahlte und auf Ding und Mensch einen Abglanz warf, daß es aus allem und jedem wie in leisem Engelraunen rief: „Heilig! Heilig! . . Was er sah, waren aber liegende Kameele und wiehernde Esel, und alles von einem Unräte umgeben, daß er erschrocken die Augen schloß. Auf dem Viereck des wenig belebten Marktes wollte sich Salomo die ersten Früchte des heiligen Landes, einige Orangen und Feigen kaufen, aber die alte Verkäuferin mit den vielen Tüchern um den Kopf mußte erst mit vielen Fußtritten den räudigen Hund beiseite schieben, der sich auf dem Kramlager zur Ruhe in der Mittagssonne ausstreckte . . . Obwohl in abessinischen Begriffen von Sauberkeit und Ordnung großgezogen, konnte er hier die Frucht nicht über die Lippen bringen. Alle Heiligkeit war ihnen genommen und er mußte wieder die Augen schließen, um das heilige Bild, das er im Herzen trug, noch zu bannen. Als sie aber aus dem Bereiche der kleinen, weißen Häuser hinauskamen, von der einen Seite der Meeresspiegel aufgsitzerte, von der anderen die grünen Gipfel des Gebirges leuchteten, von denen endlos sich rankende Weinreben und schattige Olivenhaine blühten und niegeahnte himmlische Düfte verbreiteten, weitete er die Augen, holte tief Atem und horchte, als müßte eine himmlische Botschaft aus der Höhe kommen, als hörte er vom Berge herab die Stimme des Verkünders. Ein ungeahntes Glücksgefühl übermannte ihn, er hätte jauchzen können und er jauchzte tatsächlich laut auf: „Adona!" . . . „Es ist der Karmel", sagte Joffes ben Meschulam, obwohl es alle wußten. „Auf ihm stand Eliahu der Prophet den achthundertfünfzig Priestern des Baal und der Astarte gegenüber", sagte ein anderer älterer Jemenite. „Hier loderte vielleicht das Feuer des Gottesopfers auf", wies einer auf eine sonnenbestrahlte Hügelspitze hin. „Und dort warf sich das Volk zu Boden und rief: „Der Ewige, er ist Gott!" „Und Achab erblickte ein Völklein, das nicht größer war wie das da oben", wies einer auf den Himmel. „Von dieser Spitze wird Eliahu Moschiachs' Ankunft verkünden . . „Wie schön sind auf den Bergen die Füße des Verkünders", betete einer mit einem Satze aus Jesajas. . . Salomo hatte wobl manches von Eliahu gehört. In den acht Büchern des Orit stand nichts von ihm, aber von seinem Wunderleben und seiner Auffahrt zum Himmel erzähtte man sich auch in Abessinien mancherlei und auch in Verbindung mit Moschiach sprach man von ihm. Er hatte nach all dem eine ganz unklare Vorstellung von dem Propheten Eliahu. Aber wie Wonneschauer überkam ihn die Gewißheit, daß er hier vor dem Berge stand, auf dem ein Prophet gestanden, gesprochen und gelehrt hatte. Er sah die Stelle nicht mit dem Geistesauge im Traume, sondern mit offenen Augen und wachen Sinnen. Das Glück war gar nicht zu fassen. Die Esel und Kamele und die finsteren oder frivolen Gesichter der Menschen waren ganz vergessen . . . Jetzt war er im Heiligen Lande . . .?- Noch an demselben Tage trat er mit der Jemenitengruppe, aller Müdigkeit ungeachtet, zu Fuß den Strand entlang,'den Weg nach Jaffa an. — Durch saubere Dörfer führte die Straße hinter Haifa an netten Häuschen und gutgepflegten Gärten vorbei. Die Banern sahen braungebrannt aus, pafften frohgemut an ihren Pfeifen und antworteten auf das Schalom der Jemeniten in einer Sprache, die weder diese noch Salomo verstanden. „Deutsche Kolonisten", erklärte der Führer einer anderen daherkommenden Gruppe von Juden auf hebräisch. Links bog ein Fußpfad ab, der sehr belebt war. Man sah Leute, die Kranke und Krüppel an der Hand führten, Mütter mit verwachsenen Kindern aus den Armen. Sie alle machten vor einer Schlucht am Abhange des Berges halt. Jossef, der Jemenite erfuhr aus Befragen, daß es die Eliashöhle sei, die eine wundersame Heilkraft ausüben sollte auf alle, die krank und gebrechlich sind, und er erläuterte es seinen Genoffen. „Hier", sagte er, „verbarg sich Eliahu, als Gott im stillen sanften Windeösäuseln an ihm vorüberzog, kurz vor seinem Aufstiege zum Himmel, wie es im Buche der „Könige" beschrieben ist. O daß es uns gegönnt ist, dieses mit eigenen Augen zu sehen! ..." Und sie sprachen alle einen vorgeschriebenen Segensspruch. Als sie durch die erste kleine jüdische Ackerbausiedlung kamen und Salomtz die bärtigen Landwirte und dunkelgebrannten jüdischen Mädchen auf den hochbeladenen Fruchtwagen sah, kam ihm zum erstenmal seit der Ausreise der Gedanke an die Heimat, und das Bild M al k u s lebte in seinem Miste auf. War das der Traum und seine Lösung? Doch weiter ging der Weg in südlicher Richtung zwischen dem niedrigen Hügelzug und den Sanddünen am Meeresstrande, an Ruinen und Sümpfen, Felseninseln und Fischerdörfern vorbei, und nun waren sie in der Scharonebene, und von der Anhöhe grüßte wie ein Wttüder die erste größere jüdische Kolonie „Sichron Jakob". Salomo war nach der langen Wanderung durch Wüste und Sumpf wie geblendet von dem Anblick der wohlgepflegten Straßen, schönen wetßgetünchten, blumenumsäumten ein- und zweistöckigen Häuser und anmutigen Gartenanlagen überall. Ein großes schönes Haus mit vielen breiten Fenstern, aus denen weißbehaubte Mädchenköpfe herausschauten, wurde ihnen als das Krankenhaus für die Kolonieeri Sämarias bezeichnet. Sie atmeten in vollen Zügen den würzigen Duft der Oliven- und Mandelbäume ein und die Freude Joffefs und der anderen Jemeniten war unbeschreiblich, als sie draußen bet den in die Felsen gehauenen Keltereien einige Landsleute aus Jemen bei der Arbeit antrafen. Es gab eine Begrüßung unter Tränen und Umarmungen und das Ausfragen wollte kein Ende nehmen. Auch die Bauern bedachten die Wanderer mit gastlicher Bewirtung. Sie blieben hier im Jemenitenzelte draußen über Nacht und gingen mit Morgenanbruch weiter gen Süden. Eine kleine Arbettergruppe zog mit ihnen, hebräische Schnitterlieder singend, wohl eine Stunde lang bis zur nächsten Arbeitsstätte, einer kleinen Arbetterkolonie. Die Jemeniten sangen näselnd mit und sangen auch noch, als die Arbeiter sich verabschiedet hatten. Salomo hing mit seinen Augen an der voll ausstrahlenden Sonne, die er nie im Leben so groß, so gewaltig, so schön und allbeherrschend von tiefblauem endlosen Grunde aus gesehen hatte. Es war echte Erez Jtsroel-Sonne . . . An Eichenwäldern vorbei durch eine Pflanzungsfarm passierend, deren Namen Chefzibah wie weiche Musik in Salomos Ohren klangen, gelangten sie gegen Mittag in der Kolonie Chedera, wo sie nichts fanden, was sie nicht schon in Sichron bewundert hätten. Mit einer von dort nach Jaffa abgehenden Gruppe überschritten sie die Bahnlinie und bogen links ab, um gegen Abend in PetachTikwah einzutreffen. Hier fanden sie eine ganze Jemenitengemeinde mit eigenem Gotteshause und eigener Schule, in der sie nun für mehrere Tage als Gäste ihrer Landsleute Rast hielten, zum erstenmal in Gemeinschaft mit Gletchgearten beten und effen konnten. Salomo wurde ebenfalls als Jemenite angesehen, obwohl er der jemenitischen Art sich noch fremd fühlte und die hebräische Sprache noch sehr mangelhaft beherrschte. Die Orangen- und Ethrogimernte hatte in der Kolonie gerade begonnen. Beim Brunnen sah man Jung und Alt die Körbe und Fässer säubern. Bon der anderen Seite kamen in großen Scharen die Jungen und Mädchen aus der Schule singend die Straße gezogen, um mit Hand bei der Arbeit anzulegen. Auch die remden Jemeniten entschlossen sich auf Zureden, per über die Arbeitszeit zu verbleiben, denn man brauchte Arbeitskraft für die Ernte wie für den Transport. Nür Jossef ben Meschulam, der Jemenite, und Salomo ben Nissim, der Falascha ließen sich nicht halten. Eines Morgens Landen sie mit ihrem Ränzlein beim Postge-!iäude und stiegen in den Dtligencewagen ein, der zwischen blühenden Feldern und sonnenvergoldeten Orangerieen nach Jaffa fuhr. Aber in Jaffa hielt es sie nicht lange; die Stadt mit ihren lauten Geräuschen verlor an Reiz und Wethe im Gedanken an die heiligste der Städte, deren Luft sie schon anwehte. Sie dachten wohl, den Weg zu Fuß durch Judäa zu machen. Als aber das Dampfroß angefaucht kam, das in wenigen Stunden der Menschen heiligste Sehnsucht zu stillen vermochte, schien es ihnen Sünde, noch weiter Zeit zu verlieren. Sie packten mit ihrer letzten Barschaft aus und stiegen pochenden Herzens in den Zug ein, der

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