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Der Israelit · 1922-05-18 · Heft 20 (18.5.1922) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 20 (18.5.1922)
Date
1922-05-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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18. Mai 1988. Der Israeli! mehrere Fragen. Er wollte u. a. wissen, was Gott zuerst, geschaffen hätte, den Himmel oder die Erde, „Zuerst den Himmel", lautete die werfe Antwort, „wie eS in der heiligen Lehre bezeugt wird: Zu Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde." Als er darauf über das Verhältnis von Licht zu Finsternis fragte, antworteten die Weisen ausweichend in der Befürchtung, er könnte noch mehr der dunklen Fragen an ste richten, die mit Menschengeist nicht zu ergründen sind. Der Kaiser fragte dann, was sie unter weise, heldenhaft und reich verständen. „Weise", sagten die alten Lehrer, „ist der, der soweit in die Zukunft sieht, daß er die Folgen seiner eigenen Taten überblicken kann. Ein Held ist derjenige, der eigenen Willen und Trieb überwindet. Ungemein reich ist aber jeder, der zufrieden ist, mit dem was sein eigen ist." Es fragte der Kaiser weiter: „Was soll der Mensch tun, um langes Leben zu erreichen. Antwort: „Er soll sich töten, d. h. er soll die Genüsse des Lebens einschränken und maßvoll Haushalten mit der ihm beschiedenen Zeit. W;r aber sorg- und gedankenlos in den Tag hinein lebt, eilt mit Riesenschritten dem Tode in die Arme." Nachdem die Weisen Israels Alexander diese und noch viele andere Fragen klug beantwortet hatten, fragte er sie noch, Werder weiseste unter ihnen sei. „Wir sind alle gleich", sagten sie, „was du daraus ersehen kannst, daß wir in der Erteilung der Antworten alle einig waren." . „Wenn ihr so weise seid", meinte Alexander, „warum wollt ihr nicht unseren Götterglauben annehmen? Lehrt doch euer eigen Gesetz, daß sich die Minderheit der Mehrheit füge und wir schnd doch in überragender Mehrheit und zudem beherrschen wir euch noch." „Ein kleines Lichtlein", gaben sie zurück, „beherrscht den Raum und verscheucht die große, schwere Finsternis. In Dingen von Geist und Licht gilt das Gesetz von der Mehrheit nicht. Und daß ihr uns beherrschet, besagt auch nichts. Es ist so zuweilen in der Welt, daß sie von der Macht des Bösen beherrscht wird." ' Alexander hatte den Juden seinen Schutz versprochen und auch die Weisen seiner Huld versichert und sie um aufrichtige Antwort ohne Rücksicht auf seine Person gebeten. Darum nahm er ihnen auch diese Antwort nicht übel. Im Gegenteil, er belohnte sie reich und hielt auch sein Versprechen gegenüber dem Volk in hohem Maße. Rabbi Mosche Nachum Wallenftein Jerusalem, Nissan. Einen herben Verlust hat das gesetzestreue Judentum mit dem Hinscheiden von Rabbi M. N. Wollenst ein erlitten. 40 Jahre wirkte er als Mitglied des offiziellen aschkenasifchen Rabbinats pn in den letzten 1b Jahren als dessen Vorsitzender. Vor ca. 60 Jahren verließ er als gereifter Thoragelehrter, versehen mit nmin mm von ivD nm und anderen Geaunim, seine ungarische Heimat und wurde bald Vorsteher der Jersalemer ungarischen Gemeinde, an deren Spitze er jahrelang gestanden. Wie die meisten Rabbiner Jerusalems hat er sowohl in der Jugend als auch im späten Alter größte Not gelitten und die bekannten >"K 'ID' reichlich ausgekostet. In seinem persönlichen Wesen war er äußerst bescheiden. In der Synagoge am deutschen Platz Vothe Machseh, wo er durch viele Jahre eine Baron Roihfchildsche Frei- Wohnung hatte, saß er ganz unten und war nicht zu bewegen, den ihm gebührenden Sitz in der obersten Reihe einzunehmen. Beim Einzuge der Engländer ward ihm die Ehre zuteil, Lord Al lenbey im Namen der aschkenasifchen Gemeinde in einer hebrätschen Ansprache zu begrüßen. Der 80 jährige Rabbi hatte auf den Feldherrn großen Eindruck gemacht. Es war eine schwere Prüfung für die Rabbinen und Thoragelehrten Jerusalems, die von Not und Hunger aufs Aeußerste erschöpft, mit dem neuen Kurs den Anbruch einer besseren Zeit erhofften. In diesen schwersten Tagen wurde das alte Jerusalemer Rabbtnat, deffen neueste Geschichte mit den glanzvollen Namen Auerbach, Diskin, Galant, Thumim, Chajim Berlin, aufs engste verknüpft ist, unter zionistischem Protektorat als „MiSrad Harabanuth" neu organisiert. Die jüngeren Kollegen von Wallenftein, deren Frauen und Kinder der unsäglichen Not nicht länger widerstehen konnten, haben den alten Meister verlassen. Rabbiner Wallenstein ist der von den anerkannten Führern Sennenfeld und Diskin entfalteten Fahne treu geblieben. Sein Andenken wird ein gesegnetes bleiben. Die aschkenasische Gemeinde hat einen der hervorragendsten und würdtgstenGedaulim Jerusalems als seinen Nachfolger berufen. Rabbi Sorach Brav er mann, den schon Rabbi Josua Leb Diskin mit seiner ganz besonderen Freundschaft ausgezeichnet hatte, hat diesmal dem Drängen seiner Verehrer nachgegeben und die Stelle als Rosch Beth Din angenommen. Rabbiner Bravermann, durch immenses talmudisches Wissen, Scharfsinn, HerzenSgüte und Menschenfreundlichkeit ausgezeichnet, war auch der Begründer der thoratreuen Schulen in den judäischen Kolonien, die bald von der Palästina-Kommission im Vereine mit den Pekidim reorganisiert, auSgebaut und erweitert wuA»en. n"2!tir), Ivad Homburg, 3. Mai. Herr Franz Wiemheuer, Oberkellner im Hotel Braunschweig, Bad Homburg v. d. Höhe, feiert am 6. Mai sein 2ö jähriges Dienstjubiläum. Berlin, 12. Mai. Der Oberrabbiner von Posen Dr. Freimann, deffen Gemeinde infolge der politischen Veränderungen stark zurückgegangen ist, hat einen Ruf als Dajan an die Berliner jüdische Gemeinde angenommen. Dr. Freimann soll hauptsächlich die Oberaufsicht über alle Ritual-Institutionen der Berliner Gemeinde übernehmen. Kippenheim (Baden), 15. Mai. Anläßlich der Jubiläumsfeier für Hauptlehrer Zimmern und seiner Pensionierung nach 40, resp. 45 jähriger Amtstätigkeit in Kippenhetm, wurde dem Jubilar, auf Initiative seiner einstigen Schüler, Emil Weil in Breslau und Max Wertheimer in Bern, eine namhafte Summe als Schülergabe in dankbarer Anerkennung und treuer Anhänglichkeit feierlichst überreicht. Die größte Genugtuung für den ehrwürdigen Lehrer dürfte vielleicht darin bestehen, daß nicht nur die Vertreter der Stadt-' und Gemeindebehörden, sondern auch seine Schüler im In- und Auslande an dieser Feier so regen Anteil nahmen. Bad Wildungen, 11. Mai. Heute verstarb in der Klinik zu Marburg Frau Lehrer Minna Hecht aus Bad Wildungen. Sie war eine streng fromme edle und gute Frau, Helferin und Ratgeberin Juden und Nichijuden gegenüber, Mitarbeiterin des Israelitischen FrauenveretnS und Vorsitzende der Frauen- Ehewro. Kein Armer verließ unbewirtet ihr HauS. Ihr Andenken wird uns zum Segen gereichen. Regensburg, 13. Mai. Oberlehrer Max Behr in Regensburg schied nach 37 jährigem Wirken an der dortigen israelitischen Schule aus dem Amt. Die israelitische Kultusgemeinde veranstaltete ihm zu Ehren eine AbschiedSseier. Schulrat Dr. Freudenberger, DistriktSräbbiner Dr. Meyer und der erste Vorstand der Gemeinde Dr. Oettinger feierten in schwungvollen Worten deffen Verdienste um die Heranbildung und Erziehung der Jugend. Vermischtes. Berlin, 11. Mai. Die Mitgliederversammlung des „Htlfsveretns der deutschen Juden" findet am Sonntag, 21. Mai in Berlin, LogenhauS, Kleiststr. 10, um 12 Uhr mittags statt. Die Herren Dr. JameS Simon, Dr. Paul Nathan und Dr. M. Wischnitzer werden über die Tätigkeit deS Hilfsvereins im abgelaufenen Jahr, sowie seine gegenwärtigen Aufgaben sprechen. Berlin, 3. Mai. Ein „psychopathischer Teutone" stand in dem 171/* jährigen Handelsschüler Kurt Roma vor der Strafkammer des Landgerichts II und bot ein so großes psychiatrisches Jnterefle, daß vier psychiatrische Sachverständige als Gutachter zum Termin geladen waren. Der Vorfall, der zur Anklage geführt hat, liegt zwei Jahre zurück. Der Angeklagte, ein zerfahrener, von Großmannssucht befangener junger Mensch, der schon dreimal etwas theatralische Selbstmordversuche angestellt hat, ist in der aufgeregten Wahlzeit deS Jahres 1920 zum „Politiker" und Mitglied deS „Germanischen Stoßtrupps" geworden. Sobald er auf Politik zu sprechen kam, stieß er Drohungen aus: Man müffe alle Juden verbrennen und hängen. Er war den ganzen Tag auf den Beinen und schlief auch nachts nur wenige Stunden, denn er gehörte zu der Kolonne der Zettelankleber. Am 16. Juni schlich er sich in eine fremde Wohnung und nahm der Bewohnerin verschiedene Gegenstände und auch bares Geld weg. Wie er glaubhaft versicherte, ist eS ihm nicht darum zu tun gewesen, sich selbst zu bereichern, sondern feiner Organisation Betriebsmittel zuzuführen. Vier Tage darauf besuchte er den ihm bekannten Kaufmann Schneider auf. S. unterhielt sich einige Zeit mit dem jungen Mann und spielte ihm einige Musikstücke auf dem Pianole vor. Der Vortrag der „Mondscheinsonate" soll, wie der Angeklagte behauptet, auf ihn einen so starken seelischen Eindruck gemacht haben, daß er völlig aus dem Gleichgewicht kam. Als S. sich bückte, um eine neue Walze aufzulegen, zog der Angeklagte seinen Revolver heraus und schoß den S. in den Hinterkopf, sodaß der Getroffene blutüberströmt R». 20 Sette 9!zu Boden sank. Die Sachverständigen stimmten in ihren Gutachten ziemlich überein, daß der Angeklagte ein hysterisch veranlagter junger Mann von großer psychopathischer Minderwertigkeit und körperlicher und geistiger Unreife sei. Der Gerichtshof erkannte auf zwei Jahre Gefängnis. Wer aber verwirrt die Sinne dieser schwachen Jünglinge? Nennkirchen (Saar). 9. Mai. Die israelitische Gemeinde Neunktrchen (Saar) hat unter erheblichen Kosten und nur aus eigenen Mitteln ihr am oberen Markt gelegenes Gotteshaus vollständig renovieren laffen. Mit ihren in maurischem Stile gehaltenen Malereien, den neuen Teppichen und der als Himmel mit Wolken ausgemalten Decke ist die Synagoge ein wahres Schmuckkästchen geworden, bas aber den Beter nur zur Andacht reizt. Durch Vergrößerung der Empore ist auch für die Damen mehr Raum verfügbar geworden. Das vollendete Werk macht der Baufirma Emmrich hier alle Ehre. Am Sonntag, den 7. Mai, fand um 10 Uhr vormittags die feierliche Einweihung statt, bei der das Gotteshaus vollständig gefüllt »ar. Der Vorsteher, Herr Daniel August, hielt eine kurze kernige Ansprache, in der er die erschienenen Ehrengäste begrüßte und weiter seiner Freude über das nunmehr vollendete Werk Ausdruck gab. Der neugegründete Chor fang darauf einen Psalm, worauf Herr Rabbiner Dr. Alexander aus Saarbrücken die Fest- und Weihepredigt hielt. Nach Gesangsvortrag wurde eine Gedenktafel für die fünf Angehörigen der Gemeinde enthüllt, die im Weltkriege teils gefallen, teil» an seinen Rückwirkungen gestorben sind. Herr Lehrer Heinemann ehrte die Entschlafenen in einer tief zu Herzen gehenden Rede. Es folgte dann da» Totengebet für die Krieger und nach dem tadellosen Vortrag zum Psalm fand die stimmungsvolle Feier ihr Ende. Es sind dies die Herren: Ernst Winter, Arthur Schönfeld, Adolf Blum, David Herold und Ludwig Herz. Paris, 8. April. Prof. Einstein hatte, wie a»ö Paris gemeldet wird, bei seinen Vorträgen im College de France starken Erfolg. Einer seiner schärfsten Gegner, ein Prof. Guilleaume, der aus Italien nach Paris gekommen war, um die Fehler der Ginsteinschen Theorie nachzuweisen, wurde von dem deutschen Gelehrten ohne Mühe und mit freundlichem Lächeln so gründlich widerlegt, daß der „Matin" feststellt: „Die Etnwände des Herrn Guilleaume wurden zu einem Nichts zerschmettert". An der Diskussion nahmen außerdem die Mathematiker Paul Pa in leve und Hadarard und auf Einsteins Seite der Astronom Nordmann teil. Unter den Hörern faßen in der ersten Reihe zwei hervorragende Mitglieder der Akademie Madame Curie und Berg so«. Der Beifall war begeistert. Vrieflaflen. M. St. in Niederstetten. Wir können Besprechungen nur über solche Werke veröffentlichen, die uns von den Verlegern übersandt werden. F. Silber in M« Der am 3 Januar 1910 geborene Knabe wird nächstes Jahr r>:vL> 'fc Barmizwoh. Sprechsaal. Für die Kur-eit. Man schreibt uns: Bei Beginn der Reisezeit, insbesondere des Besuchs der Kurorte dürste es angezeigt fein, auf folgendes aufmerksam zu machen. An Orten, an welchen ein orthodoxer Rabbiner amtiert, verlaffeu sich Kurgäste und auch sonst Reisende darauf, daß die Betriebe mit der Aufschrift „koscher" oder gar „streng koscher" ohne Weiteres auch zuverlässig sind und man sich nicht erst nach der Zuverlässigkeit der betr. Restauration .oder Fleischwarenhandlungen erkundigen müffe. Dies ist ein folgenschwerer Irrtum. Vielfach existieren auch an solchen Orlen Restaurationen, die durchaus als nicht koscher bezeichnet werden müffen, auch wenn sie anschretben oder inserieren „unter Aufsicht" oder „unter Aufsicht ostjüdischer Rabbiner". Auch von Metzgereien an Orten orthodoxer Rabbiner dürfen Fletschwaren nicht ohne Weiteres bezogen werden. ES gibt zum Beispiel Metzgereien, die am SchabboS geöffnet haben, von denen man wohl Koscherfleisch beziehen kann, da dasselbe entweder gestempelt ist oder unter Aufsicht verkauft wird; Fleisch, und Wurstwaren darf man natürlich aus solchem Betriebe nicht kaufen, sie find, wenn sie nicht ausdrücklich unter Aufsicht yergestellt sind, trefo. Traurige Erfahrung auf diesen Gebieten habe ich an verschiedenen Orten Bayerns gemacht. Man erkundige sich hierüber zum Beispiel bet den orthodoxen Herrn Rabbinern der Gemeinden Aschaffenburg, Kissingen, Nürnberg usw. Möge jeder, der vor sich hüten will, sich zuvor bei dem OrtSrabbiner über die Zuverlässigkeit der Restaurationen, Metzgereien rc. erkundigen. Insbesondere gilt diese Mahnung den Ausländern, welche sich häufig von dem Jivn» nptns b leiten lassen und hierdurch sich schwer versündigen.

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