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Der Israelit · 1922-05-18 · Heft 20 (18.5.1922) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 20 (18.5.1922)
Date
1922-05-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 20 des „Markt". MW Verschollene Brüder. Eine falafdiaoefditäte aus der ßesenwsN. (Fortsetzung.) XIV. Salomos Flucht. Lange Wochen und Monate war Salomo mit den Mekkapllgern über Wald und Wüste auf geraden und ungangbaren Wegen durch Länder und Städte gewandert. Er hatte sich leicht der Sprache und Not der munter und sorglos durch die Welt schwärmenden Leute angepaßt. Wo sie eine Stadt erreichten, schlugen sie ihre Marenzeltr auf drm Markte auf und feilschten mit den Bewohnern in allen Idiomen des Orientes und machten Verkaufs- und Tauschgeschäfte, bis sie eines Morgens unvermittelt aufbrachen und weiterzogen. Salomo machte sich bet all dem nützlich und behilflich so gut er konnte. Der Gedanke, daß es vorwärts ging, gleich wohin, gab ihm Kraf und Willen. Er lebte nur von Brot und Früchten, und die im Mondlichte am Feuerlager von. den Muselmanen erzählten weitschwetfenden Geschichten von fernen Welten und Menschen, äderen Geschicke sich wie eine Kette himmlischer Wunder in einander verflochten, entschädigten ihn für alle Genüsse des Lebens. Als sie nach langer Zeit von Aden nördlich aufbrachen, hob sich Salomos Stimmung und er atmete so froh und frei, als hauchte er Dankgebete. Glaubte er bis jetzt des öfteren auf weglosen Straßen das Ziel aus den Augen verloren zu haben, so wußte er nun, es ging geradeaus in der Richtung seiner glühenden Sehnsucht, in der Richtung nach dem heiligen Lande. In einer größeren Stadt zwischen Hedschas und dem Roten Meere machte die Karawane längeren Halt. Sana hießen sie den Ort. Und als Salomo sich auf dem Markte die verschiedenen Gestalten in bunten Schalen und Turbanen ansah, siel ihm doch hier und da ein Gesicht auf, das sich in Farbe und Zügen von den andern abhob. Auch in Kleidung und Sprache waren diese Leute etwas anders als die Araber. Erstere bestand bet den Männern in langem dunkelfarbigem Kittel über den weißen breiten Hosen und einem hohen, zumeist weißen Fez auf dem Kopf. Ihre arabische Aussprache war mit fremden, von Salomo nie gehörten und ihn dennoch anheimelnden Lauten vermischt und erinnerte in Geste und Klang sogar an die Sprache der Falaschas. Salomo hatte nie einen dieser Männer mit einem Araber von den Bewohnern dieser Stadt zusammen gehen oder im Gespräche gesehen und er hatte mit seinem scharf schauende Augen wohl gemerkt, wie die Langröckigen gleich still vom Warenlager gingen, sobald sich Araber lärmend an dasselbe herandrängten. Etwas von Mitleid und unbekanntem Zugehörtgkeitsgefühl regte sich in Salomo mit diesen Abgesonderten. Auch Falaschas? — Einmal geschah es, daß sich ihrer einer, ein jüngerer Mann mit langen schwarzen Augenbrauen, etwas länger am Warenzelte aufhielt und mit Salomo um den Preis eines bunten Wolltuches verhandelte. „So war mir Adona helfe . . entfuhr es Salomo in der Hitze des Gefechtes. Da sah der andere auf, und mitten, im lebhaftsten Handel bkickten sich die beiden Männer in die Augen und wurden still. „Du kommst doch nicht aus der Sudangegend mit den Mohammedanern und gehst doch nicht mit ihnen nach Mekka!?", sagte der aus Sana nach einer Weile. „Und du bist doch kein Araber von den Herren dieses Landes?" „Nein, ich bin Jahudi und meine Heimat ist Palästina?" „Dn kommst von Palästina?" „Das nicht, ich bin hier geboren und heiße Jossef, Sohn Meschulams. Aber wir Juden sind hier in Sana, wie überall im Lande Jemen fremd und haben viel zu leiden. Unsere Heimat ist das heilige Land, wohin viele von uns auswandern. Auch ich gehe dahin. — Wer bist aber du?" „Ich komme vom jenseitigen Ufer des Roten Meerees am blauen Nil und meine Heimat ist auch Palästina." „Du kommst aus Abessinien?" „Ja, aus Abessinien und bin heimsuchender Jude, Falascha, deinesgleichen." „Und was willst du in Mekka?" „WaS sollte ich in Mekka zu tun haben? Ich bin auf dem Wege nach Jerusalem . . ." Und der braune jemenitische Jude umarmte den schwarzen Falaschabruder mitten auf der Straße und küßte ihn auf die Stirn. Sie hatten ein Los und eine Sehnsucht. Bald sah sich Salomo von ganzen Gruppen jemenitischer Juden umringt, mit denen er sich mittels der auf der Reise mit den Pilgern erworbenen arabischen Sprachkenntnisse leidlich verständigen konnte. Er erfuhr nun, daß die fremden Laute, mit denen die Sprache der Leute durchsetzt war, hebräische Worte waren, und vieles von der Art und den Gepflogenheiten dieser Menschen erinnerte ihn an die Heimat und das Leben der Falaschas. Joffes, Sohn Meschulams, wich nicht mehr von seiner Sette. Er nahm ihn mit nach dem Gotteshause, wo sich ihm hundert Hände willkommenheißend entgegenstreckten. Er fand einen halbdunklen Raum, wo die Beter im Kreise um das Thorapult mit unterschlagenen Beinen saßen. Hier sah er zum erstenmale neben hebräischen Gebetbüchern, die er schon bei Paltiel gesehen, lange Folianten, aus denen bärtige Männer mit knochigem Gesichte unter lebhaften Bewegungen und Zuckungen das .Gesetz „lernten". Die Leute nahmen ihn mit in ihre armseligen Hütten und rissen sich darum, ihn von dem wenigen, was sie besaßen, gastlich zu bewirten. Nach mehr als halbjähriger Wanderung konnte er hier zum erstenmale wieder warme Speise zu sich nehmen. „Ich bin unrein", warnte er die neuen Freunde, „ich bin all' die Zeit mit Andersgläubigen gegangen." Aber sie belehrten ihn, daß die Berührung mit den Anderen nicht unrein mache und daß nach Ueberlieferung die Remheitsvorschristen des mosaischen Gesetzes nur im heiligen Lande, das Israels Stämme eint, auch für Männer vclle Geltung hätten. Trotzdem unterzog sich Salomo, nachdem er sich von den Pilgern völlig getrennt hatte, um vorerst bei den jemenitischen Brüdern zu bleiben, im Tauchbade der Gemeinde einer gründlichen siebenmaligen Reinigung. Die Pilger gingen eines Morgens weiter auf der Karawanenstraße nach dem Hedschas und vermißten den „Abessinier", der nie mitsang und mitaß, auf dem Gebetteppiche nicht mit kniete, nicht im geringsten. Salomo blieb aber bis über die Passahfeiertage in Sana, wo die Leute die Mazza mit ihm teilten und wetteiferten, ihn an ihrem Tische mit Speis' und Trank zu bewirten. Er hörte Gesänge und Gebete, die er nie gekannt und erfuhr, daß das Opferlamm des Passah, das daheim den Mittelpunkt des estes bildete, ebenfalls eine Sache sei, die nur erusalem nach Erbauung des heiligen Tempels angtnge.- Kaum war die Regenzeit vorbei und die Wege waren ein wenig trocken und eben geworden, machen sich aus Sana und anderen Ortschaften Jemens die üblichen jüdischen Wandergruppen auf den Weg am linken Ufer des Roten Meeres entlang nordwestlich nach dem Hedschas, um von dort nach Palästina zu gelangen. Es waren alte, würdige Chachamim, die sich in heiliger- Erde zur letzten Ruhe betten, aber auch junge kräftige Männer, die dort der Erde mit ihrer Hände Arbeit dienen wollten. Einer solchen Gruppe, von Joffes ben Meschulam angeführt, schloß sich auch Salomo an. Glühende Hoffnung machte alle Fährnisse und Entbehrungen des Wüstenweges erträglich. Die Jemeniten sangen Psalmlteder von Jerusalem und von der Freude derer, die „ins Gotteshaus ziehen" und Salomo hörte auch die unbekannten Laute mit Andacht und Wethe und mühte sich die elegisch-hoffnungzitternde Melodie leise ohne Worte, mitzubrummen. Am Fuße des Hedschas wartete das Dampfroß der Hedschasbahn der Pilger, das sie durch die Wüste weiter brachte. Salomo hatte bei den Mohammedanern aus einigem Handel sich etwas an Geld und Waren erspart, das er jetzt zu laufendem Gelde machte. Es reichte für die Reise und er behielt noch ein wenig zurück. Als den Reisenden die jüdischen Berge am weiten Horizonte aufleuchteten, stimmten sie in Extatse Psalmlieder an. Die Bahn fuhr zu langsam, um die „Heimkommenden" ins Land zu dingen. Kaum aber hatten die Jemeniten auf dem Bahnperron zu Haifa unter den Füßen festen Grund, warfen sie sich unter Weinen und Beten zu Boden und küßten unter lautem Schluchzen, die Welt um sich vergessend, die heilige Erde, daß den arabischen Trägern für eine Weile die harten Schimpfworte, mit denen sie ich bewarfen, im Munde stecken blieben. Salomo rang nach Worten und hatte keine - rang nach Tränen, sie kamen nichtrang nach einem Gebete, es fiel ihm keines einnichts von den heimischen Gebetenin heiliger Sprache wollte er auf heiliger Erde dem heiligen Gotte danken, der ihn bis hierher geführt, aber er verstand sie nicht. Da kam thm das eine vertraute Wort auf die Lippen: „Adona!" Mit „Adona" warf er sich auf die Erde und „Adona" schrie er immer und immer wieder auf in allen Betonungen, singend, weinend, jauchzend, indem er inbrünstig die Erde mit dem Munde benetzte. „Adona!! . . ." Wie ein hilfloses Kind mit dem einen lallenden Wort: „ Ma°mamam!" all sein Sehnen und Wollen, alles Leid und alle Liebe seines Herzens in den Schoß der Mutter hineinweint und -jauchzt . . . (Fortsetzung folgt.) Kinüerecüe. Sie Fragen Alexanders der Großen. Als Alexander der große Mazedonier in Jerusalem war, stellte er an dir Weisen Israels

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