Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1922)
- Date
- 1922-04-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 17 des „Araelit". Verschollene Sröder. eine kglsscksgesckickile aus 0er öegenwsrt. (Fortsetzung.) X. Salomos Pläne. Job hatte es Battt zugetragen und diese beeilte sich, es an Vater Nissim weiter zu geben, daß Salomo dem Fremden aus dem Abendlande nachgehe und sich beständig in der ihn umgebenden Schar befinde. Nissim glaubte nach dem Vorfall mit Mister Goodwon seinen Sohn in der Mesgid bei Aba Zague geborgen und vor ähnlichen „Verführungen" für immer gefeit. Um so heftiger regle sich jetzt sein Aerger. In seinem schlichten, am Alten hängenden Sinne war Doktor Paltiel nur ein anderer, besserer Goodwon, ein Verführer auf. alle Fälle, vor dem nun sein Salomo, wenn nötig unter Anwendung von Gewalt, geschützt werden mußte. Er lief in die Mesgid und traf in dem Vorhof den alten Kahen. Der sagte bitter: „Salomo ist nicht bei mir. Geht zu Becher, dem Landwirt. In dessen Gehöfte hat der „Fremde" Quartier gefunden, dort findet ihr auch Salomo." Am Gehöfte Bechers angelangt, klopfte Nissim nach Falaschaart dreimal ans* Tor. Es kam heraus Malku, die freien Blickes den Schmied musterte. „Ihr, Meister Nissim?" „Ich," murrte Nissim, „ist Salomo hier?" „Stein, er ist nicht hier." „War er hier?" „Ich war beim Aufladen im Felde behilflich und weiß nicht, wer alles heute über diese Schwelle gekommen und gegangen ist." „Ist der fremde Doktor hier?" „Nein, er ist in die Felder und Wiesen hinausgegangen und eine große Schar von Männern und Jünglingen begleiteten ihn." „War Salomo mit dabei?" „Es ist nicht die Art züchtiger Falaschatöchter, fremden Männern nachzuschauen, lch weiß nicht, wer all' dabei war,"' schloß Malku kurz und ausweichend. Nissim ging. In ein fremdes Gehöft ungebeten einzudringen, wagte kein Falascha nach altem Brauche. Malku aber eilte durch den Hinteren kleinen Ausgang, der auf Bechers Wiesen führte, ging den schmalen Fußpfad bis zum Hange des Bergwaldes. Dort wartete sie spähenden Auges bis sie beim Sonnenuntergänge die Abzeichnungen der heimkehrenden Männer entdeckte. Leichtfüßig wie ein Reh, eilte sie ihnen entgegen und winkte unbemerkt von den Andern, die ganz im Banne der Unterhaltung mit Doktor Paltiel wie abwesend dahergingeu, Salomo herbei. „Was tu'st du hier, Malku, der Abend dämmert bereits," fragte er fast erschrocken. „Du wirst gesucht, Salomo!" „Bon meinem Vater?!" „Von deinem Vater. Seine Blicke lassen nichts Gutes erraten. Sei auf der Hut, Salomo!" „Er wird am Wegrande meiner warten", sagte Salomo und blieb stehen, und als schämte er sich vor dem Mädchen ob seiner kindlichen Hilflosigkeit, fügte er aber dann hinzu: „Es wird ihm nichts nützen, er wird mich mit Gewalt nicht umstimmen. Aber der Auftritt in Gegenwart aller und des Doktor Paltiel . . . Du kennst ja meinen Vater, Malku . . ." „Ich kenne ihn, darum kam ich ja." Und sie führte ihn den Wiesenpfad am Waldhang entlang bis zur schmalen Pforte des Gehöftes, die sie offen gelaffen hatte. Drinnen war er fürs erste gesichert. Auf dem Steinhaufen vor dem Schuppen saß Salomo und sah der Sonne zu, wie sie hoch oben hinter den Bäumen des ewigen Waldes langsam verschwand. So hoch durch die Lüfte über Berge und Wälder der Sonne gleich zu schweben, war von Kindheit an sein Traum. Jetzt hatte dieser Traum Namen und feste Form: Jerusalem, die heilige Stadt! Was heute wieder Doktor Paltiel alles zu berichten wußte, von wogenden Feldern und leuchtenden Bergen und grünen Auen in Judäa, im Lande, dahin Josua und Gideon das Volk geführt haben, und von frommen gelehrten Männern erzählte er, die in großen Gotteshäusern das Gesetz studieren und um Moschiachs Ankunft beten. „Was gedenkst du zu tun?" unterbrach Malku seinen fernen Gedankenflug. Sie stand vor ihm, die Hände in die Hüften gestemmt, und lachte in den heranblauenden Abend. „Ich werde, wie es dein Bruder Jirmeias tut, mit Doktor Paltiel gehen." „Nach Jerusalem?" Salomo wurde traurig. „Paltiel geht dtesesmal nicht nach dem heiligen Lande. Er zieht über Algier an die spanische Küste, um über Spanien nach Frankreich und Deutschland zu gelangen." „Ist das weit?" fragte das Mädchen mit kindlicher Neugier. „Geht der Weg über das Meer und sind drüben auch Menschen, Tiere, Vögel und Bäume wie hier?" „lieber Meere, Berge, Wüsten und Wälder geht der Weg, viele Wochen und Monde lang, so sagte der Doktor. Und drüben sind lichte Städte und helle Häuser und frohe Menschen, deren Sinn so hell ist, wie ihre Gesichtsfarbe. Und Juden gibt es dort, tausende, hunderttausende, die so wie wir und doch ganz anders st d wie wir ..." „Ach, das möchte ich auch einmal so gerne sehen!" Malku pfiff die Melodie eines Schmtterliedchens, das von weiten, unbekannten Fernen sehnend sprach. Salomo griff nach Malkus Hand, die sie rasch und spielerisch zurückzcg. „Höre mal Malku," sagte er, und seine Stimme klang so weich, als käme sie aus dem samtblauen Abend, „höre Malku, wenn ich über alle Berge und Seen und Wälder gegangen und später Jerusalem, die heilige Stadt erreiche, werde ich dort arbeiten von Morgenfrühe bis zur tiefen Nacht auf dem heiligen Boden, und der Nachtstunden einen Teil zum Beten und ^Studieren des Gesetzes benutzen. Dann kaufe ich mir ein Landstückchen und baue mir mit eigenen Händen ein Häuschen aus Stein und Holz und lege ein Gehöft an, wie dies da, nur kleiner, mit etn.em Schuppen und Steinhaufen davor. Und dann . „Und dann?" fragte Malku, ganz im Banne des Traumes besangen. „Dann bin ich Boas und hole mir meine Ruth . . „Ruth?" Ihres Jugendgefährten Traum schien sich zu verwirren. „Ja, ich hole mir meine Ruth, dich Malku,"- sagte er und griff wieder nach ihrer Hand. Malku lachte so laut und so hell auf, daß ihr Lachen durch den Hof mit dem Geläute der heimkehrenden Herde zusammenklang. „Und dann, und dann," konnte sie sich nicht hatten vor Lachen im Aufsprühen von Jugend und Uebermut. „Und dann," sagte er, ohne sich aus seinen Träumen scheuchen zu lassen, „und dann möge Moschtach komme. Ich werde i.,m sagen: „Mein Herr und Gesalbter Gottes, lasse mich auf meinem Acker, in meinem Gehöfte bet meiner Ruth, ich will dir und Gott von hier dienen, denn sieh', dein Knecht Salomo ist im Forschen des Gesetzes nicht geübt, er ist Sohn eines fernen Stammes und ist zu etwas anderem und besserem nichts nütze . . Malku lachte und lachte ein Lachen ohne Worte, aber sie vermochte nicht, Salomo aus seinen Träumen zu flachen. -- (Fortsetzung folgt!) — Kindsrecke. Der Stein des Frommen. Aus Midrasch Schir Hafchirim. Rabbi Schimon, der an der Pilgerstraße von Galiläa nach Jerusalem wohnte, sah wie alle Wallfahrer, reich beladen mit kostbaren Geschenken, geschmückte Opfertiere führend und Körbe voll der edelsten Erstlingsfrüchte auf den Schultern, nach Jerusalem pilgerten. Er hatte nichts, was er sein eigen nannte und es schmerzte ihn ar sehr, daß er mit leeren Händen an der eiligen Stätte erscheinen sollte. Da ging er beklommenen Herzens in v bte Wüste hinaus, in der Hoffnung, ettvaä zu finden. Er fand aber nichts als einen rauhen Stein. Da fing er an, am Steine zu arbeit-n, ihn zu behauen, zu hobeln und zu schleifen, und siehe da, der Stein bekam edle Farbe und schien ganz geeignet, für die Fliesen des Tempelhofes verwendet zu werden. Glückselig besah er die getane Arbeit, nun füllte aber neuer Schmerz sein Herz. Wie sollte er diesen großen und schweren Stein nach Jerusalem hinschaffen? Pilger, die des Weges kamen, erklärten sich bereit, den Stein htnzutragen, verlangten aber hundert Gulden Arbeitslohn. Seine ganze Barschaft bestand nur in zehn Gulden. Was sollte er nun machen? Er saß an seinem Steine und weinte bitterlich. Da kamen zwei Männer des Weges und fragten ihn, warum er denn weine. „Ich habe den Stein mit eigenen Händen bearbeitet und ihn für den heiligen Tempel bestimmt un) weiß nicht, wie ich ihn seinem heiligen Zwecke znführe," klagte er. „Wir tragen d:r den Stein hin," sagten die Männer bereitwillig. „Wieviel verlangt ihr als Lohn?" „Nur zehn Gulden, fünf für jeden, wenn du selber Hand mit anlegst." Hocherfreut schlug Rabbi Schimon ein und wollte ihnen gleich seine Barschaft geben. Sie lehnten aber ab und sagten, sie wollten erst nach g'taner Arbeit in Jerusalem ihren Lohn haben. Singend trugen sie selbdritt den Stein nach Jerusalem. Am Tempelplatz angelangt, wollte Rabbi Schimon den Trägern mit Dank den Lohn aushändigen. Aber diese waren plötzlich verschwunden und nirgends mehr zu finden. Mit Freude nahmen die Prister und Tewpelverwalter das sehr brauchbare Geschenk entgegen. Rabbi Schimon wandte sich an die Weisen im Marmorsaal mit der Frage, was er jetzt mit dem von den Arbeitern verdienten Lohn machen sollte. Die Weisen aber sagten ihm- „Ziehe in Frieden, denn es waren keine Männer, es waren Engel, die dir Gott gesandt hat, damit dein Wunsch sich erfülle und dein guter Wille belohnt werde." . s-—