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Der Israelit · 1922-04-27 · Heft 17 (27.4.1922) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 17 (27.4.1922)
Date
1922-04-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 17 Der JSraeltt. 27. April 1922 kannten und ave staatsrechtlichen Konsequenzen daraus zogen. Es ist also eine Entstellung, wenn man behauptet, daß die Juden aus Feigheit oder gar aus knechtischer Verbeugung vor der Macht Legitimisten wären. Es ist dieses vielmehr ein Zustand, dec aus tiefer innerer Anerkennung der nach dem Willen der Vorsehung jeweils geschaffenenRechtsverhältnisse fließt. Dieser Legtttmismus, um das Wort so zu prägen, hat allerdings eine Grenze. Es ist bekannt daß in zivilrechtlicher Beziehung dieser Gedanke den Prägnantesten Ausdruck gesunden hat in dem Satze: dina demalchuta dina. Das heißt: das Staatsgesetz ist maßgebend für das bürgerliche Verhalten der Juden: In dieser Beziehung finden wir die Erklärung im Kommentar des Ran, daß sich das Staatsgesetz in allallgemein menschlichen Bahnen bewegen muß. Man kann das Verhalten der Juden tm Golus seit der Zerstörung durch Titus verfolgen, man wird immer dasselbe Bild erhalten, daß die Juden im Nahmen des jeweiligen Staatsgesetzes eine Verbesserung ihrer Lage erstrebten, daß sie aber niemals es sich beikommen ließen, mit dem Feind des jeweiligen Staates gegen denselben sich zu verbinden. Das einzige Äu'sflackern einer Empörung unter Bar Kochba ist in der einschlägigen Literatur damaliger Zeiten genügend gekennzeichnet. Selbstverständlich hat dieser Legitimismus w!e erwähnt eine Grenze stets dort gefunden, wo die fundamentalen Grundsätze der Religion auf dem Spiele standen, z. B. bei Zwang zum Götzendienst und dergl. Dort trat die Forderung in ihr Recht, unter Umständen Hab und Gut und sein ganzes Selbst unter bewußter Uebertretung des Staatsgesetzes zu opfern. Es ist und bleibt das Hauptkapitel der Goluspolitik der Juden, das sie niemals für materielle Vorteile ein religiöses Gut preiszugeben bereit waren, oder vielmehr, daß diejenigen, die sich zu einem solchen Tausch willig finden ließen, niemals in den breiten Massen des jüdischen Volkes einen Rückhalt finden konnten. Vielleicht ist ein Hauptmotiv des Unterschieds zwischen Pharisäern und Sadducäern in diesem Wechselspiel zwischen politischem Wollen und religiösem Müssen enthalten. Zur Goluspolitil lm Rahmen legitimer Tätigkeit gehört allzeit das Streben nach Emanzipation. Wenn man die zwei Jahrtausende überschaut, so ergibt sich eine Drei-Teilung dieses Strebens, und zwar handelt es sich entweder um die Emanzipation des Individuums, um die Emanzipation der Religion, oder endlich um die sogenannte nationale Emanzipation — das Schlagwort der jüngsten Periode. — (Schluß folgt.) Kleines Feuilleton. Ausgrabungen des mittelalterlichen Friedhofes der ältesten jüdischen Gemeinde Deutschlands. Bei den Erdarbeiten zur Vergrößerung des Güterbahnhoses Bonntor in Köln stieb man aus Särae- Leichen und Grabsteine des alljüdischen Friedhofs, auf dem die 'ccrr, roscw die Familie des und ardere rrnrn ’bns ihren Ruheplatz gesunden hatten. Trotz großer Bemühungen gelang es nicht, die Eisenbahn- Verwaltung zur Aussetzung der Ausgrabungsarbeiten zu bewegen. Daher bemühen sich die Verwaltungen der hiesigen Synagogengemeinden unter Aufbringng großer Geldmittel, die mtmp mcsy auf dem neuen Friedhose zur erneuter Ruhe zu bringen. ES Handel! sich um großes, Monate dauerndes Werk, in den Tagen, an denen vor Jahrhunderten die ccvm c-V, CL>N Dtrrip arsj rcatr den Heldentod starben, den großen Märtyrern eine neue Ruhestätte zu schaffen, von der sie hoffentlich nicht mehr gestört werden. .2"2 üivpb pir ypb rhw cm Np Die Heimkehr des ..Setzer" Rabbi. Wie aus Lemberg berichtet wird, hat bis Rückkehr des Chassidimrabbi aus Belz unter feinen An- Wochemundschaii. Sie russische Kunser-KataArophe. In England hat sich auf Grund der unausgesetzten Anregungen des Völkerbund-Kommissars, Nansen, ein jüdisches Hilfs-Komitee gebildet, in dessen Namen Lionel 'de Rothschild, Claude Mowteftore und Lord Swaythling einen Aufruf erlassen. Das Komitee arbeitet in engster Fühlung mit dem Joint, der Jca und der Alliance Jsraelite. Dem Aufruf, der auch für die analoge Hilfsaktion der „Agudas Jisroel" von größtem Interesse ist, entnehmen wir zunächst den Wortlaut eines Telegrammes, das Nansen in den letzten Tagen an Lucien Wolfs gerichtet hat. Es heißt in diesem Telegramm: „Das Oberkommissariat für russische Flüchtlinge hat bisher schon unschätzbaren Beistand von jüdischen Organisationen empfangen, aber das Unheil steigert sich rapid ' zu einer geradezu entsetzlichen Lage und verlangt augenblickliches Eingreifen. Der Zustand der Flüchtlinge in den russischen Randstaaten wird täglich ernster - zahlreiche Flüchtlinge schleppen in dem Bestreben, die polnische Grenze zu überschreiten, Epidemien ein, sowohl Polen als ganz Europa bedrohend. Die Jüdische Bevölkerung in der Ukraine ist der Not und 'dem Hungertod preisgegeben. In KonstarUinopel sind tausende von Flüchtlinge, meistens Juden in kritischster Lage. Alle finanzielle Hilfe ist daher von größter Wichtigkeit und diese Hilft muß schnell kommen. Ein Schreiben, das Nansen an das oben genannte Komitee gerichtet hat, lautet: „Ich schreibe Ihnen heute einige Zeilen in meiner Verzweiflung, da ich nicht _ mehr weiß, was wir für die Ukraine tun können, wo die Situation immer schltm-mer zuwerden scheint, während wir unglücklicher Welse nur über sehr geringe Mittel verfügen, um den sich steigernden Anforderungen zu genügen. Die Berichte, die ich von meinem Vertreter, Major Quisling, empfange, sind einfach grauen erweckend, und ich habe gerade heute einen neuen eindringlichen Bericht erhalten, der sagt, daß die Situation unter der jüdischen Bevölkerung verzweifelt ist. Er verlangt daher sofort umfangreiche auswärtige Hilfe." Hangern große Freude hervorgerufen. Seine ganze Reise von der ostgalizischen Grenze an glich einem Triumphzug. In allen Städten, die fein Sonderzug passierte, wurde er von Tausenden von Menschen begrüßt. Von Lemberg wurde nach der Grenzstation Lawoczno ein Separatzug abgeschickt und durch besondere Boten wurde in jeder Station die Zeit, in der sein Zug passieren sollte, dekanrigegeben. In Lemberg hatten seine Anhänger bei der Stadtverwaltung separate Tramwaywagen, die bis 3 Uhr nachts verkehrten, bestellt. Der Lemberger Hauptbahnhof war von einer tausendköpfigen Menge belagert, der durch die Stadt führende Bahntrakt wurde von seinen Anhängern mit separaten Laternen, a 150000 Mark, beleuchtet. Im letzten Moment aber wurde die Reiseroute des Rabbis geändert, da sein Zug nicht über Lemberg—Rawaruska, sondern über Stryj und Przemysl nach Oleszyce dirigiert wurde, sodaß seine Anhänger umsonst in der Nacht vom 2l. auf den 22. die Bahnhöfe belagerten. Aus die Nachricht, daß in der Reiseroute eine Aenderung eingetreten sei, begaben sich Tausende seiner Anhänger nach Oleszyce, um dort ihren Rabbi zu empfan en. Von her Bahnstation bis in die Stadt wurde der Rabbi von Tausenden von Chassidim mit Musik und Tanz begleitet Sein Droschkenkutscher bekam bis an die 100000 Mark für einen Platz von einzelnen Anhängern des Rabbi für die Ehre, mit ihm in die Sladt zu fahren. In dem kleinen, schmutzigen Städtchen Oleszyce herrscht heute das Leben einer bewegten Großstadt. Täglich langen Tausende von Chassidim aus Galizien und Polen ein. Jedes Wohnhaus ist ein Hotel und vor der Wohnung des „Velzers" stehen stunden- und tagelang seine Anhänger» die auf den glücklichen Augenblick warten, um ihn persönlich begrüßen zu können und sein „Gabbe", Rabbi Aron Josua, muß hier ein Das oben genannte Komitee wendet sich mit seinem Aufruf natürlich lediglich an die britische Judenheit, allein das authentische Material, auf dem dieser Aufruf faßt, sollte auch in allen anderen Ländern die jüdische Herzen, und Hände zu höchstgesteigerter Hilfeleistung spornen. In Rußland kann man nicht nur mit Pfund, sondern auch mit deutschen Mark Gewaltiges leisten. Me ÄdenstaWk des Kriegsministeriunis. General von Wrisberg hat eine „Judenstatisttk" angefeitlgt, und zwar auf Grund der von dem Kriegsministerium am 1. Oktober 1916 an gestellten Erhebungen über die jüdischen Milttäroerhältntffe. Daß sowohl die Erhebung wie die Verarbeitung der Wrisberqtschen Ziffern in wissenschaftlich höchst unzulänglicher Wette erfolgt sind, - wies zweifelsfrei Prof. Franz Oppenheimer in einem jüngsthin tn Frankfurt gehaltenen lehrreichen Vortrage. Nach Wrisberg haben ca. 10 Prozent der jüdischen Bevölkerung gegen 14 Prozent der übrigen deutschen Bevölkerung im Heeresdienst gestanden, und man begreift leicht, daß von antisemitischer Sette auf Grund dieser Zahlen die schwersten Vorwürfe gegen die deutschen Juden erhoben worden sind. Indessen, die kriegsministerielle Zählung ist ebenso anfechtbar, wie die daraus gezogenen Folgerungen irrig sind. Die Erhebung der Statistik widerspricht jedenfalls einer von einigen jüdischen Verbänden während des Krieges mit Hilfe von Zählkarten veranstalteten Zählung, die eine wesentlich höhere Quote jüdischer Soldaten ergeben hat. Auch die Verarbeitung des statistischen Materials weist Ungeheuerlichkeiten auf. Wrisberg errechnet falsche Beziehungsziffern, nimmt die Zahl der Juden in der Etappe viel zu hoch an, z'eht nirgends Vergleichzahlen heran, berücksichtigt nicht die vielen jüdischen Militärärzte usw., alles Unterlassungssünden, die naturgemäß zum Nachteil der Juden ausschlagen. Die Interpretation der Ziffern durch Wrisberg zeugt von nicht geringerer statistischer Ahnungslosigkeit. Er vergißt, daß die Juden meist Großstädter und als solche viel weniger felddienftfähtg sind, daß sie in überdurchschnittlicher Zahl Berufe-ausüben, deren Vertreter aus kriegsnotwendigen Gründen vielfach reklamiert werden mußten, daß sie, sofern sie nicht weiter als bis zum Unteroffizier befördert worden waren, infolge ihrer geistigen Ausbildung besonders oft als Dolmetscher, Schreiber, Einkäufer usw. Verwendung fanden. Vor allem läßt Wrisberg die entscheidende Tatsache außer Acht, daß das deutsche Judentum durch den häufigen Austritt zumal der männlichen Bevölkerung aus der jüdischen Religionsschweres Stück Arbeit leisten, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Oleszycer Einwohner begrüßen die Uebersiedlung des Rabbi, weil sie von einen wirtschaftlichen Aufschwung erwarten. Dagegen macht Belz, welches vor dem Krieg ausschließlich vom Rabbi gelebt hat, Anstrengungen, um den Rabbi zur Ueberfiedlung nach Belz zu bewegen. Seine Beizer Anhänger gedenken angeblich sogar sein Wohnhaus zu restaurieren, um seine Uebersiedlung sofort durchführen zu können. Unter den Tausenden, die gegenwärtig in Oleszyce weilen, befindet sich auch ein Mann, der aller Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Er stammt aus der Tschecho-Llowakei und war während des Krieges österreichischer Oberleutnant und hoher Beamter im Kriegsmtnisterium. Durch Zufall kam er während des Krieges nach Munkacz, wo er Gelegenheit hatte, den „Hof" des Rabbi zu beobachten. Das chassidische Leben machte auf ihn einen derart starken Eindruck, daß er von diesem Zeitpunkt an oft den Rabbi besuchte. Nach dem Umsturz biieb er ständig bet ihm und vermittelte zwischen dem Hof des Rabbi und der tschechischen Regierung. Er erledigte nicht nur die schriftliche Korrespondenz mit den Behörden, sondern intervenierte auch des öfteren bei der Regierung, und er ist es, dem die Gewährung eines längeren Aufenthaltes wie auch die Betstellung eines Sonderzuges von Munkacs bis zur Grenze verdankt. < Denkmäler des Judentums in Oesterreich. Seit vielen Jahren ist die Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen

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