Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1922)
- Date
- 1922-09-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«ette 2 Nr. S» sammenarbeiten des ganzen jüdischen Volkes von nöten, um die Idee eines jüdischen Kulturzentrums zu verwirklichen. Wir historischen Juden sind zwar Erben des alten jüdischen Geistes, aber keineswegs bloße blutleere Schemen und Gespenster unserer Altvorderen, vielmehr Erben, die das ererbte Gut zu erweitern suchen. Auf geistigem Gebiet gibt es keine Wiederkehr, sondern nur Fortschritt. Das Leben ist immer neu, doch immer zugleich neuer, je älter es ist, um so fortschrittlicher, je historischer eist, um so höher steigend, je höher es sich auf den Schultern der Vergangenheit erhebt. Auf die Alten zurückgehen, heißt fortschretten, an sie anknüpfen, heißt Führer finden, auf sie sich zurückbestnnen, heißt eine Renaissance des Geistes vorbereiten. Zurück zur Thora, heißt zurück zum lebendigen Quell des Lebens. Denn nicht nur eine Norm ist sie uns, sondern auch ein Same, und zwar dann, wenn sie uns „Erlebnis" wird. Erlebnis wird sie uns aber, wenn wir uns bewußt werden, wie tief wir in ihr leben. Ob wir unsere Altvorderen erneuern wollen oder nicht? Ist dies nicht eine müßige Frage? Hängen wir doch mit tausend Fasern an ihrem Geiste, zehren wir doch beständig von ihrem Erbe! Wir schauen mit ihren Augen und sprechen mit ihren Ausdrücken. Und so werden wir ewig — in der jüdischen Wissenschaft und Welterkenntnis ihre Schuldner bleiben. Oder glauben die „Neuen", nicht an das Alte anknüpfen zu müssen? Schöpfen doch die „neuhebraischen" Literaten aus dem unversiegbaren Born alt-jüdischen Geistes, den sie in ihrer Jugend reichlich ausgenommen. Sind doch alle samt und sonders im Beth-Hamidrasch ausgewachsen, ihm aber auch — entwachsen. Man denke sich eine jüdische Hochschule ohne die von unseren Weisen geprägten Termini/ eine medizinische Fakultät, die nicht an die Medizin des Talmuds und Maimonides, eine philosophische, die einen Kusari und More Nebuchim unberücksichtigt ließe, eine juristische Fakultät, die nicht denChoschen-Hamtschpot zum Ausgangspunkt und gar eine theologische, die nicht das ganze Gebiet der rabbinischen Literatur zu ihrer Grundlage erheben würde. Nein, das geht nicht! Der Weg zur Zukunft geht nun einmal über die Vergangenheit, denn nur der Barbar kommt aus dem Nebel, in dem keine Vergangenheit leuchtet. Aber mehr! Der jüdische Geist ist der Erstgeborene der Welt, er hat Europa die Emanzi- Israels Bestimmung. (Zum Wocherravschrritt) Von Dr. M. Lewin in Hamburg. Schön ist die Sonne, wenn ste in vollem Glanze strahlt nnd neidlos von ihrem Lichte und ihrer Wärme spendet. Sie ist aber nicht minder schön, wenn sie tm Verglühen wie zum AbschiedSgrutze uns ihre letzten Strahlen herniedersendst und diese der Bäume Wipfel golden färben Einen Sonnenuntergang mit all' seinem Farben spiel erleben wir alljährlich an der Wende der Zeiten, wenn wir MoseS' wundersamen Abschieds» warten mit ihrer'reichen Gedankenfülle und der kraftvollen Sprache ihrer Bilder lauschen. Die neigende Jahressonne wie die Mahnungen deS aus der Zeit» Uchkelt scheidenden Lehrers einen sich, um unser Herz empfänglich zu machen für den Ruf des TageS, der da eindringlich und liebevoll zugleich im Monate Elul unaufhörlich an uns ergeht: torw» “jp1?« nxip*? fön Bereite dich vor, Israel, vor deinen Gott hmzutreten. _Der Jsraeltt. pation von Heidentum und Barbarismus gebracht, ihm eine Erhöhung des Bewußtseins gegeben, und damit zu seiner wahren Geburt verholfen. Und Europa gab ihm e'ne Form, die europäische Form zum jüdischen Inhalt. Und der Inhalt ist geistig. Europa über Palästina siegen lassen, hieße der Form vor dem Inhalte den Vorzug geben. — -- Wollen wir eine jüdische Kultur schaffen, die diesen Namen verdient, so muß der Anschluß an die Vergangenheit gefunden werden, denn K n l t u r haben, heißt geistiges Kapitalhaben, heißt Geschichte haben, die das. stärkste, bewußteste Band ist, das Jahrtausende zusammenhält, die Grundlage einer jeglichen Kultur, und damit unbedingte Voraussetzung und Grundlage eines „jüdischen Kulturzentrums" ist und fein muß. Jüdisches Volk! In deine Hand ist es gelegt, auf dem Wege über die historische Vergangenheit der glorreichen, von unseren Propheten verheißenen Zukunft entgegenzuschreiten: owitö /fcr mtn «an p-xo Wocheilnmdschau. Ser MnderheitSblotk ln Polen. Wie bereits gemeldet, finden die auf den ö. November festgesetzten Wahlen zum polnisch e n S e y m unter dem Zeichen eines Wahlgesetzes statt, das durch eine raffinierte Wahitech-nik die Minderheitsparteien;, insbesondere die Nationalitäten, wie Weißrussen, Ruthenen Deutsche, vor allem aber die Jüden in die Unmöglichkeit versetzt, eine ihrer Stimmenzahl auch nur halbwegs entsprechenden Vertretung im neuen Seym zu erlangen. Gegen diese Gefahr des völligen Mundtotwerdens gibt es im Rahmen des Wahlgesetzes nur ein Abwehrmittel: Der Zusammenschluß mehrerer Parteien zu einem Block, der gemeinsame Listen auffteltt und die einzelnen Mandate nach Schätzung und Uebereinkommen unter sich verteilt. Diese Erwägungen führten zwangsläufig zu der Idee eines einheitlichen jüdischen Minderheitsblockes, auf den einzngchen, angesichts der drohenden Gefahren die Orthodoxie in Polen, die in der Landesorganisation der Agudas Jisroel stramm organisiert ist, sich sofort geneigt zeigte. Inzwischen ist man aber in Polen noch einen Schritt weiter gegangen. Man hat nicht nur die jüdischen Parteien, sondern alle Minder he i t s n a t io n e n, also Weißrussen, Ruthenen, Deutsche und Juden zu einem einheitlichen Anders wie die Völker feiert Israel den Uebergang aus dem alten ins neue Jahr, nicht unter lustigem Spiel und sich nicht genugtuendem Jubel, aber auch nicht in bebender Angst und gedankenloser, alles Streben lähmenden Verzweiflung. Ernst und Vertrauen gepaart führen zur Hoffnung und Zuversicht und werden die Flügel neuen und rüstigen Strebens und Schaffens. Das ist die Stimmung, wie sie das GotteS-- wort an den letzten Sabbaten des SynagogenjahreS in uns auslöst. Dabei denken wir nicht gerade an das Kapitel der Zurechtweisung und Strafandrohung nur, wie ernst es uns auch erklingt und wie furchtbar es uns ergreift, die wir auS dem Rückblick auf unsere Geschichte wie aus den Erlebnissen unserer Tage immer wieder die Worte hören: '»i an» amfflMT Und ihr werdet nur in geringer Anzahl bleiben, wo ihr wie die Sterne des Himmels an Menge gewesen seid, weil du auf die Stimme deines Gottes nicht gehört hast. — .... p'inn K7 nnn onj&i »Und unter diesen Völkern wirst du keine Ruhe finden, und der Sohle deines Fußes wird keine Ruhestätte werden. Es gibt dir Gott dort ein Herz voller Zittern und Schmachten der Augen und Betrübnis der Seele . . Nicht Furcht und Schrecken soll unser Teil sein, nicht in Ohnmacht tatenlos verstummen und erschlaffen dürfen wir. Da» rum gehen diesem Kapitel der nnsw Segnungen voran, Heilsverkündtgungen, so herrlich und erhebend, daß sie mit ihrem Lichte in die jüdische Seele hineinleuchten und die BangniS und Zagnis um Israels Zukuust aus ihr scheuchen. Und vollends die beiden Sätze, die. von dem GegenfeitigkeitsverhältniS zwischen dem Herrn und dem Volke seiner Wahl reden, — wer vom Stamme Judas kann sie hören oder lesen, ohne von ihnen über diese Welt der Nöte und Leiden hinweggehoben zu werden und sich zur Pflichttreue und GesetzeSfreude durchzuringen? * _ 7 September 1888 Mock zu bereinigen sich! benssiht. OK M Verhandlungen über^diesen Block bereits M einem endgültigen Ergebnis geführt hahen^ fft nach den vorliegenden Nachrichten niM ganz klar. | Es ist davon die Rede, daß zwischen den Zionisten und der Orthodoxie einerseits von denen jede Gruppe 6 Mandate bekommen sollte und den übrigen jüdischen Parteien Zwistigkeiten ausge- Krochen seien, während sowohl die Assimilauten als auch die Poale Zion Md Zeire Zion ebenso wie der Bund selbständig Vorgehen wollen. Unter diesen Umständen scheint es uns doch geboten, auf die Bedenken hinzuweisen^ die das geplante Wahlbündnis für die jüdischen Interessen in sich birgt. Gewiß ist es in Pollen an und fiir sich nichts Auffallendes, wenn die jüdischen Parteien insgesamt sich als nationale Minderheitsgruppen fühlen und die entsprechenden Politischen Konsequenzen aus dieser Tatsache insoweit ziehen, als es sich um den Schutz ihrer politischen Interessen handelt. Trotzdem müßte gerade die Orthodoxie es sich dreimal überlegen, bevor sie der von zionistischer Weite ausgegebenen Parole folgt und sich in eineil durchaus nicht vorwiegend kulturell und religiös charakterisierten, als vielmehr rein staatspolitisch orientierten Block der nationalen Minderheiten einmauern läßt. Die Orthodoxie in Polen hat es von jeher vermieden, sich zum Programm der nationalen Autoniomie zu bekennen, sondern es vielmehr verstanden, ihren Beistand als keineswegs rein konfessionelle Gruppe, doch im Rahüren der konfessionellen Charakterisierung zu schützen. Sie hat diesen Standpunkt vertreten, nicht nur weil die nationale Autonomie wie am besten das Beispiel Litauens zeigt — sehr leicht zur völligen Entkonfessionalisierung des Judentums führt, sondern w'eil sie auch die politische Md wirtschaftliche Existenz der Juden unter dem Schutz der konfessionellen Charakterisierung besser geborgen glaubte als in der Arena des nationalen Wettkampfes. Wird die wohl erwogene Eigenart dieser Politik nicht um vorübergehender Vorteile willen preisgegeben, wenndie Jüdenheit sich nun einschließlich der Orthodoxie in ein Wahlbündnis mit ganz ungleichartigenrein national orientierten Minderheiten Hineintreiben läßt? Wird infolgedessen nicht unnötigerweise der ganze Ingrimm der nationalen Chauvinisten in Polen auf die jüdische Masse hingelenkt, die doch schon genug unter den Folgen Mischer Wahlpolitik gelitten hat? Wir sind sicher, daß unsere Freunde m Polen die hier mehr angedeuteten als ansgeführten Gesichtspunkte selber reiflich erwogen haben. Aber der Außenstehende ist oft gerade wegeir der größeren Entfernung eher in der Lage, die Ruhe zu wahren und populären Strö- „Du hast den Herrn gepriesen und verherrlicht heute, er solle dir Gott sein und wollest ln seinen Wegen wandeln . . . Und Gott hat es heute vor dir verkündet, daß du ihm seiest ein nur ihm angehörendes Volk, wie er dir verheißen hat." Hierzu bemerken unsere Lehrer: rinn N2'vn yvmry er« napn ->v« Gott hat gesprochen: „Ihr habt mich zum Einzigen in der Welt und zu ih^em Beherrscher eingesetzt, — dadurch daß ihr eS immer wieder auch unter Feuer und Schwert es hinausruft in die Welt und Menschheit hinein: Höre Israel, Der Herr unser Gott ist der Ewige Einzige . . ." «Liebe um Liebe, spricht nun Gott, auch ich will euch über alle Völker erheben, daß von euch gellen werde: g«ep2 'm Wo ist wie dein Volk Israel eine Nation auf Erden." — Es ist dies ein Wechselgefpräch der Liebe und Treue zwischen dem Allheiltgen und dem Seinem Willen sich beugenden Israel. „Daß du ja hütest alle seine Gebote.« Das ist die große Verpflichtung, die aus diesem Bündnis für unS erblüht und wie unsere Alten daran knüpfen, irn&PD ,T?p mitü ni'an «nrip, in der Liebe zu allen Geböten, ob sie uns bedeutsam oder weniger wichtig erscheinen, wurzelt. „Gottes Volk", — dieser Name soll unS als Ehrennamen erscheinen, daß wir über diesen nichts, keinen Ruhm und keinen Preis in der Welt setzen, daß wir ruhig aber anderen daS Sehnen nach Macht und Herrschatt überlasten mögen, während wir unserer Thora und unserem Judentum nachleben und für ihre Anerkennung jedes Spfer bringen. Das ist der Sinn unserer Palästinaarbeit. Das hl. Land, Israels Land, soll eine Pflanzstätte des Heiligen und Reinen, der wahrhaft von Gott Gewollten werden, die Stätte, in der Gottes Wort und Gesetz höchster Wille bleibt in den mannigfachsten Beziehungen deS