Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1922)
- Date
- 1922-03-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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. 13 des „Zsraellt". Verschollene Sröder. Eine yalafdiagefriiidife aus 9er kegenwsrl. (Fortsetzung.) yii. Die jungen Debteras. In dr-r Mesgid ging das Leben srinen gewohnten eintönigen Gang. An der Hand Aba Zagues üblen sich Salomo und Jirmeias in den frommen Handlungen und versahen kleinere Verricbtuinrii. Elfterer versonnen, verträumt, die großen Augen in weite Fernen gerichtet, letzterer mit Eifer und gesammelter Inbrunst. Siebenmal täglich sprachen sie die vorgeschriebenen Gebeic, vom Hahnenschrei bis zur Mitternacht. Am Vormittag fanden sich nur wenige Gläubige in der Mesgid ein, denen die beiden jungen Debterns aus Orit vorlasen. Am Mittag und Nachmittag beteten sie kurz und still, für sich. Gegen Sonnenuntergang versammelte sich aber fast die gan^e Gemeinde im Borhofe zum Hauptgebete und zu Opserhandlungen, wobei Salomo und Jirneias neben Aba Zague heiligen Dienst tatkn. Hatten sich die Beter verlaufen, so saßen die beiden junge-? Debteras auf den Stufen des Oritiisches zu Füßen Aba Zagues, der ihnen am Lichte der belügen Lampe aus den handgeschriebenen Lederbänden vorlas und deutete. Zunächst aus dem im Aethtopischen gehaltenen Orit, dem Buche des Gesetzes, das neben dem Inhalte des mosaischen Fünfbuches auch den der Bücher Josua, Richter und Ruth enthielt. War ein geschlossener Abschnitt dieses heiligsten aller Bücher durchgenommen, dann erhob sich Aba Zague, hob das Orit in die Höhe und trug es unter Gebeten, von beiden Debteras begleitet, um den Orittisch herum, um es dann feierlich in die grünen Sammtdecken auf dem heiligen Tische zu betten. Dann kamen andere, minder heilige Texte, zumeist in amharischer Sprache, daran, so das Buch „Gäd la-Abraha m", das die Geschichte Abrahams im einzelnen und unter vielen Ausschmückungen erzählt, oder das Buch „Gadla-Muse", eine Sammlung oller Ueberlieferungen über den Tod Moses, zuweilen auch das Buch „Herrsch", oder auch „Gadla Abba Zabra", die von jüdischen Inhabern des abessinischen Thrones und deren Heldentaten erzählen. Am Sabbat las man mit Vorliebe aus dem alten Buche „Te'ezaza San bat" all die Sabbatvorschriften und Ausdeutungen der auf die Sobbatheiligung bezügl chen Stellen des „Orit". Diese Studien und Vorlesungen dauerten zumeist bis kurz vor Mitternicht, da sich Kahen und Debteras zum Gebete erhoben, dem siebenten und letzten, nnt dem das Leben des Tages seinen Abschluß fand.- Wenn Vater Nlssim beim Gottesdienste seinen Sohn am Altäre in dem ihm viel zu langen weißen Ornate hantieren sah, mußte er oft die Augen abwenden. Der Priesterrock schien Salomo so wenig zu ziemen wie die Lederschurz in der Schmiedewerkstatt. Auch an seiner Handfertigkeit und dem Wohllaut seines Gebetsvortrages hätte er mancherlei auszusetzen gehabt, doch hielt er dies für Sache des Melsters, der in dieser „Schmiede" zu sagen hatte, nämlich Aba Zagues. In der Tat hatte Salomo wenig Freude an den öffentlichen Gottesdiensten. Er mochte nicht die vielen Gesichter, die ihm zugekehrt waren und versah den Dienst zumeist mit abgewandtem Blicke und tonlos, als stände er am Pranger. Um so eifriger war er bet den abendlichen Studien und Borlesw gen dabei, die seine Seele vollkommen gefangen nahmen un^ sie aus der dumpftn Luft der Mi'sgi^ in ferne Gefilde entführten. Beonders das Bach der „Richter" tat cs ihm an. Ein Gideon, ein Jftach und Simson! Was waren das für Prachtkerle! ... Er besah seine Muskeln und ballte instinktiv seine Fäuste. Solche Männer könnte man auch hier brauchen . . . Dann würde es den Kananltern und Midianitern, nein, den Abessiniern und Kamantkn und Anderen, die den F.rlaschas die Herden und Frucht der Aecker Wegnahmen, ebenso ergehen wie damals . . . Gidcon war ein Engel erschienen. Auch er, Salomo, glaubt? schon manchesmal den Engel gesehen zu haben, der ihm zurief, „Salomo gürte deine Landen und sei ein Mann Und Jftach hatten die Brüder davongejagt, sie kamen aber dann und baten: „Sei unser Führer? . . Er dachte an Job und seine Schwester Baiti und auch an seinen Vater, dem er es nie recht machen konnte... Wenn sie einstens alle zu ihm kämen und sichten: „Komm und sei unser Führer, unstr Held l. . F-ühw, vor Hunderten von Jahren wohl, hat es auch unter den Falaschas Helfen gegeben, die ihren Stamm verteidigten w d Schrecken ins Lager der Feinde jagten . . . Deren einer hieß sogar Gideon. Aber Aba Zague nannte die Auflehnung in der Verbannung eine schwere Sünde . . . Wozu aber gab Gott Einern Fünfte und sehnige Muskeln und ein weiches Herz, das Schmach und Bedrückung empfindet? . . . Ja dort erst, später in der heiligen Stadt Jerusalem . . . Und unwiderstchliche Sehnsucht loderte in ihm auf wie das Feuer im Schmiedeofen, daß ihm das junge Herz im Leibe zu versengen drohte. Dann las er vom Hunger in der Stadt Bethlehem und von Ruth. Eine helle Sonne fiel von den Gefi den Maabs auf die dunklen Stufen des Orit. Ruth war ein armes Mägdlein, wie er ein armer Junge war, mit der Sehnsucht im Herzen nach Welt, nach geheiligtem Boden, nach Wundererleben . . . Und Boas war ein fgroßer breitschultriger Mann, der wie Becher, Jirmeias Vater, mit gemessenen und sicheren Schritten hinter dem Pfluge ging . . . Aber Boas hatte nicht wie Becher um den Ertrag des Feldes zu zittern und mit den Nachbarn, mit Kamanten und Tabibans, zu kämpfen. Boas war auf eigenem Boden, im Lande des Moschtach, da wo Goodwon jetzt . . . Er erschrak, er dachte nicht gern an den Pastor und es war ihm, als würde die Berührung mit ihm in Gedanken abermalige Unreinhüt und Entweihung über ihn bringen. Aber ein anderer Gedanke stieg in ihm auf. Ruth! Hatte er nicht auch diese gesehen, auf dem Acker Bechers? Malku hieß sie und war Schwester des Jirmeias und hatte Augen, die glühen konnten wie Rubine. Und sie tummelte zwischen den Beeten und Blumen wie ein junges Reh und beugte sich über die Aehren und band si; zu Garben, als führte sie einen Hochzeitstanz auf und sang dabei, daß- „Und dann", riß Ada Zague mit seinem eindringlichen, brüchigen Basse den Jüngling aus seinen Träumen, „und dann gewöhne sich der Debtera daran, alle Sinneslust in sich zu töten und jeden Gedanken an das Ws.'b zu verscheuchen . . . Nur was von Männerhänden bereitet, diene ihm zum G"nuß. Sein Heim ist die Mesgid und das Octt sein Teil, dem die ganze Liebe seines Herzens gehört-" „Die ganze Liebe-" dachte Salomo zerstreut, und er nahm sich vor, fürderhin sündhafte Gedanken von sich zu weisen- . Im Hause der Eltern sah man um dtese Zeit Salomo nur selten. Seit dem Zwischenl t f.all mst Goodwon mochte er mit Job und seiner Schwester Batti nicht gern zusammentreffm. Er wußte, daß letztere feinem rechten Sinne nicht traute und Job zu allerlei Späher- und Lauscherdtenften anstiftete. Als Debtera mußte er aber Streitigkeiten aus dem Wege gehen. Vater Nisstm pst gte ihn aber in der Mesgid mit einem Blicke zu streifen, als wollte er sagen: „Nun wohlan, wollen einmal sehen, ob das Elsen bald weich ist und ob es Meister Aba Zague besser gelingt . ..." Aba Zague übte Geduld mir dem jungen Debtera und nahm kleine Versäumnisse nicht sehr schwer. Vielleicht hatte er auch besseren Einblick in die Seele des Jünglings, wo es wogte und brauste wie auf hochgehender See. Alle Handlungen waren für ihn tote Nebung, alles aus den alten Büchern aber inneres tiefes Erleben. Sein G ist schweifte in weite Fernen, bewegt und beichwingt von der tausendjährigen Sehnsucht seines Stammes. Ganze Nächte lang sann er auf seinem Strohlager über die Gestalten und Geschehnisse der alten Zeiten, daß er zuweilen den Hahnenschrei überhörte, der zum ersten Gebete weckte. Ganz anders geartet war sein Freund Jtrmeias. Nicht ohne schwärmerische Veranlagung, war er doch mit seinen Sinnen in der Hauptsache auf das Nächstliegende eingestellt. Er diente aufrichtig der Mesgid und versah seine Amtshandlungen mit einer Fertigkeit und Gewandtheit, die ihm wohlgefällige Bücke der Gemeinde und die Anerkennung Ada Zagues einbrachten. Seine Stimme beim Verlesen der Gebete war von einschmeichelndem Wohllaute und seine Hand war sicher und stink bei jeder heiligen Verrichtung. „Der geborene Debtera!" lobten die Leute. In freien Stunden zog es Jirmeias auf das väterliche Gut, wo zu Füßen eines Bergwaldes Koffeebäume und Baumwollsträuche das weite Ackerland umsäumten und der wilde Wein zur verwitterten Mauer emporkletterte, die seit undenklichen Zeiten als graunnd grünbemooster Schutzwall vor dem in der Regenzeit wild über die Ufer stürmenden Fluße dastand. Oben über die Berggipfel hinaus war alles dichter, geheimnisreicher Urwald, wo aus Schluchten Raubtiere brüllten, Elefanten und Nashörner, von Wildkatzen und Affen in den Zweigen beunruhigt, sich in den Weg liefen, wo tm Sumpfe Nilpferde plätscherten, Schlangen zischten und Krokodile, bis zum Tale hinunter hörbar, heulten. Mutige Abessinier pflegten zuweilen, bewaffnet bis zu den Zähnen, sich zur Löwen- und Leopardenjagd hinaufzuwagen, für alle anderen blieb die Welt da oben ein dunkles Reich unbekannter Schrecken, aus dem nur nächtlicherweile brüllender und heulender Gruß in die Stille der Ebene drang. Hier unten aber war Friede und Freude weit und breit/ von rechts her leuchtete das rote Gold einer Orangerie und links weidete auf der grünen Matte eine Herde von Rindern und langhaarigen Schafen und Ziegen. Becher, ein wortkarger, fleißiger Landwirt, führt die am Fruchtwagen ziehenden Kühe b s dicht an die Kaffebäume heran, und auf dem Wagen stand aufrecht, eine lange Gerte in der Hand, das schwarze große Faitentuch um den Körper btS zu den nakten Fußspitzen geschlungen, Malku, lachend und pfeifend die Tiere antreibend. Jirmeias legte mit Hmd an. Auch Salomo stand dabei. Wie war doch hier alles schöner und bester als daheim ln der rauchigen Schmiedewerkstatt/ seine Hände regten sich nur langsam zur Tat, um so mehr weitete sich sein Auge ... Ec war auf dem Felde zu Bethlehem und hier war auch Ruth, ote jetzt lustig mit einem Satz von dem Wagen sprang und sich au die Haufen machte. — Da wandte er rasch und erschrocken die Augen ab. Er war ja Debtera. . (Fortsetzung folgt.)