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Der Israelit · 1922-03-02 · Heft 9 (2.3.1922) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 9 (2.3.1922)
Date
1922-03-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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V '* Verschollene Brüder. Eine Salafdiagefchichfe aus Ser öegenwarl. i. In der Mesgid. In der auf der Anhöhe der Niederlassung gelegenen, aus grauem Holz und rohen Steinen gebauten Mesgid (Gotteshaus), das sich äußer« lich nur durch die höhere Lage und den roten Topf auf dem schiefen Strohdache von den anderen besseren Häusern im Tale auszeichnete, war der Abendgottesdienst zu Ende. Der Kahen (Oberpriester) Aba Zague legte behutsam und feierlich das Orit (Gesetzesbuch), aus dem er den wenigen Besuchern der Abendandacht vorgelesen^hatte, auf den kleinen Tisch aus Olivenholz und bedeckte es fast zärtlich mit einem goldgestickten Tuche aus rotem Samte. Dann tat er den abgelegten weißen Priesterrock in die große kupferne Truhe zu den zwei hohen irdenen Töpfen, die das Weihwasser und die heilige Asche enthielten. Auf dem Tische bräunten noch vor dem Orit alle sieben gelben Wachskerzen im kunstvoll verzweigten Mesfingleuchter. Langsam zog Aba Zague den schweren Vorhang zurück, der den Jnnenraum von der Vorhalle trennte und erschrack fast, als er im Dunkel des großen Raumes zwei Gestalten wahrnahm. „Ihr noch da, Salomo und Jirmeias!" rief er erstaunt, als er sie erkannte. „Wir, Aba Zague", erwiderte Salomo, der ältere, und seine Augen glühten wie die Funken an einer Kohle aus dem dunkelfarbigen runden Gesichte in das Düster. „Wir blieben da, als sich die Beter verliefen. Aba Zague versprach uns doch, aus unserer Vergangenheit und unserem Gesetze zu erzählen." Jtrmeias, etwas - jünger und scheuer als sein Freund, bekräftigte dessen Worte nur mit bittenden Blicken und stummem Kopfnicken. Der Alte zauderte und sah abwechselnd nach dem Orit und nach der Lampe,, als wollte er jedes Flämmchen einzeln befragen. Dann winkte er beide Jünglinge stumm heran und zog wieder den Vorhang zu. Er setzte sich auf die oberste der drei zum Ortttische führenden Stufen. Salomo und Jirmeias kauerten auf der untersten Stufe zu seinen Füßen. „Salomo und Jirmeias", sing der Kahen langsam und feierlich an, „hört auf meine, des alten Dieners Gottes Stimme! Ihr beide seid Erstgeborene und wohl von Anfang dazu berufen, mehr zu erfahren und zu wissen als alle Anderen, die in der Vorhalle beten und draußen auf dem Altäre opfern und dann mit kaltem Sinne zu ihren Herden oder ihrem Handwerke zurückkehren. Ihr seid zu Besserem geboren. Fühlt ihr die Reinheit in euch und die Kraft der Entsagung, um Diener des Herrn zu sein?" »Wo gibt es Höheres und Beglückenderes als in der Reinheit und in der Entsagung?" gab Salomo zurück. Aba Zague schüttelte das graue Haupt, dem die Lichter der Menora schillernden Stlberglanz verliehen. „Gerade so sprach ich vor fünfzig Jahren, als ich die Kraft durch alle Poren rieseln fühlte. Aber die Kraft, die auch Kraft zu bändigen hat, und der Wille, der auch den Willen beugen soll, sind der Jugend selten gegeben. Und gerade auf dieses kommt es beim Priester des Herrn an . . . Seht ihrich glaubte mich stark und war doch mehr vom Leben angezogen, als ich es selber wußte. Wie oft schielte ich, da ich als junger Debtera am Orit oder am Altäre stand, hinaus nach der Anderen Tisch, nach der Andern Glück, ja nach des Andern Weib ... Zu uns Kahens dringt von all diesen Freuden nur ein leiser Widerklang aus -er Leute reuigem Flehen und dankfreudigem Opfern ..." „Aber du hast dir^ Aba Zague, die Kraft errungen, die die Kraft und Luft zähmt", wagte Jirmeias einzuwenden. „Ja", sagte der Alte, „durch das erprobte Mittel, das ich euch lehren möchte, bevor ich euch in die geheiligte Hallen des Priesterdienstes etnführe." „Das Mittel, das Mittel!" baten beide zugleich. „Das Mittel ist einfach und im stillen beschaulichen Leben des Kühen nicht gar so schwer zu erreichen. Es gilt, alles in sich zu erleben ... Alle kommen sie mit ihrer Not und ihrem Danke und mit ihrer Angst und ihrer Freude in diese Hallen. Und wenn sie weinen oder beten oder in Dankesliedern jauchzen, stehe ich zwischen ihnen und dem, dem ihre Bitte und ihr Dank gilt und bin Dolmetsch ihrer Freude und ihrer Tränen. Da übertrage ich all das auf mich, nehme mir von all dem meinen Anteil, die Priestergabe vorweg . . . Ich zittere um Weib und Kind, die ich nie besaß und danke aus freudigem Herzen für Wohltaten, die Anderen erwiesen wurden. Der Kahen hat Anteil an allem, holt sich erste Hebe von allem ... Könnt ihr mich in euerem Alter verstehen?" „Ich glaube es zu verstehen", sagte Salomo, nach einigem Nachdenken, „für Andere leben, so heißt es in den Büchern, ist des Lebens einziger Sinn." „Es ist dies nicht ganz das, was ich mit dem Jnstcherleben der Erlebnisse Anderer meinte. Aber immerhin der erste Weg dazu. So sei es darum!" II. Wer und was sind wir? „Was wollt ihr zuerst wissen? Laßt es hören!" sagte Aba Zague, nachdem er die Jünglinge auf ihre innere Kraft geprüft hatte. „Zuerst, wer sind wir und was find wir?" sprach Salomo. „Wir sind so anders wie all die Anderen im Lande und dann ihnen doch so gleich, an Farbe, an Sprache, an vielen Gebräuchen. Und sie Haffen uns . . ." sagte auch Jirmeias. „Und überall auf Erden soll es Menschen unserer Art und unseren Glaubens geben, die Zanz wie wir als „Falaschas", Fremde, leben. Aber die von ihnen zuweilen zu uns kommen, stehen uns ebenfalls wie Fremde gegenüber, bestaunen unser „Orit", das anders sei als ihr Gesetzbuch und nennen unseren Opferaltar eine Sünde. Wo gehören wir dann hin?" Aba Zague wehrte mit der Hand ab. „Es sind der Fragen zu viel und mehr als ein alter Kahen, der sein Leben lang in der Mesgid sich mehr in sein Selbst als in gelehrte Bücher vertieft, beantworten kann. Wohin wir gehören? Zu uns selbst! Wir wissen über unsere Herkunft nicht mehr als das, was uns die früheren Kahens erzählten und was auch die Geistlichen im Lande in ihren Kirchenbüchern von der Geschichte der Negusfamile und Abessiniens zu erzählen wissen." „Was wissen sie davon zu erzählen?" „Die alten Bücher leiten die Abstammung des Negus, der Herrscherfamilie, von unseren großen weisen König Salomo ab. Der Negus selbst und der Adel d°s Hofes sind uns Falaschas blutsverwandt." „Erzähle Aba Zague vom großen weisen König Salomo", bat Jirmeias, und seine Augen weiteten sich wie die eines Kindes in Erwartung einer Wundererscheinung. „Was wir von unserem Salomo, Sohn Davids wissen", sing der Kahen gedehnt an, „ist dies, daß er dritter König in Jehuda-Jsrael, zweiter aus dem Haufe Dawtds war und vierzig Jahre in Glanz und Frieden das Volk richtete, von einem goldenen Throne aus, wie ihn kein König vor und nach ihm gesehen hatte und sehen wird." Aba Zugue schlug «in älteres Pergament auf und las aus dem äthiopischen Texte, Satz für Satz ins Amhartsche übertragend, aus der Geschichte des großen Königs und dem Glanze seines goldenen Thrones. „Die Geschichte, die ich euch zu erzählen habe", brach Aba Zague die Vorlesung ab, „beginnt aber rytt der Königin von Saba." „Ja, die Königin von Saba", warf Salomo ein, „sie kam, nachdem sie durch den Auerhahn Kunde vom König erhalten hatte, mit reichen Geschenken zu ihm hin, prüfte ihn mit Rätseln und bewunderte seine Größe und seine Weisheit -Was geschah aber weiter?" „Mehr wissen unsere Schriften davon nicht. Aber die Schriften der Kirche erzählen die Geschichte weiter. Sie wissen, daß Salomo ihrem Wunsche, Lei ihm zu bleiben, stattgegeben hatte und sie ehelichte. Ein Sohn ist nach Jahresfrist dieser Ehe entsprossen, der den Namen Menelik erhielt und der später als Menelik der Erste der Stammvater des abessinischen Königsgeschlechtes wurde. „Die Abessinier erzählen, daß Meneltk bet seiner Flucht aus Jerusalem nach Saba, genannt Kusch und jetzt Abessinien, um dort den Thron seiner Väter zu besteigen, die Bundeslade mitsamt den Bundestafeln aus dem Salomonischen Tempel entwendet hätte, außerdem eine Anzahl von Priestern und Lewtten und je einen Angehörigen der zwölf Stämme Israels mit sich nach Abessinien nahm. Das Letztere wird schon richtig sein, aber das mit dem Diebstahl der Bundeslade — Aba Zague sah sich um und senkte die Stimme bis zum Flüstertöne — wäre für uns zu glauben, Sünde. Bundeslade und Bundestafeln blieben gewißlich im Tempel zu Jerusalem. Vielleicht hat Menelik mit Hilfe von kunstfertigen Priestern eine Nachbildung und Abschrift zustandegebracht." „Wo sind diese geblieben?" fragte Salomo. „In Adults der Hafenstadt von Axum, wo sich auf dem höchsten Hügel mit dem Ausblick auf das Meer das Heiligtum des Negus befindet, spricht man vom Tabot, einer goldenen Lade, in der sich zwei Gesetzestafeln befinden sollen. Es hat sie bis jetzt kein Menschenauge gesehen . . ." „Dann sind der Negus und sein Stamm, die Herrn des Landes, unsere Brüder, Fleisch von unserem Fleische", meinte Jirmeias. „Und dennoch sind sie uns fremd und feind und lassen das Volk, das uns haßt und verfolgt, ruhig gewähren", bemerkte Salomo bitter. „Ja, sie sind uns fremd und feind", Lestäigte Aba Zague. „Waren es vielleicht nicht immer, sind es aber bald geworden." „Wann und warum?" „Wer kann es heute noch mit Bestimmtheit sagen, wann und wie? Falaschas, Fremde sind nimmer geliebt. Und „fremd" ist nicht der, der zuletzt ins Land kam, sondern der klein und schwach ist ..." (Forts, folgt.) aa w .mm mm mm -> Weitere Lösungen sandten noch ein: Adolf und Erwin Seltgmann, Hamburg: Markus Stemmer,, LudwtgShafen; Ludwig Kohn, Nürnberg: Josef Rosenthaler, München; Ernst und Markus Sichel, Schlüchtern; §da und Bet ly Goldmann, Wiesbaden- Siegfried ans, Frankfurt a. M. 476962

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