Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1922)
- Date
- 1922-03-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Getto 2 Nr. 9 Bekenntnisses mit uns gemein und lehnen aus den gleichen Gedankengängen Naumann und seine Bestrebungen glatt ab. Freilich fehlt den Liberalen der innere Halt, die tiefere Verankerung im positiv Religiösen, die auch dem politischen Liberalismus Kompaß und Richtschnur sein könnte, daß er . nicht, in einer Vermischung-von politischen und religiösen Begriffen zur Preisgabe der Tiefsten und. Heiligsten führt. Das ist ein weites Kapitel, das wir oft genug in unseren Blättern behandelt haben und das in keinem direkten Zusammenhänge mit diesen Erörterungen steht. Anders aber verhält es sich mit den Zionisten, die natürlich ebenfalls geschlossen den Naumann'schen Bestrebungen strikte ablehnend gegenüberstehen. Die Zionisten haben keinen Grund, wie dies vor kurzem in einem von uns bereits gestreiften Artikel Hans Goslars im „Tag" geschehen ist, sich über diese mißgestaltete Zwitter gebürt, eine unverkennbare Kreuzung von religiösem Liberalismus und liberalem Zionismus, zu beklagen. Denn sie haben die Begriffsverwirrung angerichtet, die geistige Atmospphäre geschaffen, in der dieses Gebilde entstehen konnte. Die Doktrin vom jüdischen Nationalismus, die Verdrängung der Religion aus dem Mittelpunkte des jüdischen GesamtheitöbewußWns konnte wahrlich die Suchenden bei der religiös Liberalen, die die äußeren Ketten gesprengt, aber von der Welt und den Umständen doch immer wieder in ihre alten Kreise gewiesen wurden, nur wenig begeistern. Es ist nicht zu verkennen, daß die um Naumann nach einem gewissen Positivismus im Politischen, im Geistigen und unbewußt vielleicht auch im Religiösen lechzen. Aber die ihnen im Kulturleben nahestehenden Zionisten haben ihnen diesen Positivismus auf einem Weg gezeigt, den sie nicht gehen wollen, noch können. Der jüdisch-nationale Gedanke nimmt ihnen alles, um das sie seit hundert Jahren schwer gerungen haben und gibt ihnen dafür nichts, woran sie sich klammern, was ihnen im Kampfe mit sich und mit der bösen Welt Stab und Stütze sein könnte. „Wenn schon national, dann Deutschnational!" Die Naumann - Anhänger haben doch ausgesprochenermaßen im letzten Ende nur als Demonstration gegen den Zionismus, der ihrer Meinung nach die trostlose Entwicklung der Verhältnisse in Deutschland verschuldet und andauernd die antisemitischen Mühlen mit Wasser versorgt, nach dem deutschnationalen Schilde gegriffen, zur eigenen Rechtfertigung und, wie sie glauben, zur Ehrenrettung der deutschen Judenheit. Wurde der Zionismus gelegentlich als Trutzjudentum bezeichnet, so müßte ihm als Bemerkungen zu Sätzen der Schrift.') rarorr fwi ~.s” anrn rx inp» cm (Cxod. 25, 3). Die Almosen, die der Gesunde gibt, sind Gold, die der Kranke gibt, Silber; die man im letzten Willen verfugt, Kupfer. & twstpn 82 ix -|jn ^ann °72N dk (ib. 22, 25). Gibst du abends dem Armen sein Pfand nicht zurück, verdienst du nicht morgens dein Pfand, die Seele, von Gott zurückzuerhalten. NL'N s" (Levit. 10, 9).-Unmäßig Wein trinken bringt Armut, Schande, Zwietracht, führt zu Verleumdung, Unzucht, Mord, zum Verlust der Freiheit, der Ehre, des Verstandes. *) Aus Tvsafot zum Pentateuch. Erschienen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts von unbekanntem Berfaffer. Angeführt auchim„Slttenlchrer^von Dr. Zu uz. Verlag I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Der JSraelit. Damm ein jüdisches Trutzdeutschtum entgegengesetzt werden! Wtr sind aber nicht'Trutzjuden, sondern Juden aus Liebe und Ueberzeugung, aus Glauben und Vertrauen an die ewige Kraft der Thora, die die Seele des Judentums ist. Ebenso wenig wollen wir Deutsche aus Trotz sein, sondern aus Liebe zum Vaterlande und einem Gefühle der Staats und Kulturgemetnschaft heraus, das zu tief in uns ist, als daß es von antisemitischer Demagogie berührt werden könnte.-— Wenn wir so dieNaumann'sche Partei entschieden ablehnen müssen, so schließt dieses nicht aus, daß wir auch den positiven Parteien die Hand zur Mitarbeit bieten, vorausgesetzt, daß die Liebeswerbung von der anderen Seite ausgeht. Kurz vor dem Krieg war viel die Rede davon, und man war in der konservativen Partei ernstlich daran, das Hindernis des. Tivoltprogramms aus dem Wege der Verständigung zu räumen. Es wechselten aber inzwischen die Zeiten, die Vögel und die Lieder. Die Berge von Haß und Mißtrauen, die fünf Jahre des Blutvergießens gehäuft, bilden keine, hohe Warte, von der Liebe und Versöhnung verkündet wird. Die Konservativen heißen Deutschnationale und unter deren Führern ist kein Grabowski, sondern Reventlow, Kunze und Dinter, in deren Ideenwelt uns einzufühlen wir nicht nur als Juden, sondern auch als Deutsche, die es gut mit dem Vaterland meine»/ ablehnen müssen. Da wir jedoch an Deutschlands Zukunft glauben, so hallen wir es für möglich, ja für wahrscheinlich, daß sich die bessere Erkenntnis, die damals aufzudämmern begann, früher oder später bet den sogenannten nationalen Parteien doch noch Bahn bricht, dann werden die konservativ Gesinnten unter uns für eine Mitarbeit im Rahmen des neuen Deutschlands zu finden sein. Denn es ist nicht zu leugnen, daß uns mancherlei gemeinsame Interessen, vor allem die Sorge um Wahrung der religiösen Rechte mitten in einem religiös desinteressierten Staatsgebilde ebenso wie mit dem Zentrum auch mit den Konservativen verbinden. Aber warten wir ruhig ab, bis diejenigen zur Vernunft gekommen, die sich in der Zeiten Dunkel auf die gefährlichen, an den Abgrund' führenden Straßen des Haffes verloren haben, und unterlassen wir es als Menschen von Selbstachtung mit einem ungebetenen Hurra einzustimmen. Den jüdischen Deutschnationalismus lehnen wir ab, ob er als deutscher Nationalismus, mit Betonung des ersten Wortes, gegen die Zionisten gerichtet ist oder als deutscher Nationalismus, mit dem Schwerpunkt auf dem zweiten Wort, sich belehrend an die Uubelehrbaren im Feindeslager wendet. pi.sn 727 '77 31 n;pai (Numeri 32, 1). Macht und Reichtum, die man sich angemaßt oder ohne Gottesfurcht erworben, haben keinen Bestand. Beide sowohl wie Klugheit sind Gaben Gottes, daher soll man sich ihres Besitzes nicht rühmen. Der sittliche Wandel aber wird über den Menschen, da er frei ist, nicht verhängt, er allein ist unser Eigentum und darum mögen wir der Erkenntnis Gottes uns rühmen. Die Juden in Heddernheim. Von Rabbiner Dr. Löwenstein in Mosbach. In Nr. 26 dieses Blattes wurden Notizen über die Juden.in Heddernheim veröffentlicht. Es dürfte -die Leser des „Israelit" interessieren, noch einiges Andere hierüber zu hören. Zunächst sei erwähnt, daß 1518 in Heddernheim (Dii*nvi oder oimyn) eine jüdische Druckerei errichtet wurde, aus der jedoch nur zwei Druckwerke heroorgingen und zwar ap^x mnsj von Rastatt Herz ben Elieser Treves, Vorderer aus Frankfurt a. M., ein Büchlein, das kabbalistische Bemerkungen zu Bechais Brbelerkiärungen nebst Inhaltsverzeichnis enthält,' das andere Druckwerk ist eine Selichotausgabe nach deutschem Ritus. Die Drucker waren Chappim ben David Schwarz, sein gelehrter Schwiegersohn Joseph beU Jakar und sein Sohn Joseph. Nach dem Berichte von Schudt (Jüdische Denkwürdigke'ten I, 5*1) soll diese Druckerei noch längere Zeit besiauden haben, jedoch I 2. März 1932 Der Schutz der Minderheiten. Der Gedanke, gegenüber, den im Giesolge. des Krieges neu erwachtcu it a ti o t uilifttschemStrömuug'en in alten und neuen Staaten, die^sremdnationalen Minderheiten innerhalb dieser Staats- Igebilde auf dem Wege der internationalen Rechtsschöpsung gegen Unterdrückung und Vergewaltigung zu schützen, ist zweifellos eine au sich ü b e rau s iv ertv.olle Erruug?ensch aft der sonst so anfechtbaren ~ Friedensverträge. Weniger einmütig wird malt bei der Beurteilung 'der Frage sein, ob auch für die jüdische Minderheit in den nengebildeten Nationalstaaten, des Ostens die schematische Anwendung des Minoritätenschutzprinzipes Heil oder Unheil bedeutet. Die Verwischung des religiösen Gepräges der jüdischen Gemeinschaft und zugleich, ihre Unterstellung unter beit Schutz einer fremden Politischen Macht birgt ungeheure Gesahreu ' tu sich, die heute itur eilt Blinder verkennieni kann. — Es ist uuu für die weitere Urteilsbildung in dieser schwierigen Frage nicht uitiitteressaut, aus einem Artikel, den der tschecho-slowakische Gesandte in Paris, Stefait Ossusky veröffentlicht, Genaueres über die Geschichte des M iuo r i tä te rt schütz ge dattke ns zu erfahren. Er schreibt u. a.: „Auf der Friedenskonferenz war es Präsident Wilion, der mit dem Antrag hervortrat, den neuen Staaten, sowie jenen, welche ihre Gebiete erweitert haben, internationale Verpflichtungen über den Minderheitsschutz aufzuerlegen. Der Antrag Wilsons ging bedeutend weiter, als die Bestimmungen des Berliner Kongresses, vom Jahre 1878) wenn im Berliner Vertrag ausschließlich nur vom Schutze der Religionsfreiheit die Rede ist, so wird im Antrag Wilsons, neben der Religionsfreiheit, auch die Rassen- und Nationalitütenfreiheit, mit anderen Worten, eine politische Gleichberechtigung der Rassen und Nationen, vorgeschrieben, Der Gedanke des Minoritätenschutzes konnte jedoch (da dem Amerikanismus durchaus fremd) in Amerika nicht zur Welt kommen, da sich der Amerikanismus in einer anderen Richtung bewegt) trotzdem es Präsident Wilson war, der diesen Minderheitsschutz beantragte, bleibt es doch wahr, daß dies ein unamerikanischer — insoweit es sich um Wilson handelt — ein jüdischer Gedanke ist. Wenn ich dies behaupte, will ich nicht darüber urteilen, ob dieser Gedanke gut oder schlecht ist, sondern einfach darlegen, wo ihn Präsident Wilson hergenommen hat. In dieser Richtung übten auf Wilson die Mitglieder des amerikani ch-jüdischen Ausschusses, unter Leitung des Richters W. Mack, den ich als Juristen von Chicago her persönlich kenne, und Ludwig Marschall einen Einfluß aus. Hinter dieser Gruppe standen ' ferner in Paris: Felix Frankfurter, Präsident des amerikanischen Rates für Arbeiterpolitik und Chef der bekannten Firma Kuhn, Lob & Comp, aus New Jork, seien viele dort gedruckte Bücher durch den großen Brand in Frankfurt a. M. 1711 vernichtet worden. In Heddernheim ergänzte 1595 Juda ben Joseph ha Levi für R Elia Loanz die von diesem gefertigte Abschrift des nivp von R. Salomo Lurie, ‘ eines Kommentars zum 2 "cd, der 1599/1600 mit Ergänzungen durch R. Elia Loanz in Basel gedruckt wurde,' vgl. Neubauer, Catalogue 868, wo das Datum der Abschrift ungenau ist, da in dem angegebenen Jahre der 27. Adar aus Mittwoch fiel. Nach Dich (Stammbuch der Feankfur er Juden), flüchleten 1626 die Juden von Heddernheim nach "Frankfurt, wo sie in kleinerer Anzahl wohnten. Dietz erwähnt ' einen Moses ben Jekusiel aus Heddernheim, der 1691 in Frankfurt starb, sowie einen Jakob H. aus dem Jahre 1716. Hier wurde 1780 Löb Erlanger geboren, der 1816 nach Frankfurt übersiedelte und Stammvater der gleichnamigen geadelten Familie wurde. Von Heddernheim stammte Jakob ben Meschullam Weil, genannt Jakob Bachur, der das Jitörw JW15J” 's über die künftige Erlösung in jüdisch-deutscher Sprache zusammenstellte: es erschien gedruckt in Hanau 1620, Amsterdam 16*9, Fürth 1691. 1657 starb hier der gelehrte Vorbeter Schimeon ben Metr, der mehr als Jahre lang sein Amt in Friedberg und anderen Orten, zuletzt in Heddernheim ausübte. Durch die Gerichts- und Polizeiordnung vom 8 Oktober 1720 wird den hiesigen Juden bei schwerer Leibes- und -Lebensstrafe der Kauf gestohlener Sachen und die Einfuhr kranken Viehes vcrboien. Auf einen Büßsatztagder am 22. November 1736 hier abgehalten wurde, würden einigen Juden wegen verschiedener Vergehen, meist Uebertretung der Sonntagsheittgnng, gestraft; auch wurde ein . Mann mit Strafe belegt, der den Rabbi Israel (vermutlich