Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1922)
- Date
- 1922-02-23
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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mu s. Nr. 4. MlStter/ 23. Februar 1Ö21 mudische D'nn D3n "s1^2, welches Bet jeder großen jüdischen Versammlung zu sprechen sei und welches daraus Hinweise, daß, wenn auch in Einzelheiten die Meinuttgen geteilt sein könnten, die prinzipielle Einheit durch die gemeinsame Weltanschauung gegeben sei. In allen wichtigen Fragen der Agnda wie Erziehung, Erez Jisroel, Turchdriugeu des täglichen. Lebens mit Torageist, gelte es in erster Linie dem Naase Wenischmo entsprcchend. Positives zu leisten, die Grulidzüge zu gestalten und dann nachher die Einzelheiten zu besprechen. (Lang anhaltender Beifall.) Fm Namen des polnischen Nabbinerverbandes ergriff der Qstrower Rabbiner Meier Plotzki das Wort, welcher darauf hinweist, daß es Pflicht einer solchen jüdischen Massenversammlung sei, Gottes Namen öffentlich durch das Schemage- 'töbnis zu ehren. Uttb wie ein Manu erhebt sich die ganze Versammlung und ruft das Schema, ein Moment, der jedem Teilnehmer unvergeßlich bleiben wird. Im Namen der ostgalizischen Agnda spricht in hinreißenden Lapi darf ätzen der Glyninner Rav. Im Namen der Wilnaer Zentrale spricht der Worowener Rav und führt n. a. ans, daß in Wilna zwar durch die unklare politische Lage die Agndabelvegnng erst in letzter Zeit große Fortschritte gemacht habe, daß aber in Wahrheit Wilna als die historische Gebnrtsstadt (Gründung der Kneses Jisroel 5657) des Agudagedankens in edlem Wetteifer mit Polen immer mehr und mehr Träger des Agudagedankens werde und daß man dort hoffe, daß die materiellen und ideellen Nöte des jüdischen Volkes durch das .gemeinsame Zusammenwirken der der Tora Treugebliebenen die einzig mögliche Linderung finden iveroen. Mit einem warmen Gruß des durch Krankheit seiner Frau an der Teilnahme verhinderten Ehosez Ehajim schließt der Redner seine Ausführungen. Begrüßungen von palästinensischen, holländischen, amerikanischen, englischen, südlitanischen und ukrainischen Gästen, sowie der Verlesung der wichtigstell eingelaufenen Begrüßungstelegramme beendeteil den erstell Teil der Eröffnungssitzung, welche llach rmr kurzer Pause mit dem großangelegten Referat des Herr:'. I. M. Lewiu über die Tätigkeit der allweltlichen und der polnischen Agnda ihre Fortsetzung fand. (Fortsetzung folgt.) Agudismus. Es ist jetzt etwa ein Jahr her, seit das im 28ejciitiid)cn von Dr. .$jnac Breuer entworfene Programm für die Agudas Jisroel- Ortsgruppe in Frankfurt a. Ri. zur Annahme gelangt ist. Der Verfasser hat diesem Programm — er verzeihe mir den an anderer Stelle von ihm selbst angewandten Allsdruck — eine Geburtsurkunde beigegeben, die alles Nötige enthält. (Die Idee des Agudismus.) In ihr stellt er unter Zuhilfenahme einer captatio benevolenfciae den bis heute noch uuBeftritteucu Satz auf, oaß den bis heute noch unbestrittenen Sau auf, daß die Diesem Schlafzustand ivill das neue Programm dadurch, daß es „die Aktualisierung der für alle Zeiten formulierten Bestimmung der Agnoas Jisroel für die Gegellwart übernimmt", ein Ende bereiten. «Seite 18.) Die Verwirklichung des Programms, dessen ist der Verfasser sich bewußt (Seite 40), hängt jedoch davon ab, ob es — Menschen findet. Hat null das Programnl die Menschen gesunden, die es braucht? Hat in der Tat das neue Programm bis heute so schöpferisch und nengestaltend geivirkt, tute. seilt Schöpfer es sich wohl gedacht? Man muß die Frage im Großen und Ganzen verneinen. Und iveshalb hat es nicht so wirkcll könnert? Es lag! wirklich llicht all dem Inhalt, auch nicht all dem Stil des Programms, deil zu beillängein sich einige müßige Leute beivogen fühlten. Wenn trotz Annahme dieses neuen Programms in den Seelen der meisten Agudonntgäeder keinerlei Veränderung vorgegallgell ist, 1 so liegt das an etwas ganz anderem, das hier ill aller Deutlichkeit ausgesprochen werden muß. Will mall eine neue Idee oder auch nur eine gewisse Gedarlkenrichtnng sich auswirkeu lassell aus eine schon vorhandene Gemeinschaft, so erreicht man das niemals dadurch, daß eine alts detnokraüsch-parlamentarischem Wege erfolgende Massenabstimmung eben dieser Gemeinschaft sich über die Annehmbarkeit dieses Neuen zu entscheiden hat. Gesetzt den Fall, man nimnrt mit überwältigender Mehrheit die im Kopse eines Einzelnen entftaubcuc Idee an, gewährleistet denn das schon die wahrhafte Verwirklichung? Ich befürchte, man begnügt sich mit der gclvißlich erfreulichen Feststellung, daß man noch genug geistige Schwungkraft besitze, um Neues ill sich anfzunehmen, läßt es aber dann beim Alten. 'Denn jeder Idee, sofern sie wirksam Jein will, muß eine Tat folgen, die zn vollfnhren die Masse, und mag sie sich allch aus noch so wertvollen Individuell znsammensetzen, niemals imstande sein wird. Wahrlich, Jsaac Breuer Hütte besser darau getan, vor der Ammhme durch die Allgemeinheit feilt Programm zu verlvirktichen durch eine engere, ganz geringe Schar, um dann oen ^Anspruch zu erheben: Hier habe ich einen Kreis geschaffen von „Agüdisten", die ihrerseits befähigt sind, um sich wieder einzelne /,agndistische" Kreise zn bilden. Das wäre zwar die Verwirklichung des Prinzips der Auslese, ohne das man heute aber nicht mehr weiterkommt. Aus dem Programmentwnrf ergibt sich die Uebcreinstimmnng mit diesem Prinzip) denn wie anders wäre 'dieser Satz anfzufaffcn: „Der Vorstand der Ortsgruppe soll grulldsätzlich nur ans Personen bestehen, die überzeugte Anhänger des Agudismus sind." Hier lvird ein scharfer Schnitt gemacht zlvischen Beitrag zahlenden Mitgliedern der Agudas Jisroel einerseits und Agndisten anderseits. So weil mir jedoch in Erinnerung, hat mall an den beiden Ausspracheabenden, die biejem Programme gewidmet waren, nur ein einziges Mal ganz vorsichtig auf diese Trennung aufmerksam gemacht. Sie jedoch jetzt mit allen ihren weittragenden Konsequenzen dnrchzufiihren, das hat niemand vermocht. Oder ich erlaube mir ill aller Bescheidenheit die Anfrage: Hat man bei der Wähl der Vorstandsmitglieder sowohl der Ortsals auch der Jngendgrnppe in Frankfurt a. M. darauf geachtet, daß nur Agudisten gewählt werden? — Man täusche sich nicht hinweg über diesen großen prinzipielleil Gegensatz, zumal feine Nichtachtung unendlich viel beiträgt, daß man der Agudas Jisroel Tatenlosigkeit vorwirft. So wenig man durch eineil Beitrag zum Kereil Hajcssod Zivilist ist, ebeilso lveiüg sollte ein nur zahlendes Mitglied der Agudö das Recht besitzen, sich Agudist zu nennen. Agudist sein kann man nidjtan wenigen Abendstunden in der Woche, Agudist sein erfordert die ganze jüdische Persönlichkeit. Unterschätzt nicht all die Forderungen, die das Frankfurter Programm für die geistige Bereitstellung der Ortsgruppe erhebt! All oas sind Forderungen, die vielleicht zu selbstverständlich klingen, die zn erfüllen jedoch nur Einzelne die Kraft haben. Denn das ist die Schwäche des Frankfurter Programms, daß es ein Maximatprogramm ist. Seine Stärke — um nur eines heranszugreifell - liegt darin, daß mit der Annahme des Programms die Frankfurter Ortsgruppe sich offiziell erklären muß zu dem Satze: „Der Zivnismus ist der furchtbarste Feind/ der je - der jüdischen Nation erwachsen ist." „Und dieses Eine wiegt viele Taten ans." II. Abt. Zeitfragen! Nur keine Angst! Es handelt sich hier weder um schwierige Probleme der Einsternschen SRelatüJi* tätstheorre, noch soll der Sturz der Valuta besprochen werden. Doch wie ichs dreh und wende, sehe ich, es nützt mir nichts. Wist man über T ö ch t e r e r zi e h, u n g und Berufstätigkeit in der Gegenwart reden, muß MM sich aus die furchtbare Teuerung beziehen, bemt bei jeder Frage heißt es heute wörtlich: .brn ns* n: >*' rcr- Schwindelerregeiid, fast unfaßbar hoch ist heutt selbst das Budget des kleinsten, bescheidensten Hau-- Halts. Trvtzdciu Haffen imb erstreben Israels jSöfjm und Töchter die Gründung neuer jüdischer Häuser Und mit dlecfjt! Denn die Ehe darf nicht nur den Neichen möglich sein. Skeptisch schütteln die Frau»» und Mädchen aus üen: Mittelstand den Kopf, frage-, angstvoll zweifelnd: „Me sott es möglich fein, fein den Haushalt zu führen? Wohnungsnot? Personal mangel? Jnbezug aus die Wohnungsfrage hat die Not" in diesem Falle nicht nur „beten", sondern glich „sich fügen" gelehrt. Wie froh ist mancher mit einem, mit zwei bescheidenen Räumen, de«, sonst eine 4—5 Zimmerwohnung selbstverständlich war/ Für die andern Fragen: Personalnot und Jnstnndhal tnng einer gemütlichen Häuslichkeit ließen sich r«. >A. lt. durch eine veränderte Erziehung und Berns-- tätigkeit der Frauviele -Schwierigkeiten hinwegräumen. „ H e r a u » a u S d e m Geschäft und hi n - e i u ist das Haus", sei die Losung. Fragen wir die jungen Kontoristinnen, warum sie sich diesem nc-rvenzerrüttenden, aufreibenden Berufe znwen'oen, so ist die dlntwort: „Alan muß verdienen". — Und was tun Sie mit dem Verdienst? Dreierlei Antworten gibt es gewöhnlich: „Ich mich mit zu den Haushaltstosten beitragen". — „Ich kleide mich gcr» lchön, und das kostet Geld." — Ganz selten lauter die Antwort, und vielleicht noch .seltener bewährt sich die Tatsache: „Ich will mir etwas znrücklegen" —' Gehen wir auf die erste Antwort naher ein, s» erfahrest wir leicht, daß der von der Tochter erworbene Haushattsbeitrag in den Lohn für da-: Dienstmädchen oder siiD die teure Putzfrau fliest. Und darum soll sich das junge Mädchen' im Buren» abarbeiten und die köstlichste Jugendfrische und Kraft zum Opfer bringen? Oder etwa, damit sich die junge Dame einen schönen Pelz, ein modisches Kostüm raufen kann? Werden wir doch vernünftig! Wer heute im Mittelstand heiratet, muß seinen Hausstand selbst versehen, maß jegliche Art weiblicher Arbeit verstehen. Helfet der Mutter kochen, nähen, flicken, stopfen, waschen und bügeln, eignet Euch Fertigkeit darin an. Ihr erspart den häufigen Verdruß "mir dem Hausmädchen, ihr tut Euch selbst den größten Dienst. Viel gesünder ist diese, den ganzen Organ iSmns in Bewegung bringende Tätigkeit, als dae stundenlange Sitzen aut Telefon oder an der Schreibmaschine. Leicht können sich Mutter und Tochter, oder zwei Schwestern den häuslichen Arbeitskreis so einteilen, daß mehrere Stunden in der Woche der weiteren Ausbildung tut Jüdischen und in profane» Kenntnissen gewidmet werden tonnen. Mit freierem Kopfe werdet Ihr Haustöchter dann zu den Schiurim kommen und mehr Gewinn davon haben, als vom Kontor abgehetzte, ermüdete Stenotypistinnen und Buchhalterinnen. Tie Bildung braucht unter der Hausvrdnung durchaus nicht zn leiden. Bildung bebeutet: „liebevolle& ÜHacIijcin für alles. Geistige' — (Tielemann). Auch die im Haushalt selbst tätige Frau findet noch Zeit, ein gutes Buch zn lesen, den geistigen Interessen ihres Mannes in treuer Kameradschaft zu folgen. Vielleicht vermag die Em ziehnng solcher im .Hause gewandter Mädchen zur Lösung des Problems der Frühehe einen Schritt beizutragen. , Viel könnten wir in dieser Beziehung von den ungarischen Mädchen lernen, die früh an jegliche Hausarbeit gewöhnt werden, und — wem sie als tüchtig bekannt sind — verhältnismäßig früh zur Ehe kommen, auch wenn die pekuniären Verhältnisse bescheiden find. Wollen hoffen, daß sich auch in Deutschland für solche geschickte Haustöchter Männer finden, die diese Vorzüge zu schätzen wissen, wenn auch die geldliche Alltgabe gering ist. — Ich höre schon den Einwurf: „Aber nicht alle Mädchen kommen zum Heiraten. Alan muß doch für alle Fälle gesorgt haben." Gewiß, aber dann wendet Euch den weiblichen Bernsen zu, werdet Schneiderin, Näherin, Putzmacherin, kunstgewerbliche, soziale Berufe stehen den dafür Befähigten offen. Seist geeignete, begabte Mädchen sollen sich den geistige» Berufen zuwenden. Es muß auch gute Lehrerinrie». gute Acrztinnen geben. Allerdings ist eine längen und kostspieligere Ausbildungszeit für diese Berufe, erforderlich. Vielleicht ließe sich für diesen Zweü ern Stipendienfonds schaffen, der unbemittelten. AöiB chen die praktische Ausbildung ermöglicht. Gesünd» itnd befriedigender. ist diese Tätigkeit jedenfalls aldie Büroarbeit. Gebet Antwort auf diesen Vorschlag, Ihr Vütcr und Mütter, Jünglinge und Jungfrauen, Be-aiittc, Kanslente und Aerzte. Und vor allem Ihr, Ihr Thoragelehrte, saget, ob jüdischem Ideale diese Forderung srch nähert. Denn nur diesem sei jedes Work, sei jede Feder gewidmet. H. I. cssn verantwortliche Redaktion: Rabbiner vr. P. K o h n, Lr. S. E h r m a n n, I. S ä n g e r. Truck von Rupert Uaumbach, Krankfurt am Main.