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Der Israelit · 1922-02-09 · Heft 6 (9.2.1922) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 6 (9.2.1922)
Date
1922-02-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 6 des „Israelit". Sagen jerusalemWer Men. Gesammelt und bearbeitet von Chajim Bloch inWien. (Fortsetzung.) Des Königs Traum. Es war in den Zeiten des ARJ., sein Andenken sei gesegnet, da hatte der König eines fernen Landes, rinen Befehl erlassen, daß die Juden an seine Schatzkammer eine sehr große Summe abführen sollten. Er bestimmte eine Frist von drei Monaten und also lautete das Wort des Königs: „Wenn die Juden bis zu dem festgesetzten Tage das Geld nicht erlegen werden, dann haben sie bei sonstiger Todesstrafe das Land zu verlassen." Die königlichen Kuriere und Eilboten brachten den mit Unterschrift und Siegel des Herrschers versehenen B-fehl in alle fernen Provinzen, in denen des Königs Wort Kraft hatte, es war überall eine abgemachte Sache, die Juden, wenn sie das Geld bis zum festgesetzten Tage nicht erlegen, aus dem Lande zu vertreiben, und man machte allen Ernstes alle Vorbereitungen dazu. Noch das ist zu bemerken: die Summe, die der König einforderte, war so hoch, daß ks keinem vernünftigen Menschen einfallen konnte, die Juden wären imstande, diese aufzutreiben. In allen Orten des Landes, wo Juden wohnten, herrschte große Trauer, man ordnete Fasttage an und man flehte lnbrüustig zu Gott. Doch der Herr der Heerscharen läßt sein Volk niä t verkümmern, und bevor er über sein Volk schweres L i) und Bedrängnis verhängt, erschafft er die Hilfe. Die Juden dieses unglücklichen Landes hatten schon seit langer Zeit von Rabbi Jizchak Lourja, dem furchtbaren göttlichen Kabbalisten im Heiligen Lande vernommen und es kam zu ihnen Kunde von den wunderbaren Dinaen, die durch das Wort seines Mundes geschehen Und sie beratschlagten, nach S ffed, der Stadt, wo der göttliche Mann Gottes Wort aus dem lebendigen Quell schöpfte, Boten zu senden, die .an sein Her; rütteln sollen, daß er Erbarmen im Himmel für sie erflehe. Die Boten nahmen viel Geld mit sich, damit es ihnen auf dem fernen Wege nicht ermangele und traten die Reise an. Sie langten an einem Freitag in Saffed ein. Trotzdem sie noch keine Speise zu sich genommen hatten, um ihren Hunger zu stillen, und sie auch von der langen Reise ermüdet waren, wollten sie es nicht versäumen, noch das Haus des Meisters aufzusuchen,- man vergesse nur nicht, daß es sich um das Leben tausender Juden handelte. Sie begegn ten einigen Juden, die gerade ins Haus des Rabbi Jizchak eilten und sie fragten: „Wo wohnt der Rabbi?" und als man ihnen das Haus wies, eilten sie dahin. Er war bereits in den weißen Gewändern zu Ehren des Sabbat — es war sein Brauch, den heiligen Tag in Wonne und Freude vor Sonnenuntergang zu empfangen, — von seiner heiligen Jüngerschaft umgeben. Sein Antlitz leuchtete wie die Sonne, er erschien den Abgesandten als ein Engel des Herrn Zebaoth, und sie hatten Angst ihm nahe zu kommen — eine göttliche Furcht überkam sie und sie wollten sich zuröckzlehen. Der Meister aber sprach zu ihnen: „Was ist Euer Suchen hier und Euer Verlangen von mir?" Sie erwiederten leise: „Es lebe unser Herr, Lehrer und Meister! Eine Zeit der Not ist für Israel gekommen und wir kamen von weitem Lande zu Dir, heiliger Mann, daß Du Deine Stimme erhebest und die furchtbare Gesera zunichte machst." Sie erzählten ihm ausführlich den ganzen Sachverhalt und ein Strom von Tränen floß aus ihren Angen. Rabbi Jizchak antwortete mit welcher, zarter Stimme: „Der heilige Tag des Sabbat ist nicht die Zeit des Trauerns, bleibet, Brüder, bei mir über Sabbat und nach Sabbatausgang werdet ihr sehen, wie nahe Gottes Hilfe ist — indessen werden wir den Sabbat in Freude empfangen." Er spracheinige Worte des Trostes an sie und richtete ihr Gemüt auf. Am Sabbatabend, gleich nach der Habdalah ließ Rabbi Jizchak seine Jünger einen festen Strick mitnehmen, sprach dann zu ihnen und zu den Abgesandten: „Kommt' mir mir!" Sie gingen eine gute Weile und kamen auf ein freies Feld. Nun sprach er: „Bleibet stehen." Er wies auf eine tiefe Grube und sagte ihnen: „Lasset den Strick in die Grube hinunter und haltet sein Ende fest." Die Jünger taten wie ihnen der Meister besohlen hatte. Nun sprach er: „Und nun zieht mit großer Kraft!" Da zogen sie an dem Strick mit größter Anstrengung, daß sie fast erschöpft wurden. Das befremdete sie gar sehr. Plötzlich kam ein schönes Bett zum Vorschein. Darauf lag ein Mann, in dessen Gestalt die Abgesandten ihren König erkannten. Die Leute waren außer sich. Rabbi Jizchak trat an den Mann heran und weckre ihn aus dem Schlafe. Dieser sah sich entsetzt um. Rabbi Jizchak redete zu ihm: „Sprich, bist Du der Mann, der meine Brüder, die Juden, zwingt, etwas zu geben, was sie nicht geben können?" Er antwortete: „Ich bin es!" Nun übergab ihm Rabbi Jizchak ein Schöpfgefäß ohne Boden und sprach: „Scköpse, König, diesen Brunnen bis Anbruch des Morgens aus." Als ber König den Eimer ohne Boden sah, schrie er verzweifelt: „Wehe! Und wenn ich tausend Jahre leben werde, könnte ich denn diesen Brunnen mit diesem Eimer leer schöpfen?" Rabbi Jizchak erwiederte: „Verdrießt Dich das, gut? Warum hast Du Dich nicht der unglücklichen Juden erbarmt und forderst von ihnen eine unmögliche Sache? Wenn Du nun guten Willens Deinen Befehle zurückz ehst, werde ich Dir wieder Dine Freiheit geben, sonst aber wirst Du so lange schöpfen müssen, bis Du daran zugrunde gehst." „J v werde", sprach der König kleinmütig, „den Befehl zurückziehen, nur schenke mir das Leben." „Daun schreibe", befahl Rabbi Jizchak, „Deinen Namen auf dieses Schriftstück!" Dieses lautete: „Ich hche heute von den Juden das ganze Geld erhalten!" Der König schrieb seinen Namen auf die Schrift. „Ziehe", befahl Rabbi Jizchak weiter, „deinen Ring und besiegele dieses Schriftstück." Der König zog den Ring aus und besiegelte die Schrift. Nun sprach Rabbi Jizchak zum König : „Jetzt bist Du frei, und ich lasse dir die Wahl, durch den Graben nach Hause zu gelangen, das währt nur eine Weile, oder auf natürliche Weise in die Heimat zu kommen, was zwei Monate dauern müßte." Der König darauf: „Mein Wille ist, auf dem Wege nach Hause zu kommen, auf dem ich hierher gekommen bin!" Nun ließ Rabbi Jizchak seine Jünger den König an einen Strick befestigen, um ihn in den Graben hinunter zu lassen. Zu den Abgesandten aber sprach er: „Nun zieht in Eure Heimat und verkündet Euren Brüdern, daß die aufgezwungene Schuld getilgt fei!" Stürmischen Herzens erwachte der König. Er befand sich wie gewöhnlich in seiner Schla'fkammer und sprach zu sich: „Entsetzlich war es, glücklicher Weise aber doch nur ein Traum!" Als der festgesetzte Tag eintraf, ließ der König die Juden auffordern, daß sie das Geld erlegen sollten. Da erschienen die Abgesandten der Juden! vor dem König und sprachen: „Wir haben die Schuld bereits bezahlt und hier die Bestätigung, erkenne sie Herr und König an Deiner Unterschrift und an Deinem Siegel, und sie wiesen die Schrift vor. Der König erkannte seine Unterschrift und siel vor Schrecken in Ohnmacht, aus der er erst nach einer halben Stunde erwachte. Alle sahen nun die Wunder, die Gott an seinem Volke tat und wie er sie aus den Händen ihrer Bedrücker erlöste. Der König gab den Juden viele Geschenke und entließ sie mit Ehrfurchtsgrüßen an den Rabbi. (Schluß solgt.> Kinderecke. Die Wandlung. Der Gutsbesitzer B ... war erst kürzlich in das Städtlein gezogen. Sein schmuckes Anwesen stand droben auf dem Berge. Hell blinkten die Fenster herunter und mancher schaute neidisch zu ihnen hinauf. V ... war ein Jude, aber er halte jeden religiösen Brauch abgelegt. Ebenso seine Frau. Heute veranstalteten sie ein großes Fest. Alle Bekannten waren dazu geladen. In jedem Zimmer brannten die dichter uno an der Tafel fehlte es auch an nichts. Hier standen die feinsten Blumen, unter denen die köstlichsten Früchte und Gewürze lagen. Als man sich zum Essen setzte, wurde die Frau des Hauses von einem Unwohlsein befallen und funk ohnmächtig um. Hätte nicht einer der Gäste sie ausgesangen, so wäre sie sicher zu Boden geglitten. Sie wurde sogleich zu Bett gebracht, die Gäste entfernten sich lautlos und still. B... selbst war indessen zum Arzt gefahren, der auch gleich kam. Er stellte eine schwere Krankheit bet Frau B ... fest. Unruhig warf sich Frau Ilse im Bett hin und her. Sie gedachte jetzt ihres ganzen Lebenslaufes. Ach, sie wäre ja so gern fromm geblieben, aber ihr Mann, ja ihr Mann war es, der nichts davon wissen wollte. Sie hatte sich dann auch daran gewöhnt, aß verbotene Speisen, die ihr Haus entweihten, ging nie in die Synagoge und nahm nie ein Gebetbuch zur Hand. Auch Herr B... stand am Fenster und gedachte seiner Jugendzeit. Er stammte aus Hamburg. Seine Eltern waren Patrizier, hochangesehen in der Stadt. Sie waren streng fromm und — sein Vater war erster Vorstand in der jüdischen Gemeinde. Er dachte jrtzt auch daran, wie oft er als kleiner Junge mit seinem Vater in die Synagoge gegangen! Wie andächtig hörte er allem zu! Und als er älter wurde, betete er selbst fleißig mit. Seine Barmizwoh — war das ein Fest. Die ganze jüdische Gemeinde war dazu eingeladen Später aber genügte ihm das Geld seiner Eltern nicht mehr und so zog er denn auf gut Glück hinaus. Er wanderte nach Amerika. Dort aber geriet er in schlechte Gesellschaft, unter Menschen, bei denen jede religiöse Regung aufs strengste verpönt war. So gewöhnte auch er sich das Beten ganz ab. Später bekam er eine gesicherte Stellung, wo er sich eine große Summe Geldes e'sparen konnte. Er heiratete und zog in dieses Slädichen. Da, aus einmal fiel ihm ein: „heute ist Schabbos"! Er merkte jetzt, daß es Nacht war. Er ging ins andere Zimmer -- und auf einmal — die kranke Frau lauschte, es war ihr, als ob es ihr freier würde, der Atem, der vorher kurz und langsam gegangen, wurde wieder schneller und ihr Herz pochte auch wieder stärker. Ihr Mann mochte Schabbos aus. Hell und klar klangen die Töne: Hamawdtl ben kaudesch lechaul, der zwischen Heiligkeit und Weihelosigkeit scheidet! Es war ihr, als ob die Engel selbst zu singen begonnen hätten. Sie wandte den Kopf aus die andere Seite und schlief ein. Sie schlief den Schlaf der Genesung. Sehen wir uns nach fünf Jahren wieder im Städtchen um. Herr B. . . sitzt mit seiner Frau Ilse am Tisch, umgeben von einem Kranze blühender Kinder. Er erzählt gerade, wie die Ernte so gut aus. gefallen sei. Das war früher nie der Fall, setzte er hinzu Frau Ilse lächelt nur. Ja, es war eine große Wandlung mit ihnen vorgegangen. Sie gehörten jetzt zu den frommsten Familien der Gemeinde, Keinen Schavbos sehnen sie in der Synagoge. Die Kinder hatten ihren eigenen, jüdischen Haust«hrer. Fragt aber jemand nach der Ursache dieser Wandlung, so sagten Herr und Frau B ... nur ernst: „Es war ein Fingerzeig Gottes, dem wir gefolgt sind. Wir haben Hawdolo gemacht zwischen unserem früheren Leben und unserem jetzigen".

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