Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1922)
- Date
- 1922-02-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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2. Februar 1922 Der JSraelit. No. 5» Seite 9 in die Höhle und fand den Dieb stehen, starr wie eine Säule. Da weinte der Dieb vor ihm und sprach: „Warum ist mein Los böser als jenes meiner Genossen?" Der Araber aber erwiderte und lachte dabei: „Suche nur gründlich in Deinen Taschen, ob nicht einige Körner vom Diebstahl zurückblieben". Man suchte nach und man fand tatsächlich einige Körner der Frucht in der Tasche. Er schüttelte diese ouf den Haufen, wurde bald frei und ging weg. Seit diesem Tage fürchtete der Araber den Zadtk um so mehr, und er gestattete den Juden sein Feld zu betreten, um auf dem Grabe des Rabbi Jochanan zu beten.' (Fortsetzung folgt.); inderecke. Gin jüdisches Heim. Von Heinrich Einstä-ter. I. Die Juden in Deutschland hatten ehemals keine Zunamen, und als diese auf Anordnung der Obrigkeit etngeführt wmden, gewöhnte man Sch nur langsam an sie. Besonders auf dem Lande rief man die Leute immer noch mit ihren Vornamen. Noch nach hundert und mehr Jahren sprachen Jude und Christ von dem „Feist" und dem „Frum" .(Abraham), und jedes Kind wußte, wer damit gemeint war. Fragte dadegen ein Fremder einmal nach dem Herrn Brückmann oder dem Herrn Stegler, so erfolgte oft ein stummes, verwundertes Kopsschütteln als Anwort So war es fast überall. Warum sollte gerade Sinnlingen eine Ausnahme machen? Lebten doch in dem kleinen Dorfe die Einwohner überhaupt wie eine Familie! Fast alle Leute, insoweit sie etwa gleichaltrig waren, standen auf „du und du" miteinander; nur das Alter wurde durch das respektvolle „Ihr" ausgezeichnet. Unter den sechs Gemeinderäten saßen der „Leser" (Elieser) und der „Schmul" (Samuel). Brauchte der Wagner Konrad Nägel, so kaufte er sie beim „Löb", und wenn Katharinas Stiefel besohlt werden mußten, so trug sie sie zum „Salme" (Salomon).- Daß der nebenbei auch Feldstein hieß, war für sie ganz bedeutungslos. Als aber dann die Eisenbahn gebaut wurde und Sinnlingen beinahe einen Bahnhof bekommen hätte, als Leser seinen Moritz in die Realschule nach der Stadt schickte und Schmuls „Rifka" ihre Kleider nicht mehr von der Dorfschneiderin, sondern in der Hauptstadt nähen, nein, „arbeiten" ließ, als Jakobs „Hirsch" (Hirtz oder Herz ist gleich Harsch) in Berlin ein Geschäft gründete, das als „Richters Bazar" bald in Sinnlingen als eine der Haupisehenswürdigkeiten der Reichshauptstadt galt, da traten die Nachnamen allmählich mehr in den Vordergrund, und als sich sein Vater ein Schaufenster durch die Hauswand brechen ließ, das erste seiner Art im Dorfe, so ließ er gleichzeitig über seiner Tür ein Firmenschild anbringen, auf dem zu lesen war: Handlung von I. Richter. Den Vornamen hatte er auf Anraten seines Sohnes gekürzt. H. Diesen Umschwung halte man nock nicht geahnt, als Jakobs Bruder Nachum seiner Zeit nach Amerika ausgewandert war. Er war der jüngste von sechzehn Geschwistern gewesen, und da die Anzahl der jüdischen Familien, die in einem Dorfe wohnen durften, damals durch die Be-, Hörden auf eine gewisse Zahl beschränkt gewesen war, hatte er wenig Aussicht gehabt, jemals heiraten zu können. Darum entschloß er sich, gleich manchen anderen seiner Schicksalsgenossen, nach Amerika zu gehen. Nachum brachte es dort mit der Zeit durch seinen Fleiß zu schönem Wohlstände. Aber er und seine Frau, die ebenfalls aus jener Gegend stammte, vergaßen die Heimat nie, und noch nach Jahrzehnten fühlten sie ein gewisses Heimweh. In ihren Mußestunden erzählten sie ihren Kindern von dem trauten Dörfchen und von seinen harmlosen Bewohnern und schil derten ihnen die Lebensart und die Verhältnisse so genau und so häufig, daß sich die Kinder mit der Zeit ein ziemlich treues Bild in ihrer Vor stellung entwerfen konnten. Ja, auch sie empfanden schließlich Sehnsucht nach der Heimat ihrer Eltern Dem alten Nachum gelang es nicht, seinen Herzens wünsch, noch einmal den Geburtsort zu besuchen in die Tat umzusetzen. Seine Frau war im Alter leidend und hinfällig geworden, und er hatte sich nicht entschließen können, sich au längere Zeit von ihr zu trennen. Desto ein dringlicher redete er seinen Söhnen zu, recht bald S'nnlingen aufzusuchen, und noch in seinen letzten Lebenstagen bestimmte er eine größere Summe, die dazu verwendet werden sollte, seinem einzigen noch lebenden Bruder das Alter recht angenehm zu-machen. III. Dieser, Markus Richter, der alle seine Geschwister überlebte, war vom Glücke nie begünstigt gewesen. Kinder waren ihm versagt geblieben, und sein Beruf als Seifensieder hatte ihn und seine Frau nur dürftig ernährt. Als diese starb, stand der alte Mann hilflos da. Sein Neffe Aaron, der älteste Sohn seines Bruders Jakob, mußte sich dazu verstehen, ihn in sein Haus aufzunehmen. Er tat das nur ungern. Aaron war nämlich in einem Städtchen in der Lehre gewesen, hatte auch dort noch einige Jahre als „junger Mann" gelebt und war dann als moderner Mensch nach Sinnlingen zurückgekehrt. Statt Aaron nannte er sich Arno, den Dialekt vertauschte er mit einem gekünstelten Hochdeutsch, das seine groben Sprachfehler desto deutlicher hervortreten ließ, und seine „Post" holte er sich stets selbst sogleich nach Ankunft des Postwagens, während die anderen Sinnlinger ganz "ruhig warteten, bis der Briefträger sie brachte. Er ging dann stets im Laufschritt und zwar barhaupt, woran die älteren Leute vor allem Anstoß nahmen. Als er heiratete, schaffte er sich auch eine moderne Einrichtung an: ein Büffet, das bis an die Zimmerdeck: reichte, einen Diwan, dessen Spiegelaufsatz über den Diplomatenschreibtisch gestellt werden mußte, da die Höhe des Zimmers unzulänglich war, und einen Teppich, den niemals eines Sinnlingers Auge traf, weil die sorgsame Hausfrau ihn stets unter einer Schutzdecke verwahrt hielt. In eine solche Umgebung paßte der alte Markus schlecht, und er fühlte sich dort auch nie wohl. Daheim hatte er sich am Schabbos mittags aus der Ofenbank ausgestreckt, hter mußte er steif auf dem Stuhle sitzen bleiben. Seine Pfeife sollte er im Zimmer nicht rauchen wegen der „Gardinen". Daß er seine Mütze beim Essen ausbehielt, fand Frau Agnes sehr unpassend, und seine „unfeine" Ausdrucksweise störte, wenn ein Fremder kam, und war auch mit Rücksicht auf die Kinder sehr unerwünscht. So kam es, daß sich der alte Mann meistens in seinem Kämmerchen aufhielt, und nur bei großer Kälte suchte er die gemeinsame Wohnstube auf. Dort kauerte er sich in eine Ecke und beobachtete schweigend und äußerlich teilnahmslos, was sich vor seinen Augen zutrug. (Forts, folgt.) Die richtige Lösung des Rätsels in Nr. 4 lautet: . Adam. d^x, Not. om, Edom. nmx, Erde. Richtige Lösungen sandten ein: Ist Etsner, Altona; Frieda Sojfer, Langendo.f O. S.; Benno und Edith Hirsch, Düsseldorf; Max Rennert, Mannheim; M. Glatt, Heinrich Lamm, Markus Neuberger, Berlin; Moritz Berger, Gießen; Moritz Feldmann, Leipzig; Felix GluskinoS, Breslau; Siegfried Glaser, Würzburg; Meier Rosenzweig, Zürich; Josef und David Halberstadt, Oberseemen; Hans Htldesheimer, Halberstadt; Siegfried Gerstel, Wetzlar; - Carl Heinz Grebenau, Lotti und Karl Mayer, Jsak Kaufmann, Joseph Sam. Vogel, sämtlich in Frankfurt a. M. Beide Rätsel gelöst von Hermann Erlebacher, Goldbach (Unterfr.). Lösung des Rätsels in Nr. 2: Salomon und Sia Deutsch, Jona Schönberger, Ubrez (Slowakei). Vermischtes. Berlin, 13. Jan. Die Bewerbung um die Preise der „Moritz Manheimer Stiftung" der Grotzloge für , Deutschland VIII, U, O. V V. hat folgendes Resultat ergeben: 1. Preis, Dr. Max Seber, Dresden, Teutoburgerstr. 3; 2 Preis, Dr. Paul Michaelis, Oberlehrer am Luisenstädtischen Realgymnasium, Berlin N. O. 65, Raabestr. 17; 3. Preis, Dr. Walter Brinitzer. Chemnitz, Uimenstr. 41; 4. Preis, Lie. Dr. Karl August Meissinger, Frarkfurt a. M., Blumenstr. 12. Berlin, 17. Jan. Die bekannte Wohlfahrtsvereintgung „Israelitische Union", die von Herrn Rabbiner Dr Cohn geleitet wird, feierte wie alljährlich in diesen Tagen ein Chanukafest, bei dem zu Gunsten der Hilfsbedürftigen in reichem Matze gespendet wurde. Nach der Begrüßungsansprache des ersten Vorsitzenden, Herrn Rechtsanwalt Dr. Donig, und dem Tätigkeitsbericht des Leiters wurden die überaus zahlreich erschienenen Gäste mit künstlerischen Darbietungen von ersten jüdischen Künstlern erfreut. Allgemein wurde namentlich in einer warmen Aussprache des Herrn Dr. Weisse anerkannt, datz neben den offiziellen Wohl-ätigkeitsinstitutionen der „Israelitischen Union" eine dringend notwendige Ergänzung sei, durch die Gemilus Chefs.d in altjüdischer Weise gepflegt und betätigt wird. Papenburg, 15. Jan. Nachdem unser Lehrer- Herr Senator Strauß infolge Kränklichkeit am 1. Januar 1022 in den Ruhestand getreten ist — Herr Strautz wirkte fast drei Jahrzehnte in unserer Gemeinde —, hat die Regierung beschlossen, die hiesige jüdische Volksschule aufzulöscn. Das gleiche Schicksal dürste unseren anderen kleinen jüdischen «chulen bevorstehen. Für unsere Gemeinde ist die Auflösung ihrer Schale ein schwerer Schlag, denn erfahrungsgemäß ist die Schule die Quelle und der Ausgangspunkt des gesamten jüdischen Lebens. Mögen die Schritte, die zur Erhatiung unserer Volksschule unternommen sind, vom besten Erfolge begleitet sein. Emden, 13. Jan. Fast, ein Jahr ist ins Land gegangen und das Landrabbinat Emden ist noch immer verwaist. Nachdem nun die Regierung die gebildete Dr eizahl genehmigt und den Herrn Oberbürgermeister von hier zum Wahlkommissar bestellt hat, dürfte nunmehr der Wahlakt bald stattfinden. Erfreulicherweise ist diesmal dte unangenehme Agitation für den einen oder anderen Kandidaten unterblieben; bei früheren Wahlen trat diese recht unliebsam in die Erscheinung. Hamburg, 10. Jan. In der Gemeindesynagoge am Bornplatz fand eine Trauerfeier für den verstorbenen Prof. Dr. D. Hosfmann, den Rektor des Rabbinerseminars t.l Berlin statt. Die Gedenkrede hielt Oberrabiner Dr. S. Spitzer. Das Gebet trug Oberkantor Prysucher vor. Mit dem Psalm 13 schloß die Feier. Hamburg, 12. Jan. Anläßlich der Beendigung der unter der Leitnng Sr. Hochehrwürden Herrn . Oberrabb. Dr. Spitzer gelernten rtt'D xiv: versammelte der Verein am 8. ds. seine Dozenten und Mitglieder zu einer würdigen DNv-Feier. Begeisternde Worte der min abwechselnd mit erhebenden jüdischen Gesängen und ein schönes Mahl erzeugten eine Feststimmung, dte berrdtes Zeugnis d:.für ablegte, datz Toräh und Frohsinn innig miteinander verknüpft sind. Das Tischgebet beschloß den eindrucksvollen Abend, von dem wir sagen dürfen, daß er eine Verherrlichung Gottes war. Prag, 10. Jan. Ueber „standesamtliche und religiöse Trauung" sprach in der letzten, allgemein zugänglichen Miigiiederversammlung des „Sinar" der Vereinsobmann Herr Dr. I. Jetteles. Das Thema ist besonders aktuell, lveil neuerdinds viele jüdische Kreise von der staatlichen Gleichstellung der beiden Arien der Eheschließung Gebrauch machen, Nachdem die Beweggründe, dte gewöhnlich zur Bevorzugung des Standesamtes führen, angegeben worden waren, (Wegfall der religiösen Ehehindernisse, vermeintliche größere Einfachheit und Billigkeit, Mode) wies Redner aus dte Folgen hin. Während nach jüdischen Gesetze alle Kinder einer jüdischen Mutter Juden sind, richtet sich nach dem bürgerlichen das Bekenntnis der Söhne nach dem Vater, dadurch wird fortan, da nunmehr die Mischehe nicht die geringsten Schwierigkeiten hat, die Konfession nie zuverlässig angegeben werden können. Wenn aber beide Teile Juden waren und durch dte standesamtliche Trauung ein religiöses Hindernis beseitigen wollten, z. B. wenn eine bloß gerichtlich geschiedene Frau wieder heiratet, so sind die Kinder geradezu „Mamserim", mit denen eine Heirat unmöglich ist. Nur unermüdliche Aufklärungsarbeit, der Hinweis, datz die standesamtliche Trauung neben der religiösen zulässig ist, kann da. manches Nebel ve>hüten. Für die Zukunft aber würde jeder gewissenhafte Rabbiner, bevor er eine Trauung vollzieht, nach der Abkunft von Braut und Bräutigam genau nachsrnschen müssen, es würde innerhalb des Judentums eine Scheidewand zwischen den Bekennern errichtet werden. Der Vortrag und die anschließende Debatte hatte zar Folge, datz mancher der Zuhörer nicht nur seine Ansicht über d.e Frage änderte, sondern auch erklärte, seine Handlungsweise im Sinne der gehörten Ausführungen einrichten zu wollen.